Die anderen 68er

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Die anderen 68er

Die anderen 68er

Die Neuen Rechten und ihre deutsch-französischen Väter

von Claus Leggewie

Auf die Frage, was von ’68 geblieben sei, antwortete Jürgen Habermas, einst Mentor und Kritiker der Studentenbewegung, einmal ironisch: „Frau Süssmuth.“ Rita Süssmuth verkörperte ein Erbe der Antiautoritären, das er als „Fundamentalliberalisierung“ der Bundesrepublik bezeichnete. Die CDU-Jugend- und Familienministerin stand für einen gemäßigten Feminismus, der die radikalen Seiten der Revolte abschwächte, ihren befreienden Kern aber übernahm. Von ’68 in einem ganz anderen Sinne geblieben ist der ins Lager der Auschwitz-Leugner und Reichsdeutschen übergewechselte RAF-Gründer Horst Mahler oder Björn Höcke, der als AfD-Abgeordneter im Thüringer Landtag die Neue Rechte vertritt.

1968 war nicht nur das Geburtsjahr einer Neuen Linken, gleichzeitig ging in Westeuropa auch die Neue Rechte an den Start. Sie kam im Windschatten der Studentenrevolte auf Touren und machte sich in Frankreich mit der Gründung des Groupement de re­cherches et d’études pour la civilisa­tion européenne (Grece) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das Etikett als Nouvelle Droite bekam sie allerdings erst zehn Jahre später angeheftet, als sie den bürgerlich-konservativen Figaro mit Texten belieferte und rechts bei Intellektuellen kein Schimpfwort mehr war.

Inhaltlich waren die beiden Universen Lichtjahre voneinander entfernt, aber der Feind war doch der gleiche: die liberale Bourgeoisie, die auch in Frankreich während der Trente Glo­rieuses zwischen 1945 und 1975 reich, korrupt und fett geworden war. Beide Strömungen waren postindustriell, indem sie Abstand nahmen vom Produktivismus der Rechten und dem Klassenkampfdenken der Linken. Und beide schwärmten im Aufstand gegen den Zentralstaat von einem Europa der Regionen.

Jenseits des Rheins sollte die von de Gaulle geprägte französische Republik aufs Altenteil, hier der „Gärtnerkonservatismus“ der Adenauer-CDU. Die Zeichen standen auf Umsturz. Die anderen 68er aus dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) bekämpften die Studentenrevolte an der FU Berlin, löckten später aber auch als Modernisierer der CDU gegen den Stachel.

Derzeit erlebt man die neueste Auflage der Konservativen Revolution identitärer Zirkel, die mit subversiven Aktionen die antiautoritäre Spaßguerilla der frühen Studentenrevolte kopieren. Wie vor 50 Jahren darf man der streitlustigen Selbstinszenierung nicht zu viel Gewicht beimessen, doch nehmen die Identitären Einfluss auf die Politik und haben in puncto Einwanderung und Islam das Meinungsklima erheblich beeinflusst. Vor allem im Kampf gegen die politische Korrektheit, vulgo: das „versiffte links-grüne 68er-Deutschland“ (AfD-Vize Jörg Meuthen), zeigen sich späte Revanchegelüste gegen alles, was mit 1968 verbunden war. Unterdessen stieg der Front National zur zeitweise stärksten politischen Kraft in Frankreich auf, identitäre Diskurse verbreiten sich im italienischen Postfaschismus ebenso wie in der Programmatik der AfD.

Das Gros der AfD ist anti­in­tel­lek­tuell, was generell für die populistische Rechte bis zurück in den Faschismus gilt. Doch stets lieferten fellow travellers Stichworte, die der rechten Straßengewalt eine weltanschauliche Form geben wollten und sich aus den Tumulten heraushielten. Das zeigt sich derzeit am Verhältnis zwischen der AfD, ihrem außerparlamentarischen Arm Pegida und dem akademischen Milieu der Burschenschaften, das sich um die Wochenzeitschrift Junge Freiheit und das Institut für Staatspolitik gruppiert.

Hier ist der Nestor der Konservativen Revolution nicht in Vergessenheit geraten: Armin Mohler (1920–2003), der in seiner Schweizer Jugend in der radikalen Linken aktiv gewesen war und sich später den Nationalsozialisten anschloss.

