Die schönen Feministinnen

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Die schönen Feministinnen

Die schönen Feministinnen

von Katharina Döbler

So viel Feminismus war schon lange nicht mehr. Große Kampagnen in den großen Zeitungen zur Verteidigung der Frauen. Noch nie waren Opfer sexueller Übergriffe so schön und so prominent. Erfolgreiche Frauen klagen mächtige Männer an. Da ist etwas ins Rollen gekommen. Denkt man. Denkt frau. Denke ich. Nur was?

Es ist noch nicht so lange her, da wurde der mögliche französische Präsidentschaftskandidat Dominique Strauss-Kahn von einem Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel der sexuellen Nötigung bezichtigt. Die Empörung war groß. Dann wurde sie kleiner und kleiner und kleiner und verschwand. Und kurz danach die Sache mit Rainer Brüderle, dem FDP-Politiker, der sich über die Brüste, das Alter und die Trinkfestigkeit einer Journalistin des Stern ausließ: schmierige Anzüglichkeiten nach Herrenabend-Manier, wie sie viele Frauen in ihrem Leben zu hören bekommen.

Die Folge war der Hashtag #Aufschrei. Und die Wiederauferstehung der alten Debatte – die immer noch anhält –, ob Feministinnen womöglich so verklemmt sind, dass sie Komplimente von Männern schon als eine Form der sexuellen Belästigung auffassten. Und überhaupt: Sind Emanzen verklemmt, weil sie Emanzen sind, oder sind sie Emanzen, weil sie verklemmt sind? Auch das ist eine Debatte im Geschlechterkrieg, der in der Wahl der Themen keine Untergrenze kennt.

Eine andere dreht sich darum, ob die Vorwürfe gegen die Täter mit bestimmten Interessen im Zusammenhang stehen: Es gab Leute, die Strauss-Kahn politisch ausschalten wollten; Brüderle seinen Sexismus vorzuwerfen, hätte der Stern zu einem anderen Zeitpunkt sicher nicht unternommen; und auch Harvey Weinsteins Schweinereien wurden erst an die große Glocke gehängt, als sein Stern längst im Sinken begriffen war. Gewusst hatten es „alle“ schon lange. Ein mächtiger Mann ist eben nur so lange mächtig, wie die Leute tun, was er will, und ansonsten den Mund halten, Männer wie Frauen.

Das ist nun ganz und gar keine neue Erkenntnis. Aber sie fügt dem aktuellen Massenouting der schönen Opfer einen weniger schönen Aspekt hinzu. Viele haben so lange nichts gesagt, sich angepasst, ihren eigenen Vorteil wahrgenommen. Dann war der Mächtige in aller Öffentlichkeit nur noch der widerwärtige alte Sack, der er immer schon war. Die Demütigung, die darin liegt, von einem alten Sack begrabscht und bedrängt zu werden, wurde plötzlich präsentabel. Und die Rolle seines Opfers, jedenfalls im glamourösen Kontext Hollywoods, etwas Ehrenwertes und der Karriere eher dienlich.

Das ist es, was mir Unbehagen bereitete, als mehrere Leitkulturmedien plötzlich gleichzeitig mit den gelifteten oder jungen Gesichtern von Schauspielerinnen aufmachten und sie als Opfer präsentierten. Dazu die Bilder des fetten alten Hollywoodtycoons, der in seinen SUV steigt.

Das bringt Auflage. Das setzt Fantasien in Gang. Da speicheln die Herren in den Redaktionen, die die Ereignisse mit viel Frauenverständnis kommentieren; und auch die Leser im ICE. Und die Leserinnen? Sind eingeladen zu einer weiteren Identifikation mit Frauen, deren Beruf sie ohnehin zu Rollenvorbildern macht. Die Identifikation geht noch weiter: Die Schönen sind die Schwestern im Unglück. Denn so ziemlich alle Frauen, nehme ich jedenfalls an, kennen dieses spezielle weibliche Unglück: gedemütigt zu werden wegen ihres Geschlechts.

Für mich begann es mit den Sprüchen, die für die Dreizehnjährige die Welt zu einem bedrohlichen Ort machten: Komm her, Kleine, ich zeig dir was Schönes. Da half auch das spätere Punkoutfit mit Nieten und Lederjacke nicht. Der Spruch hieß dann: Wasch dich mal, dann fick ich dich. Einfach so, von Fremden auf der Straße.

Rebecca Solnit schreibt in ihrem Buch „Wanderlust. A History of Walking“ einen Satz, den ich sofort unterschreiben würde: „... dass die Welt voller Fremder war, die mich ausschließlich wegen meines Geschlechts zu hassen schienen und mir etwas antun wollten, dass Sex so schnell in Gewalt umschlug und dass dieser Umstand nicht zum öffentlichen Thema gemacht, sondern zum Privatproblem erklärt wurde, das war die niederschmetterndste Erfahrung meines Lebens.“ Nun ist dieser Umstand zum öffentlichen Thema geworden. Einerseits.

