Brief aus Brno

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Brief aus Brno

von Michal Chmela

Die Anleitung gibt es im Rathaus
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Vor acht Jahren hat sich die zweitgrößte Stadt Tsche­chiens ein neues Wahrzeichen zugelegt. Es ist sechs Meter hoch, besteht aus schwarzem Granit und steht mitten auf dem Freiheitsplatz, dem historischen Zentrum von Brno. Ein extravagantes Teil, eine wundersame Kombination von Ästhetik und Technologie, ein Symbol für den Sieg des Friedens über den Krieg. Und angeblich eine Uhr, wenn auch in Gestalt eines Penis – oh sorry, einer Patrone.

Ungeachtet seiner womöglich künstlerischen Qualität fragt man sich, was das Ganze soll. Zyniker halten das Ding für einen Witz, verwirrte Touristen rätseln, was es wohl sein mag. Und in Gesprächen über die Rolle der Kunst im öffentlichen Raum geht es neuerdings um die Frage, ob eine Stadt, die bereits mit 45 Kirchen geschlagen ist, noch einen architektonischen Phallus braucht.

Die Uhr hat aber eine weitere Eigenheit. Sie zeigt die Zeit nicht an. Oder vielmehr: Sie verrät sie nur Leuten, die zufällig zu den Eingeweihten gehören. Die Monsterpatrone besteht nämlich aus mehreren Ringen. Auf dem obersten sitzt eine Spitze, die sich einmal pro Sekunde um sich selbst dreht. Der Ring darunter hat ein kleines Glasfenster, das um den Phallus herumwandert und dafür genau eine Stunde braucht. Hinter dem Fensterchen soll sich ein Zifferblatt befinden, das die genaue Zeit anzeigt. Aber das Fenster ist winzig und dreht sich in fünf Meter Höhe, weshalb noch kein Lebewesen diese Behauptung überprüfen konnte. Ach, und außerdem: Das Ding stößt jeden Tag um 11 Uhr eine kleine Glaskugel aus.

Die Einheimischen sagen, man könne die Zeit an der Uhr am besten ablesen, indem man fünf Schritte zurücktritt und den Blick nach oben wandern lässt, zu einem Kirchturm mit Uhr.

Es handelt sich also um ein scheußliches, sinnloses und designverliebtes Stück Schrott, das eine halbe Million Euro gekostet hat. Insofern ist es ein gutes Sinnbild für die tschechische Politik, wie sie sich dem Durchschnittsbürger darstellt, dessen Rache wir alle bei den beiden letzten Wahlen zu spüren bekamen.

Für viele Beobachter war die Parlamentswahl vom Oktober 2017 das letzte Gefecht der Demokratie, die unter dem Ansturm des Populismus in die Knie geht. Die alten Kräfte haben versagt. Sie haben sich, wie es heißt, als zutiefst korrupt und inkompetent erwiesen. Es ist Zeit für einen Wandel, verkünden die Anti-Establishment-Parteien, ungeachtet der Tatsache, dass die stärkste von ihnen, die ANO, die vergangenen vier Jahre die Regierung dominiert hat und dass gegen ihren Chef Andrej Babiš ein Verfahren wegen Subventionsbetrug läuft.

Trotzdem ist der Mann immer noch amtierender Regierungschef und behauptet sich in Umfragen als populärster und vertrauenswürdigster Politiker des Landes. Dabei ist er ein Mul­ti­mil­lio­när mit kommunistischer Vergangenheit und Besitzer des Mischkonzerns Agrofert, der vornehmlich Junkfood produziert und seine mies bezahlten Arbeitskräfte ausbeutet. Er verkörpert also genau das Establishment, gegen das er die Leute aufhetzt.

Wie schafft er das? Mithilfe einer Propagandamaschine, die jede populäre Maßnahme seiner Regierung als Ergebnis seiner persönlichen Initiative darstellt, während die – laut Babiš – unpopulären Beschlüsse nur zeigen, wie korrupt und ineffizient das ganze System ist.

Betrachten Sie diese Uhr, meine Damen und Herren, ruft der Reiseleiter, bestaunen Sie die komplexen, in unergründlichen Tiefen verborgenen Abläufe. Man würde gern dazwischenrufen: Und wiegen Sie sich in der törichten Hoffnung, dass um 11 Uhr eine kleine Glaskugel herausfliegen wird. Betrachten Sie die Uhr, die Sie nicht verstehen, und beten Sie, dass Ihr Reiseleiter keine Lügen erzählt.

Lügen gehören zur Politik, seit der erste Höhlenmensch herausgefunden hat, dass man sich um das gefährliche Elefanten-mit-spitzen-Stöcken-Anpieksen herumdrücken kann, indem man einen Ausschuss einsetzt, der das erbeutete Fleisch verteilt. Die Parlamentswahl vom Oktober 2017 und die Präsidentenwahl vom Januar 2018 haben allerdings in neuer Deutlichkeit gezeigt, wie lächerlich und gefährlich Fake News sind. Als wahrer Pionier erwies sich dabei der Abgeordnete Tomio Okamura, dessen Partei „Freiheit – direkte Demokratie“ (abgekürzt SPD) für die ethnische Reinheit Tschechiens kämpft und zur viertstärksten Kraft des Landes wurde.

