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Nicht hier und nicht dort

Nicht hier und nicht dort

von Roxanne Varzi

Angefangen hat das Getrenntsein, lange bevor mein Vater tatsächlich vom Rest der Familie getrennt wurde. Im Nachhinein besehen begann es mit dem Pass, wie so oft der entscheidende Faktor, wenn die Staatsangehörigkeit und alles, was daraus folgt, wichtiger sind als die Familie und das, wofür sie steht – wenn der Staat Vater, Mutter, Schwester und großer Bruder in einem wird.

Es war im Jahr 1980, bei uns in Iran war Revolution, und wir brauchten neue Pässe. Wir stiegen in unseren Familienkombi und fuhren zur amerikanischen Botschaft. Ich erinnere mich noch genau, wie wir zu fünft untergehakt wegen des wilden Verkehrs in Teheran die Straße überquerten. Aber auf dem kleinen quadratischen Passfoto sind dann nur wir drei Kinder mit meiner Mutter. Mein Vater, kein US-Bürger, kam nicht mit auf den properen marineblauen Pass.

Als wir damals aus der chemischen Reaktion auf dem Fotopapier eine Identität formten, ahnten wir nicht, dass die Tatsache, dass mein Vater davon ausgeschlossen war, mehr als nur sinnbildliche Bedeutung hatte. Bald schon wurde sein Nichtdazugehören sehr konkret. Ein paar Tage nach unserem Fototermin wurde die US-Botschaft gestürmt und besetzt, Geiseln wurden genommen, und wir waren als US-Amerikaner in Iran kaum noch erwünscht, ja, wir waren sogar in Gefahr.

Die nächsten beiden Jahrzehnte lebten wir oft von meinem Vater getrennt. Er wurde vom Familienmitglied zum gelegentlichen Besucher, mehr Mythos als real. Während des Stu­diums kehrte ich zum ersten Mal, nachdem ich als Neunjährige weggegangen war, nach Teheran zurück.

Dass ich mit meinem US-Pass reiste, gefiel meinem Vater gar nicht. Seiner Meinung nach riskierte ich, in Iran festgehalten zu werden, weil die Regierungen unserer beiden Länder für die doppelte Staatsbürgerschaft nichts übrig hatten. Und die iranische Regierung ließ sogar oft willkürlich US-Pässe einziehen.

Nachdem solche Probleme zwanzig Jahre nicht mehr vorgekommen sind, gibt es sie neuerdings wieder. Allerdings hätte mein Vater nie damit gerechnet, dass nun die US-Regierung querschießen und ihr Versprechen auf Sicherheit und Willkommen aufkündigen würde.

Als ich damals aus den USA aufbrach, drückte er mir die Schlüssel zum Haus meiner Kindheit in die Hand. „Falls du mal ein ruhiges Plätzchen brauchst …“ Am Schlüsselbund hing ein Lederschildchen, das ich als Kind im Sommercamp in Michigan gebastelt hatte. Die Aufschrift „DAD“ war mit der Zeit fast unsichtbar geworden. Die Buchstaben, die ich mit meinen zehnjährigen Händen und stumpfen Metallwerkzeugen in das weiche Leder getrieben hatte, würden irgendwann ganz verblasst sein.

Ich betrat das Haus meiner Kindheit in Teheran in der Erwartung, ja, Hoffnung, Überbleibsel meiner iranischen Kindheit zu finden – mein Electric-Company-Spielzeug, meine Dressy-Bessy-Puppe, meine alten Dr.-Seuss-Bücher, alles Dinge, die ich hatte zurücklassen müssen. Stattdessen begegnete ich jedoch meiner weniger lange zurückliegenden amerikanischen Kindheit, und zwar in den Worten und Bildern, die wir einmal in der Woche auf die weite Reise zu meinem Vater nach Teheran geschickt hatten.

Wohlverwahrt in einem Buch mit persischer Lyrik lagen Fotos von meiner Schwester, eine Papierkrone auf dem Kopf, an ihrem ersten Schultag. Auf dem Nachttisch meines Vaters ein Brief mit Brandmalen von Zigaretten und Teeflecken sowie Fotos von mir in einer Aufführung des „Zauberers von Oz“ und auf der Küchenanrichte ein Stapel blauer Luftpostbriefe von meiner Mutter, darin Karten zum Valentinstag aus rotem und rosa Bastelpapier, Weihnachtskarten mit Familienfotos ohne ihn, Zeugnisblätter – und Listen. Listen mit dem, was wir Geschwister angestellt hatten, ebenso wie solche, auf denen unsere guten Taten und Leistungen vermerkt waren, und dann welche mit den Dingen, die er bitte beim nächsten Besuch mitbringen sollte – ein vergessenes Kuscheltier oder ein Buch.

