Chefin in Pakistan

zurück
Chefin in Pakistan

Chefin in Pakistan

Vier Frauenkarrieren in einem islamischen Land von Hani Yousuf

Zwischen Krawallen und gewalttätigen Demonstrationen in Pakistans gigantischer Hafenmetropole Karatschi gehen die meisten Leute ihrer täglichen Arbeit nach. So auch Musharaf Hai, die zu den erfolgreichsten Geschäftsfrauen des Landes zählt. Es ist nicht leicht, einen Termin bei ihr zu bekommen. „Ich ziere mich eben gern ein wenig“, witzelt sie. Hai hat an der London School of Economics und der Boston University studiert. „Es war eine himmlische Umgebung“, sagt sie heute, „unglaublich anregend.“ In Karatschi hatte sie eine der besten Privatschulen besucht.

Hai hat eine Karriere hingelegt, von der die meisten nur träumen können. Im Laufe der Jahre ist sie beim britischen Konsumgütermulti Unilever, bei dem sie 1983 angefangen hatte, zur Geschäftsführerin aufgestiegen. Heute ist sie CEO der pakistanischen Niederlassung des französischen Kosmetikriesen L’Oréal.

„In den frühen Achtzigern sind Frauen höchstens bis zur Produktmanagerin aufgestiegen“, erzählt Hai. „Aber solche Voreingenommenheiten haben mich nie abgeschreckt.“ Viele Leute hätten sie bestärkt: „Du bist großartig, du bist klug, du bist fantastisch“, erzählt Hai, die über ihren Leggings und den bunt paillettierten hochhackigen Sandalen eine blassgrüne Kurta trägt, „aber irgendjemand muss auf dich setzen.“ Und dieser jemand war glücklicherweise Aufsichtsratsvorsitzender von Unilever, Pakistan. „Es war seine unbeirrbare Unterstützung, die mich dort an die Spitze gebracht hat.“

Hai ist nicht die Einzige, die in Karatschi einem Unternehmen mit sehr vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vorsteht. Es gibt eine Reihe von Frauen hier, die das geschafft haben. Frauen in Spitzenpositionen sind eine Seite der Medaille. Die schweren Menschenrechtsverletzungen, die in Pakistan nach wie vor an Frauen verübt werden, eine andere.

Pakistan ist ein Land, das nicht leicht zu verstehen ist. Das urbane Pakistan unterscheidet sich stark von den ländlichen Gebieten, wo wiederum in verschiedenen Ethnien, Stämmen und Regionen ganz unterschiedliche Traditionen und Kulturen gepflegt werden. Im ländlichen Pandschab arbeiten die Frauen auf dem Feld, während die Männer zu Hause bleiben. Im Nordwesten, im Grenzgebiet zu Afghanistan, dagegen sieht die Sache ganz anders aus. Und die Metropole Karatschi lässt sich mit anderen Städten oder gar ländlichen Regionen überhaupt nicht vergleichen.

Die Alphabetisierungsrate beträgt in Pakistan offiziell 56 Prozent; bei den Frauen sind es gerade einmal 40, bei den Männern immerhin 68 Prozent. Und auch wer tatsächlich lesen und schreiben gelernt hat, verfügt oft nur über rudimentäre Kenntnisse. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Einer davon ist, dass ein Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Die Sicherheitslage, aber auch das völlige Fehlen von Schulen in manchen ländlichen Gegenden gehören mit dazu. Viele Experten sind außerdem überzeugt, dass die offiziellen Angaben geschönt sind und es in Wirklichkeit viel mehr Arme und Analphabeten gibt, als zugegeben wird.