In den 1950er Jahren hatte sich der Pariskorrespondent diverser Blätter, darunter Die Zeit und Die Welt, als Mittler zwischen Deutschland und Frankreich einen Namen gemacht, mit besten, bisweilen konspirativen Kontakten in die radikale Rechte beider Länder. Gefragt war Mohler bei Franz Josef Strauß, Atomminister im Kabinett Adenauer, dem er die Bildung einer gaullistischen, das heißt antiatlantischen und antiliberalen Achse Paris–Bonn zutraute. Begeistert von „la droite pure et dure“ in Frankreich und Südeuropa, wollte er die Bewahrung des Bewahrenswerten mit revolutionären Mitteln.

Nach 1968 wetterte Mohler, inzwischen Leiter der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, gegen den Antifaschismus und die Libertinage der „derwischhaften Linken“. Protagonisten wie Horst Mahler merkten selbst erst später, wie nah sie mit ihrem Antiamerikanismus, Antizionismus und Antiliberalismus einem Mohler standen, bevor sie von Sozial- zu Nationalrevolutionären wurden und die in der Konservativen Revolution stets angelegte Querfront zwischen ganz links und ganz rechts schlossen.

Umso erfreuter war Mohler, 1969 in einem jungen Franzosen einen Gleichgesinnten zu finden: Alain de Benoist, Kopf der Nouvelle Droite. Der Sorbonne-Student, Jahrgang 1943, war Mitglied der militanten Sekte Jeune Nation, die 1958 nach einem Bombenattentat auf die Nationalversammlung verboten worden war. Mit seinem Kommilitonen Dominique Venner hatte de Benoist die ultrarechte Studentengewerkschaft Fédération des étudiants nationalistes (FEN) gegründet, und seit 1963 publizierte er regelmäßig in Venners Zeitschrift Europe Action.

Hauptfeind Liberalismus

Doch die Welt war nicht stehen geblieben und Frankreich keine Großmacht mehr. Die Säkularisierung hatte auch die Konservativen erreicht, von der Apartheid musste man sich in den USA und sogar in Südafrika verabschieden. Jüngere Rechtsintellektuelle erkannten das. Sie gingen aber nicht auf die Straße. Die Prügeleien überließen sie den Schwarzhemden der militanten Gruppe Occident. Sie konzentrierten sich auf die geistige Aufrüstung und wollten den lahmen, stockreaktionären Konservatismus der Eliten auf den Müllhaufen der Geschichte befördern. Auch sie sprachen von der Gleichrangigkeit der Rassen, lehnten aber genau wie die Apartheidbefürworter ethnische Mischung ab. Die reaktionäre katholische Tradition wich einem ins Esoterische neigenden Neuheidentum. Hauptfeind war stets der Liberalismus, der in Frankreich als politische Bewegung und Partei der Mitte kaum hatte Fuß fassen können.

Das französische Pendant zu Mohlers postfaschistisch wiederaufbereiteter Konservativen Revolution war der Nonkonformismus, der sich in den 1930er Jahren ni droite, ni gauche positioniert hatte. Und beide bezogen sich auf den italienischen Kulturphilosophen Julius Evola mit seiner „Revolte gegen die moderne Welt“ (1934), der wiederum Einfluss hatte auf Martin Heidegger, den in Frankreich so angesagten deutschen Philosophen. In diesem Milieu fanden die Vordenker der Nouvelle Droite ihre Vorbehalte gegen das menschenrechtlich und republikanisch begründete Gleichheitsdenken und gegen die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen des Westens bestätigt.

Während 1981 in Frankreich der Sozialist Mitterrand Präsident wurde, schien in Deutschland Kohls geistig-moralische Wende der Neuen Rechten zunächst in die Hände zu spielen. Doch Mohler fiel in Ungnade, und sein Freund Schönhuber, der 1986 mit einigen CSU-Dissidenten „Die Republikaner“ gegründet hatte, kratzte nur kurz am Strauß’schen Verdikt, rechts von der Union dürfe keine politische Kraft etabliert sein.

Geblieben aus diesen Jahren ist die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF). 1986 von dem Politik- und Geschichtswissenschaftler Dieter Stein (*1967) als Schüler- und Studentenblatt gegründet, hat sich die JF über Gratisverteilung, Lesekreise und Sommeruniversitäten in der Burschenschaftsszene sowie über die Beobachtung von Antifaschisten und Verfassungsschutz ein gewisses Renommee verschafft. Abonniert und gelesen wird die Zeitung, die einen Ableger in Österreich hat, von konservativen und weiter rechts stehenden Lesern. Sie gilt als Scharnier- oder Brückeninstanz zwischen moderaten und radikalen Rechten und als Sprachrohr der Neuen Rechten.

