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Brief aus Bloemfontein

Brief aus Bloemfontein

von Johann Rossouw

Dezember 2017. Seit fünf Tagen sitze ich wie gebannt vor dem Fernseher und verfolge den Wahlkongress des ANC. Wer wird den Parteivorsitz übernehmen? Cyril Ramaphosa, den Mandela als seinen Nachfolger ausersehen hatte, oder Jacob Zumas Exfrau Nkosazana Dlamini-Zuma, deren Aufgabe vor allem darin besteht, den korrupten Nochpräsidenten vor dem Gefängnis zu bewahren.

Mai 2008, Pretoria. Das Foto der verkohlten Leiche eines Migranten aus Mosambik, den einige meiner schwarzen Landsleute angezündet hatten, wird zum Sinnbild der fremdenfeindlichen Übergriffe, bei denen mehr als 60 schwarze Ausländer getötet werden. Die Regierung Mbeki tut wochenlang nichts, um die Ausschreitungen zu verhindern. Nur der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu fordert öffentlich, dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

Ich fühle mich zurückversetzt in das Jahr 1986. Ich bin 16 und wohne in Verwoerdburg, einem Vorort im Süden Pretorias, benannt nach dem Chefarchitekten der Apartheid, Hendrik Verwoerd. Die revoltierenden Townships brennen. Präsident Botha verhängt den Ausnahmezustand und sorgt für „Ordnung“ – zu einem blutigen Preis.

Die Ironie ist unübersehbar: 2008 unterließ es eine legitime Regierung der schwarzen Mehrheit, zu tun, was einer illegitimen Regierung der weißen Minderheit 22 Jahre zuvor gelungen war. Der Traum von der Post-Apartheid zerbrach.

Einige Monate zuvor hatte ich meine Arbeit bei einer NGO aufgegeben, deren Ziel es war, die afrikaanssprachigen Südafrikaner zu einer demokratischen, nicht rassisch definierten Community im neuen Post-Apartheid-Staat zu machen. Ich kündigte wegen grundsätzlicher Differenzen mit meinen Vorgesetzten. Ich fühlte mich verraten: Nach jahrelangem Engagement für die früheren Unterdrücker und vielen persönlichen Konflikten stand ich nun allein in der Kälte. Und ich hatte das Gefühl, der südafrikanische Staat würde zusammenbrechen.

Da ich mich weder in meiner Afrikaans-Community noch in meinem Staat mehr zu Hause fühlte, dachte ich, meine Familie hätte nur eine Zukunft, wenn ich meine akademische Laufbahn wieder aufnehmen würde. In Melbourne fand ich eine Art freiwilliges Exil, wo ich meine Dissertation abschließen wollte.

Das freundliche Melbourne, Australiens kulturelle Metropole, hieß uns mit offenen Armen willkommen. Nichts von der Gewalt, die den südafrikanischen Alltag zeichnet. Nichts von der unmenschlichen sozialen Ungleichheit. Nichts von Korruption und schlechter Regierung, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie seit hundert Jahren in Südafrika.

Aber es war kein Zuhause. Das war wohl der Grund, warum meine Frau Rika und ich unsere Zeit in Australien nie als Emigration, sondern als vorübergehenden Aufenthalt empfanden. Drei Jahre lang fuhr ich nicht nach Hause, vielleicht weil ich ahnte, dass ein kurzer Besuch zu bitter wäre.

Irgendwann diskutierte ich mit einem Veteranen der australischen Linken über die Beziehung zwischen Land und Leuten in unseren beiden Ländern. Ich erzählte ihm von Breyten Breytenbach, dem großen afri­kaans­spra­chigen Dichter, der einmal über Südafrika gesagt hat: „Das Land gehört niemandem.“ Daraufhin erzählte der australische Freund, dass einige Aborigine-Stämme von sich sagen: „Wir gehören dem Land.“ Erst später sollte ich diesen weisen Satz in seiner ganzen Bedeutung verstehen.

Im Mai 2011 wurde ein guter Freund von mir überraschend Dekan am Philosophischen Institut der University of the Free State (UFS) von Bloem­fon­tein. Seit fünfzig Jahren war es die erste externe Berufung. Fünf Monate später wurde ich als zweiter Außenseiter eingeladen, dort zu lehren.

Ich war irgendwie erleichtert, dass wir nicht nach Pretoria zurückkehrten. Die Stadt meiner Jugend hatte sich schon vor 2008 so stark verändert, dass ich mich wie ein Fremder gefühlt hatte. Die Straßennamen waren ausgewechselt, alle Wohnhäuser an der Hauptstraße waren nun Geschäftshäuser, und überall schossen neue Malls und Bürotürme aus dem Boden, die sich mit ihren Glas- und Granitfassaden gegenseitig übertrumpfen wollten. Der Sieg des Konsums über das Gemeinwesen.

Über Bloemfontein wusste ich nicht viel. Der 1850 gegründete Ort war seit 1854 Hauptstadt der kleinen Burenrepublik Oranje-Freistaat. Während des zweiten Burenkriegs (1899–1902) wurde die Stadt von den Engländern erobert und 1910 von der Südafrikanischen Union geschluckt.

