Geistige Brandstifter

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Edito. Geistige Brandstifter

Geistige Brandstifter

von Serge Halimi

Frankreich hat in den vergangenen Wochen wieder mal einen Anfall von politisch-medialem Irrsinn erlebt. Auslöser war eine Charlie-Hebdo-Karikatur. Am 8. November war auf einem feuer­roten Cover Edwy Plenel, Chef der Onlinezeitung Mediapart, als Komplize von Tariq Ramadan attackiert worden („Mediapart enthüllt: Man wusste es nicht“). Dem Islamwissenschaftler wird vorgeworfen, zwei Studentinnen vergewaltigt zu haben (weshalb Charlie Hebdo am 1. November Ramadan mit erigiertem Penis persiflierte: „Ich bin die sechste Säule des Islam“). Zur Krönung der auf allen Kanälen breitgetretenen Debatte folgte wie üblich die ganz große Frage nach der Rolle der Muslime in der Französischen Republik.

Am 4. Oktober 1989, damals stand in Berlin noch die Mauer, war in Frankreich die erste heftige Islamdebatte ausgebrochen. Ein Schuldirektor hatte drei muslimische Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie ihr Kopftuch nicht ablegen wollten. Der untergründige Kontext der „Kopftuch-Affäre von Creil“ war jedoch die – unbestreitbare und von den USA und Saudi-Arabien unterstützte – globale Ausbreitung des konservativen politischen Islam. Fasziniert von den religiösen Wider­standskämpfern gegen die sowjetische Invasion Afghanistans (1979–1989), bejubelte die westliche Presse mitsamt ihren Vorzeigeintellektuellen damals den Dschihad.

Auch der aktuelle Streit verhüllt wieder einmal den allgemeinen Zusammenhang, ohne zu einer wie auch immer gearteten Aufklärung beizutragen. Eigentlich haben Plenel und der Charlie-Hebdo-Chefredakteur Riss ähnliche politische Ansichten; beide haben beispielsweise im Präsidentschaftswahlkampf Macron unterstützt. Doch nun haben sie sich dermaßen ineinander verbissen, dass keine Lösung in Sicht scheint. Plenel fühlte sich durch die (unfaire) Karikatur so verletzt, dass er dem Satireblatt vorwarf, es wolle einen „Krieg gegen die Muslime“ entfachen. Er verglich das Charlie-Hebdo-Cover sogar mit dem Affiche Rouge, dem Propagandaplakat aus der Nazizeit zur Denunziation französischer Widerstandskämpfer.

Riss fand wiederum, Plenels Äuße­rung komme einem „Mordaufruf“ gleich, der „jetzt schon die freispricht, die uns morgen umbringen werden“. Das ist zwar eine verständliche Reaktion – er ist einer der wenigen Überlebenden des Attentats auf die Charlie-Hebdo-Redaktion. Doch Riss’ letzte Attacke gegen Plenel, dessen Formulierung „Krieg gegen die Muslime“ natürlich nicht wörtlich gemeint war, wurde nicht nur von vielen Leitartiklern aufgegriffen und verteidigt. Mario Stasi, Präsident der Liga gegen Rassismus und Antisemitismus (Licra), ging gegenüber dem Figaro sogar so weit zu behaupten, dass es an den „linken Islamfreunden“ liege, wenn es „in den staatlichen Schulen von Seine-Saint-Denis keine jüdischen Kinder mehr gibt“.

In Frankreich wurden Religionskriege nicht immer nur mit Worten ausgefochten. Haben denn die Medien, die sich derzeit ohnehin nicht mit Ruhm bekleckern, nichts Besseres zu tun, als den nächsten vorzubereiten?

⇥Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 07.12.2017, von Serge Halimi

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