Ameena Saiyid, die Chefin von Oxford University Press Pakistan, hat im September ein Kinderliteraturfestival in Belutschistan organisiert. Die Managerin des britischen Verlags veranstaltet jedes Jahr das Karatschi-Literaturfestival und besucht Buchmessen auf der ganzen Welt, einschließlich der Frankfurter Buchmesse. „Wir haben die Sache unter Verschluss gehalten“, sagt sie über das Kinderbuchfestival in Belutschistan. „Wir haben zum Beispiel die Medien nicht zur Eröffnung eingeladen, aus Sicherheitsgründen.“

Belutschistan ist eine Provinz Pakistans, in der die Sicherheitslage wegen separatistischer Bestrebungen und Übergriffen des pakistanischen Militärs als prekär gilt. Im Interview erzählt Saiyid viel mehr über diese Projekte als über sich selbst. Sie sitzt an ihrem langen Holzschreibtisch und trägt die in Südasien übliche traditionelle Kleidung, Salwar Kurta mit Dupatta, eine Kombination aus Überhemd, Pluderhose und leichtem Schal.

Saiyid wurde 1988 in die Geschäftsführung geholt, als noch sehr wenige multinationale Unternehmen in Pakistan Frauen im oberen Management beschäftigten. „Ich war die einzige Frau, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.“ Nachdem sie zur CEO ernannt worden war, gab es Rivalitäten mit Kollegen, vor allem mit den untergebenen Männern. „Sie machten abfällige Bemerkungen und prophezeiten, ich würde mich höchstens sechs Monate halten. Aber letzten Endes stand es in meinem Ermessen, ungeeignete Leute zu entlassen, und das habe ich auch getan. Da dämmerte ihnen, dass ich es ernst meine.“

Ihr Studium absolvierte sie in Pakistan, davor hatte sie einige Zeit eine Schule in New York besucht und eine Privatschule in Karatschi. Viele, die in Pakistan Wert auf eine gute Ausbildung legen und es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen.

Die Zustände an den staatlichen Schulen haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verschlechtert. Die Ausstattung ist miserabel, das Unterrichtsmaterial schlecht, das Lehrpersonal nicht ausreichend qualifiziert – niedrige Gehälter und fehlende Kontrollen führen dazu, dass Lehrer of einfach wegbleiben und sich kaum engagieren. Zwar bemühen sich NGOs und philanthropische Vereine um eine Verbesserung der Bildungssituation im Land, aber es ist ein mühseliger und langwieriger Kampf. Die Regierung selbst versagt dabei jämmerlich. Erst vor Kurzem wurden die Staatsausgaben für Bildung wieder einmal gekürzt, um noch mehr Geld in den Militärhaushalt pumpen zu können.

Angesichts der extremen Ungleichheit in Bildung und Lebensstil können Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien kaum berufliche Spitzenpositionen erreichen. Auch das Klassendenken spielt eine wichtige Rolle, weshalb den Angehörigen der unteren Mittelschicht der Aufstieg in Führungspositionen meist verwehrt bleibt. Doch auch hier gibt es ein paar Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Ayesha Aziz leitet die Investmentbank Pak-Brunei Investments in Karatschi. Sie entstammt einer Paschtunenfamilie aus Dera Ismail Khan. „Verdächtig nah an Waziristan“, witzelt sie, jener gesetzlosen Stammesregion zwischen Pakistan und Afghanistan, die als Rückzugsgebiet von al-Qaida und den Taliban berüchtigt ist. „Meine Eltern sind sehr religiös“, sagt sie. „Mein Vater betet fünfmal am Tag, verlangt aber nicht, dass ich es auch tue.“

Aziz sitzt in ihrem Büro und trägt Salwar Kamiz, cremefarben, mit Dupatta. Ihr Mann sei ebenfalls Investmentbanker, erzählt sie. Sie haben sich in einer Bank kennengelernt. Ihre Eltern seien nicht sehr begeistert davon gewesen, dass er kein Paschtune sei. Neulich sei sie von einer japanischen Journalistin interviewt worden: „Sie war erstaunt, dass keine Frau hier einen Hidschab trägt“, erzählt Aziz. „Und sie wollte wissen, ob mein Mann mir erlaube zu arbeiten und ob er überhaupt wisse, dass ich arbeite. Sie redete dauernd von Ehre. Das sind so die Vorstellungen, die die Leute im Ausland haben. Es war äußerst unerfreulich.“