In Frankreich konnte sich die Nouvelle Droite mit dem 1974 gegründeten Club de l’Horloge und dem Eindringen in die konservative Presse profilieren, war damit am Ende aber nicht erfolgreich. Ihre Ideen verfingen weder bei den Neogaullisten noch im liberalen Zen­trum, noch beim Front National.

Kann die Neue Rechte, begünstigt durch Irritationen über Flüchtlinge und Islamisten, heute reüssieren? In Frankreich hat der mittlerweile weit über 70-jährige Alain de Benoist zahlreiche neue und jüngere Anhänger gefunden.

Und dann wäre da noch Jean-­Claude Michéa. Der Sohn eines kommunistischen Widerstandskämpfers lebt heute als pensionierter Philosophielehrer in der Provinz, liebt Fußball und zeigt der Pariser Geisteswelt eine Nase. Seinem Idol George Orwell folgend, bezeichnet sich der Eigensinnige als „konservativer Anarchist“; er mischt mit bei den Konvivialisten, die an den gesunden Menschenverstand appellieren und an die praktische Solidarität der einfachen Leute und kleinen Gemeinschaften glauben. Michéa versteht sich als Antikapitalist und Antiliberaler, seine Variante von ni droite, ni gauche ergibt sich aus der Symbiose zwischen Linksliberalismus und rechtem Wirtschaftsliberalismus.

Der konservative Anarchist und die Identitäre Bewegung

Man hätte sich, so der Tenor von Michéas kürzlich erschienenem Bestsellers „Notre ennemi, le capital“ (Unser Feind, das Kapital), den zerstörerischen Industrialisierungsfortschritt sparen sollen und Anfang des 19. Jahrhunderts mit den Frühsozialisten für andere Formen der Vergesellschaftung entscheiden können – ein in diesem Sinne konservatives Aufbegehren gegen den real existierenden Kapitalismus stehe weiter auf der Tagesordnung. Das brachte ihm ein vergiftetes Lob Marine Le Pens ein, was dem 67-Jährigen gleichgültig zu sein scheint; er verweist, selbst verwundert, auf seine junge Anhängerschaft in angesagten Onlinemagazinen. Unbekümmert schrauben sich diese französischen Jung-Tories katholisches Fühlen, Genossenschaftskommunismus und Nullwachstum zusammen, manche ziehen aufs Land oder gen Osteuropa, wo man weniger ­modern-urban leben kann.

Die aggressive Speerspitze der Neuen Rechten bildet die mittlerweile auch in Deutschland und Österreich aktive Identitäre Bewegung. Unter dem Banner der „Revolte gegen den Großen Austausch“, so der Titel eines 2011 in Frankreich und 2016 auf Deutsch beim Antaios Verlag erschienenen Buchs, agitiert sie gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes.

Für den möglichen Übergang vom symbolischen Widerstand in handfeste Militanz steht der Antaios-Verleger Götz Kubitschek, der außer der „Revolte gegen den Großen Austausch“ noch weitere Brandreden gegen die imaginierte Masseninvasion nach Europa publiziert. Der ehemalige Redakteur der Jungen Freiheit tritt bei Pegida-­Demos auf, und sein Institut für Staatspolitik in Schnellroda dient der AfD als Kaderschmiede. 2016 postulierte eine Winterakademie in Schnellroda ein Widerstandsrecht nach Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes gegen die Regierung Merkel. Das Pathos der Identitären – Kubitschek spricht gern von der Unverträglichkeit und Durchsetzungswucht (der Migranten und Muslime) – hat viel vom Realitätsverlust der RAF.

Der Kampf um kulturelle Hegemonie ist aufgenommen, der um die politische Macht im Gange, eine blau-braune APO auf dem langen Marsch. Die Identitären in Frankreich flankieren den Front National, ihre Kameraden in Deutschland und Österreich die AfD und die FPÖ. Sozialisten und Sozialdemokraten gehen unter diesem Ansturm, der durch eine souveränistische Linke à la Jean-Luc Mélenchon und Sahra Wagenknecht verdoppelt wird, in die Defensive, das Süssmuth-Erbe ist in zweifacher Hinsicht in Gefahr, wenn Rechte der Frauen und die Anerkennung von Fremden und somit die „Fundamentalliberalisierung“ auf dem Spiel stehen.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Eine längere Version dieses Beitrags erscheint am 25. August in dem Sammelband: „Wetterbericht. 68 und die Krise der Demokratie“, Berlin (Wagenbach) 2017.

© Wagenbach Verlag. Wir danken dem Verlag für die Abdruckrechte.

Le Monde diplomatique vom 10.08.2017, von Claus Leggewie

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