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Archipel Europa

von Karl Schlögel

Das Europa des Kalten Krieges hat sich aufgelöst. Wo einmal ein homogener Raum war – „der Osten“, „der Westen“ – sind jetzt Fragmente, Enklaven, Inseln. Für manche ist das nur Stückwerk, aber in Wahrheit sind es die Teile, aus denen das neue Europa sich zusammenfügt.

Rotterdam, Europort, Mouth of Europe. Europa hat seine eingebildeten Hauptstädte und seine wahren. In den eingebildeten laufen die Inszenierungen der Macht, die Rituale der Selbstdarstellung. Von dort kommt der Hintergrund der Pressekonferenz, auf denen die Mächtigen sich erklären. Aus den wahren Hauptstädten kommen keine Presseerklärungen. Sie drehen sich um Alltagsgeschäfte, nicht um Haupt- und Staatsaktionen. Rotterdam ist eine Hauptstadt Europas, von der alle leben, von der aber kaum jemand Notiz nimmt. Über Rotterdam wendet sich Europa den Weltmeeren, der Welt zu. Im Delta von Schelde, Maas und Rhein ergießt sich der größte Strom des westlichen Europa ins Meer. Über das Delta nimmt die Welt Kontakt auf mit Europa. Alle großen europäischen Verkehrslinien führen nach Rotterdam, von Rotterdam führen die Wege nach ganz Europa, vor allem den Rhein hinauf: Ruhrgebiet, Köln, Frankfurt, Straßburg, Basel, Lyon, Marseille, Barcelona, Mailand. Rotterdam ist der Endpunkt der „blauen Banane“, jener Hochenergie- und Hochleistungszone, die zu einer der Hauptachsen Europas geworden ist. Die angemessenste Form, sich mit dieser Hauptstadt Europas vertraut zu machen, ist die einer Rundfahrt im Rotterdamer Hafen, wenn das Schiff durch die Hafenbecken gleitet, zwischen den abertausenden, turmhoch gestapelten Containern hindurch, jenen Städten, die ständig in Bewegung sind, bald emporwachsen und bald abgetragen und anderswohin transportiert werden. Sie haben noch alte Namen, die etwas vom alten, vom kolonialen Europa erzählen, von Batavia, Sumatra usf. Wer wissen will, was hier zusammenläuft, muss sich die Aufschriften auf den Containern ansehen, die Flaggen auf den Schiffen, den Tankern, muss sich die Namen der Reedereien und Speditionen notieren. Rotterdam ist die Stadt des großen Erasmus, aber vor allem der Ort, an dem Europa gedacht, gemacht wird: jeden Tag, Stunde für Stunde. Käme die Rotterdamer Bewegung zum Stillstand, würde der Mund und die Mündung Europas für einen Augenblick auch nur geschlossen, der ganze Kontinent würde sich in Konvulsionen winden, die Bewegung auf den Autobahnen käme zum Stillstand, die Anzeigentafeln in den Börsensälen würden verrückt spielen. In Rotterdam wird das Tempo Europas gemacht. In Rotterdam beginnt jedes Stückgut seine Reise nach Europa. Europa hängt an Rotterdam, wo diese Bewegung beginnt. Und Rotterdam ist eine neue Stadt. Die Stadt, die samt ihren Werften und Kaianlagen durch die deutschen Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt war, ist ein großer Neubau, wie Europa nach 1945.

