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Gestern in LMd, heute in den Nachrichten

Gestern in LMd, heute in den Nachrichten

Naturkatastrophen in Nord und Süd

Die Berichterstattung über die Überflutungskatastrophen im Süden der USA und auf dem indischen Subkontinent zeigt wieder einmal, wie asymmetrisch unsere Medien über Menschen in Not berichten. Die Sintflut in Texas und Loui­siana hat im reichen Norden weit mehr mediale Aufmerksamkeit – und Empathie – erzeugt als die Sintflut in Bangladesch, Indien und Pakistan, die weit mehr Menschenleben gefordert hat. Dieses bezeichnende Ungleichgewicht hat Frédéric Durand bereits aus Anlass der Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004 kritisiert. In seinem Essay „Was eine Naturkatastrophe zur Katastrophe macht“ in Le Monde diplomatique vom Februar 2005 verweist Durand zudem auf die vielen „unsichtbaren Desaster“ in der Dritten Welt, die wir erst dann zur Kenntnis nehmen, wenn westliche Touristen betroffen sind.

Nach Durand wird es im globalen Süden aufgrund der Klimaerwärmung vermehrt zu Katastrophen kommen, „die nicht weniger dramatisch ausfallen als das jüngste Tsunami-Drama“. Das gilt etwa für die „Klimaflüchtlinge in Bangladesch“, über die Donatien Garnier in der LMd vom April 2007 geschrieben hat. Eine ebenso eindrucksvolle Reportage über die Folgen des Klimawandels für die Küsten des US-Staats Louisiana ist in der LMd vom Januar 2016 zu lesen: „Die Welt aus der Sicht einer niedrig gelegenen Insel“ von Elisabeth Rush.

Die Folgen von „Naturkatastrophen“ sind aber auch unter zwei weiteren Aspekten zu analysieren. Unter dem Titel „Lukrative Unwetter“ beschreibt Razmig Keucheyan in der LMd vom März 2014 die Strategien der Versicherungsindustrie, die mit dem Verkauf von „Katastrophenanleihen“ ihre Renditen erhöhen. Welche bedrohlichen politischen Folgen bestimmte Naturkatastrophen haben können, untersucht Agnès Sinai in ihrem Text „Verwüstung“ vom September 2015, mit dem Untertitel „Wie der Klimawandel Konflikte anheizt“ – von China über Ägypten und den Sudan bis Nigeria. Solche „menschengemachten“ Umweltkatastrophen führen dazu, dass sich der Andrang von Flüchtlingen an den Grenzen der „Wohlstandsinsel Europa“ immer weiter verstärkt, folgert Agnés Sinai. Und kritisiert, dass sich der Westen trotz seiner Verantwortung für die globale Erwärmung weigert, die „Klimaopfer“ als Flüchtlinge anzuerkennen.

Le Monde diplomatique vom 07.09.2017,