Andererseits hat dieser Umstand, der kein Umstand ist, sondern ein kultureller und sozialer Zustand, viele und durchaus auch subtile Facetten.

Da sitzen eine gute Handvoll relativ bekannter Linksintellektueller in einer Tischrunde zusammen, sie haben eine gut besuchte Podiumsdiskussion absolviert und entspannen sich, von jungen Praktikantinnen mit Rotwein und Aufmerksamkeit versorgt. Man redet so über Krieg, Frieden, Kunst und Intrigen, Gesprächsbeiträge der beiden anwesenden Repräsentantinnen der weiblichen intellektuellen Minderheit werden überhört, aber das kennen die schon aus ähnlichen Runden. Sie haben gelernt, es nicht persönlich zu nehmen. Denken sie. Demütigend ist es dennoch.

Das Gespräch schweift zu privaten Themen, und ein älterer Herr fragt einen noch älteren, ob seine neue Frau denn nun ihr Studium geschafft habe. Der zuckt die Achseln und sagt: Ich brauche keine intelligente Frau, intelligent bin ich selber. Wieherndes Gelächter in der Runde. Die beiden Frauen – und ein einziger Mann – lachen nicht mit. Humorlose Emanzen.

Eine andere Situation: Ein Mann, Spezialist für etwas, und eine Frau, Spezialistin für etwas, sitzen vor großem Publikum. Der Mann, sichtlich begeistert von seiner eigenen Rede, spricht lange und immer länger. Das Publikum zappelt und schweigt. Die Frau traut sich nicht, ihn zu unterbrechen. Schließlich endet sein Redeschwall mit den Worten: Neben mir sitzt jemand, der (sic!) möchte, glaub ich, auch mal was sagen. Das Publikum lacht komplizenhaft.

Gegen solche alltäglichen Demütigungen fühlen sich sexuelle Aufmerksamkeiten – die minder aggressiven jedenfalls – fast schon angenehm an. Empfänglichkeit für die Avancen selbstherrlicher Männer hat vielleicht damit zu tun, dass für Frauen eine andere Art der Aufmerksamkeit – wie etwa angehört werden – von diesen Männern kaum zu bekommen ist.

Vor ungefähr 100 Jahren war das Buch eines Doktor Paul Julius Mö­bius mit dem eingängigen Titel „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ ein Bestseller. Das Weib sei ein Zwischending zwischen Kind und Mann, hieß es darin, das sei eine wissenschaftliche Tatsache, und jede Art der Bildung würde dieses Ding nur überfordern. Deshalb lasse man das lieber. Unendlich lange her, denkt man und frau sowieso. Aber, wie man’s nimmt: Möbius und Sigmund Freud waren Zeitgenossen. Sogar Freunde.

Noch in den 1970er Jahren erklärte der Direktor unseres Mädchengymnasiums (gemischte Gymnasien waren damals noch die Ausnahme), wir sollten unsere Studienplätze den Männern überlassen, die hätten sie nötiger als wir. Was haben wir uns aufgeregt. Über all das. In Frauengruppen, die es eine Zeit lang massenhaft gab, haben wir es uns gegenseitig erzählt. Es Männern gegenüber zur Sprache zu bringen, war schon schwieriger. „Sie sind doch keine Feministin, oder? Das haben Sie bei Ihrem Aussehen doch nicht nötig!“ Was tun mit einem so hinterhältigen Kompliment, einem kaum verschleierten Angebot zur Kumpanei in Verachtung? Entweder Komplizin werden. Oder Opfer.

Das aber ist der Schlüsselbegriff des ganzen #MeToo-Aufruhrs.

Mit dem Medienhype der letzten Wochen sind wir in eine alte Falle getappt: die Rolle des schönen Opfers. Sexy und passiv. Opfer sein ist stets die Position der moralischen Überlegenheit, die einzig mögliche Machtposition der Ohnmächtigen. Dabei ist es doch – eigentlich – unser Bestreben, aus dieser Rolle herauszufinden. Am besten gar nicht erst hinein. Stattdessen überschwemmen uns die alten Märchenbilder: die Schönen und das Biest.

In der medialen Sexualisierung des Feminismus, die hier stattfindet, geht die Empörung über alles andere, aus dem die Zurücksetzung von Frauen besteht, stillschweigend unter. Eine Empörung übrigens, die es nie so richtig über die Frauenzirkel und -zeitungen hinaus geschafft hat.

Nun verteidigen männliche Leitartikler die Tugend der schönen Frauen gegen sexuelle Übergriffe. In denselben Medien arbeiten Frauen oft für ein Viertel weniger Gehalt als ihre Kollegen. Aber Gehaltsfragen sind nicht sexy und rufen auch keine Beschützerinstinkte wach. So wenig wie intelligente Frauen.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.12.2017, von Katharina Döbler

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