Der Mann heißt tatsächlich Okamura. Der Sohn eines Wirtschaftsimmigranten aus Japan versucht mit allen Mitteln, die Rassisten im Land gegen die ach so bedrohliche Einwanderung zu mobilisieren. Der reinrassige Held aller Patrioten, die sich ein Land „nur für Tschechen und niemand sonst“ und den Aufstieg Tschechiens zu einer „slawischen Macht“ wünschen, ist nicht der Erste, der mit der Dämonisierung einer Bevölkerungsgruppe oder Re­li­gion Karriere machen will. Er ist nur der Erfolgreichste, weil er es schafft, dem Rassismus und der Intoleranz ein bürgerliches Gesicht zu verleihen.

Inzwischen haben wir hier sogar unseren ersten und bislang einzigen Terroristen. Es handelt sich um einen Mann, der Züge zum Entgleisen bringen wollte, indem er die Gleise mit gefällten Bäumen blockierte. Um die Botschaft unmissverständlich zu machen, hinterließ er am Tatort immer Zettel mit Drohungen in arabischer Sprache, die erkennbar auf einer Google-Übersetzung beruhten. Der Mann ist Tscheche, über 70 Jahre alt und ein Anhänger und Unterstützer Okamuras und seiner SPD.

Der Oberrassist Okamura ist eine merkwürdige Figur. Vor zwei Jahren ging ich zu einer seiner Kundgebungen, die auf dem besagten Freiheitsplatz stattfand. Seine Rhetorik war, gelinde gesagt, nicht überzeugend. Aber das dürfte Leute, die in ihren Ängsten bestätigt werden wollen, nicht weiter stören. Er brüllte Parolen wie: „Einwanderung ist ein Angriff auf unsere Werte!“ Oder auch längere Sätze: „Die EU und ihre schlimmsten Vertreter wie Juncker („Buh!“, tönte es aus der Menge), Merkel (die Zwischenrufe sind nicht zitierfähig) und die tschechische Regierung („Nieder mit ihr!“) wollen Europa von Wilden kolonisieren lassen.“ („Nein! Das ist nicht unser Europa!“) „Unser Ziel ist allein“, schreit der Redner und macht eine vielsagende Pause, „unseren Kontinent für unsere Kinder zu verteidigen, für die Kinder von echten, souveränen europäischen Nationen …“ Sagt der Sohn eines japanischen Immigranten.

Man mag die Heuchelei, die Widersprüche, den ganzen bodenlosen Unsinn komisch oder tragisch oder auch nur unerheblich finden, aber dieser Unsinn hat durchaus etwas mit der verunglückten Uhr zu tun. Weil wir von außen nur einen kleinen Teil sehen, beginnen wir, die Lücken mit irgendwas auszufüllen – und landen unweigerlich bei falschen Schlussfolgerungen: Die EU will uns zerstören, denn wenn das Leben so beschissen ist, muss es sich um eine Verschwörung handeln; und die Regierung hat offensichtlich ihre Finger im Spiel, denn wenn sie das Geld nicht den dreckigen Migranten zustecken würde, wären unsere Löhne nicht so niedrig; und wenn die Medien nicht darüber berichten, beweist das nur, dass sie lügen.

Ein Schritt noch, und wir sind im Reich der Postwahrheit: Das Innere der Uhr, das wir nicht sehen, ist natürlich mit Sprengstoff vollgestopft. Das schürt die Panik, schürt den Hass. Ja, auch in Brno, bei einem gutbürgerlichen Publikum, bei Leuten mit festem Einkommen, sicheren Arbeitsplätzen, Designerklamotten. Bei den Einwohnern einer sauberen, modernen, sicheren Stadt, die auf der europäischen Rangliste der Lebensqualität 2016 den zwölften Platz belegte.

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir die Angst und den Hass und die Lügen damit abtun, dass doch nur die Ungebildeten darauf hereinfallen. Angesichts dieser Uhr, angesichts der undurchsichtigen, verwirrenden, stumpfsinnigen Welt der Politik, treten wir alle lieber die fünf Schritte zurück und suchen nach einer leichteren Antwort.

Aber die leichtere Antwort ist fast immer eine Lüge. Egal ob die Lügner den Staat scheibchenweise verscherbeln wollen wie Babiš oder ob sie sich wie Okamura vorgenommen haben, ihn ganz und gar zu umzukrempeln.

Eigentlich hatte ich vor, ein breites Panorama von Brno aufzuspannen, wollte den Kontrast zwischen den modernen gläsernen Konsumtempeln und den Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert schildern, wollte von unserem Hauptbahnhof erzählen, der seit 30 Jahren im Zustand dauerhafter Ineffizienz verharrt, weil sich alle einig sind, dass er verlegt werden müsste, aber offenbar niemand entscheiden will oder kann, wohin denn nun. Auch wollte ich von den maroden Gemäuern berichten, die sich hinter den Glitzerfassaden verbergen. Aber irgendwie verweist letztlich alles auf diese verfluchte Uhr und auf unsere Weigerung, sie in ihrer ganzen Hässlichkeit zu verstehen.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Michal Chmela ist freier Journalist und Übersetzer.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.05.2018, von Michal Chmela