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Stammbaum zu verkaufen

von Frédéric Kaplan und Isabella di Lenardo

Im Granite Mountain Record Vault, einem Granitstollen 20 Mei­len südöstlich von Salt Lake City, hütet die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage – besser bekannt als die Kirche der Mormonen – einen großen Schatz: 3,5 Milliarden Familiendokumente, festgehalten auf Mikrofilm. Dank Personenstandsangaben aus über einhundert Ländern kann man darin die Stammbäume von mehr als 5 Milliarden Menschen einsehen. Der 1894 gegründete, gemeinnützige Ahnenforschungsverein von Utah, der sich inzwischen FamilySearch nennt, bietet kostenlos Zugang zu diesem sorgsam angehäuften Datenschatz.

Ahnenforschung ist Bestandteil der Lehre und der religiösen Praktiken der Mormonen. In der Hoffnung auf Auferstehung verfolgen die Kirchenmitglieder ihre Stammbäume über mehrere Generationen, um für jeden ordnungsgemäß identifizierten Vorfahren nachträglich die heilbringende Taufe zu vollziehen. Die Suche nach einer ununterbrochenen Ahnenlinie bis hin zu Adam und Eva birgt ihrem Glauben zufolge eine Möglichkeit, die Menschheit zu retten. Deshalb tauscht FamilySearch Daten mit anderen, auch kommerziellen Ahnenforschungsorganisationen aus.

Dazu gehört die Firma Ancestry.com, die in einem weiteren Tresorraum im Granite Mountain eine genealogische Datenbank pflegt, den Zugriff allerdings nur gegen Bezahlung erlaubt. Sie arbeitet seit 2014 eng mit FamilySearch zusammen. Das kommerzielle Angebot von Ancestry umfasst den Zugang zu 14 Milliarden historischen Dokumenten, und die Firma hat bereits 2 Millionen Abonnenten, die im Schnitt 200 Dollar pro Jahr zahlen. Darüber hinaus bietet Ancestry auch einen DNA-Test an, mit dem man für knapp 100 Dollar neue verwandtschaftliche Verbindungen zu Menschen und Orten entdecken kann.

Millionen solcher genetischer Profile stehen für den Abgleich bereits zur Verfügung. In Frankreich ist eine derartige Kommerzialisierung von DNA-Tests verboten. Sie dürfen ausschließlich für wissenschaftliche, medizinische und juristische Zwecke vorgenommen werden. Weltweit erfreuen sich solche Abstammungstests – die auch in Deutschland erlaubt sind – jedoch großer Beliebtheit.

In Israel hat die Genealogieplattform MyHeritage.com innerhalb eines Jahrzehnts einen rasanten Aufstieg erlebt. Das Unternehmen kaufte mehrere Konkurrenten auf und bietet seinen über 90 Millionen Nutzern inzwischen Zugang zu 8,3 Milliarden historischen Dokumenten. 2013 schloss die Firma ein Kooperationsabkommen mit FamilySearch und 2014 mit 23andMe, dem globalen Marktführer für kommerzielle DNA-Tests.

Bis Ende 2013 bot die kalifornische Firma 23andMe noch Gentests für zu Hause an, mit denen die Kunden ihr Erbgut nicht nur auf mögliche Erkrankungen untersuchen lassen konnten, sondern zum Beispiel auch, mit welcher Wahrscheinlichkeit ihr Kind blaue oder braune Augen bekommen werde. Dann schob die US-Arzneimittelbehörde FDA dem einen Riegel vor. 23andMe musste den Verkauf der personalisierten DNA-Testkits einstellen, weil die Firma weder den Nutzen noch die Sicherheit der Ergebnisse belegen konnte. Daraufhin konzentrierte sich das Unternehmen, das über die weltweit größte Datenbank genetischer Profile verfügt, ganz auf die Ahnenforschung.

Die Ahnenforschungsfirmen haben im Laufe der Jahre eine neue Form Kapitals angesammelt: das genealogische Kapital. Dessen Besonderheit liegt darin, dass der Wert jedes Stammbaums steigt, sobald er mit anderen in Verbindung gebracht werden kann. So nutzte MyHeritage.com diverse Firmenaufkäufe, um einen Datenschatz aufzubauen, der inzwischen sehr viel mehr wert ist als die lokalen Datenbanken der einzelnen Firmen zusammen.

