Mittelstandsdämmerung

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Mittelstandsdämmerung

Seit es den Mittelstand gibt, liebäugelt er mit der Gosse – offenbar ist der gesicherte Wohlstand auf Dauer nicht ohne weiteres auszuhalten. In der Westberliner Hausbesetzerszene von einst war das Akademikersöhnchen aus Schwaben sprichwörtlich.

Kaum jemand allerdings macht Ernst mit dem Ausstieg. Es ist eine Phase des Experimentierens, die man nur wagt, weil einem der Rückweg ins angenehme Leben der Bourgeoisie offen steht. Wenn dann Kinder kommen oder man schlicht zu alt ist, um überzeugend zu darben, kann man ja immer noch Lehrer werden.

Konnte man. Denn die Zeiten dieser selbst gewählten Armut sind vorbei, und allmählich wird aus dem Spiel Ernst. Die Mode kokettiert mit dem sozialen Abstieg, als wollte man sich mit Flipflops an den Füßen und künstlich ausgebleichten Jeans schon einmal in die bescheideneren Lebensverhältnisse einüben. Eine Zeit lang hatte der Einkauf beim Billigdiscounter noch was. Wer etwa wusste, dass man das Olivenöl bei Lidl und den Rioja bei Aldi kauft, konnte mitreden – dass man sich frisches Gemüse und Milchprodukte im Bioladen besorgte, war Ehrensache, zumal das Gefühl des Verschwenderischen eine neue Lust am teuren Guten weckte.

Immer mehr gelernte Mittelständler machen inzwischen die Erfahrung, dass ihre Bildung sie nicht vor Armut schützt, auch wenn Politiker und Statistiken das Gegenteil behaupten. Nur noch mit Vorbehalt gelten die mittleren Lebensjahre als jene Phase der Berufslaufbahn, in der man am meisten leisten und verdienen kann.

Eine Karriere im eigentlichen Sinn sowie Gehälter, die einer Kleinfamilie das Auskommen sichern (plus Eigenheim und Sommerurlaub, man denke bloß!), machen einer modernen Form des Glücksrittertums Platz, vor allem in jenen Branchen, wo flexible Arbeitsverhältnisse möglich sind. In der anhaltenden Medienkrise bleibt etwa Grafikern, Journalisten, Werbefachleuten und Künstlern nichts anderes übrig, als sich, mehr schlecht als recht, von Projekt zu Projekt zu hangeln. Ihre Lebensbedingungen unterscheiden sich von denen der offiziellen Arbeitslosen oft nur durch den zermürbenden und unbezahlten Stress des Akquirierens von Projekten und des Anbietens der eigenen Arbeit.

Natürlich ist es besser, in Deutschland arm zu sein als in Rumänien, doch gleichzeitig ist es schwieriger, im Wohlfahrtsstaat mit wenig Geld zu leben, denn die Fixkosten wachsen einem schnell über den Kopf. Mehr als 200 000 Menschen leben in Deutschland bereits ohne Krankenversicherung – das sind 80 Prozent mehr als 1995.

Der prekäre Mittelstand sieht sich psychologisch in einer ähnlichen Lage wie der verarmte Adel früherer Zeiten. Man kann sich den Lebensstandard seiner Klasse nicht mehr leisten, doch fühlt man sich ihr immer noch zugehörig. „Eine verschollene Bürgerlichkeit spukt ihnen nach“, schrieb Siegfried Kracauer 1930 in seiner Studie „Die Angestellten“ vor dem Hintergrund der Wirtschaftsdepression.

Ein gefährdeter Mittelstand ist keiner mehr, denn die materielle Sicherheit ist das, was ihn ausmacht. Allmählich verändert sich auch die Mittelstandsmoral: Die in Amerika gern beschworene Lichtgestalt des hard-working, law-abiding citizen verblasst, seit sich abzeichnet, dass weder der Wille zur Arbeit noch alles übrige Wohlverhalten Arbeitsplätze zu schaffen vermag, die den Namen verdienen.

Der proletarisierte Mittelstand leidet laut Kracauer nicht nur an seiner materiellen Not. Er sei „geistig obdachlos“, denn im Gegensatz zum Arbeiterproletariat habe er nicht einmal vulgärmarxistische Begriffe, die ihn sich selbst erklärten.

Bei der Aufgabe, uns im Leben einzurichten, kann Sprache in der Tat eine unschätzbare Hilfe sein. Selbst eine Losung wie „Geiz ist geil“ hat die Macht, Identität zu stiften, indem sie den Spieß umdreht, denn der proklamierte Geiz verurteilt niemanden zur Scham des Sparenmüssens, sondern gibt sich als selbstbestimmter, dabei auch noch genussvoller (und überdies gewinnorientierter) Verzicht.

Auch die „Kunst des stilvollen Verarmens“, die der Journalist Alexander von Schönburg in einem Ratgeber dieses Titels empfiehlt, besteht im Wesentlichen aus Umformulierungen. Für die Verwöhnteren der Exmittelständler ist Armut hauptsächlich eine Frage der Definition. Kein Geld für Designerklamotten? Dann eben Kleidertausch mit der Freundin oder Design aus dem Secondhandladen – und schon gehört man zur neuen Elite des „nouveau pauvre chic“.

Der Koketterie mit der Armut wohnt ein gewisser Zynismus inne. Wer wirklich arm ist, findet in raffinierten Schlagworten keinen Trost – um den Geiz geil finden zu können, muss man ihn sich leisten können. Es hat überhaupt keinen „nouveau pauvre chic“, wenn man seinen Kindern den Besuch im Freibad nicht bezahlen kann, und der Billigdiscounter verliert den Reiz des Schäbigen schlagartig, wenn man aus den gleichen Gründen dort einkauft wie das Sozialhilfeproletariat.

Und nachdem auch vulgärmarxistische Begriffe ausgedient haben, bleibt den wirklich Armen nicht einmal eine sprachliche Heimat. Über Armut lässt sich nicht flott schreiben.

Sieglinde Geisel

© Le Monde diplomatique, Berlin Sieglinde Geisel ist Schweizerin. Zurzeit lebt sie als freie Journalistin und Kulturkorrespondentin in Berlin.

Le Monde diplomatique vom 16.09.2005, von Sieglinde Geisel

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