Katrina goes to Washington

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Katrina goes to Washington

von Andrea Böhm

Elfter September 2005: vierter Jahrestag der Terroranschläge auf World Trade Center und Pentagon. Gedenkfeiern in New York und Washington. Es sollte ein Tag der patriotischen Einheit werden, ein Ritual der Entschlossenheit gegen das anwachsende Murren über den Militäreinsatz im Irak, ein Appell an die Wachsamkeit gegenüber einem Feind, der geschworen hat, amerikanische Städte zu zerstören, Hunderttausende ins Chaos zu stürzen, die Wirtschaft zu lähmen, die Hilflosigkeit der Supermacht offen zu legen.

Genau das war ein paar Tage zuvor passiert, nur hieß der Angreifer nicht al-Qaida, sondern „Katrina“. Ein Hurrikan, ein „Naturereignis“, hat New Orleans und mehrere kleinere Städte zerstört – und mit ihnen den Mythos des „Post-9/11“-Amerika. Nichts wird mehr sein wie zuvor, hieß es nach dem 11. 9. 2001. Das Gleiche gilt jetzt: Nach „Katrina“ wird nichts mehr so sein wie vorher.

Doch ist dies nicht einfach die tragische Abfolge zweier Katastrophen innerhalb so kurzer Zeit. „Katrina“ ist, wie es ein amerikanischer Blogger formuliert hat, „the anti-9/11“.

Was immer die politische Elite an diesem 4. Jahrestag der Terroranschläge beschwören wollte, der Sturm hat es weggefegt: Ihre Berufung zum „Kampf gegen das Böse“ klingt plötzlich hohl. Das nationale Selbstbild, wonach die USA in den schlimmsten Krisen über sich hinaus- und zusammenwachsen, hat böse Kratzer erhalten: Politiker beschimpfen sich, Soldaten schießen auf Plünderer, Flutopfer verfluchen den Präsidenten. Niemand singt „God Bless America“.

„Bring me Katrina – dead or alive“

Zerbrochen auch das Image einer autarken Supermacht, die Hilfe leistet, aber nicht braucht. Hilfskonvois der mexikanischen Armee rollen über texanische Autobahnen, Transportmaschinen der EU landen in Arkansas. Thailand, vor nicht einmal einem Jahr vom Tsunami heimgesucht, schickt Forensiker. Der Iran, immer noch fest auf der „Achse des Bösen“ verortet, bietet Erdöl an; Fidel Castro, ein ewiger Kandidat für dieselbe, will kubanische Ärzte und Medikamente schicken. UN-Experten für Katastrophenschutz sitzen in den Einsatzzentren im amerikanischen Süden. Immer wieder meint man, Augen und Ohren nicht trauen zu können. Die UN im Hilfseinsatz in den USA?

George W. Bush verkörperte das Scheitern seiner Regierung im wörtlichen Sinne: durch Worte und Gesten. „Bring me Katrina – dead or alive“, schien er noch bei der ersten Pressekonferenz auf seiner Ferienranch sagen zu wollen. Doch sein sonst so populäres Gebaren adoleszenter Militanz war plötzlich fehl am Platz – und für eine andere Rolle fehlte ihm das Skript. Seine Körpersprache war symptomatisch für den ganzen Katastropheneinsatz: In den letzten vier Jahren hat die Bush-Regierung eine bundesstaatliche Infrastruktur geformt, die zunehmend auf den Antiterrorkrieg fixiert ist und als Garant des Gemeinwohls – auch und gerade im Fall einer Naturkatastrophe – versagt. Beim Jahrhunderthurrikan „Katrina“ fehlte auch ihr das „Skript“.

Als endlich Hilfe an die Golfküste geschickt wurde, kam sie bezeichnenderweise in martialischer Gestalt. Es stiegen nicht etwa Ärzte und Rotkreuzhelfer von den Lastwagen, sondern Soldaten, Nationalgardisten und Swat-Teams, die in kugelsicheren Westen – die Schnellfeuergewehre im Anschlag – auf der Suche nach irgendeinem Feind an verstörten Überlebenden und aufgedunsenen Leichen vorbeipirschten.