Die japanische Journalistin habe auch gefragt, ob sie mehr Geld verdiene als ihr Ehemann. „Ich verdiene in der Tat mehr als mein Mann“, habe sie geantwortet, und dass sie nicht wisse, was er darüber denke. „Ich bin sicher, er verzehrt sich vor Neid“, scherzt sie, „aber das hat keinerlei Auswirkung auf unsere Beziehung.“

Obschon sie als Frau in einer Männerdomäne arbeitet, hat Aziz bisher noch keine Diskriminierungen erlebt. „Kein einziges Mal“, beteuert sie, „aber vielleicht hatte ich einfach nur Glück.“

Rehana Hakim ist die Chefredakteurin des pakistanischen Nachrichtenmagazins Newsline, das die erfahrene und anerkannte Journalistin Razia Bhatti 1989 gegründet hat. „Ich finde nicht, dass meine berufliche Laufbahn besonders steinig war“, sagt Hakim, die vor vierzig Jahren bei der Tageszeitung The Sun angefangen hat. „Bis der Durchbruch geschafft war, war es schwierig“, räumt sie ein und erinnert sich an die starken Frauen, die darum kämpften, dass Geschichten publiziert wurden, die für die Anliegen der Frauen wichtig waren. „Aber für die späteren Generationen wurde es leichter.“ Zu Anfang ihrer Karriere in den 1970ern seien die Frauen oft am späten Abend nach Hause geschickt worden. „Aber als Ende 2007 Benazir Bhutto ermordet wurde, hockten wir alle bis zwei, drei Uhr nachts im Büro. Insofern haben sich die Zeiten schon gewandelt.“

Newsline entstand als Antwort auf die strenge Pressezensur. Hakim und die anderen leitenden Redakteurinnen von Newsline arbeiteten zunächst in der Redaktion des englischsprachigen Nachrichtenmagazins Herald. Es sei extrem schwierig gewesen, Artikel zu veröffentlichen, die das Establishment kritisierten. Schließlich wurde Chefredakteurin Razia Bhatti aufgefordert, „sich entweder an die Vorgaben zu halten oder ihren Posten zu räumen“. Vier weitere Redakteurinnen – sie alle haben heute leitende Funktionen bei Newsline – kündigten gemeinsam mit ihr. „Die Männer sind nicht gegangen“, erzählt Hakim, „wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen“, obwohl auch Bhatti eine Familie zu ernähren gehabt habe. Newsline wurde zur ersten Journalistengenossenschaft in Pakistan.

„Wer zahlt, hat das Sagen“, meint Hakim, und genau das hätten sie vermeiden wollen. Am Ende hätten sie mit dem bisschen Eigenkapital, das die Redakteurinnen und einige befreundete Journalisten einbrachten, die Genossenschaft gegründet. Um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen, behielten die Redakteurinnen 51 Prozent der Anteile. Die erste Ausgabe brachte ein Interview mit der neuen Premierministerin Benazir Bhutto. 23 Jahre später gibt es das Magazin immer noch – und es ist immer noch unabhängig.

Frauenquoten sind gar kein Thema

„Frauen müssen Frauen in die Spitzenteams bringen“, sagt Hai, die CEO von L’Oréal. „Nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie es verdient haben.“ Aber von Quotenregelungen hält sie nichts. „Quoten widersprechen dem Prinzip von Leistung und Verdienst“, meint sie. Auch Saiyid hält nichts von Quoten. „Ich bin nicht so eine Feministin“, sagt sie. „Eigentlich bin ich gar keine Feministin. Ich glaube nicht an Frauengremien“, ergänzt sie, „ich sage ihnen immer, dass sie sich selbst an den Rand drängen.“ Früher wären Quotierungen für einen begrenzten Zeitraum ein gute Idee gewesen, „heute glaube ich nicht mehr daran. Inzwischen haben wir Chancengleichheit“.

