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Nützlichkeit der Schurken

von Dany-Robert Dufour

Die Bienenfabel, deren erste Fassung 1705 als satirisches Gedicht unter dem Titel „Der unzufriedene Bienenstock oder Die ehrlich gewordenen Schurken“ erschien, erzählt die Geschichte eines Bienenstocks, in dem nicht nur die Geschäfte florieren, sondern auch und insbesondere alle Laster. Grund für den Wohlstand ist die Tatsache, dass alle Bewohner des Stocks mehr oder weniger Diebe sind. Von Schuldgefühlen geplagt, beschließen sie, ehrlich zu werden. Daraufhin verschwinden all die Tätigkeiten, bei denen die einen vom Unglück anderer leben, und das Bienenvolk geht zugrunde. Der Autor war der niederländische Arzt und Sozialtheoretiker Bernard Mandeville, der in London lebte und auf Englisch veröffentlichte.

Die Botschaft ist klar: Seid unehrlich und skrupellos – zum Wohle eurer Mitbürger. 24 Jahre lang entfaltete Mandeville in Dutzenden von Texten und auf Hunderten von Seiten alle Auswirkungen dessen, was er selbst als eine „Art Erzählung in schlechten Reimen“ bezeichnete. Das Ergebnis war eine mehrbändige Abhandlung: „Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile“.

In der protoindustriellen Revolution trug die von Mandeville gelobte Lasterhaftigkeit mit dazu bei, den Geist des Kapitalismus in der Welt zu etablieren – der Soziologe Max Weber schrieb jedoch die Entwicklung im 18. Jahrhundert der auf Luther und Calvin zurückgehenden protestantischen Ethik zu. Für Luther war der Beruf eine von Gott übertragene Aufgabe. Infolge dieser Neubewertung erhielt die Tätigkeit in Handwerk, Handel und so weiter eine spirituelle Würde, die bis dahin den Priestern und Mönchen vorbehalten war.

Dank Calvin verstärkte sich der Arbeitsanreiz noch. Er berief sich auf den von Augustinus geprägten Begriff der göttlichen Prädestination, dem zufolge vorbestimmt ist, wer verdammt und wer gerettet wird – da hilft keine menschliche Fürbitte. Diese Vorherbestimmung wäre eine ewige Quelle der Angst geblieben, wenn sich nicht im Laufe des Erdenlebens gewisse Anzeichen für die göttliche Entscheidung eingestellt hätten – zum Beispiel in Gestalt von wirtschaftlichem Erfolg. Es galt, alles zu unternehmen, um die Herstellung von Waren als Quelle des Reichtums zu fördern und folglich die Rationalisierung und Optimierung aller Prozesse und Werkzeuge voranzutreiben.

Diese Rationalisierung hat sich laut Max Weber vom einen zum anderen und schließlich auf die ganze Gesellschaft ausgebreitet. Ein Name fehlt jedoch in Webers Studien zu den protestantischen Sekten des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, und zwar der von Mandeville, der sich ebenfalls auf den Calvinismus berief und Arbeiten zur Entstehung des Reichtums schrieb. Erst 1920, kurz vor seinem Tod, sprach Weber eher beiläufig von Mandeville. Und zwar just in dem Moment, wo er meinte, im Kapitalismus das „stahlharte Gehäuse“ zu erkennen, das alle Lebensbereiche einzig dem Zweck des Profits unterordnet.

Wie Drogen dem Gemeinwohl dienen

Für Mandeville stand am Anfang dessen, was man Kapitalismus nennt, das Laster, nicht die Tugend. Mehr noch: das Laster als dessen Triebfeder. Davon zeugt auch die zentrale Maxime der Bienenfabel: „Die privaten Laster werden zur öffentlichen Tugend“ – nicht nur, weil die Laster moralische Hemmnisse abbauen, sondern auch, weil sie, indem sie den Appetit anregen, am Ende zu einem Wohlstand führen, der allmählich von den oberen Gesellschaftsschichten nach unten durchsickert. Folglich gelangt man vom Zustand des Mangels zum Zustand des Überflusses. Krieg, Diebstahl, Prostitution, Drogen, Profitgier, Luxus und so weiter tragen seiner Meinung nach zum Gemeinwohl bei und seien letztlich „von Vorteil für die Gesellschaft“.

Mandeville räumt zwar ein, dass Diebstahl verwerflich ist, führt aber aus: „Stiehlt man einem alten Geizhals, der fast 100 000 Pfund Sterling besitzt, aber im Jahr nur 50 davon ausgibt, 500 oder 1000 Guineen, (...) so fließt dieses gestohlene Geld sicherlich sofort in den Handelskreislauf, und die Nation gewinnt durch den Diebstahl. Sie zieht daraus den gleichen Nutzen, als hätte ein frommer Erzbischof dieselbe Summe der Öffentlichkeit vermacht.“

Der Faden ließe sich im Sinne dieser Logik problemlos weiterspinnen. Gäbe es beispielsweise Anwälte oder Architekten, wenn es keine Diebe gäbe? Alle diese Tätigkeiten haben zur Entwicklung der Zivilisation beigetragen – und sind doch dem Dieb zu verdanken. Insofern kann man verstehen, dass Mandevilles Name zu seinen Lebzeiten in „Man Devil“ (Teufelsmensch) abgewandelt wurde und warum seine Werke in England verurteilt, von der Kirche auf den Index gesetzt und in Frankreich auf öffentlichen Plätzen von Henkern verbrannt wurden.

