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Frauen an heiligen Orten

Frauen an heiligen Orten

von Charlotte Wiedemann

An den berühmten Bauwerken Usbekistans begegnen sich wortlos zwei Arten des Reisens und der Reisenden. Die einen, in dieser Saison vor allem Französinnen, kommen zum Amüsement oder der Bildung wegen. Die anderen, es sind Usbekinnen, kommen für den Segen, was Amüsement nicht immer ausschließt.

Während die Französinnen die Sehenswürdigkeiten fotografieren, wollen die Usbekinnen das eigene Hiergewesensein festhalten. So stehen denn in Samarkand und Buchara vor den gewaltig aufragenden Moscheen und Religionsschulen früherer Jahrhunderte immer wieder Frauengruppen in einer dicht gedrängten Formation, die von einem begleitenden Mann – der zugleich als Fahrer und als Fotograf fungiert – mit allerlei Handzeichen passgenau gemacht wird.

Die Gruppen stechen durch farbig gemusterte Stoffe ins Auge; das Kleid lang über der Hose und ein im Nacken geknotetes Kopftuch verweisen auf eine ländliche Herkunft, ebenso wie die Pantoletten, die mit Söckchen getragen werden, denn der Tag ist lang auf der Suche nach Segen. Sieben, elf, manchmal vierzehn Stätten stehen auf dem Programm einer Ziyarat, so nennen Muslime den Besuch von als heilig betrachteten Orten. In Usbekistan ist daraus eine Art Sufi-Tourismus der Einheimischen geworden.

Im Sufismus wird Gottesnähe durch Liebe und Hingabe gesucht, fern von starren Regelwerken. Solche Strömungen haben in Zentralasien eine lange Geschichte, und sie prägen auch heutzutage das Gesicht des usbe­kischen Mehrheitsislams. Diesen eher diffusen Volksglauben fördert der Staat nach Kräften, als Instrument gegen neuere islamistische Strömungen. Einem Dekret zufolge muss jeder Arbeitgeber seinen Angestellten eine Ziyarat-Reise finanzieren, mit Bus und Verpflegung für einen Tag. Solche Gruppen bestehen meist mehrheitlich aus Männern.

Die farbenfrohen Frauen haben für ihren Ausflug selbst zusammengelegt. Manche wollen ein Gelübde erfüllen: Wenn ich einen Enkel bekomme, fahre ich nach Buchara! Ziyarat bedeutet eine kleine Flucht aus einem Alltag der Arbeit und Mühen und wirkt wie Balsam für die Seele. Denn der erworbene Segen wird wie auf einem himmlischen Sparkonto den Reisenden am Ende den Zutritt zum Paradies erleichtern.

„Wenn wir gestorben sind, fragen uns die Erzengel: ‚Welche Heiligen hast du besucht?‘ Und je mehr, desto besser!“ Gulnara Ona, eine 70-jährige Leiterin von Ziyarat-Reisen, trägt den Ehrentitel einer Hodschi, sie war in Mekka, für die meisten Usbekinnen unerreichbar. Frau Ona, eine pensionierte Laborantin, nahm in der sowjetischen Zeit heimlich Koranunterricht und gibt heute weiter, was sie vom Islam weiß. Viel Spirituelles, wenig Theologie – und manches, was striktere Sunniten gewiss als Aberglauben betrachten.

70 Jahre sowjetischer Einfluss haben Usbekistan nachhaltig geprägt: Religiöses Wissen ist kaum noch vorhanden, der Islam zeigt sich in Kultur und Brauchtum. Und anscheinend haben solche Traditionen im Leben der Frauen besser überlebt als in dem der Männer. Sie seien stärker „sowjetisiert“ worden, wird mir gesagt, und verlangten selbst bei einer Beschneidungsfeier Alkoholisches.

Heilige Orte gibt es in Usbekistan zum Glück auf Schritt und Tritt. Allein Buchara soll 150 solcher Stätten haben, die in keinem Reiseführer für westliche Touristen verzeichnet sind. Unscheinbare Schreine inmitten von Wohnvierteln; oftmals wurden fromme Handwerksmeister so bestattet. Sie hatten sich zu Lebzeiten Respekt erworben. Über die Jahrhunderte wurde daraus Stoff für Legenden.

Ein paar Stufen führen hinunter zu einem niedrigen Kuppelbau aus dem frühen 13. Jahrhundert. Das Innere ist sauber und gepflegt, Sitzkissen liegen bereit. Der Verstorbene sei schon als junger Mann für seine Kenntnisse berühmt gewesen, heißt es in der Nachbarschaft; sogar Dschingis Khan habe ihn aufgesucht und sei beeindruckt gewesen! Den Lebensdaten auf dem Schrein zufolge war der heilige Mann tot, als Dschingis Khan Buchara einnahm, aber was bedeuten schon ­Zahlen?

Autoritäre Regierungen schätzen in Usbekistan wie anderswo die Sufi-Orden, weil sie sich in der Regel mit Kritik an den Herrschenden zurückhalten. So lässt der Staat im September mit großem Aufwand den 700. Geburtstag von Baha-ud-Din Naqschband begehen; der Gründer des nach ihm benannten Naqschbandi-Ordens wurde 1318 in einem Dorf nahe Buchara geboren. Die Naqschbandiya zählt zu den größten Bruderschaften der Welt, sie hat sich jedoch aufgefächert in eine Vielzahl unterschiedlicher Schulen. In der Türkei stehen Zweige des Ordens miteinander in Konkurrenz; im Westen sind durch Konvertiten eher esoterische Strömungen entstanden.

