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Brief aus Kairo

von Tom Stevenson

Die Gamaat-ad-Daula-al-Arabija-Straße ist die Hauptachse des Mohandessin-Viertels im Westen Kairos. Der langgezogene Boulevard ist von teuren Geschäften und Cafés gesäumt, die vor allem reiche Ägypter und Touristen aus der Golfregion anziehen.

Geht man auf diesem Boulevard weit genug nach Westen, stößt man auf eine Mauer. Dahinter liegt eine der ärmsten Gegenden Ägyptens. Die Mauer, die Mohandessin vom Nachbarviertel Bulak ad-Dakrur trennt, wurde ursprünglich gebaut, um eine Eisenbahnlinie abzuschirmen. Zugleich schirmt sie jedoch die Reichen vom Anblick des riesigen Slums ab, der ganz in ihrer Nähe immer weiter wuchert.

Will man zu Fuß nach Bulak ad-Dakrur gelangen, muss man einen verrosteten Eisensteg erklimmen, der ins Schwanken gerät, wenn auf den Gleisen darunter die Kohlezüge vorbeidonnern. Die ärmsten Zonen des Slums liegen weiter westlich, aber selbst hier, an seiner Peripherie, fällt der Kontrast sofort ins Auge. Zuerst verschwinden die Autos und dann die Straßen; stattdessen nackte Lehmpisten aus einem Gemisch von Dreck und Plastiktüten.

Die ausgehungerten Hunde, die auf dem Markt am Nordende des Slums nach Essensresten stöbern, sind noch kleiner als ihre Artgenossen im Zentrum Kairos. Die menschlichen Behausungen sind zusammengefügt aus mürben grauen Backsteinen, mit wenig Mörtel dazwischen. Sie stehen dicht an dicht, in endlosen Reihen entlang schnurgerader Straßen, die allenfalls zwei, drei Meter breit sind und voll von spielenden Kindern, die alte Sportklamotten oder irgendwelche Fetzen anhaben.

Obwohl die halbe Kairoer Bevölkerung in Slums wie Bulak ad-Dakrur lebt, bekommen die Bewohner der innerstädtischen Bezirke von solchen Vierteln kaum etwas mit. Sie haben ihre eigenen Probleme. Seit die vom Militär dominierte Regierung vor einem Jahr ein Kreditabkommen mit dem IWF unterzeichnet hat, wird bei allen Kairoern – außer den ganz Reichen – das Geld verdammt knapp. Die Freigabe des Wechselkurses bei gleichzeitiger Streichung staatlicher Subventionen hat die Preise – von Nahrungsmitteln bis zum Strom – um das Zwei- bis Dreifache ansteigen lassen, die Einkommen aber sind gleich geblieben.

Die Ärmsten und die Slumbewohner trifft es am härtesten, aber selbst mittelständische Freiberufler haben große Probleme. Der Militärputsch, mit dem General Abdel Fattah al-Sisi an die Macht kam, ist schon fast vier Jahre her. Im Juli 2013 hatten viele Menschen die Absetzung des Präsidenten Mohammed Mursi und seiner Muslimbrüderschaft bejubelt, aber heute ist die Geduld der Leute fast aufgebraucht.

Bulak ad-Dakrur hat bei allem Elend wenigstens einen Vorteil: Hier kann der Militärstaat nicht so herrisch auftreten wie im Zentrum von Kairo. Die Slums organisieren sich weitgehend ohne den Staat. In den engen Straßen treiben sich zwar viele Polizeispitzel herum, aber das härteste Personal des Regimes – die Geheimdienstleute, die Prügelkolonnen der Bereitschaftspolizei und die paramilitärischen Einheiten – trauen sich nur selten in die Slums. Im Gegensatz zum Stadtzentrum, wo die Polizei-Checkpoints an den großen Kreuzungen rund um die Uhr besetzt sind, um die Allgegenwart der Junta zu demonstrieren.

Am Tahrirplatz waren im Januar 2011 die protestierenden Jugendlichen zusammengeströmt, die Präsident Husni Mubarak dann zum Rücktritt zwangen. Heute erinnert nichts mehr an die revolutionäre Begeisterung von damals. Die ausgebrannte Hülle der Zentrale von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei, die an den Aufstand erinnerte, hat man inzwischen abgerissen. Geblieben ist eine leere Fläche.

Dennoch: Der Tahrirplatz ist in zwei Fragen präsent, die heutzutage alle Ägypter beschäftigen. Die erste lautet: „Ist die Sadat auf?“ Gemeint ist die Metrostation unter dem Tahrirplatz, benannt nach dem ehemaligen Präsidenten Anwar as-Sadat. Die Frage ist wichtig, weil die Obrigkeit die Station beim kleinsten Anzeichen öffentlicher Unruhe schließen lässt. Wenn sich im 200 Kilometer entfernten Alexandria ein paar Leute streiten, macht die Regierung die Sadat-Station dicht, witzeln die Ägypter.

