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Untertext: Vier Staaten, ein Aquífero

Vier Staaten, ein Acuífero

Der Acuífero Guaraní gilt als einer der drei größten unterirdischen Grundwasserspeicher der Welt, sowohl wegen seiner Größe (1,2 Mil­lio­nen Quadratkilometer, das entspricht der Fläche von Frankreich, Spanien und Portugal zusammen), der Wassermenge (etwa 55 000 Kubikkilometer) als auch der jährlichen Auffüllrate von geschätzt 160 Kubikkilometern.

Vier Staaten teilen sich den Acuífero Guaraní: Brasilien (840 000 Quadratkilometer), Argentinien (225 000), Paraguay (71 700) und Uruguay (58 500). Wie bei vielen grenzüberschreitenden globalen Ressourcen stellt sich hier die Frage, wem das Reservoir gehört und wie man es gemeinschaftlich verwaltet. Sie bleibt auch acht Jahre nach Unterzeichnung eines Vierländerabkommens unbeantwortet.

Am 22. Mai 2003 versammelten sich die Mitglieder des Gemeinsamen Südamerikanischen Marktes (Mercosur) in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo, um ein Projekt zum Umweltschutz und zur nachhaltigen Entwicklung im Sistema Acuífero Guaraní (SAG) zu unterzeichnen.

Vertreter der Weltbank und der Global Environment Facility (GEM) waren auch dabei. Die Weltbank investierte 13,4 Millionen Dollar in das Projekt, und die bislang von verschiedenen südamerikanischen Wissenschaftlern ­erstellten Studien wurden an private Labore übertragen. „Die Länder der Region fühlten sich enteignet“, berichtet der Hydrologe Roger Monte Domecq.

Im Jahr 2010 wurde dann das weltweit erste Abkommen zur Schaffung eines Kooperationsrahmens für eine unterirdische, grenzüberschreitende Ressource unter der Schirmherrschaft des Mercosur und der Vereinten Nationen unterzeichnet.

In Artikel 2 heißt es: „Jedes Land übt die souveräne territoriale Kontrolle über seinen Teil des Acuífero Guaraní aus.“ Das sorgte in der politischen Landschaft Paraguays für einige Spannungen. Die einen fürchteten Raubbau, die anderen fürchteten, eine zu strenge Regelung könnte multinationale Konzerne vertreiben.

„Wir werden Investitionen verlieren, den Zugang zu Spitzentechnologie und Arbeitsplätze“, meinte etwa Juan Francisco Facetti, der frühere Umweltminister von der konservativen Colorado-Partei. Dem für das Abkommen verantwortlichen Präsidenten Lugo warf er vor, „das Land verraten“ zu haben.

Nach Artikel 6 sind die Vertragsstaaten verpflichtet, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um Schäden für die Nachbarländer und die Umwelt zu vermeiden“. Nach Definition der Hydrogeologen ist das Guaraní-Reservoir ein Aquifersystem, das heißt, es handelt sich um miteinander verbundene geologische Formationen.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Auswirkungen Einleitungen am Oberlauf eines grenzüberschreitenden Flusses für den Unterlauf haben und wie etwa das Quecksilber aus den bolivianischen Bergwerken, das sich im Sediment des Río Pilcomayo im Nordosten Paraguays findet, oder das Glyphosat von brasilianischen Feldern im Río Paraguay landet. Genau das Gleiche passiert auch unterirdisch und sichtbar in den Grundwasserleitern.

Óscar Rivas, zur Zeit der Unterzeichnung des Abkommens Umweltminister in der Regierung Lugo, gehörte zu denjenigen, die versucht haben, den Prozess partizipativ zu gestalten. Seiner Meinung nach bietet das Abkommen zwar „einen guten institutionellen Rahmen“, aber die geopolitische Lage hat sich inzwischen gewandelt. 2010 amtierten in Argentinien, Brasi­lien, Uruguay und Paraguay Links- oder Mitte-links-Regierungen. Mit Ausnahme von Uruguay sind inzwischen alle nach rechts geschwenkt.

Die brasilianischen Agrarunternehmer, denen die meisten Sojaanbau­flächen in Paraguay gehören, mussten nicht lange drängeln, „um Paraguay nutzen und ausnutzen“ zu dürfen: Präsident Horacio Cartes persönlich forderte sie dazu auf. Im selben Jahr erließ er ein Gesetz zu Public-private-Partnerships, um Investitionen zu fördern, vor allem in die Wasserwirtschaft.

Das Vierländerabkommen hätte als Schutz dienen und den Raubbau und die Vermarktung des Gemeinguts Wasser verhindern sollen. Óscar Rivas hält es für teilweise gescheitert. Nur Uru­guay halte noch daran fest.

Am 9. August 2017 beklagte der uruguayische Staatssekretär für Umwelt Jorge Rucks im Parlament, Brasilien halte es überhaupt nicht für nötig, die Nachbarstaaten über seine Frackingaktivitäten im Aquifergebiet zu unterrichten. Doch wie er selbst einräumen musste, „ist es dazu auch nicht verpflichtet“.⇥Guillaume Beaulande

Le Monde diplomatique vom 08.11.2018,