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Bauer Nilsson wundert sich

Bauer Nilsson wundert sich

Schwedens Ökobilanz, 25 Jahre nach Einführung der ersten CO2-Steuer

von Florence Beaugé

Nach der Geburt ihres ersten Kindes vor 23 Jahren ist Marie-Louise Kristola klargeworden geworden, wie wichtig die Umweltfrage ist. „Welche Welt werden wir ihm hinterlassen?“, fragte sie sich. Seither kämpft die Journalistin für den Umweltschutz – im Beruf und Alltag. Jede Woche moderiert sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunksender Sveriges Radio das Umweltmagazin „Klotet“ („Globus“). Bis vor Kurzem fuhr sie fast alle Strecken mit dem Fahrrad; inzwischen hat sie ein E-Bike, und die Familie hat sich ein Elektroauto angeschafft, mit staatlicher Förderung. „Das wollten wir schon lange. Wir hatten ein schlechtes Gewissen mit unserer alten Karre“, gesteht Kristola. Die Familie ernährt sich von Bioprodukten. Ihr Haus am Stadtrand von Stockholm wird durch eine Wärmepumpe im Keller beheizt. Der Müll wandert in fünf verschiedene Abfalleimer.

Dichte Wälder (die 68 Prozent von Schweden bedecken) und weite Seenlandschaften sorgen für eine starke Naturverbundenheit bei den 10 Millionen Einwohnern. Die meisten von ihnen haben ein fast pantheistisches Verhältnis zur Natur und gehen öfter in den Wald als in die Kirche. Viele besitzen ein Ferienhaus an einem der unzähligen Gewässer oder an der Küste und verbringen ihre Freizeit mit Beeren- und Pilzesammeln, Fischen oder Jagen.

1991 hat Schweden, dessen Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert auf natürlichen Ressourcen und insbesondere Holz beruht, als erstes Land eine progressive CO2-Steuer eingeführt. Zugleich beschloss die sozialdemokratische Regierung niedrigere Lohnsteuern. Die schon seit den 1970er Jahren rückläufigen CO2-Emissionen konnten dadurch weiter reduziert werden, vor allem dank der Umstellung der Wärmeversorgung von Kohle auf Biomasse.

Die Initiierung der CO2-Steuer vor 25 Jahren war einer der wichtigsten Schritte hin zu einer ökologischen Entwicklung, die die Energie- und Umweltschutzbehörden mit Appellen, Erklärungen und finanziellen Anreizen vorantrieben. Nachdem beispielsweise die Einwohner von Stockholm sich anfangs heftig gegen die 2006 eingeführte City-Maut (in Göteborg kam sie 2016) gewehrt hatten, waren sie nach einem halben Jahr doch dafür.

Auf seinem Hof 180 Kilometer südwestlich von Stockholm hält Steffan Gustafsson 70 Milchkühe und 150 Fleisch­rinder, außerdem baut er etwas Getreide an. Es ist ein hartes Leben, doch Gustafsson klagt nicht. 1999 entschied er sich für die ökologische Landwirtschaft, zunächst aus rein strategischen Gründen. Doch inzwischen ist er ein überzeugter Biobauer, der sich über die von Jahr zu Jahr steigende Nachfrage nach Biomilch freut.

Ein paar Kilometer weiter zieht Katarina Molitor Tomaten, Salat, Zwiebeln und anderes Gemüse. Ihre etwa hundert Schafe und Kühe laufen im Sommer frei auf den umliegenden Feldern herum, im Winter sind sie in der riesigen Scheune untergebracht. „Dieser Hof ist keine Arbeit, sondern ein Hobby, er ist mein Leben!“, sagt Molitor. Als bei ihrem Vater die Allergien immer schlimmer wurden, fasste die etwa 40-jährige Frau den Entschluss, auf Chemie in der Landwirtschaft zu verzichten. Ihre Milch hat sie eine Zeitlang an eine benachbarte Kooperative abgegeben. Inzwischen ist sie auf Direktverkauf umgestiegen.

