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Wie man eine Stadt tötet

Das alte New Orleans gibt es nicht mehr. Die politischen Verantwortlichen nutzten die Zerstörung durch „Katrina“ für ihre rücksichtslosen Gentrifizierungspläne.

von Olivier Cyran

Als Dennis Sigur 1974 seinen Barber Shop auf der Freret Street eröffnet hat, hätte jeder Weiße die Flucht ergriffen, wäre er zufällig in diese Gegend geraten. Heute ist der Friseursalon „das letzte Überbleibsel einer verschwundenen Nachbarschaft“, erzählt Dennis, der trotz seines hohen Alters immer noch 15 Stunden am Tag in seinem Laden steht. Im Hundesalon gleich nebenan kann man seinen Cockerspaniel für 50 Dollar shampoonieren lassen. Gegenüber, neben einer französischen Weinbar und einem Kosmetiksalon, verspricht ein Yogastudio für 150 Dollar im Monat „Stressabbau“ und einen „gelassenen Geist“. Etwas weiter die Straße hinauf, an der Ecke Jefferson Avenue, ist Ende 2017 ein Starbucks eingezogen. „Ich fühle mich hier nicht mehr zu Hause“, seufzt Dennis. „Meine Stammkunden sind fast alle weggezogen. Zum Glück kommen viele trotzdem noch, manchmal von weit her. Dieser Laden ist ein Treffpunkt für die Alten, so etwas wie die Stammkneipe an der Ecke, nur ohne Alkoholausschank.“

Vor 15 Jahren wohnten fast nur Schwarze in der Gegend, wie überhaupt in vielen Vierteln von New Orleans. Zwischen 2005 und 2013 ist der Anteil der Afroamerikaner von 67 Prozent auf 59 Prozent gesunken – ein Trend, der sich seitdem rasant beschleunigt hat. Die überwiegend armen natives, wie sie sich selbst manchmal ironisch nennen – auch als Verweis darauf, welch reiches kulturelles Erbe die Stadt ihnen verdankt –, ziehen in die Vorstädte oder noch weiter hinaus, vertrieben von einer jungen weißen Mittelschicht, die die Preise in die Höhe treibt. Innerhalb weniger Jahre sind traditionell afroamerikanische Viertel wie Bywater, Faubourg Marigny, Seventh Ward oder Freret mehrheitlich weiß und schick geworden.

Wann begreift man, dass die Welt, in der man ein ganzes Leben lang gelebt hat, nicht mehr existiert? Für den 52-jährigen Bernard Larose – eben frisch frisiert von Meister Sigur – kam dieser Augenblick 2013, als sein Vermieter wieder einmal die Miete für seine Dreizimmerwohnung erhöht hatte: Innerhalb von nur vier Jahren stieg sie von 600 auf 1100 Dollar. „Dabei habe ich in dieser Zeit nicht einen Cent mehr Gehalt bekommen. In dem Moment habe ich kapiert, dass das hier nicht mehr mein Viertel ist und dass ich umziehen muss.“

Im selben Jahr forderten etwa hundert Zugezogene auf einer Bürgerversammlung, mehr Polizisten für nächtliche Streifen einzustellen und zur Finanzierung die örtlichen Abgaben zu erhöhen. Der Vorschlag wurde schließlich abgelehnt,1 aber „damals hat man gesehen, wie stark die Gentrifizierung das Viertel schon verändert hat“, meint Larose. Die etwas schmierige, aber gemütliche Kaschemme an der Ecke Bolivar/Washington Street, wo die Arbeiter morgens für 99 Cent frühstücken konnten, ist verschwunden. Stattdessen gibt es hier jetzt eine fair gehandelte Tasse Kaffee für 4 Dollar und einen Hamburger für 12 Dollar.

Die Rückeroberung der Innenstädte durch die gehobene Mittelklasse findet in den meisten westlichen Metropolen statt, ob New York oder Berlin, Detroit, Paris, Lissabon oder Barcelona. Aber New Orleans ist ein Paradebeispiel der Gentrifizierung, die hier mit einem in der Geschichte des „Big South“ tief verankerten rassistischen Herrschaftssystem zusammenkommt. In anderen Städten schreitet die Entwicklung allmählich voran, manchmal auch in Sprüngen, doch in New Orleans hat sich alles in blitzartiger Geschwindigkeit verändert, überall zugleich und mit nie da gewesener Brutalität. Der Katalysator war eine Klimakatastrophe: Hurrikan „Katrina“, der vor 13 Jahren die Stadt verwüstete und fast 2000 Todesopfer forderte.2