Für die usbekischen Besucher ist das Naqschband-Mausoleum bei Buchara ein besonders wichtiger heiliger Ort. Kranke und Gebrechliche hoffen auf Linderung ihrer Beschwerden, junge Paare auf Eheglück. Die Studentin, die mich begleitet, ist überzeugt, der Verstorbene beschütze die Stadt Buchara vor Erdbeben, und sie besteht darauf, dass wir zuerst zum Grab der Mutter des Ordensgründers gehen, denn so habe der Meister selbst es angeordnet.

Inmitten solch beflissenen Befolgens von Ritualen erzählt die 19-Jährige dann, sie sei nicht religiös geprägt. Die Mutter sei zwar fromm, aber der unfromme Vater habe sich bei der Erziehung durchgesetzt. Außerdem sei sie zum Beten noch zu jung! In Usbekistan ist die Auffassung verbreitet, die Jugend besser von Religion frei zu halten.

Am Grab von Naqschband sitzt ein Koranrezitator, der zum Vortrag anhebt, sobald sich eine Gruppe auf den Besucherbänken niederlässt. Wieder dominieren die Frauen; sie haben in Tüten und Taschen Selbstgebackenes und frische runde Brote mitgebracht und drapieren die Gaben in einer langen Reihe neben dem Lesepult des Ordensmannes.

Zu wem aber beten die Menschen auf den Bänken, beten sie für den berühmten Verstorbenen oder zu ihm? Oh, das ist ein heikler Punkt, und der Koranrezitator reagiert auf meine Frage so gereizt wie ein Lehrer, der eine Sache schon x-mal erklärt hat: „Wer zu Naqschband betet, stellt sich außerhalb des Islams! Es ist verboten, zu einem Menschen zu beten! Wer das tut, wird zu einem Ungläubigen!“ Es scheint nicht leicht, einerseits den Volksislam zu fördern und ihm andererseits Grenzen zu setzen.

Eine solche Grenze ist auch das grüne Seidenband, mit dem das Mauso­leum von Naqschband so abgesperrt ist, dass die Gläubigen es nicht mehr umrunden können. Ein beliebter, doch als vorislamisch erachteter Brauch.

Einige Kilometer außerhalb von Samarkand befindet sich eine weitere Grabanlage, die einen im globalen Islam berühmten Namen trägt. Hier ist Imam al-Buchari bestattet. Er stellte im 9. Jahrhundert eine bis heute gebräuchliche Sammlung von Hadithen zusammen, den überlieferten Taten und Aussprüchen des Propheten Mohammed. Täglich zieht es an die 2000 Menschen her, und die Regierung empfängt hier gern Staatsgäste, um den historischen Beitrag Zentralasiens zur islamischen Lehre zu unterstreichen.

Den staatlichen Ausbau der Anlage hat Saudi-Arabien mitfinanziert. Die saudischen Bemühungen, den usbekischen Volksislam nach ihrer Fasson zu reinigen, haben in den Jahren nach der Unabhängigkeit wenig Früchte getragen. Doch hier haben sie zumindest ein großes grünes Schild hinterlassen, eine Auflistung des Verbotenen, an der abzulesen ist, was Usbeken gern tun: Steine küssen, sich vor Steinen verneigen, bunte Bänder in Bäume knüpfen, Alkohol trinken.

In einem kleinen Museum drängen sich die ländlich Farbenfrohen, die Luft im Raum steht vor Hitze, die Körper der Frauen beben in heiliger Aufregung. Unter Glas hängt eine kalligrafisch bestickte Gabe Saudi-Arabiens: ein halber Meter des schwarzen Stoffs, der als Verhüllung der Kaaba in Mekka höchsten Dienst getan hat. Die Usbekinnen stellen sich auf die Zehenspitzen, um das Glas und den Rahmen des Aushangs zu küssen.

Im äußersten Süden des Landes, an der afghanischen Grenze, begegnet mir eine Frauengruppe, die gerade eine buddhistische Stätte in Termiz besucht hat. Ziyarat zu einem Stupa (Sanskrit für Grabhügel) aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. – so tolerant ist die usbekische Definition von einem heiligen Ort.

Die Auffassung davon erweist sich allerdings auch in eine ganz andere Richtung als dehnbar. In Samarkand erhebt sich auf einem Hügel ein brandneues Mausoleum, das durch Lage und Bauweise seine historische Nachbarschaft an Erhabenheit übertrumpfen möchte: Das Grab des langjährigen Präsidenten Islom Karimov. Der Besucherstrom reißt nicht ab; für wenige Minuten darf sich jede Gruppe auf den Polsterstühlen vor dem Grab niederlassen, aus den Lautsprechern erschallen ein paar Koranverse für das einstige Mitglied des Politbüros der KPdSU. Wenn der Lautsprecher verstummt, ist es an der Zeit, die zum Gebet geöffneten Hände sinken zu lassen und der nächsten Gruppe Platz machen.

Charlotte Wiedemann ist freie Autorin mit dem Schwerpunkt islamische Lebenswelten, siehe auch ihr Buch „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“, München (dtv) 2017.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Charlotte Wiedemann