Schweden konnte mit der Energiewende so früh beginnen, weil es ein Land mit wenigen Einwohnern, hohem Lebensstandard, stabilem Wirtschaftswachstum und wenigen Konflikten ist. Da es aber im Unterschied zum benachbarten Norwegen nicht über Gas- und Ölvorkommen verfügt, musste es nach alternativen Energiequellen suchen.

Aber je weiter man in den Norden Schwedens kommt, desto deutlicher ist ein Bruch zu spüren. Im 100 000 Einwohner zählenden Umeå – der Universitätssitz gilt als links und feministisch – ärgern sich manche über den paternalistischen Süden, in dem 90 Prozent der Bevölkerung leben. „Sie schlagen aus unseren Gewässern Profite, plündern unsere Bergwerke und machen sich jetzt auch noch über unseren Wind her!“ Die Wut ist angesichts der vielen Staudämme an den Flüssen und der Windparks in den menschenleeren Gegenden des Nordens verständlich. Die Wasserkraft ist mit 45 Prozent die wichtigste Stromquelle Schwedens. Die Atomkraft stellt 41 Prozent bereit, den Rest liefern die Erneuerbaren (Biomasse und Wind).

Die Umweltschützer von Umeå organisieren Diskussionsrunden und rufen zum Boykott gegen Nestlé und andere Umweltsünder auf. Viele Einwohner der 300 Kilometer vom Polarkreis gelegenen Stadt fahren ganzjährig mit dem Rad. Im Winter sind die Reifen mit Spikes ausgestattet, die Radwege werden als Erstes geräumt. Die Nordschweden sind auch stolz darauf, dass am 1. Februar 2017 der erste Flug eines mit Biokraftstoff (eine Mischung mit 45 Prozent recyceltem Speiseöl) betriebenen Flugzeugs nach Umeå führte.

Im etwa 100 Kilometer nordwestlich von Umeå gelegenen Dörfchen Granö in der Provinz Västerbotten sollte die Schule geschlossen werden, weil es nicht genug Kinder gab. Früher oder später drohte das Aus für das 300 Jahre alte Dörfchen. Ein paar Unverzagte setzten auf die einzigartige, unberührte Natur. Sie schafften es, Touristen ins Land der Samen zu locken – und die Dorfschule zu retten. Im Granö Beckasin Lodge kann man moderne Hotelzimmer, Cottages oder ein „Vogelneststudio“ hoch oben in den Kiefern buchen. In dem direkt am Flussufer gelegenen Hotel kommt saisonales Biogemüse auf den Teller, es gibt Hechte und Barsche, aber keinen Lachs, weil der wegen der Staudämme hier fast ausgestorben ist. Und wer Fleisch essen will, bekommt Elch oder Rentier.

Über der Region um Granö liegt jedoch bis heute der Schatten von Tschernobyl. Nach dem Reaktorunglück vom 26. April 1986 in der Ukrai­ne waren etwa 55 400 Quadratkilometer des schwedischen Territoriums radioaktiv belastet. Pilze, Beeren und auch die Wildtiere waren für mehrere Jahre so verstrahlt, dass man sie nicht essen konnte. Noch heute schicken die Bewohner der Region jeden Herbst Fleischproben ins Labor, um die Cä­sium-­137-Werte prüfen zu lassen.

Die neun Atomreaktoren, die in Schweden in Betrieb sind, bekümmern hier offenbar nur wenige. Zum einen stehen sie ungefähr 800 Kilometer weiter südlich, und zum andern gehören AKWs in Schweden zum Alltag; sie liefern nicht nur Strom, sondern bieten auch Jobs. Ein ungutes Gefühl haben die Leute eher wegen des AKWs, das der russische Atomkonzern Rosatom gerade im finnischen Pyhäjoki baut.