Bei Pak-Brunei Investments arbeiten außer Ayesha Aziz auch viele andere Frauen in Spitzenpositionen. Von sieben vergleichbaren Investmentbanken in Pakistan ist sie die einzige mit einer Frau als Geschäftsführerin, und „wir haben eine bessere Bonitätseinstufung“, sagt Aziz. „Frauen sind einfach die besseren Manager, wir werden als Manager geboren. Wir fangen zu Hause an. Wir lernen haushalten und delegieren.“ Sie sei zwanzig Jahre gut ohne Frauenquote ausgekommen. „Zumindest hier in der Privatwirtschaft brauchen wir keine Quoten.“

Alle diese Frauen haben ihre Stellung ohne Quotenregelung erreicht. Pakistan hat zu viele Probleme, Frauenquoten sind kein Thema. Viele Frauen erreichen Spitzenpositionen allein dadurch, dass sie einem Familienunternehmen vorstehen. Und diese sind hier, wie in jeder sich entwickelnden Wirtschaft, ein wichtiger Faktor.

Aziz hat die Frauen nicht eingestellt, weil sie in ihrem Team ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis wollte: „Diese Frauen sind hoch motiviert, sie sind ungemein ehrgeizig und durchsetzungsfreudig.“ Und meint: „Für mich als Frau ist es günstiger, andere Frauen hereinzuholen. Sie wollen arbeiten und beschäftigen sich nicht so viel mit Bürointrigen. Ich bin nicht grundsätzlich voreingenommen, aber wenn ich das Gefühl habe, dass eine Frau besser passt, nehme ich die Frau. Und wenn beide gleich qualifiziert sind, nehme ich auch die Frau, einfach weil es leichter ist, mit Frauen umzugehen.“ Als Gründe dafür nennt Aziz die größere Reife und Beharrlichkeit von Frauen. Und über die Männer, die für sie arbeiten, sagt sie: „Die Krawatte ist ein Zeichen der Unterwerfung.“ Sie ziehe es vor, wenn ihre Mitarbeiter in legerer Bürokleidung zur Arbeit erschienen.

Hakim, die Chefredakteurin von Newsline, meint, es sei immer gut, mit Frauen zu arbeiten. „Je mehr, desto besser“, sagt sie, „je mehr es sind, desto leichter fällt es ihnen, durch die gläserne Decke zu stoßen.“ Und weiter: „Es ist wichtig, dass Frauen in Entscheidungspositionen sitzen, weil sich nur dadurch die Einstellungen ändern. Aber bei Newsline haben wir immer auch unsere Quotenmänner eingestellt“, lacht sie.

Für Hai zählen Mut, Selbstvertrauen und eine Vision zu den wichtigsten Faktoren beruflichen Erfolgs. „Aber Vision allein reicht auch nicht“, sagt sie, „man muss auch die Ärmel hochkrempeln und zupacken können. Ich weiß nicht, was dieses Gerede von der ‚gläsernen Decke‘ soll. Entscheidend für den Erfolg ist, wie schnell man sich von einem Fehlschlag erholt. Ich bin von Natur aus optimistisch, zum Glück.“

Saiyid, die Trägerin des Order of the British Empire ist, hat eine ähnliche Einstellung: „Man muss stark und entschlossen sein“, meint sie. „Ich habe meinen Beruf immer geliebt. Und ich hätte niemals aufgegeben.“ Nach ihren Erfahrungen in der Geschäftswelt gibt es die gläserne Decke durchaus: „Sie mögen es nicht, wenn eine Frau ihnen von Gleich zu Gleich begegnet. Aber das ist nur dann ein Hindernis, wenn du es zulässt.“

Für Aziz war ihr Geschlecht nie ein Problem, es habe sie an keiner Stelle am Erfolg gehindert, sagt sie. Oft sei sie die einzige Frau auf den Meetings und Konferenzen in ihrer männerdominierten Branche. „Wir sind oft die einzigen Frauen und haben dadurch keine wirklichen Nachteile gehabt. Ich werde als Frau eher weniger benachteiligt, und das war sogar so, als ich noch jünger war. Vielleicht werden Frauen sogar bevorzugt. Wir bekommen leichter Termine! Und nichts kann uns davon abhalten, sie zu unserem eigenen Vorteil zu nutzen.“

In bestimmten pakistanischen Kreisen, insbesondere der gebildeten oberen Mittelschicht, scheinen die Frauen tatsächlich über alles zu verfügen: Sie bekommen eine ausgezeichnete Ausbildung, machen Karriere und genießen die Rückendeckung und Unterstützung ihrer Familie. Aziz kommt aus einer solchen Familie. Ihr Ehemann und ihre Eltern halfen mit bei der Erziehung der Kinder, während sie Karriere machte.

