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Brief aus Beirut

Brief aus Beirut

von Jakob Farah

Es ist ein Kontrast, den es so vielleicht nur in Beirut gibt: Direkt gegenüber der Mo­ham­med-­al-Amin-Moschee im Stadtzentrum steht ein riesiger Plastikweihnachtsbaum, hinter der Moschee die maronitische Kathedrale. Nach der Fertigstellung der Moschee 2007 wurde sie für kurze Zeit von den vier Minaretten im osmanischen Stil überragt. Später bekam die Kathedrale einen Glockenturm, dessen Höhe exakt der Höhe der Minarette entsprechen soll: Was die vertikalen Ausmaße der Gotteshäuser angeht, ist man in Beirut – zumindest an so prominenter Stelle – sehr auf Ausgeglichenheit bedacht.

An diesem Dezembertag tobt wie immer der Verkehr über den Märtyrerplatz. Der Ort ist eine Mischung aus Nässe und dem Gehupe hunderter Autos. Am Rand des Platzes halten im Minutentakt die Minibusse, mit denen jeden Morgen tausende Arbeiter aus den Vor­or­ten ins schicke Stadtzentrum kommen – Parkplatzwächter, Kindermädchen, Bauarbeiter.

Neben dem riesenhaften Weihnachtsbaum wirkt das sechs Meter hohe Märtyrerdenkmal in der Mitte des Platzes fast klein. Seine Symbolik ist einigermaßen schlicht: Neben einer Frau – ein Freiheitsengel mit erhobener Fackel – steht ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, vermutlich die personifizierte Nation, dem sie schützend einen Arm um die Schultern legt. Davor und dahinter liegen zwei Männer am Boden. Sie sollen das Martyrium symbolisieren: Der eine streckt seinen Arm flehend zum Himmel, dem anderen sind die Hände auf den Rücken gebunden.

Die Bronzefiguren sind übersät mit Einschusslöchern, dem jungen Mann neben dem Freiheitsengel fehlt der linke Unterarm. Die Verletzungen sind Zeugnisse des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990. Damals verlief die Frontlinie zwischen dem christlichen Ostbeirut und dem muslimisch dominierten Westteil der Stadt mitten über diesen Platz. Für die Opfer des Bürgerkriegs wurde das Denkmal also nicht errichtet. Es soll an jene Märtyrer erinnern – Christen wie Muslime –, die während des Ersten Weltkriegs wegen ihres Widerstands gegen die osmanische Herrschaft an dieser Stelle gehängt wurden.

Nachdem das Osmanische Reich im November 1914 den Entente-Mächten den Krieg erklärt hatte, löste Frankreich sein Konsulat in Beirut auf. Dort fand der osmanische Geheimdienst später Briefe von zahlreichen arabischen Nationalisten – größtenteils Syrer und Libanesen –, in denen diese den Franzosen ihre Vorstellungen über die Zukunft eines unabhängigen Sy­riens mitteilten. Die Verfasser wurden verhaftet, von osmanischen Gerichten zum Tode verurteilt und in den Morgenstunden des 6. Mai 1916 hingerichtet.

Die Märtyrer galten den Libanesen seither als Symbol für die gemeinsame Verteidigung ihrer Heimat – jenseits aller konfessionellen und religiösen Streitigkeiten. Ihre Geschichte ist seit Generationen fester Bestandteil der libanesischen Schulbücher.

Es ist allerdings bezeichnend, dass sich später weder die Christen noch die Muslime dazu durchringen konnten, den für die Heimat Gestorbenen einen Platz auf einem ihrer Friedhöfe einzuräumen. Nach der Niederlage der Türken, unter französischer Mandatsherrschaft, wurden die in einem Massengrab verscharrten Leichname exhumiert und in einer abgetrennten Ecke des drusischen Friedhofs im Snoubra-Viertel in Westbeirut beigesetzt.

Der Ort ist nicht leicht zu finden: Er ist auf keiner Karte verzeichnet, es gibt weder ein Schild noch sonst irgendeinen Hinweis. Ein großes Gitter versperrt den Zugang. Mit Hilfe eines Wachmanns vom drusischen Friedhof lässt sich die Frau, die in einer kleinen Wohnung direkt neben den Gräbern wohnt und sich offenbar als deren Schutzherrin versteht, erweichen, es aufzuschließen. Hinter einem zweiten Gitter, zu dem auch sie keinen Schlüssel hat, sind 18 schlichte Grabstätten zu sehen. 19 Personen sind hier bestattet – zwei Brüder liegen Seite an Seite im selben Grab. An vielen Stellen hat Gestrüpp die weißen Marmorplatten überwuchert.

Beirut scheint seine Märtyrer vergessen zu haben – zumindest die von 1916. Im Stadtteil Haret Hreik im Süden der Stadt hängen hingegen die Bilder der in Syrien gefallenen Hisbollah-Kämpfer an jeder Straßenecke. Dass die Toten von 1916 vergessen wurden, liegt vielleicht daran, dass nach dem Bürgerkrieg niemand mehr wirklich an das glaubte, was sie verkörperten: die Möglichkeit eines gemeinsamen Landes, in dem Christen, Muslime und Drusen friedlich miteinander leben. Vielleicht hat man ihren Tod aber auch von Anfang an mit einer Symbolik überfrachtet, die nicht der Realität entsprach.