Keine Frage: In der Stadt wurde geplündert – meist aus purer Not –, und die berüchtigten Gangs nutzten das Chaos, um zu stehlen, was nicht niet- und nagelfest war. Doch Schießbefehl und „Kriegsrecht“ schienen Priorität zu haben vor der Evakuierung von zehntausenden Menschen – bitterarm und fast ausschließlich dunkler Hautfarbe – aus dem höllischen Sumpf des Superdome und des Convention Center.

Es gab zahlreiche Reporter, die ihrer Empörung über dieses Vorgehen Luft machten. Überhaupt muss man den amerikanischen Medien attestieren, dass „Katrina“ sie aus ihrer unterwürfigen Schockstarre nach dem 11. September 2001 befreit hat. Nur kann kein noch so kritischer Kommentar die normative Kraft der Bilder ausgleichen. New Orleans’ Afroamerikaner wurden – vor laufenden Kameras – wie potenzielle Aufständische behandelt, nicht wie Opfer eines Hurrikans. Folglich blieb das eigentliche Problem auf perfide Weise verdeckt: Nicht die soziale Ordnung verschwand zuerst in New Orleans. Aus New Orleans war zuvor der Staat verschwunden. Fast eine Woche lang hatten über 100 000 Zurückgebliebene in einer überfluteten Stadt keinen Strom, kein Trinkwasser, keine funktionierende Notrufnummer, keine Information, dass irgendwann doch noch Hilfe kommen würde.

Der Staat, so schrieb Nicholas Lemann im New Yorker reduzierte sich in diesen Tagen auf einen überforderten Bürgermeister, der sich offenbar nicht ausmalen konnte, dass ein erheblicher Teil der Bewohner zu arm ist, um sich selbst zu evakuieren; auf eine Gouverneurin, die dazu aufgerufen hatte, den Hurrikan durch Gebete von Stufe vier auf Stufe zwei hinunterzubekommen; und einen Präsidenten, der einer erstaunten Nation mitteilte, niemand habe mit einem Dammbruch rechnen können. Seit Jahrzehnten hat man in New Orleans mit einem Dammbruch gerechnet. Das wusste auch George W. Bush, schließlich hatte er vor drei Jahren den Leiter des Army Corps of Engineers“ gefeuert, weil der gegen die Budgetkürzungen beim Dammbau rund um die Stadt protestiert hatte.

Die Frage, ob einer reichen, überwiegend weißen Stadt Ähnliches widerfahren wäre, erübrigt sich. Florida und seine Küstenstädte haben in den letzten Jahren weit mehr Bundesmittel für den Katastrophenschutz bekommen als Louisiana und New Orleans. Florida wird vom Bruder des Präsidenten regiert, und anders als in New Orleans gilt es in Miami und Palm Beach, ein veritables Wählerpotenzial zu kultivieren.

George W. Bush hat diese Klientelpolitik nicht erfunden. Die „Demokraten“ haben sie jahrzehntelang bis zum Exzess gepflegt. Amerikas Politik ist geprägt von einer Kultur, in der staatliche Investitionen fast immer auf ihre „Rendite“ in Form von Wählerstimmen geprüft werden. Das Ergebnis sieht man jetzt am Golf von Mexiko.

Das Schlimme ist: Es brauchte einen Hurrikan der Stufe vier und den Untergang einer Stadt, um das Wort „Armut“ wieder aussprechen zu können. Race, poverty, inequality – diese Begriffe hatte Amerikas Rechte bis zum 29. August 2005 erschreckend erfolgreich in die rosa Watte des „mitfühlenden Konservatismus“ verpackt und aus der Sphäre der Politik in den Bereich christlicher Caritas abgeschoben. Das geht jetzt nicht mehr. Die Frage ist: Was geht ab jetzt?

Die große Flut von 1927 hatte politische Folgen

Man erinnere sich an das Jahr 1927. „The Great Flood“, die große Flut des Mississippi, machte damals 700 000 Menschen obdachlos. Die meisten landeten halb als Gefangene, halb als Binnenflüchtlinge in erbärmlichen relief camps. Der damalige Präsident Calvin Coolidge sah seine Aufgabe damit erfüllt, „das Mitgefühl der Bevölkerung auf das Schicksal der Opfer zu richten“ und um großzügige Spenden zu bitten. Die Opfer pfiffen auf Mitleid und wählten ein Jahr später den Linkspopulisten Huey Long zum Gouverneur. Long setzte vergleichsweise radikale Reformen zur Armutsbekämpfung durch. Auch er schickte die Nationalgarde los – allerdings zum Marsch auf die Ölfelder von „Standard Oil“, weil der Konzern die neue Steuer zur Finanzierung von Lehrmitteln nicht bezahlen wollte. Die große Flut mit ihren politischen Folgen für Louisiana gilt als eines der Ereignisse, die den Boden für Franklin D. Roosevelts New Deal bereiteten.

