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Mission in Ruanda

Aus dem Erinnerungsbuch des Kommandeurs der UN-Friedenstruppen 1993/1994 von Roméo Dallaire

New York, Juli 1993

Wie viele, die zum ersten Mal das UN-Gebäude betreten, war ich beeindruckt von der Erhabenheit der Sitzungssäle der Vollversammlung und des Sicherheitsrats. Aber ich lernte bald, dass sich die wahre Arbeit in dem Gewirr kaninchenstallartiger Büros abspielte, die sich dem öffentlichen Blickfeld entziehen. Die düstersten und vollgestopftesten Büros schienen der UN-Hauptabteilung für friedenssichernde Einsätze zu gehören. Die DPKO-Mitarbeiter mussten mit den erbarmungswürdigsten Arbeitsbedingungen vorlieb nehmen: zusammengezwängte Schreibtische, unablässig klingelnde Telefone, veraltete, ständig abstürzende Computer (manche Angestellten benutzten noch Schreibmaschinen), weitgehender Mangel an grundlegendster Büroausstattung. Kurz: Die Hauptabteilung Friedenssicherung im 36. Stock des UN-Gebäudes war ein richtiger Bruchbudenbetrieb. Vielleicht musste das viel zu dürftige Equipment für eine Art negativer Imagekampagne herhalten, mit der die Vereinten Nationen sich den Zorn verantwortungsloser Medien und internationaler Politgeier vom Hals zu halten versuchten, denen jeder Vorwand gerade recht ist, um sie der „Geldverschwendung“ zu bezichtigen. Aber ich bemerkte bald, dass UN-Unterorganisationen wie das Weltkinderhilfswerk (Unicef) und das Flüchtlingskommissariat (UNHCR) nicht nur bessere Büros hatten, sondern rundherum unter weit erträglicheren Bedingungen arbeiteten.

Mein alter Bekannter Maurice Baril war Mitglied eines Triumvirats, das die Hauptabteilung Friedenssicherung leitete. Die beiden anderen Chefs des DPKO waren Kofi Annan aus Ghana, zugleich stellvertretender Generalsekretär, und der Inder Iqbal Riza, Annans Nummer zwei und praktisch Stabschef der Abteilung. Die Ernennung von Baril im Juni 1992 war als kanadischer Erfolg gefeiert worden. Aber die Aufgabe, die er sich gestellt hatte – das Büro zu einer effektiven militärisch-strategischen Zentrale und einem Einsatzhauptquartier auszubauen –, war gewaltig. Kritiker gifteten, die Hauptabteilung Friedenssicherung sei mit einem Haufen inkompetenter Tölpel besetzt, die sich an halbierte Bürozeiten hielten und abtauchten, wenn sich die Lage vor Ort zuspitzte. [...]

Die Zahl der UN-Missionen war in nur wenigen Jahren auf 17 gestiegen und hatte sich damit nahezu verdreifacht. Sie umfassten nun 80 000 Soldaten und Mitarbeiter aus 60 Nationen mit unvorstellbaren Problemen, was Logistik, Ausbildung, Ethos und Ausrüstung anlangte. Sie alle wurden nun von einem ad hoc gegründeten, unterbesetzten und unterfinanzierten Hauptquartier in New York befehligt. [...]

Ruanda, Oktober 1993

Wenige Tage nach meiner Ankunft in Kigali stieß ein Voraustrupp von Offizieren aus Uruguay, Bangladesch und Polen zu uns, die bei der Friedenstruppe in Kambodscha gedient hatten. […] In diese frühen Tage fiel auch meine erste Begegnung mit Per O. Hallqvist, einem pensionierten UN-Mitarbeiter, der zurückbeordert worden war, um unsere Mission als Verwaltungschef zu unterstützen. Er war etwa einen Tag vor mir in Kigali eingetroffen, zusammen mit einem kleinen zivilen Voraustrupp, um die Infrastruktur für unsere Mission aufzubauen. Hallqvist machte mir mehr als deutlich, dass er sich penibel genau an die Vorschriften halten würde, und rechnete mit sechs Monaten, bevor Administration und Logistik unseres Unternehmens voll funktionstüchtig seien. Er sagte mir, dass die UNO eine von außen in Gang gesetzte, keine selbsttätige Organisation sei (eine „gezogene“, keine „anschiebende“) – also ganz anders, als ich es von der Nato gewöhnt sei. Denn sie habe absolut keine eigenen Ressourcen, aus denen sie schöpfen könne. Für alles, was man brauche, müsse man einen Antrag stellen und dann dessen Prüfung abwarten. Worum ich nicht bat, würde ich auch nicht bekommen.