Sie liegt heute in der Mitte der Republik Südafrika, hat etwa 300 000 Einwohner und seit dem Ende der Apartheid keine große Bedeutung mehr. Die einstige Justizmetropole – als Sitz des obersten Berufungsgerichts – verlor ihren Glanz, als das neue Verfassungsgericht nach Johannesburg zog, und hatte sonst kaum etwas zu bieten. Glaubte ich.

Doch dann entdeckten wir in dieser bescheidenen Provinzstadt, dass selbst Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, wieder nach Hause kommen können. Inmitten einer endlosen staubigen Buschlandebene und unter einem kristallklaren Himmel, den der große Schriftsteller Karel Schoeman in vielen seiner Werke in überaus poe­ti­schem Afrikaans beschworen hat, wurden wir mit unendlich großzügiger Herzlichkeit von Afrikaans wie von Sesotho sprechenden Mitbürgern aufgenommen. In dieser landwirtschaftlichen Region, wo alles vom häufig ausbleibenden Regen abhängt, wurde mir klar, dass nichts selbstverständlich ist.

Aber die ländliche Idylle konnte nicht von Dauer sein.

Die vormals rein weiße Universität hatte 1983 mit knapper Mehrheit beschlossen, schwarze Studenten aufzunehmen. Doch erst als eine kleine Gruppe aufgeklärter Afrikaaner durchgesetzt hatte, auch englischsprachige Kurse anzubieten, schrieben sich schwarze Studenten an der University of the Free State ein. Unter den vormals weißen afrikaanssprachigen Universitäten hatte die UFS bald die meisten schwarzen Studenten.

Doch 2015 gab die Universitätsleitung, sich einer Anti-Afrikaans-Welle anpassend, die zweisprachige Lehre auf. Nun mussten alle auf Englisch, also in ihrer Zweitsprache, lehren und studieren. Dabei sind heute zwei Drittel aller Afrikaans-Muttersprachler Farbige oder Schwarze – weshalb der Autor Jan Rabie von Afrikaans als „Südafrikas größter nichtrassischer Errungenschaft“ spricht.

Mit der Reduzierung auf die Lehrsprache Englisch war ich im Namen des Fortschritts und der sozialen Gerechtigkeit meiner Muttersprache beraubt. Man kann das als eine Art Selbstkolonisierung bezeichnen.

Wieder einmal fühlte ich mich wie ein Fremder.

Trost fand ich beim Wiederlesen von Schoemans späten Romanen wie „In einem fremden Land“ über Bloem­fon­tein im 19. Jahrhundert: „Die Sonne war untergegangen. Jeglicher Farbtönung beraubt, wölbte sich die Himmelskuppel über dem weiten Bogen der Erde, Leere, die Leere spiegelt, Leere durch Leere ausgeglichen, entleerte Fläche an entleerte Fläche grenzend wie zwei Klappen einer Muschel, als ob für einen Sekundenbruchteil plötzlich alles vollendet sei.“ Und mir wurde klar, dass seine Romane auch der Frage nachgehen, was es bedeutet, auf Afrikaans zu diesem Land zu gehören – einer Sprache der Unterdrückung und Freiheit, des Verlustes, der Farben und der Leere.

In Bloemfontein auf Afrikaans zu diesem Land zu gehören, bedeutet, dass man zuhört, bevor man spricht. Dass man spürt, wie sich heute alle in diesem Land enteignet fühlen: die zornigen Studenten, die 2016 den Unibetrieb wegen der Studiengebühren lahmlegten, die Bauern und Landarbeiter, die jederzeit einen Angriff auf ihre Farmen befürchten müssen, die wachsende Armee der Arbeitslosen. Und dass man begreift: Trotz einer weitgehend gleichgültigen politischen Elite gibt es noch uns: die Menschen dieses Landes. Wir haben immer noch einander und finden stillschweigend neue Arten des Miteinanders, in den Schulen, am Arbeitsplatz oder beim Sport.

Am 1. Mai 2017 hat sich Schoeman im Alter von 77 Jahren das Leben genommen. Ich fand keine Worte, zog mich eine Zeit lang in die Stille zurück und sah dem Herbst zu, in seinem leuchtenden Rot, Gelb, Orange. Und rief mir die letzten Sätze aus „In einem fremden Land“ in Erinnerung: „Das unbekannte Land wurde vertraut, und der Mensch, der nur durchreisen wollte, konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass er einstmals beabsichtigt hatte, möglichst bald weiterzureisen, denn nach der Hälfte der Strecke schon entdeckte man überrascht, dass die Reise vollendet, das Ziel bereits erreicht war.“

Ich war zu Hause. Ich gehöre dem Land. Ich kann nicht weg, ich will es auch nicht.

Zehn Jahre und zwei Tage nachdem Zuma Präsident des ANC geworden war, wählte der ANC-Kongress Ramaphosa zu seinem Nachfolger, mit einer Mehrheit von 52 Prozent. Südafrika hat es wieder nach Hause geschafft, wenn auch nur knapp.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Johann Rossouw lehrt Philosophie an der Universität von Bloemfontein und ist Autor mehrerer Romane auf Afrikaans.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.01.2018, Johann Rossouw