Saiyid spricht ebenfalls von der Unterstützung durch ihre Familie bei ihrem beruflichen Aufstieg. „Wenn die Arbeit verlangt hat, dass ich bis Mitternacht im Büro bleiben musste, bin ich bis Mitternacht geblieben. Aber wenn mein Kind krank war, bin ich mit ihm zum Arzt und hab die versäumte Arbeitszeit irgendwann nachgeholt. Mein Mann war auch eine große Hilfe“, ergänzt sie scherzend. „Er hat sich damit abgefunden, dass es zu Hause immer unordentlich war.“ Als sie Chefin von Oxford University Press wurde, führte Saiyid dort Mutterschaftsurlaub ein.

Aziz sprach ausführlich darüber, dass unter den pakistanischen Frauen ihrer Erfahrung nach weniger Konkurrenz herrscht als im Westen. Hai und Saiyid sind da anderer Ansicht. „Es geht doch gar nicht um Männer oder Frauen, es sind eben Menschen“, meint Hai. „Auch Frauen kann man nicht über einen Kamm scheren.“ Und Saiyid hat sowohl mit Männern wie mit Frauen schlechte Erfahrungen gemacht. „Es ist nicht wirklich eine Geschlechterfrage. Meiner Ansicht nach geht es eher um Revierkämpfe.“

Verhalten und Verhältnisse

„Als Frau müssen Sie die Sache ständig im Griff haben“, meint Hai. „Wer zu schüchtern ist, hat ein Problem.“ Und die Chefin von L’Oréal Pakistan erzählt vom Besuch eines Franzosen im Tochterunternehmen in Karatschi: „Sie haben sehr starke Frauen hier, hat er gestaunt, und ich habe ihm nur geantwortet: Ja, Leichtgewichte haben bei uns keine Chance.“

Hakim, die Chefin von Newsline, findet sogar: „In gewissem Sinn schützt dich dein Geschlecht.“ In einem Land, in dem die Pressefreiheit nicht geschützt ist, sei es Frauen wie ihr selbst und Bhatti eher möglich, sich mit kritische Themen auseinanderzusetzen. Sie berichtet, wie der Sprecher der PR-Abteilung der Streitkräfte (Inter Services Public Relations, ISPR), sie im Büro aufsuchte, um mit ihnen über einen armeekritischen Artikel zu sprechen, den Newsline veröffentlicht hatte. „Wir haben ihn direkt angegriffen“, schmunzelt sie, „aber weil wir Frauen waren, begegnete er uns doch mit lihaz (Respekt).“

Und zur Frage nach Diskriminierungserfahrungen meint sie nur: „Davon habe ich nie etwas gemerkt. Das Fernsehen ist sexistisch. Die wollen Frauengesichter. Aber das hat sich letztlich auch zugunsten der Frauen ausgewirkt. Die Frauen haben gezeigt, was sie können.“ „Männer sind überall Männer“, meint Hai. „Zwischen Männern in Singapur und Männern in London und Männern in Pakistan gibt es nur sehr wenige Unterschiede.“ Sie glaubt, dass die Frauen die Grenzen ziehen müssen: „Ich habe immer das Gefühl, dass die Frauen es sind, die in einer Interaktion den Ton angeben und die Grenzen festlegen müssen. Ich habe festgestellt, dass ich es bin, die immer die Grenzen setzt.“

Pakistan ist patriarchalisch, wie der Rest der Welt auch. „Wenn eine Frau auf der Karriereleiter nach oben klettert, ist sie aggressiv, wenn ein Mann das tut, gilt er als ambitioniert“, sagt die Journalistin Hakim. „Frauen sollten nicht kompensieren. Oft wollen sie sich beweisen, indem sie die ganz harten Geschichten bringen.“ Hai schlägt in dieselbe Kerbe: „Mich hat eher mein Ehrgeiz angetrieben als der Wunsch, mich als Frau zu beweisen.“