Und so war es. Zum Beispiel müssen Soldaten überall auf der Welt essen und trinken. In einer Organisation, die selbst initiativ wird, werden aufgestellte Soldaten automatisch mit Nahrung versorgt. Bei einer passiven Organisation muss man die entsprechenden Rationen erst eigens anfordern, und gesunder Menschenverstand kommt dabei offenbar nie ins Spiel. Wer Taschenlampen braucht, sollte besser auch gleich Batterien und Glühbirnen anfordern, andernfalls treffen die Lampen wahrscheinlich nackt und bloß ein. Der schiere Umstand, dass man für alles erst Anträge stellen muss, hat außerdem den beträchtlichen Nachteil, dass es der zivile Logistiker der UNO ist, nicht der Einsatzkommandeur, der über den Nachschub gebietet. Wenn er entscheidet, dass diese oder jene Ausrüstung erforderlich ist, wird die UNO sie liefern; falls nicht, hat sich die Sache erledigt. Wir sollten bald mehr von dieser harschen Realität zu spüren bekommen, aber bei unserem ersten Treffen war ich schlicht erstaunt darüber, wie verbissen Hallqvist auf die Vorschriften pochte. Wir mussten innerhalb von Tagen, nicht Monaten, voll einsatzfähig sein. Ich war entschlossen, die Regeln zu missachten, die Bürokratie zu umgehen, die Vorschriften zu beugen und alles, was nicht geradezu illegal war, zu tun, um unser erstes Etappenziel zu erreichen. [...]

Ich steuerte durch unbekannte Gewässer – die Geografie, die Kultur, die Politik, die Brutalität, der Extremismus, das große Maß an Täuschung, die fast als eine ruandische Kunstform praktiziert wurde –, all das war neu für mich. Ich kannte allerdings sehr wohl die Empfindlichkeit von Minderheiten und wusste, was es bedeutet, in Stil und Haltung anders zu sein als die Mehrheit. Ich war von meinem Naturell her ein Gemäßigter und Versöhner und brannte darauf, bei der Verwirklichung des Arusha-Friedensabkommens helfen zu können – dieser besten Chance eines neuen Gesellschaftspaktes für das Volk von Ruanda. Ich kam mir vor wie ein Orchesterdirigent, der in fünf Tagen ein Konzert geben soll, obwohl seine Musiker noch gar keine Instrumente haben. Ich stellte mein Orchester von Grund auf zusammen, unterstützt von einer Gruppe von Offizieren, die nicht nur unterschiedliche Begriffe von ihrer Aufgabe als Friedenshüter hatten, sondern auch keine gemeinsame Sprache sprachen.

[...] Ich war ständig hin- und hergerissen zwischen militärischen Angelegenheiten, dem Brüten darüber, was sich unternehmen ließe, um die politischen Hindernisse für die Einsetzung der Übergangsregierung auszuräumen, und der Beschäftigung mit läppischen Details, zum Beispiel, wie ich die Rechnung für die Telefongespräche nach New York bezahlen sollte, nachdem mein privater Überziehungskredit nahezu erschöpft war.

Kigali, 9. April 1994

[…] Zurück im Hauptquartier waren die Nachrichten nicht berauschend. Mit vielen Beobachterteams hatten wir keinen Funkkontakt mehr, sie waren entweder Geiseln, verwundet oder hatten sich zur Flucht entschlossen. Wir konnten nichts für sie tun, außer New York zu bitten, sich bei den Nachbarstaaten um Asyl für sie einzusetzen. [...]

Am Abend rief ich New York an und beschrieb die Situation. Das DPKO hatte meine Berichte vorliegen: Außer den politischen Morden und den wahllosen Tötungen ließ sich mit dem Verbrechen in der polnischen Mission jetzt ein erstes systematisches ethnisches Massaker belegen, zudem standen 20 000 Ruander unter unserem unsicheren Schutz. Doch obwohl es in Kigali nun von ausländischen Soldaten wimmelte, war keine Nation daran interessiert, uns zu verstärken, abgesehen von Belgien und einigen kleineren Staaten der Dritten Welt. Mittlerweile operierte ein französisches Fallschirmjägerkommando von 500 Mann vom Flughafen aus, 1 000 belgische Fallschirmjäger sammelten sich in Nairobi. Dem ließen sich noch die 250 Marines in Bujumbura hinzufügen. Eine Truppe dieser Größe, gut ausgebildet und gut ausgerüstet, konnte dem Morden möglicherweise ein Ende setzen, aber eine solche Option wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. [...]