Die Grünen haben an Glaubwürdigkeit verloren

Seit fünf Jahren erzeugt Bauer Nilsson Strom und Heizwärme ausschließlich aus dem Mist seiner 360 Rinder. Die gesammelten Exkremente werden in Tanks auf 38 Grad erhitzt, um eine Fermentierung durch Bakterien und die Produktion von Biogas zu beschleunigen. Das zumeist aus klimaschädlichem Methan bestehende Gas wird verbrannt und über Generatoren in Strom verwandelt. Nilsson ist Selbstversorger und hat sogar Strom übrig, den er an seine Nachbarn verkaufen kann. am Anfang waren die Investitionen beträchtlich: 4,7 Millionen Schwedische Kronen (481 388 Euro). Ein Viertel davon subventionierte die EU. Er wird zehn, zwölf Jahre brauchen, bis er die Einstandskosten wieder drin hat. Aber Nilsson gefällt die Vorstellung, aus einem so banalen Rohstoff wie Rinderdung etwas Nützliches zu machen.

Beunruhigend findet er vor allem eines: die Klimaerwärmung. Dabei bekommt er wie alle Bewohner der Re­gion eigentlich nur die Vorteile mit. Die Winter sind kürzer geworden, es gibt weniger Schnee, der Frühling fängt zwar noch zur selben Zeit an, aber der Herbst ist heute viel länger, so dass die Bauern inzwischen mehrere Ernten pro Jahr einfahren.

Wird es Schweden gelingen, bis 2045 CO2-Neutralität zu erreichen, wie es das Anfang 2017 beschlossene Klimagesetz vorsieht? Die traditionelle Industrie (Zellstoff, Papier, Edelstahl, Eisen, Automobile und andere) und die Hightechsparte (Telekommunikation, Biotechnologie, pharmazeutische Produkte und andere) sind Energieverbraucher, die ihren CO2-Ausstoß nur schwer reduzieren können. Der Verkehrssektor – mit Abstand größter CO2-Emittent des Landes (45 Prozent) – stellt eine besondere Herausforderung dar. In Stockholm fahren immerhin schon alle Busse mit Biokraftstoff. Doch die Stadt dehnt sich aufgrund der Landflucht immer weiter aus, und die Zahl der Autos nimmt stetig zu. Die Schweden nehmen gern das Flugzeug, auch weil das Bahnnetz nicht besonders gut ausgebaut ist, woran auch die Privatisierung 2001 nichts geändert hat.

Trotz der Mautstationen an den Zufahrten zur Innenstadt ist Stockholm nach wie vor verstopft, und entgegen allen Ankündigungen wird die Verkehrsinfrastruktur weiter ausgebaut. Die Grünen, die seit 2014 mit den So­zial­demokraten eine Regierungs­koa­li­tion bilden, haben wegen ihrer Passivität an Glaubwürdigkeit verloren.

Staffan Laestadius, international anerkannter Forscher und emeritierter Professor der Königlichen Technischen Hochschule von Stockholm, hält es zwar für wichtig, die grünen Energien zu fördern und die Verkehrsprobleme anzugehen, doch in erster Linie plädiert er für einen anderen Lebensstil. „Wir müssen den Leuten die Wahrheit sagen. Sie müssen wissen, dass es höchste Zeit ist“, wiederholt er wie ein Mantra. Selbst ein kleines Land wie Schweden, das seinen Energiebedarf nur zu 31 Prozent aus fossilen Brennstoffen (72 Prozent im EU-Durchschnitt) und zu 36 Prozent aus Erneuerbaren (14 Prozent im EU-Durchschnitt) bezieht, könne als gutes Beispiel vorangehen.

„Wir sollten keine Zeit damit verlieren, dieses oder jenes Land zu beschuldigen, für mehr CO2-Emissionen verantwortlich zu sein als ein anderes. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass sie etwas gewinnen, wenn sie sich gemeinsam anstrengen“, insistiert Latestadius. „Sie machen keinen schlechten Tausch, das müssen wir ihnen beweisen. Vielleicht nehmen sie seltener das Flugzeug und fahren weniger Auto, aber ihr Leben wird besser sein.“

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Florence Beaugé ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.09.2017, Florence Beaugé