Die heftigen Überschwemmungen nach dem Sturm vom 29. August 2005 haben die Bürger schwer traumatisiert, wie die gestiegenen Selbstmordraten zeigen (vor „Katrina“ brachten sich neun von 100 000 Einwohnern pro Jahr um, danach 26 von 100 000).3 Politik und Wirtschafts­eliten haben hingegen daraus Kapital geschlagen. Nachdem die Deiche gebrochen waren, die man wegen der Sparmaßnahmen nicht richtig instand gehalten hatte, stand die Stadt zu drei Vierteln unter Wasser und blieb über mehrere Monate unbewohnbar. Für den Stadtrat war das die Gelegenheit, das Zerstörungswerk des Hurrikans fortzusetzen. Kaum waren die Toten geborgen, übernahm ein „mit Anabolika gedopter Liberalismus“ das Ruder, wie der Anwalt William B. Quigley es ausdrückt.

Ein neuer Flughafen für die Tourismusindustrie

Es war vor allem ein Krieg gegen die Armen: Die Lehrer wurden beurlaubt, die Schulen privatisiert, das staatliche Krankenhaus geschlossen, der Sicherheitsapparat verstärkt, der Wohnungsmarkt dereguliert, Sozialbauten abgerissen und durch schicke Neubauten ersetzt. Mit dem neuen Flughafen und einer Vielzahl von Luxushotels päppelte man die Tourismusindustrie und rollte mit freigiebigen Steuernachlässen den roten Teppich für Investoren aus. „Der Jahrhundertsturm hat uns die Jahrhundertchance beschert. Lassen wir sie nicht verstreichen“, mahnte Kathleen Blanco, die demokratische Gouverneurin Loui­sia­nas, kaum zwei Wochen nach „Katrina“. Sie wurde erhört. Die „Wiedergeburt“ von New Orleans, in den Medien meist als „Erfolgsgeschichte“4 gefeiert, kann allen Regierenden der Welt als Vorbild dienen, wie man aus den kommenden Klimakatastrophen reichlich Profit schlägt.

Die erste Lektion aus „Katrina“: Eine solche Katastrophe trifft vor allem diejenigen, die nichts oder nur wenig besitzen. Davon zeugen die damals in Endlosschleife ausgestrahlten Bilder Tausender Überlebender, die die Stadt aus Ermangelung eines eigenen Autos nicht verlassen konnten und unter furchtbaren Bedingungen im Superdome und im Convention Center ausharren mussten.

„Das Kriegsrecht wurde verhängt, an jeder Kreuzung standen Polizisten und Soldaten, die ihre Waffen auf uns richteten, aber es gab niemanden, der uns half. Das werde ich nie vergessen“, erzählt der 60-jährige Alfred Marshall, ein schwarzer Aktivist von Stand with Dignity, einer Gewerkschaft prekär Beschäftigter. „Ein junger Mann aus meiner Nachbarschaft ging in ein verlassenes Geschäft, um sich trockene Kleidung zu beschaffen, und wurde wie ein Hund niedergeschossen. Wir werden niemals erfahren, wie viele Menschen von den Ordnungskräften getötet wurden. Es ging ihnen nicht darum, Ertrinkende zu retten oder Überlebende in Sicherheit zu bringen, es ging ihnen allein darum, das Eigentum gegen sogenannte Plünderungen zu verteidigen.“

Diejenigen, die evakuiert und übers ganze Land verteilt worden waren, sahen sich vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Der Kolumnist David Brooks hatte sie in der New York Times gewarnt: „Wenn man den Armen erlaubt, in ihre alten Viertel zurückzukehren, wird New Orleans wieder so verwahrlosen wie vorher.“5 Immer mehr Hindernisse türmten sich vor den Rückkehrern auf.

Ein besonders perfides Angebot steckte in dem Bundesprogramm Road Home („Heimweg“), das den Vertriebenen helfen sollte, ihre Häuser wieder aufzubauen. Die Regierung von George W. Bush berechnete die Entschädigungssummen für zerstörtes Wohneigentum nach dem Wert auf dem Immobilienmarkt. Das bedeutete, dass die Eigentümer der prachtvollen Villen im Garden District reichlich entschädigt wurden, während die Einwohner der Armenviertel sich mit Kleckerbeträgen begnügen mussten.