Heathrow: Die Kreisbewegungen im Himmel über London. Kein Ort in Europa ist so nah an der Welt wie London. Fast immer hat man eine halbe Stunde Zeit, darüber nachzudenken, wenn das Flugzeug sich London-Heathrow nähert, aber in der Warteschleife warten muss. Das Flugzeug schraubt sich hinab, im Verbund mit den anderen Flugzeugen, die auch noch nicht an der Reihe sind. Man hat Zeit, das Stadtbild zu studieren, wenn man mehrmals über dieselben Stellen hinwegfliegt: Greenwich, Canary Wharf, Tower Bridge, das Parlament, Hyde Park, Windsor Castle, ein Schwenk nach Norden und Osten und das Ganze noch einmal. Mit den Terminals streckt sich London der Welt entgegen, versucht Ordnung in das Chaos der Bewegungen zu bringen, sie zu kanalisieren, zu ordnen. Welche Masse der unentwegt Bewegten. Welche Geduld der Bewegungserfahrenen. Wie sie sich versiert, erfahren, unaufgeregt durch die Tunnels, die Lifte, die Umleitungen, die Treppen hinauf- und hinabbewegen. Ein Relais, ein Scharnier des Weltverkehrs. Ein Tor zur Welt, das mit seinen Labyrinthen eher unter der Erdoberfläche liegt. Europa und die Welt – das ist die Prozedur: Check-in, Pass vorzeigen, Security, die geübte Geste, das Lächeln, die Routine. Die eingeübte, gelernte, zur zweiten Natur gewordene Weltläufigkeit. In der sich hinabschraubenden Bewegung im Himmel über London ist etwas vom Sog Europas und von der Attraktion der Welt draußen zu spüren. Die Verbindung zur Welt, die täglich, stündlich, auf die Sekunde genau hergestellt wird, ist mehr Kraft, mehr Evidenz als in den Löwen, die das Empire symbolisieren und mehr Plausibilität als in den Imperial Archives. Diese Schraubenbewegungen, die Warteschleifen im Himmel von London, verbinden Europa mit der Welt. Stau, Potenz, Andrang.

Die Schwimmer im Thermalbad des Hotel Gellert, Budapest. Im Gellert, das seiner Übernahme durch eine starke Aktiengesellschaft entgegensieht, schwimmen noch immer die Gäste. Man tritt gleichsam auf die Veranda hinaus, hat vor sich die Budaer Berge und im Rücken die Stadt, genießt die heißen Quellen und ist doch im Zentrum einer Metropole. Das Publikum besteht – winters wie sommers – aus älteren Herrschaften. Die jungen Leute bevorzugen Gyms und Fitnesscenter. Die Schwimmer im Bassin des Gellert kommen aus Österreich, Deutschland, Holland, Italien. Sie waren die Gewinnler der europäischen Einigung schon vor der EU-Erweiterung, und wenigstens noch für die Zeit, da die Luxussanierung noch nicht abgeschlossen ist. Die wohl situierten Gäste, die mit Bussen in die Stadt gekommen sind, füllen die großbürgerlich-feudalen Kulissen. Auch das Europa der Rentiers hat seine Orte: das Thermalbad des Gellert, die Hotelanlagen auf den Balearen, die Überwinterungszentren an der türkischen Riviera. Aber die Inwertsetzung, die sich vorerst der Rentner bedient, wird dem Rentiersaufenthalt bald ein Ende setzen – oder hat es schon getan. Die luxuriöse Geselligkeit der Alten, die meist aus dem Westen kommen, ist durchaus der Rede wert. Es macht einen Unterschied in Europa, ob man alt wird oder Senior ist.

Edward Hoppers Tankstelle: LUKOIL, ORLEN, BP, SHELL. Das neue Europa hat eine neue Farbe. Sie sticht gegen den Nachthimmel. Sie ist grell. Sie ist unverwechselbar wie das Zeichen. Der Schriftzug der Ölgesellschaft ist ein Signal, das man schon von ferne erkennt. Er ist die Signatur des mobil gewordenen östlichen Europa. Das neue Europa ist mobil. Das mobile Europa ist Tankstelleneuropa. Tankstellen haben einen Stil, eine Ästhetik, ein Design. Es erinnert an die trostlos-lakonischen Bilder von Edward Hopper. Zum Tankstellendesign gehören: dass sie neu sind, das sie transparent sind, dass sie leuchten in allen Neonfarben, vorzugsweise in den Farben der Company – Shell, BP, Aral usf. –, dass sie den ganzen Regenbogen des standardisierten Sortiments an Getränken, Magazinen, Zigaretten haben. Sie waren die Pioniere der Digitalisierung und des alltäglichen bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Die digitalisierten Preisschilder geben die leiseste Schwankung auf dem Erdölmarkt weiter, egal wo wir sind. Die Welt, die einmal feststand, die Preise, die so sicher waren wie die Staatsmacht, schwanken nun so zart und sensibel wie ein Lufthauch oder ein Schmetterlingsflügel. Alles geht nun schnell. Der Übergang zur neuen Routine ist spurlos vollzogen, das Umrechnen geht vor sich, als hätte es niemals zuvor fremde Währungen und Verdacht gegeben. Die Tankstellen im neuen Europa sind Zentrifugen der Routinisierung und Normalisierung. Wie überall in der Welt finden sich Leute ein, die dort nur ihren Kaffee oder ihr Bier trinken wollen. Sie wirken wie Fossilien in einer Welt, in der alles neu geworden ist. Die Internationale der Tankstellen macht das Leben leicht, schnell, unbedenklich. Man kann sich auf Wichtigeres konzentrieren.