Kigali, 10. April

Am späten Abend rief mich ein Berater des UN-Generalsekretärs an, um herauszufinden, was in Ruanda vor sich ging. Ich sagte ihm, mit 4 000 schlagkräftigen Soldaten könne ich das Morden stoppen. Um 22.30 Uhr rief ich das DPKO an. Maurice Baril wollte wissen, wo meine Analyse der möglichen Optionen bleibe. Welche Analyse? Was für Optionen? Wollten sie uns abziehen, uns zum Ausharren veranlassen, uns Verstärkung schicken? Sechs Panzerfahrzeuge von der UN-Truppe in Somalia seien zu uns auf dem Weg, teilte mir Maurice mit, außerdem arbeite die Abteilung für Feldeinsätze (FOD) fleißig an unseren Logistikproblemen. [...] Wieder endete das Gespräch mit ermutigenden Worten, die kaum fruchtloser hätten sein können. [...] Nachdem ich aufgelegt hatte, holte mich schließlich die Erschöpfung ein. Ich schlüpfte unter die Vorhänge meiner auf dem Boden liegenden Matratze und fiel in einen tiefen Schlaf.

Kigali, 11. April

Der fünfte Tag des Gemetzels. Der Sicherheitsrat und das Generalsekretariat waren offensichtlich ratlos, was sie tun sollten. Immer weitere Berichte verlangten sie von mir, bevor sie konkrete Schritte unternehmen wollten. Was hätte ich ihnen denn noch erzählen sollen, was ich nicht bereits in grauenhaften Details geschildert hatte? Der Geruch des Todes in der heißen Sonne; die Fliegen, Maden, Ratten und Hunde, die ausschwärmten, um sich an den Toten zu laben. Zuweilen schien es, als sei der Geruch in die Poren meiner Haut gekrochen. Mein christlicher Glaube war das moralische Gerüst gewesen, das mich in meinem Erwachsenenleben gestützt hatte. Wo war Gott inmitten all dieses Grauens? Wo war Gott in der Reaktion der Welt.

Trotz unserer mündlichen und schriftlichen Berichte über die sich verschlimmernde Lage [...] wurde in New York nicht über eine Verstärkung von Unamir diskutiert. Maurice hatte mir bei mehreren Gelegenheiten klar gemacht, dass niemand an Ruanda interessiert war, und nun, wo das Risiko unwägbar wurde, brachte man erst recht kein Interesse auf. In New York fehlte es an Führung. Wir hatten eine Flut von Berichten geschickt und nichts zurückerhalten: keinen Nachschub, keine Verstärkung, keine Entscheidungen. [...]

Die Waffenruhe erlaubte die sichere Evakuierung von 650 Ausländern aus zweiundzwanzig Nationen mit zehn französischen Flügen. 211 UN-Mitarbeiter wurden in drei Herkules-Maschinen der kanadischen Streitkräfte ebenfalls ausgeflogen. Eine Kompanie französischer Spezialkräfte traf ein, und weitere Fallschirmjäger hielten sich in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik in Bereitschaft. Mit acht Flügen kam die Hälfte der belgischen Fallschirmjägerbrigade ins Land, zusammen mit Motorrädern und drei Panzerfahrzeugen.

Kigali, 12. April

Ich verzeichne den 12. April als den Tag, an dem die Welt, nachdem sie zuvor bereits bewiesen hatte, dass sie an Ruanda kein Interesse hat, dazu überging, die Ruander ihrem Schicksal zu überlassen. Die rasche Evakuierung der Ausländer war das Signal für die Völkermörder, die Apokalypse zu entfesseln. In jener Nacht bekam ich vor Schuldgefühlen kein Auge zu.

Aus: Roméo Dallaire, „Handschlag mit dem Teufel. Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda“. Mit einem Nachwort von Dominic Johnson. Frankfurt am Main (Zweitausendeins) August 2005.

Le Monde diplomatique vom 16.09.2005,