Heute schätzt man, dass etwa 100 000 der ärmsten Einwohner von New Orleans nicht zurückgekehrt sind – in eine Stadt, die vor dem Hurrikan insgesamt 450 000 Einwohner zählte. „Man hat ihnen sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie in ihrer eigenen Stadt nicht mehr willkommen sind“, sagt Alfred Marshall. Die Wut darüber lässt ihn seit 13 Jahren nicht los. „Unsere Regierung hat ‚Katrina‘ wie einen Supersheriff genutzt, der die Unerwünschten aus der Stadt vertreibt. Endlich konnten sie es dieser Stadt zeigen, die immer zu schwarz und zu undiszipliniert war. Wenn jemand von Gentrifizierung spricht, dann höre ich das Wort Vertreibung.“

In den chaotischen Wochen nach „Katrina“ verbündeten sich Gouverneurin Kathleen Blanco und der demokratische Bürgermeister von New Orleans Ray Nagin – der heute wegen Kor­rup­tion im Gefängnis sitzt –, um mit den staatlichen Schulen und ihrem Lehrpersonal abzurechnen. Ende September 2005 wählte der Schulausschuss einen cost killer aus New York, den ehemaligen Oberst William Roberti, zum neuen Vorsitzenden. Seine Unternehmensberatung Alvarez & Marsal bekam 16,8 Millionen Dollar überwiesen, um das Schulsystem zu reformieren.

Eine Truppe Berater mit grauen Aktenkoffern landete im French Quarter (Vieux Carré), dem touristischen Zentrum der Stadt, das wie durch ein Wunder von den Fluten verschont geblieben war. Dank ihrer Generatoren waren die Bars im Partyviertel sogar offen geblieben, als rundherum alles unterging. „Die Gäste waren derart zugeknallt und eingeweicht, dass sie aussahen wie Wachsfiguren, die man unter einer Heizlampe vergessen hatte“, schrieb der Krimiautor James Lee Burke.6

Das Schicksal der Schüler von New Orleans liegt seither in den Händen jener sogenannten Krisenmanager. Auf ihren Rat hin kündigte die Schulbehörde auf einen Schlag allen 7.500 Lehrerinnen und Lehrern. „Als die Nachricht in den lokalen Medien verbreitet wurde, befanden sich die meisten Lehrer noch irgendwo in der Pampa. Für viele kam der Schock im schlimmsten Moment, als sie noch mit dem ‚Katrina‘-Trauma und einer großen materiellen Notlage kämpften“, berichtet der Anwalt Willie Zanders. Er verteidigte „die 7500“ in einem wahren Prozessmarathon, den sie schlussendlich 2013 vor dem obersten Gerichtshof Louisianas verloren.

Warum die Lehrer? Zanders zuckt mit den Schultern. „Als Vorwand führte man die Naturkatastrophe und die leeren öffentlichen Kassen an. Aber zehn Jahre nach der Massenentlassung bekam das Bildungsministerium in Louisiana 100 Millionen Dollar von der Bundesregierung, um die Rückkehr der Lehrer zu ermöglichen. Die Ironie der Geschichte: Dieses Geld kam ausgerechnet denen zugute, die die Lehrer rausgeworfen hatten.“ Nach Meinung des Anwalts ging es auch darum, potenzielle Störenfriede auszuschalten. „Die Lehrer waren mehrheitlich schwarz und häufig an nachbarschaftlichen Pro­test­ak­tio­nen beteiligt. Mit ihrer Kündigung haben Stadt und Bundesstaat auch die Gewerkschaft United Teachers of New Orleans plattgemacht, eine der wenigen, die sich in Louisiana überhaupt halten konnten.“

Zanders vermutet, die Pläne für diese Operation hätten schon vor „Katrina“ in der Schublade gelegen, und die Verwaltung habe nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, sie in die Tat umzusetzen. Die Konsequenz war ein weltweit einmaliges Experiment: Fast alle staatlichen Schulen einer Großstadt wurden gleichzeitig in charter schools umgewandelt. Diese „Vertragsschulen“ stellen eine neue Form von Public-private-Partnership dar: Jede Schule wird von einem privaten Träger geführt, der Schulbesuch bleibt aber kostenlos, und der Träger darf keine Gewinne machen. Dieses System wurde zunächst in New York mit Unterstützung der Stiftung von Bill und Melinda Gates ausgetüftelt und verbreitete sich im Handumdrehen in den meisten großen US-Städten, denn es galt als Wundermittel gegen die große Zahl von Schulabbrechern in Problemvierteln. Nie zuvor wurde es allerdings flächendeckend in einer ganzen Stadt ausprobiert.