Je mehr genealogische Informationen diese Unternehmen anbieten, desto mehr Abonnenten können sie gewinnen. In der Folge wächst auch ihr Kapital, entweder durch die Digitalisierung weiterer selbst gesammelter Daten oder durch den Aufkauf von Konkurrenten. Innerhalb weniger Jahre hat diese Entwicklung dazu geführt, dass nur noch eine Handvoll Unternehmen den Weltmarkt dominieren. Und weil in dem Bereich fast keine gesetzliche Regulierung existiert, können sie ihre Monopolstellung durch Partnerabkommen immer weiter ausbauen.

Das Resultat: Die riesigen Sammlungen von Stammbäumen, die tausende Wissenschaftler und Amateurhistoriker in mühevoller Arbeit aus öffentlichen Archiven zusammengetragen haben, sind nicht länger ein gemeinsames Erbe der Menschheit, sondern ein Kapital, das sich im Besitz weniger Firmen befindet. Für viele Forscher und Hobbygenealogen bedeutet diese Konzentration einen Fortschritt: Sie können ihre Suche in wenigen großen Datenbanken sehr effizient durchführen. Statt wie früher monate-, manchmal jahrelang Archive durchstöbern zu müssen, kann sich heute jeder mithilfe von Suchmaschinen alle verfügbaren Dokumente über die eigenen Vorfahren aus dem Netz holen.

Doch angesichts dieses neuen Status historischer Quellen muss man sich auch fragen, was mit so großen Datensammlungen passiert, wenn sie nur noch der Logik des globalen Kapitalismus unterworfen sind. Es gibt keine politische Debatte darüber, dass sich ein paar Firmen den „großen Stammbaum der Menschheit“ gesichert haben; er wird weder als Welterbe verteidigt noch als Kapital anerkannt, jedoch längst auf den globalen Märkten feilgeboten. Seine Besitzer können die Daten einfach dem Meistbietenden zur Verfügung stellen. Und der Anreiz zum Datenkauf wächst, da die Informa­tions­menge mittlerweile so groß ist wie nie zuvor. So erfuhren die Kunden von 23andMe beispielsweise, dass die Firma ihre Daten an über zehn Pharmalabore verkauft hatte.

Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Ahnenforschung. Auch die Bestände etlicher fotografischer Sammlungen, ursprünglich von Kunsthistorikern oder Forschungsinstituten aufgebaut, sind längst in kommerzielle Bilddatenbanken eingeflossen, die nach und nach zusammenwachsen und sich heute im Besitz einiger weniger Akteure befinden.

Ein gutes Beispiel ist das Archiv von Otto Bettmann, das der ehemalige Kustos der Berliner Kunstbibliothek 1936 nach seiner Auswanderung in die USA mit 25 000 von ihm selbst aufgenommenen Negativen gründete. Von 1995 bis 2015 gehörte das Bettmann-Archiv zu Bill Gates’ Firma Corbis, die ein ikonografisches Kapital von 100 Millionen Bildern aufbauen wollte.

Die Sammlung, die das menschliche Leben in seiner Gesamtheit erfassen sollte, wird ebenfalls im Innern eines Bergs aufbewahrt, in diesem Fall in Boyers in Pennsylvania. 2016 wurde Corbis an Unity Glory verkauft, ein Unternehmen der chinesischen Visual China Group, und die wiederum hat die Vermarktung und Lizensierung ihres Bilderschatzes außerhalb Chinas inzwischen der Agentur Getty Images übertragen, Corbis’ einstigem Hauptkonkurrenten.

Diese Beispiele aus Ahnenforschung und Fotografie verweisen auf ein allgemeineres Phänomen: die Kapitalisierung des Menschheitserbes. Dokumente aus historischen Archiven verwandeln sich in digitales Kapital mit großem Vernetzungswert. Da die historischen und ikonografischen Quellen aber begrenzt bleiben, stellt sich die Frage, welches Risiko solche Monopole für die Archivierung, den Zugang zu den Sammlungen und die Wiederverwendungsmöglichkeiten der Daten bedeuten.

Angesichts dieser Entwicklung müsste eigentlich der Begriff des Welterbes als universelles Gemeingut neu definiert werden. Die massenhaften Informationen über unsere Vergangenheit betreffen nicht nur das kulturelle Interesse einzelner Länder oder Völker. Sie überschreiten längst zeitliche und räumliche Grenzen – und könnten mit ihrer weltweiten Bedeutung auch zu einer wichtigen Ressource für Kritik und Gegenöffentlichkeit werden.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Frédéric Kaplan und Isabella di Lenardo arbeiten am Labor für digitale Geisteswissenschaft der Polytechnischen Hochschule Lausanne in der Schweiz.

Le Monde diplomatique vom 08.02.2018, Frédéric Kaplan