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Das Wunder von Korea

Es gibt ein Land, in dem – ganz im Gegensatz zu Brasilien – ehemalige konservative Präsidenten von der Justiz verfolgt, wegen Unterschlagung verurteilt und ins Gefäng­nis gesteckt werden. Wo Rechte und fundamentalistische Protestanten sich von Donald Trump verraten fühlen. Wo, anstatt an einem Abkommen über nukleare Abrüstung zu rütteln wie dem mit Iran oder an einem Vertrag über Mittelstreckenraketen wie dem mit Russland, der US-Präsident einen Konflikt lösen zu wollen scheint, den keiner seiner Vorgänger aus der Welt schaffen konnte. Auch der letzte nicht, der immerhin Friedensnobelpreisträger war.

Es geschieht im Fernen Osten, und es ist zu kompliziert, um seinen Platz in der großen manichäischen Erzählung zu finden, die unseren Blick auf die Welt formt und verformt. Dennoch hätten in der arg finsteren Situation, in der sich unser Planet befindet, die optimistischen Worte des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In nicht unbemerkt bleiben dürfen. Am 26. September sagte er vor der UN-Generalversammlung: „Auf der Koreanischen Halbinsel ist ein Wunder geschehen.“

Ein Wunder? Auf jeden Fall eine Kehrtwende. Niemand hat die wütenden Tweets vergessen, die Trump erst vor einem Jahr mit dem nordkoreanischen Präsidenten wechselte. Die ehemalige Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen Nikki Haley gestand, dass sie, um Peking zum Handeln gegenüber seinem Nachbarn zu drängen, ihrem chinesischen Amtskollegen sogar mit einer US-Invasion in Nordkorea gedroht habe. Seither lobt Trump den „Mut“ seines „Freundes“ Kim Jong Un und behauptet gar, „Liebe“ für ihn zu empfinden.

Die Koreaner im Norden wie im ­Süden schreiten mit großen Schritten voran und nutzen dabei die Gunst der Stunde: Die südkoreanische Rechte ist zerfallen und das Regime in Pjöngjang scheint sich endlich für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes entschieden zu haben. Das von den Demokraten und den US-amerikanischen Medien wegen ­seines für leichtsinnig befundenen Vorgehens gegenüber Nordkorea geschmähte Weiße Haus wird nicht freiwillig zugeben, dass der selbsternannte Meister des „Deals“ von einem noch Durchtriebeneren hereingelegt wurde.

Sollten die USA sich entschließen, zu ihrer Politik des „Feuer und Zorn“ zurückzukehren, würde die Verschlechterung ihrer Beziehungen zu Russland und China es in jedem Fall diesen beiden Ländern verbieten, dem Beispiel der Amerikaner zu folgen.

In dieser Situation muss die atomare Abrüstung Nordkoreas gar keine Vorbedingung für die Um­setzung anderer Verhandlungspunkte sein: Aussetzung der Militärmanöver auf beiden Seiten, Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, Friedensvertrag. Denn Pjöngjang wird ohne solide Garantien niemals auf seine Lebensversicherung verzichten. Donald Trump bleibt uns nicht auf ewig erhalten, seine gnädigen Gefühle auch nicht. Das ist ein zusätzlicher Grund, und sei er auch paradox, optimistisch zu sein, dass ein Konflikt, der seit einem Dreivierteljahrhundert andauert, in den nächsten Monaten eine Lösung findet. ⇥Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 08.11.2018,