Wir wollen uns selbst ein Bild machen und besuchen die Paul Habans Charter School, eine Grundschule in der Vorstadt Algiers, weit ab vom Zentrum. Im Empfangsbüro steht in großen roten Lettern das Schulmotto an der Wand: „Ausdauer, Exzellenz, Mut, Gemeinschaft“. Im Flur verkündet eine Tafel: „Wir geben immer unser Bestes, um uns zu verbessern“, und dahinter: „Wir sind Teil von etwas, das größer ist als wir selbst.“ Unsere Schritte hallen wie in einer Kathedrale.

Die Schulleitung gewährt uns eine Audienz: Kate Mehok, weiß, jung, mit einem Lächeln auf den Lippen, ist die Geschäftsführerin des Unternehmens Crescent City Schools und für die Verwaltung dreier Schulen zuständig. Sie stammt aus New York. „Jede Schule erhält 8500 Dollar pro Kind und Jahr vom Bundesstaat und von der Stadt“, erläutert sie. „Wir nehmen ohne Unterschied alle Kinder auf. Wir müssen über unsere Ergebnisse Rechenschaft ablegen, aber es gibt niemanden, der uns sagt, welchem Lehrplan wir folgen und wie wir unterrichten sollen. Solange wir die Zielvorgaben einhalten, können wir machen, was wir wollen.“

Um die entlassenen Lehrkräfte zu ersetzen, wandten sich die Headhunter als Erstes an Teach For America, eine humanitäre Organisation, die Uni-Absolventen an Schulen in Problemvierteln schickt. So können sie erste Erfahrungen sammeln, bevor sie ihre Lehrbefähigung erlangen. In New Orleans bleiben die meisten nicht lang. Kate Mehok gibt zu, dass es „eine große Fluk­tua­tion gibt wie in jedem anderen Unternehmen“, hebt aber hervor: „Es kann auch ein Glück sein, junge Lehrer zu haben, die noch nicht so vorgeprägt sind.“

Vor allem aber ist es ein Glück für die Arbeitgeber, die den Nachwuchs nur kärglich entlohnen, während sie sich selbst fürstliche Gehälter auszahlen – im Falle Mehoks 120 000 Dollar pro Jahr, manche Kollegen verdienen sogar mehr als 200 000 Dollar. Wie sucht sie neue Lehrkräfte? „Ganz klassisch: Wir setzen eine Annonce ins Internet, die Kandidaten bewerben sich. Wenn uns die Bewerbung gefällt, laden wir sie zum Vorstellungsgespräch ein. Natürlich können wir sie auch wieder entlassen, wenn sie keine guten Ergebnisse bringen, und sie können ihrerseits kündigen, wenn sie nicht zufrieden sind.“

Aus Sicht der Schüler ist das „Glück“, von dem die Direktorin spricht, nicht ganz so klar erkennbar. Die Sozialarbeiterin Ashana Bigard bietet eine Rechtsberatung für Eltern an, deren Kinder Probleme mit der Schule haben. Sie meint, der Erfolg des Chartermodells liege vor allem an seinen drakonischen Disziplinarmaßnahmen: „Sie nennen das die no excuse-Regel. Die Kinder müssen wie die Gänse in einer Reihe marschieren, an manchen Schulen mit einer mehrheitlich schwarzen Schülerschaft wurden sogar die Pausen gestrichen. Sie werden bestraft, wenn sie sich gegen die Wand lehnen, den Kopf auf den Tisch legen oder eine Bluse in der falschen Farbe tragen.“ Das Schlimmste sei aber das Redeverbot in der Mensa und während des Mittagsschlafs: „Bei Kindern zwischen vier und acht Jahren kann ein solches Verbot die soziale und emotionale Entwicklung stören.“

Die charter schools sind ihr ein solcher Graus, dass Bigard überlegt, ihre Heimatstadt zu verlassen. „Ich möchte, dass mein Sohn in der Schule Musikunterricht hat, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Damals, vor ‚Katrina‘, gab es in allen Klassen Musikkurse, dort haben viele bekannte Musiker angefangen. Mein Großonkel Barney Bigard war ein großer Jazzklarinettist, er hat mit Duke Ellington und Louis Armstrong gespielt – und mein eigener Sohn hat noch nicht mal Zugang zu einem Instrument.“