Ikea an der Leningrader Chaussee. Europäisierung ist Herstellung einheitlicher Standards: im Design, im Service, in den Routinen der Logistik, im Rhythmus von Arbeiten und Freizeit. Ganz Europa ruht auf der Erwartung, dass die Routinen unverrückbar und unerschütterlich sind. Ikea ist eine komplette Welt, ein internationales Netz von Filialen. Das Erstaunlichste daran sind nicht die Lampen oder die Regale, sondern die Homogenität der Standards. Sie sind so einheitlich, wie das Design der Möbel. Eine Institution wie Ikea verkauft Präzision, Verlässlichkeit. Ikea ist identisch, wo immer eine Filiale eröffnet. Ikea an der Leningrader Chaussee im Moskauer Norden, nun auch an der Warschauer Chaussee und an anderen Stellen weitet das Imperium der identischen Maßstäbe und des identischen Designs aus. Es wird zum Maß anderer Dinge.

Hochgeschwindigkeitstrassen. Europa wird Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag hergestellt. Die Bewegung, die es zusammenhält, ist sein Grundmodus. Würde die Bewegung auch nur für einen Augenblick aussetzen, Europa fiele in seine Bestandteile auseinander. Die Verfertigung Europas kann man bevorzugt an bestimmten Plätzen studieren: auf Flughäfen, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitstrassen. Die Hochgeschwindigkeitsverbindungen machen das große Europa zu einem kleinen Kontinent. Die Grenzen der einzelnen Staaten sind überschritten, noch bevor der TGV so richtig in Fahrt gekommen ist. Der Nationalstaat ist zu klein für Hochgeschwindigkeitszüge.

Kanak Sprak. In der Interferenzzone der großen Städte, wo die Ströme der Migranten sich mit den Wohnarealen der Einheimischen berührt haben, wächst ein neuer Ton, eine neue Sprache, eine neue Gestik. Sie ist cool, sie arbeitet mit dem Understatement, sie setzt sich ab vom allgemein Verständlichen, aber ist doch so international wie MTV, an dessen Zeichenvorrat sich die neuen Sprachen geschult haben: Kanak Sprak in Deutschland, Kurdisch-Schwedisch in Stockholm, Maghrebinisch an den Rändern von Paris. Überall in Europa gibt es Quellgebiete neuer Dialekte, Laboratorien neuer Sprachen und Idiome.