Einer der Verurteilten, ein maronitischer Christ, soll auf dem Schafott gerufen haben: „Vive le Liban! Vive la France!“ Zwar wehrten sich Muslime wie Christen damals gegen die osmanische Herrschaft, aber ihre Vorstellungen über die Zukunft waren grundverschieden: Die libanesischen Christen wünschten sich eine enge Anbindung an Frankreich, die Muslime hingegen wollten eine unabhängige arabische Nation, die weit über die Grenzen des heutigen Libanon hinausreichen sollte.

In gewisser Weise sind diese unterschiedlichen Vorstellungen bis heute in der libanesischen Politik präsent. Das wird vor allem am fortwährenden Streit über die Beziehung zum Nachbarn Sy­rien deutlich. Fast alles, was im Land politisch passiert, ist bestimmt durch die Rivalität zwischen dem Pro-Assad-Lager – angeführt von der durch Teheran finanzierten Hisbollah – und dem eher westlich orientieren Lager um den sunnitischen Premierminister Saad Hariri.

Aktuell wird dieser Streit durch das monatelangen Gerangel um die Bildung einer neuen Regierung ausgetragen: Seit den Parlamentswahlen vom 6. Mai versucht der designierte Pre­mier Hariri eine Regierung der nationalen Einheit auf die Beine zu stellen, an der alle politischen Kräfte des Landes beteiligt sein sollen. Ende Oktober sah es bereits so aus, als könne er bald einen Erfolg vermelden. Der Streit zwischen den rivalisierenden christlichen Fraktionen war beigelegt, und auch die Drusen hatten sich auf eine gemeinsame Formel geeinigt.

Doch dann tauchte ein neues Hindernis auf: Sechs sunnitische Abgeordnete, die nicht Hariris-Mustakbal-Partei angehören, forderten einen eigenen Posten im Kabinett. Eigentlich könnte Hariri diese Forderung geflissentlich ignorieren. Das Problem ist allerdings, dass die sechs „Unabhängigen“ von der Hisbollah unterstützt werden.

Deren Generalsekretär Hassan Nasrallah hatte in einer Rede am 10. November, dem Gedenktag der Hisbollah-Märtyrer, erklärt, seine Partei werde keiner Regierung beitreten, in der die sechs sunnitischen Verbündeten nicht repräsentiert seien. „Wir werden die Forderungen der sechs weiter unterstützen, für ein Jahr, für tausend Jahre und bis zum Tag des Jüngsten Gerichts“, tönte er.

Viele in Beirut waren überrascht ob des forschen Tons, denn Nasrallah lässt sich nur selten – zumindest bei innenpolitischen Themen – zu solchen Tiraden hinreißen. Die Partei und sein Generalsekretär mussten unverzüglich Kritik von allen Seiten einstecken – selbst von Präsident Michel Aoun, der ansonsten ein recht stabiles und für ihn nützliches Bündnis mit der „Partei Gottes“ pflegt.

Diese Umstände machten wieder einmal deutlich: In der libanesischen Politik geht es selten allein um den Libanon. In diesem Fall ging vor allem um die neuen US-Sanktionen gegen die Hisbollah und das Regime in Teheran, die Washington Ende Oktober und Anfang November verhängt hat. Die Botschaft aus Teheran war: Wenn ihr die Sanktionen gegen uns verstärkt, weisen wir unsere Leute im Libanon an, eurem Schützling in Beirut (Hariri) das Leben schwerzumachen. Die Blockadehaltung der Hisbollah war also nur bedingt die eigene Entscheidung der Partei.

Über der Straße vor den Märtyrergräbern hängt an diesem Dezembertag ein Transparent mit dem Konterfei Saad Hariris. Daneben steht der Satz „Al Qarar Ilak“ („Du entscheidest“). Er bezieht sich auf die Führerschaft Ha­ri­ris, der sich jüngst selbst als „Vater der Sunniten“ im Land bezeichnet hat. Dass auch der Premier seine Entscheidungen nicht allein treffen kann, wurde indes erst vor gut einem Jahr deutlich: Damals wurde Hariri von seinen saudischen Schutzherren nach ­Riad zitiert und von diesem vorübergehend zum Rücktritt gezwungen – eine recht blindwütige Aktion, mit der der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman versucht hatte, die Front gegen Irans Verbündete im Libanon wieder zu verstärken.

Am 22. November fanden ungeachtet der jüngsten politischen Krise im Beiruter Stadtzentrum die Feiern zum 75.  Unabhängigkeitstag statt. Betrachtet man die Ereignisse des vergangenen Jahres, wird jedoch eines ganz deutlich: In gewisser Weise wartet der Libanon immer noch auf seine Unabhängigkeit. Die Forderungen der Märtyrer von 1916 sind bis heute nicht erfüllt – und im Libanon werden weiterhin Rivalitäten ausgetragen, die weit über das kleine Land hinausreichen.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.01.2019, Jakob Farah