Kein Musikunterricht mehr in der Geburtsstadt des Jazz

Dass ausgerechnet in der Geburtsstadt des Jazz der Musikunterricht abgeschafft wurde, sagt viel über die tief greifenden Veränderungen aus. „Es war immer schon hart, aber jetzt wird es noch schlimmer“, seufzt Bennie Pete, Gründer der Hot 8 Brass Band, nach einem Konzert. Seine Band ist stadtbekannt und tourt durch die ganze Welt; doch die Musiker können von ihrer Arbeit nicht leben. „Hier ziehen lauter Leute mit viel Geld her, kaufen Häuser und ganze Viertel auf und zwingen die Alteingesessenen wegzuziehen. Damit wird es auch härter für die Musiker“, erzählt ­Pete. „Früher haben wir oft in den Touristenbars in der Frenchmen Street gespielt; jetzt wollen sie uns mit dem Trinkgeld abspeisen, aber das lehnen wir ab. Wir haben noch nie so wenig mit unserer Musik verdient. Um zu überleben, arbeiten alle nebenbei als Lagerist oder Uber-Fahrer.“

Ein Paradox: Die Zahl der Touristen wächst von Jahr zu Jahr (2017 erreichte sie einen neuen Rekord von fast 18 Millionen Besuchern), doch die Musiker, die zu den Hauptattraktionen der Stadt gehören, sind so arm, dass sie die Gäste nach dem Konzert im Uber-Taxi nach Hause fahren müssen.

In New Orleans ist wie in anderen Städten der Wohnungsmangel der stärkste Motor für die Gentrifizierung. Doch hier resultiert er nicht allein aus den Launen des freien Marktes, sondern ist das Ergebnis einer gezielten Zerstörung. Zwischen 2006 und 2014 wurden vier große Arbeitersiedlungen abgerissen – mit 4500 Wohnungen. Auch hier lag die Idee schon vor „Katrina“ in der Schublade. Seit den 1990er Jahren unterstützte ein unter US-Präsident Clinton verabschiedetes Bundesprogramm den Abriss von Sozialwohnungen, die durch Häuser für „mittlere Einkommen“ ersetzt werden sollten: ein Geschenk an die Bauunternehmer. Die Stadt New Orleans begann um die Jahrtausendwende, den Abriss ihrer Sozialbauten zu planen, doch die Pläne stießen auf lebhaften Widerstand. Nach dem „Katrina“-Schock wurden sie ohne große Proteste umgesetzt.

Alfred Marshall wohnt in Calliope, einst eine große Wohnsiedlung aus rotem Backstein im Bezirk Uptown. Er zeigt uns, wie es dort heute aussieht: kleine, hastig in Fertigbauweise errichtete Reihenhäuser eines Bauunternehmers aus Missouri, der mit der Investmentbank Goldman Sachs zusammenarbeitet. Ein Teil davon beherbergt Sozialwohnungen, so wie sein Haus, erkennbar an der zartlila Eingangstür. „Meine Nachbarin hat eine gelbe Tür, weil sie eine höhere Miete zahlt. Wir dürfen die Tür nicht neu streichen. Auch sonst ist hier alles verboten: grillen, draußen mit Freunden essen, Musik machen. Nach der Hausordnung dürfen wir noch nicht mal auf den Eingangsstufen sitzen, obwohl man das in dieser Stadt seit Generationen so macht. Das Ziel ist, dass sich jeder allein zu Hause einschließt. Und die Pflanzen ...“

Er fordert uns auf, das grüne mickrige Etwas vor seinem Haus anzufassen. Es ist aus Plastik. „Wir dürfen noch nicht mal dieses Gruselzeug rausreißen und durch eine echte Pflanze ersetzen.“ In den Reichenvierteln gibt es zwar ähnliche Regeln, aber sie werden längst nicht so rigide gehandhabt.

Marshall erzählt, dass von den 1500 Familien, die früher in Calliope lebten, nur noch etwa 60 übrig sind. „Früher kannten wir uns alle, wir hatten Gemeinschaftsgärten, wo die Leute Obst anbauten. Hier habe ich gelernt: Wenn etwas kaputtgeht, kann man es zusammen reparieren. Heute kenne ich keinen meiner Nachbarn. Gegenüber war früher ein öffentlicher Park, wo wir Musik gemacht haben; jetzt ist es ein Privatgelände, umgeben von einem Zaun. Wenn man da reinwill, muss man dem Sportklub beitreten. Da unten gab es mal eine Bar, eine Wäscherei und Geschäfte, alle von Schwarzen geführt; jetzt stehen hier nur noch diese Papphäuschen.“

Als Aktivist kämpft Marshall noch gegen einen anderen Effekt der Gentrifizierung: Während im Laufe der letzten zehn Jahre die Mieten je nach Viertel um 50 bis 100 Prozent gestiegen sind – vor allem wegen der Liberalisierung des Ferienwohnungsmarkts und des Anstiegs der Airbnb-Unterkünfte –, liegt der Mindestlohn, von dem der Großteil der schwarzen Bevölkerung in der Stadt lebt, nach wie vor bei 7,25 Dollar pro Stunde. Das ist der niedrigste Wert, der in den USA erlaubt ist.