Ein zweiter Huey Long ist nicht in Sicht – Gott sei Dank, denn der Mann war bei aller Reformfreude ein autoritärer Meister des Parteienfilz und der oben beschriebenen Klientelwirtschaft. Die Frage ist nur, ob sich in der politischen Elite Amerikas derzeit überhaupt qualifiziertes Personal findet, dass nach dem Hurrikan die richtigen Fragen und Forderungen stellt.

New Orleans und die Golfküste wieder aufzubauen – mit sicheren Dämmen, einer soliden Infrastruktur, sozial durchmischten Städten – ist ein Projekt Roosevelt’schen Ausmaßes. Die Küsten Amerikas vor solchen Verheerungen künftig besser zu schützen erfordert öffentliche Investitionen, ein Ende der Steuergeschenke an Besserverdienende und die Einsicht, dass „Heimatschutz“ mehr ist als der Kampf gegen Terrorismus – auch wenn der nächste Terroranschlag wohl nur eine Frage der Zeit ist.

Es erfordert vor allem eine radikal andere Energie- und Umweltpolitik. Der 11. September 2001 und seine Bilder der einstürzenden Wolkenkratzer zerstörten den Mythos von Amerikas Unangreifbarkeit. Die Bilder aus dem überfluteten New Orleans haben einen anderen Mythos zerstört: „ ‚Katrina‘ markiert in unserem Kalender das Jahr eins eines neuen Zeitalters“, schreibt der amerikanische Journalist und Umweltexperte Bill McKibben. „Ein Zeitalter, in dem die Umwelt nicht mehr sicher und berechenbar, sondern willkürlich ist. New Orleans hat nichts mehr gemein mit dem Amerika, in dem wir gelebt haben. Aber es ähnelt sehr dem Planeten, den wir für den Rest unseres Lebens bewohnen werden.“

All das erfordert einen „New Deal“ von historischen und globalen Dimensionen. Anders gesagt: Es erfordert einen Präsidenten, der sich jenen Amtsvorgänger zum Vorbild nimmt, dessen politisches Erbe die Republikaner seit fünf Jahren mit Verve zerstören wollen. Nichts deutet darauf hin, dass eine solch wundersame Wandlung geschehen wird. Im Gegenteil: Am Golf von Mexiko deutet sich der nächste „Gold Rush“ an. Lobbyisten und regierungsfreundliche Konzerne schicken sich an, Bauaufträge und Hilfsgelder einzusammeln – allen voran die Firma Halliburton, der Korruption im Irak verdächtig und berüchtigt für ihren früheren Chef, Vizepräsident Cheney. Ohne eine wortgewaltige Opposition im Kongress, ohne Protest von unten wird sich gar nichts ändern. Gesucht wird eine politische Bewegung, die begreift, was Aktivisten in Afrika und Asien längst begriffen haben: dass der Kampf gegen soziale Ungleichheit nicht mehr vom Thema Umweltschutz zu trennen ist.

Vielleicht hilft es ja, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, welche Stadt der Hurrikan „Katrina“ am schlimmsten getroffen hat. New Orleans ist ein Symbol für urbane Kultur und Korruption, für Toleranz und Segregation, für Lebensgier und Morbidität. Das schlägt sich nieder in seiner Musik. „What we play is life“, hat Louis Armstrong einmal gesagt.

Von hier, vom Mississippidelta, stammt eines der größten Geschenke Amerikas an die Welt: der Blues, das Saatkorn für Rock ’n’ Roll, Soul, Rock. Der Blues ist die musikalische Erzählung einer Leidensgeschichte. Seine Botschaft spürt auch, wer die Texte nicht versteht: dass man die Dinge nicht so lassen kann, wie sie sind.

Andrea Böhm war von 1992 bis 1997 USA-Korrespondentin der taz und danach Redakteurin der Zeit. Heute lebt sie als freie Journalistin in den USA.

Le Monde diplomatique vom 16.09.2005, von Andrea Böhm

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