12.04.2018

Gestern in LMd, heute in den Nachrichten

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Gestern in LMd, heute in den Nachrichten

Heiner Ganßmann

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Am 6. April starb nach langer Krankheit der Sozialwissenschaftler Heiner Ganßmann. Der ökonomisch geschulte Soziologe war ein geschätzter akademischer Lehrer (FU Berlin und News School of Social Research, New York), schrieb wissenschaftliche Standardwerke („Geld und Arbeit“) und zahlreiche Texte, in denen er komplizierte Zusammenhänge prägnant, polemisch und mit angelsächsisch gefärbten Witz auf den Punkt gebracht hat.

Für die deutschsprachige Ausgabe von Le Monde diplomatique verfasste Heiner Ganßmann seit 2004 und insbesondere seit Beginn der Finanzkrise zahlreiche Aufsätze, in denen er erklärte, wie „die Märkte“ unser Leben bestimmen. Und warum „die Politik“ bei ihrer wichtigsten Aufgabe, die Krise rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern, so eklatant versagt hat. Deshalb sind fast alle Beiträge Ganßmanns nach wie vor überaus lesenswert, wie „Unser schönes Geld“ vom Mai 2009 über den „Merkelantismus“, in dem er die „zeitgenössische deutsche wirtschaftspolitische Doktrin“ mit dem Merkantilismus des 18. Jahrhunderts vergleicht. Oder „Lauter schwarze Nullen“ vom März 2015 und „Dumm gespart“ vom Dezember 2015, in denen er seine Kritik an der „falschen Sparpolitik“ polemisch erhellend dargelegt hat.

Alle publizistischen Texte Ganßmanns entspringen einem aufklärerischen Impuls. „Wenn es in Demokratien überhaupt eine Chance geben soll, die Finanzmärkte durch neue Regeln wieder einzuhegen, muss das allgemeine Verständnis der typischen Finanztransaktionen entschieden zunehmen.“ Wie man diesen demokratischen Auftrag ernst nehmen und zugleich witzig anpacken kann, zeigt Heiner Ganßmann in diesem Essay vom Oktober 2011 („Wir sind der Markt“).

Demokratie in Gefahr

Als am 28. März das tunesische Parlament darüber abstimmen wollte, ob das Mandat für die „Institution für Wahrheit und Würde“ (L’Instance Vérité et Dignité, IVD) verlängert werden soll, kam es zu heftigen, teilweise mit Fäusten ausgetragenen Auseinandersetzungen. Viele Abgeordnete verließen den Saal; die Übrigen, darunter einige, denen Beteiligung an Folter vorgeworfen wird, beschlossen, dass die Wahrheitskommission zum 31. Mai ihre Ermittlungen einzustellen hat. Die IVD-Vorsitzende Sihem Bensedrine kämpft für den Erhalt dieser wichtigen Institution, über die im Juli 2017 Thierry Brésillon in LMd berichtet hat: „Wahrheit für Tunesien. Die junge Demokratie versucht, staatliche Verbrechen aus sechzig Jahren aufzuarbeiten“.

Le Monde diplomatique vom 12.04.2018