Zehntausende vor allem in der Bau- und Tourismusbranche müssen sich krummlegen, um von solchen Almosen überleben zu können. Viele stehen um vier oder fünf Uhr auf und kommen mit 60 Dollar heim, von denen noch das Busticket abgeht. „Was ist das für ein Leben? Kannst du dir vorstellen, wie es dir nach so einer Woche geht? Durch ‚Katrina‘ sind wir abgesoffen, und letztes Endes gehen wir noch immer unter.“

Marshall und seine Genossen von Stand with Dignity demonstrieren für einen Mindestlohn von 15 Dollar – ein ehrgeiziges Ziel. Im März 2018 verwarf der Senat zum x-ten Mal den Vorschlag, den gesetzlichen Mindestlohn von 7,25 auf 8 Dollar anzuheben. Stattdessen engagiert man sich lieber für Investoren. Die Steuer­erleichterungen, mit denen man sie anwerben will, wurden im Laufe der Jahre immer weiter ausgedehnt, sodass ein Investor heute im Vergleich zu früher 80 Prozent an Steuern und Abgaben sparen kann. 2016 gestand der scheidende republikanische Gouverneur Bobby Jindal in aller Öffentlichkeit: „Die Wahrheit ist, dass wir einen Wohlfahrtsstaat für Unternehmer geschaffen haben.“

Die Investoren freut das natürlich. Jon Atkinson ist Mitbegründer eines auf Start-ups spe­zia­li­sier­ten Investmentfonds. Seit diesem Sommer ist er auch Chef von The Idea Village, einem Verband junger Technologieunternehmer, der im obersten Stockwerk des Contemporary Arts Center residiert. Er empfängt uns in einer typischen Start-up-Atmosphäre, in einem Open Space schlürfen junge Bartträger ihren Kaffee aus recycelbaren Bechern. Als Atkinson, der heute 300 000 Dollar im Jahr verdient, 2007 zum Studium aus Kalifornien hierherkam, war die Stadt für ihn „ein totales Chaos, das Gelegenheiten schuf“. Auf Nachfrage erklärt er: „ ‚Katrina‘ hat jeden Einwohner zum Unternehmer gemacht. Wer überleben wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Das hat den Unternehmergeist in unsere DNA eingraviert.“

Nicht weit entfernt, am unteren Ende der berühmten Canal Street, wird derweil das World Trade Center in ein gigantisches Fünfsternehotel umgewandelt. Die Stadtverwaltung hat das Vorhaben großzügig mit 465 Millionen Dollar bezuschusst; auf der Baustelle schuften die Leute, die die Gentrifizierung aus der Stadt vertrieben hat. Das Bauunternehmen aus Massachusetts verspricht auf seiner Website, im Panoramarestaurant in den beiden obersten Etagen werde man künftig „die afroamerikanische Kultur Louisianas feiern: die Musik, das Essen und die Traditionen“.

1 Die Geschichte findet sich bei Peter Moskowitz, „How to Kill a City: Gentrification, Inequality, and the Fight for the Neighborhood“, New York (Nation Books) 2017.

2 Siehe Mike Davis, „Kein Heimatschutz für New Orleans“, LMd, Oktober 2005.

3 Chelsea Brasted, „New Orleans suicides skyrocketed after Katrina. Here’s where we are now“, in: The Times-Picayune, 29. März 2018.

4 Vgl. „10 years after Katrina, New Orleans’ tourism industry a textbook success story of rebirth“, in: Fox Business, 11. August 2015.

5 David Brooks, „Katrina’s Silver Lining“, in: The New York Times, 8. September 2005.

6 James Lee Burke, „Sturm über New Orleans“, Bielefeld (Pendragon) 2015.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Olivier Cyran ist Journalist und gemeinsam mit Julien Brygo Verfasser des Buchs „Boulots de merde! Du cireur au trader. Enquête sur l’utilité et la nuisance sociales des métiers“, Paris (La Découverte Poche) 2018.

Le Monde diplomatique vom 13.12.2018, Olivier Cyran