Unsere Abwesenheit war an den Wänden in Szene gesetzt, an denen die typischen Schulfotos – hellblauer Himmel, perfekt gekämmtes Haar – hingen. Sie waren ein Beweis für unsere Existenz, wenn er uns sonntags aus Teheran anrief. Über Berge, Wüsten und den Ozean hinweg spürten wir, wie das Vakuum, das wir in Teheran hinterlassen hatten, auf die Leere traf, die er in Michigan verursachte, eine Leere, die nur unser Dad füllen konnte.

Die Junggesellenexistenz meines Vaters in Teheran zeigte sich in einem Sammelsurium von Aschenbechern, Kebabspießen und alten Zeitungen, auf denen vertrocknete Erde und Blumenzwiebeln lagen. Sein klobiger Kassettenrekorder lag unter einem Stapel Kassetten begraben – genau denen, die er auch in den USA hörte, wenn er Heimweh hatte. Ich drückte auf Play, und ein einsamer, langer, vibrierender Ton erklang, mit dem – einem Gebetsruf gleich – die klassische persische Versdichtung anhebt. Ein unbeschreiblicher, lange nachhallender Schrei der Sehnsucht, der den Wunsch meines Vaters verriet, woanders zu sein.

Wie ein verblasstes Höhlengemälde klebte das Namensschild aus meiner Kindheit noch an meiner Zimmertür. Roki, mein persischer Kosename in lateinischer Schrift. Als ich aus dem Iran wegging, war aus Roksana Ro­xanne geworden.

Unser Keller roch wie eh und je nach Vogelmist und Federn, was mich sofort zurückversetzte an warme Nachmittage mit meinem Vater im Garten, wenn er darauf wartete, dass seine dreißig Brieftauben zum Abendessen zurückkehrten. Der Geruch ist noch da – wir sind weggeflogen.

Meine Mutter hasste die Tauben, sie fand sie schmutzig und laut. Brieftauben halten ist im Übrigen ein Sport der unteren Klassen. Aber ich liebte den Geruch der Vögel, ihr kehliges Gurren, das mich morgens weckte, das Geräusch der frischen Luft, wenn sie mit den Flügeln schlugen und dann losflogen.

Ich liebte es, wenn die flauschigen Federn zur Erde schwebten und mein Gesicht und meine Arme streiften, und ich sah gern zu, wie mein Vater in seinen Plastikschlappen im Garten stand, die Zigarette im Mundwinkel, und die Tauben mit Pfeifen und Händeklatschen zurücklockte. Er kam erst zum Essen herein, wenn sie vollzählig wieder da waren und fraßen. Ob die Tauben jemals versucht haben, uns zu finden? Wohin fliegt eine Brieftaube, wenn sie ihre halbe Familie verloren hat?

Im letzten Winter erzählte mir ein mexikanischer Student, seine Eltern seien deportiert worden und ob er mehr Zeit für seine Semesterarbeit haben könne. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, er könne den Rest seines Lebens haben, um seine Geschichte aufzuschreiben.

Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens zwischen zwei Welten gelebt und versucht, anderen zu erklären, dass manche Menschen zwischen zwei Orten gefangen sind, festhängen in einem Netz von Formalitäten und Politik. Nun, da in den Vereinigten Staaten Familien wegen der neuen Einwanderungsregeln getrennt werden, denke ich oft daran, wie mein Vater in Teheran auf uns gewartet hat, und mich überkommt eine tiefe Traurigkeit bei der Vorstellung, dass Eltern und Kinder auseinandergerissen werden.

Wenn ich sehe, wie meine Studenten oder mir unbekannte Menschen Opfer von Grenzen, alten Geschichten, Mauern und Festlegungen werden, ruft das in mir bis heute geradezu körperliche Erinnerungen wach. Viele Menschen werden vor die Entscheidung gestellt, müssen entweder bleiben, wo sie sind, und verlieren damit ihre Reisefreiheit und die Freiheit, Freunde und Familie wiederzusehen, oder sie müssen „nach Hause“ zurückkehren und damit ihre Aufenthaltsrechte in den USA aufgeben.

Andere, die zum Beispiel politisches Asyl beantragen, haben auch diese Wahl nicht. Und das mag ein Freund sein, eine Lehrerin, ein Nachbar, Menschen, die in den USA geboren sind und ihr Leben lang hier gelebt haben. Familien werden getrennt. Liebe, Freundschaft, Bindung spielen im Konzept von Staatsbürgerschaft keine Rolle, sie haben mit Zugehörigkeit zu tun, was immer das noch bedeutet in einer Welt, in der die Tauben meines Vaters den Weg nach Hause finden, aber seine Kinder nicht.

Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier

Roxanne Varzi ist Filmemacherin und Professorin für Ethnologie an der University of California Irvine. Zuletzt erschien: „Last Scene Underground: An Ethnographic Novel of Iran“, Stanford (University Press) 2015.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.07.2018, Roxanne Varzi