Die zweite ständige Frage lautet: „Werden sie demnächst die Mogamma zumachen?“ Die Mogamma am Tah­rir­platz ist die staatliche Verwaltungszentrale: ein monströser brauner Klotz, praktisch eine Stadt für sich. Der Bau ist ein Labyrinth aus hunderten Büros und Korridoren, in denen sich jeder Besucher unweigerlich verläuft.

Der Stein gewordene bürokratische Albtraum gilt allgemein als Symbol für die Mängel und Gebrechen des ägyptischen Staats. Von einem Plan, den Bau ganz zu schließen und die darin sitzenden Staatsbediensteten auf viele Bürogebäude zu verteilen, ist – nach dem kollektiven Gedächtnis meiner Bekannten – seit mindestens 15 Jahren die Rede; realisiert wurde er nie.

Im Oktober hat die Kampagne zur Wiederwahl von General al-Sisi begonnen, aber in den Straßen merkt man davon nichts. Als al-Sisi vor drei Jahren erstmals gewählt wurde – mit 97 Prozent der Stimmen –, gab es im Zen­trum Kairos kaum eine Wand, die nicht mit seinem Porträt gepflastert war. Die Wahl soll im Frühjahr stattfinden, aber ich habe noch kein einziges Plakat und kein einziges Flugblatt mit ­seiner Wahlparole „Alashan Tbneeha“ („Lasst uns aufbauen“) gesehen. Nur im Parlament und in den Regierungssendern haben ein paar aus der Meute der bekannten Sykophanten begonnen, für die Wiederwahl des Generals zu werben.

„Wie üblich wird es ein Fußballspiel sein, bei dem nur ein Team auf dem Feld ist, aber dieses Mal weiß man nicht mal, wo das Match stattfindet“, meint dazu ein junger Ägypter mit dem üblichen trockenen Humor. Bis vor Kurzem war zu hören, dass einige Leute in der Regierung die Wahlen absagen und die Amtszeit al-Sisis per Dekret um zwei Jahre verlängern wollen. Das Regime scheint also selbst die kleinen Fenster für Kritik zu fürchten, die sich bei Wahlen öffnen, auch wenn deren Verlauf kontrolliert und der Ausgang garantiert wäre.

Neulich fragte ich einen alten Menschenrechtsaktivisten, wie das Ausbleiben einer öffentlichen Wahlkampagne zu erklären sei. Die lakonische Antwort: „Die wissen genau, dass diesmal alle Plakate beschmiert oder abgerissen würden.“

Die populäre Rockband Cairokee thematisiert die allgemeine Misere in ihrem neuen Album. In ihren Texten wird die Obrigkeit ganz offen angegriffen: „Ist dieses Land zu einem Zirkus geworden?“, heißt es in einem besonders kritischen Song, „die Menschen gehen wie Zombies durch die Straßen; die Welt um uns herum bewegt sich voran, und wir stecken im Steinzeitalter fest …“ Der Text schildert, wie jemand die schlafende Sphinx aufweckt, um ihr zu berichten, was die modernen Herrscher mit Ägypten angerichtet haben. Die Sphinx erleidet einen Herzschlag, und der Text kommentiert: „Derselbe Betrug, dieselbe Korruption, dieselben Idioten und Schwachköpfe, die auf unsere Kosten leben.“

Woher solcher Zorn kommt, ist leicht zu verstehen. In den letzten vier Jahren sind viele Jugendliche im Knast gelandet, in einem gigantischen Gefängnissystem, wo Folter an der Tagesordnung ist. Was Hinrichtungen betrifft, gehört das Land inzwischen zur Weltspitze: In Ägypten verhängten die Gerichte letztes Jahr mehr Todesurteile als in Saudi-Arabien. Die Geheimpolizei lässt immer mehr Menschen einfach verschwinden. Aber selbst solche außergerichtlichen Hinrichtungen scheinen die Regierungen Westeuropas und der USA nicht zu stören, die al-Sisi weiterhin unterstützen.

Der Aufstand gegen Mubarak Anfang 2011 begann mit etwa einem Dutzend Protestmärschen. Nur einer ist damals bis zum Tahrirplatz durchgekommen, es war der aus Bulak ad-Dakrur. Diesen Protestzug konnte die Polizei nicht abfangen, weil er nicht in den sozialen Medien angekündigt worden war (die internationale Presse hat damals den Einfluss der sozialen Medien bis ins Absurde übertrieben). Ist es überraschend, wenn Menschen, die in einem solchen Elend leben, den Sturz des Präsidenten für eine gute Idee halten?

Dieselben Bedingungen, die 2011 zum Aufstand führten, existieren heute unter al-Sisi – und nicht nur in den Slums. Tatsächlich ist die Lage in jeder Hinsicht unvergleichlich schlechter. Aber seit 2011 hat auch die staatliche Repression zugenommen; Massendemonstrationen wie damals wären heute fast unmöglich. Und das, obwohl nicht eines der fundamentalen Probleme Ägypten gelöst worden ist.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Tom Stevenson ist Journalist in Kairo.

© Le Monde diplomatique

Le Monde diplomatique vom 09.11.2017, Tom Stevenson