Wanderdünen aus Plastikmüll. Im Nachtzug Sofia–Bukarest. Die Erde in Rumänien ist irgendwie immer schwarz, tiefschwarz – weil es wirklich die Farbe der Erde hier ist oder weil die Stimmung so bedrückend ist. Die Sonne geht auf, aber nicht glühend, sondern eher wie bei einer chemischen Reaktion, wenn Stoffe eine Verbindung eingehen und sich alles verflüssigt. Bukarest liegt hinter den Dünen von Plastikmüll, die der Wind vor sich hertreibt, die alles unter sich begraben, die wie die schwarzen Vögel, Raben oder Krähen, ich kann es nicht unterscheiden, über die verwüsteten Felder flattern, getrieben werden. Der Müll, der Plastikmüll: klebrig, sich nicht auflösend, hart, stärker und länger als ein Menschenleben, über den Tod hinaus, was sich niemand vorstellen kann, er lagert sich überall ab, er setzt sich überall fest. Wir durchfahren einen Kreis von stillgelegten oder nur heruntergekommenen Industriebetrieben. Sie sind Kadavern gleich, mit ausgeschlagenen Scheiben, die niemand je erneuern wird. Sie werden einfach in der Landschaft liegen bleiben, in ihrer ganzen Größe rosten, verfallen, herabstürzen, von Staub und Asche bedeckt. Hat es je Landschaften von so großer Verwilderung und so gigantischer Verwahrlosung gegeben? Der Nachsozialismus wird begraben unter den Dünen des Abfalls, des Plastikmülls, von chemischem und nuklearem waste. Die Gesellschaft hat kaum Widerstandskraft gegen diese neue Form des Mülls, der unverderblich ist, nicht in Dekomposition übergeht. Die Gesellschaft hat noch nicht verstanden, dass das keine Sonnenblumenkerne sind, die man einfach auf den Boden spuckt. Es ist ein fremder, feindlicher, harter, zäher Stoff, den zu beseitigen ungeheure Kraft und Mittel kosten wird. Der Wind treibt die Plastikmüllwellen vor sich her wie der Wind die Dünen am Strand, auf Bukarest zu.

Rettungswagen. Moskau, Istanbul, Madrid. Auf der Karte Europas, die neu gezeichnet wird, tauchen neue Symbole auf. Der Krieg ist dabei, wieder in die Städte zurückzukehren. Explosionen, Flammenzeichen, Druckwellen. In ihrer Nähe sind Scharfschützen und Sprengstoffspezialisten postiert. Gepanzerte Fahrzeuge. Bewaffnete Männer in schwarzen Monturen. Die Viertel, in denen es geschehen ist, sind abgeriegelt. Krankenwagen und Feuerwehrwagen rasen mit Blaulicht und Sirenen dorthin. Eine Fassade ist eingestürzt. Die Fensterscheiben in der ganzen Umgebung sind herausgeflogen. Das Straßenpflaster ist von Glassplittern bedeckt. Neben der Aktentasche eine abgerissene Hand. Davonstürzende Passanten, die sich den blutenden Kopf halten. Andere, die weggeführt werden. Auf dem Asphalt liegen Tote. Scheinwerferlicht. Aufnahmen aus dem Helikopter. Zerfetzte Waggons, ausgebrannte Züge im erleuchteten U-Bahn-Tunnel. Eine Aufnahme aus der Kamera, die den Bahnsteig überwacht hat. Die Orte haben einen Namen: Antocha in Madrid, Musicaltheater Nordost in Moskau, britisches Konsulat in Istanbul, Schule in Beslan. So entsteht eine neue Karte Europas.

Schwarzes Loch Belarus. Es gibt Orte, die sind herausgefallen aus dem neuen Europa. Sie haben Zeit und Kraft verloren. Es sind große, bedeutende, einmal vibrierende Städte, die im Hass, in der Selbstisolation und schließlich im Krieg verkümmert sind: Belgrad ist ein solcher Fall – eine Stadt, die einmal der Treffpunkt Europas gewesen ist, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Aber es kann auch ganze Landstriche, Länder und Staaten treffen. Dieser Fall ist mit Belarus gegeben, obwohl durch das Land die Haupttrasse des ost-westlichen Verkehrs verläuft. Der Sog der Umwälzung in der nächsten Nachbarschaft – in Polen, Litauen, der Ukraine, selbst in Russland – hat nichts bewirkt, nicht einmal eine Milderung des Regimes. Unser Bild von Europa wäre unvollständig und ganz falsch, wenn wir die Augen verschlössen vor der Möglichkeit, ja vor der Existenz „schwarzer Löcher“ mitten in Europa.

© Le Monde diplomatique, Berlin Karl Schlögel ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Die Auszüge aus „Archipel Europa“ entnahmen wir: Karl Schlögel, „Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte“, Carl Hanser Verlag, 320 Seiten, 21,50 Euro. Erscheint am 24. September 2005.

Le Monde diplomatique vom 16.09.2005,