Ebendieser Logik haben sich die einflussreichen Anhänger des gegenwärtigen Neoliberalismus verschrieben: Missbrauch von Machtpositionen, Lohndumping, Insiderhandel, Spekulation, Ausschalten von Konkurrenten, kreative Buchführung, Steuerflucht, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Scheingeschäfte, Korruption, Bereicherung, Überwachung, Erpressung, Denunziation, Verletzung von Arbeitsrechtsbestimmungen, Datenfälschung und vieles mehr sind allesamt Regelverletzungen, die Mandevilles Denken perfekt veranschaulichen: Da Laster Gutes hervorbringen, oder anders gesagt, zum Trickle-down-Effekt führen, sollten wir uns ihnen ohne Scham hingeben!

Mit der Bekräftigung dieses Paradoxons vollzog Mandeville eine metaphysische Wende. Er richtete die Stadt der Menschen nicht mehr am Vorbild der himmlischen Stadt aus, wie Augustinus und ein paar weltfremde Heilige es getan hatten. Sein neues Projekt konnte für die große Mehrheit der Menschen Gültigkeit beanspruchen. Schließlich hat Gott in seiner grenzenlosen Güte für alles gesorgt: Weil aus ihren Lastern und ihrer Lüsternheit eine neue, bessere Weltordnung hervorgeht, müssen sich die Menschen nicht mehr schuldig fühlen. Im Gegenteil, sie sollten ihre Verwerflichkeit hemmungslos ausleben. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790), dem man die Erfindung dieses neuen Systems gewöhnlich zuschreibt, wiederholt das Mande­ville’sche Grundprinzip, wobei er dessen dämonische und provokative Züge ausblendet und ihn in seriöser Wissenschaftlichkeit präsentiert. In „Der Wohlstand der Nationen“ hütet er sich, das Wort „Laster“ positiv zu besetzen, und verwendet stattdessen den neutraleren Begriff der Eigenliebe.

Wenn nur noch das Ergebnis zählt

Smith beruhigt die Gemüter derer, die um ihr Seelenheil besorgt sind, indem er behauptet, die göttliche Vorsehung sorge für einen Ausgleich zum Eigennutz – da ist sie, die berühmte „unsichtbare Hand“ des Marktes. Und so geht bei diesem Vater des Wirtschaftsliberalismus die radikalere Formulierung Mandevilles verloren, der sinngemäß forderte: „Seid zu eurem eigenen Vergnügen so gierig, egoistisch und verschwenderisch wie nur möglich, denn so tut ihr für den Wohlstand eures Landes und für das Glück eurer Mitbürger das Beste, was ihr tun könnt.“

Das spitzfindige Ummünzen von Lastern zu Tugenden ermöglichte die Entstehung einer neuen Religion: des Liberalismus nach englischem Vorbild. Hier erreicht man das göttliche Ziel, indem man strikt die eigenen Interessen verfolgt. Damit eröffnete sich auch ein neues philosophisches Feld: der Utili­ta­ris­mus mit Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) als führenden Vertretern.

Fortan brauchte man nicht mehr zu überlegen, ob eine Handlung ursprünglich tugendhaft war. Entscheidend für die moralische Bewertung von Handlungen war nun einzig deren Ergebnis. Kennzeichen des Utilitarismus ist das Ausblenden der Ursachen und die Aufwertung der vermuteten Folgen – von den späten 1950er Jahren an nannte man das Verantwortungsethik.

Für Utilitaristen kommt es nur darauf an, ob eine Handlung im Ergebnis mehr Beteiligten mehr Glück beschert, wobei Glück als die Maximierung privater Laster (oder, freundlicher ausgedrückt, privaten Vergnügens) und die Minimierung von Leid definiert ist. Aber für wen? Denn dieses pragmatische Aufrechnen führt im wirklichen Leben zu einer Opferlogik. Mandeville wiederholt es immer wieder: Die Armen müssen geopfert werden, sich abmühen und arbeiten, um die Bedürfnisse der Reichen zu befriedigen.

Auch sein Aufsatz über die „öffentlichen Freudenhäuser“ folgt der gleichen „Moral“: Arme Frauen müssten sich opfern, um die Lust der Männer zu befriedigen, die sich dieses Vergnügen leisten können. Aber auch, um die bürgerlichen Frauen vor den allzu derben männlichen Gelüsten zu bewahren – ein Denken, das direkt ins Zentrum des liberalen Menschenbilds führt.

Es lag nicht zuletzt an Max Weber, dass Mandeville ab 1920 in Vergessenheit geriet. Die großen französischen Denker der 1960er Jahre, die sich auf Webers Analysen stützten, ignorierten Mandeville buchstäblich (abgesehen von ein paar Hinweisen bei Bourdieu, Derrida, Deleuze, Foucault oder Lacan). Sie merkten nicht, dass der perverse Untergrund bereits dabei war, den puritanischen Deckmantel wegzureißen.

Die Bienenkönigin von heute dürfte – neben anderen Anwärtern auf dieses Amt – wohl Donald Trump heißen, dessen Haarpracht genauso gelb leuchtet wie der Körper der kleinen Tierchen und der den globalen Bienenkorb regieren möchte, indem er Lüge, Betrug, Verleugnung, unersättliche Profitgier, Umweltausbeutung und schlüpfrige Anspielungen zu seinen Leitprinzipien erhebt. Der „neue Geist des Kapitalismus“ mit seiner Genusssucht und seinem Hedonismus ist – das lehren die Ideen des Bernard Mandeville – womöglich noch viel älter als gedacht.

Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein

Dany-Robert Dufour ist Philosoph. Auf Deutsch erschien: „Die Kunst, Köpfe zu schrumpfen. Die neue Knechtschaft des befreiten Menschen im Zeitalter des totalen Kapitalismus“, aus dem Französischen von Regina Aster und Mechthild Yvon, Wien (Löcker) 2011. Im kommenden Februar erscheint: „Le Délire occidental“, Paris (Agora) 2018.

Le Monde diplomatique vom 07.12.2017, Dany-Robert Dufour