Man stellt sich immer vor, dass in Südasien nur sehr privilegierte Frauen arbeiten und Karriere machen können. Privilegiert sein kann in einem Land wie Pakistan allerdings etwas ganz anderes bedeuten als im Westen: Hier bedeutet Zugang zu Bildung und zu sauberem Trinkwasser bereits ein Privileg, da die Infrastruktur miserabel ist. Aber durchaus nicht alle reichen Frauen haben Zugang zu Bildung; und nicht alle Frauen, die die Möglichkeit haben, Karriere zu machen, kommen aus wirklich begüterten Familien. Doch wer aus den unteren Schichten kommt, Frau oder Mann, wird niemals CEO werden, da sie oder er keine Chance auf eine entsprechende Ausbildung hat. Zudem verhindert der tief verwurzelte Klassismus in Pakistan den Aufstieg aus des sozialen Schicht, in die man hineingeboren ist. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im Allgemeinen ist dabei es geblieben. Im Übrigen ist Pakistan ist ein komplexes Land, bei dem man kaum verallgemeinern oder verabsolutieren kann. Lahore, Islamabad und Karatschi funktionieren völlig anders als kleinere Städte; und auch auf dem Land existieren beträchtliche Unterschiede.

„Die Ökonomie ist der größte Gleichmacher“, sagt Saiyid. „Ich glaube nicht, dass Frauen aus der Unterschicht unterdrückt sind, weil sie arbeiten gehen müssen. Ich glaube eher, die Frauen der Mittelschicht stecken in der Zwangsjacke ihrer eigenen Moral.“ „Pakistan ist ein Land der Widersprüche“, sagt Hai, „und in diesen Widersprüchen muss man das Gute erkennen.“ Es fehle zwar an Sicherheit und an Rechtsstaatlichkeit, aber 70 Prozent der Bevölkerung sei unter 25 Jahre alt. „Es ist die beste Zeit für weibliche Journalisten“, sagt Hakim. „Die Situation hat sich völlig verändert. Frauen kommen überall hin.“

Benazir Bhutto wurde – als Tochter des gestürzten und 1979 hingerichteten Politikers Zulfikar Ali Bhutto – an ihren Brüdern vorbei zur Vorsitzenden der von ihrem Vater gegründeten Partei (PPP) und schließlich 1988 zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt eines islamischen Landes gewählt. Aber das hat nichts daran geändert, dass es weiterhin schwere Menschenrechtsverletzungen gibt, einschließlich Zwangs- und Kinderehe oder Ehrenmorde.

Viele Frauen finden es schwer, in Pakistan ohne einen männlichen Partner zu leben. Einen Mann zu haben befreit sie von bestimmten Verantwortlichkeiten, wie zum Beispiel der, den Ernährer zu spielen. Diese in der Kultur verwurzelte Haltung ermöglicht es jedoch paradoxerweise vielen Frauen, eine Laufbahn nach ihren eigenen Wünschen einzuschlagen, während die Männer zur Übernahme der finanziellen Verantwortung genötigt werden – mit dem Ergebnis, dass intelligente und ehrgeizige Frauen dank dieser Widersprüche das tun können, was sie wollen, und auch das erreichen können, was sie sich vorgenommen haben. Um noch einmal Hai zu zitieren: „Auf einem Markt wie dem unseren hier gibt es nie den ‚richtigen‘ Zeitpunkt. Den richtigen Zeitpunkt müssen Sie selber schaffen.“

Aus dem Englischen von Robin Cackett Hani Yousuf ist pakistanische Journalistin mit dem Schwerpunkt Migration. Sie lebt in Berlin und Karatschi. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.11.2012, von Hani Yousuf

Le Monde diplomatique Jubiläumsabo

2020 feiert die deutschsprachige Ausgabe von Le Monde diplomatique ihren 25. Geburtstag

Und den wollen wir mit unseren Leserinnen und Lesern feiern – und zwar mit einem besonderen Abo, das Sie auch verschenken können: 25 Euro für ein Jahr LMd.