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Populismus und Elite

Populismus und Elite

von Bruno Preisendörfer

Populistisch sind immer die anderen, man selber ist populär, wenn einem viele Beifall spenden. Der politische Gegner redet gewissenlos dem Volk nach dem Munde, man selber spricht bloß offen und ehrlich aus, was die Leute wirklich denken. Dementsprechend wird in der Demokratie der „Demos“, das Volk, definitorisch herumgeschubst, wie es seine Führer und Verführer gerade brauchen: Entweder wird es als zu kurz gekommenes Kleinkind behandelt, das seine Bedürfnisse schlecht artikulieren und seine Interessen nicht selbst vertreten kann; oder es wird als vielkehliges Ungeheuer geschmäht, das die Äußerungen abwägender Vernunft niederzubrüllen droht.

Nur als der Souverän, der das Volk in der Demokratie der reinen Lehre zufolge doch zu sein hätte, wird es im politischen Alltag nicht respektiert. Lediglich am Wahltag machen die Gewählten einen Knicks vor den Wählenden und leiten jedes Interview mit dem Satz ein: „Zuerst möchten wir allen Bürgerinnen und Bürgern danken, die uns ihre Stimmen gegeben haben.“ Wenn man die Stimmen aber erst einmal hat, braucht man bis zum nächsten Wahlkampf auf sie nicht mehr zu hören als aufs eigene Gewissen. Dem sind die Abgeordneten grundsätzlich und sogar grundgesetzlich verpflichtet, nicht etwa den Bürgern, die sie repräsentieren.

Der populäre Vorwurf des Populismus löst die Frage aus, was unter diesem Populismus genauer zu verstehen ist. Vielleicht gibt die Bundeszentrale für politische Bildung Auskunft. Schließlich wurde die Institution zu dem Zweck geschaffen, dem Volk zu erklären, was es mit dem Staat auf sich hat, wie er funktioniert und welchen Gefahren er ausgesetzt ist. Das Internet-Lexikon der Bildungseinrichtung zitiert das gängige Politiklexikon von Schubert und Klein: „P. bezeichnet eine Politik, die sich volksnah gibt, die Emotionen, Vorurteile und Ängste der Bevölkerung für eigene Zwecke nutzt und vermeintlich einfache und klare Lösungen für politische Probleme anbietet.“ Das war’s. Es folgt nur noch ein pädagogischer Link mit dem Zaunpfahl zum Stichwort „Demagoge“.

Auf der Webseite eines Schulprojekts der Uni Münster wiederum heißt es: „In einem sind sich fast alle Wissenschaftler einig: Es gibt sie nicht, die Definition des Begriffs Populismus.“ Wenn Bildungszentralen und Universitäten nicht weiterwissen, hilft es vielleicht, sich in der Kabine umzuhören, nicht in der Wahl-, in der Stadionkabine. Anfang Oktober hat Jupp Heynckes, ein bedeutender Repräsentant der deutschen Fußballnation, den Populismus als öffentliche Äußerungen in nicht geschlossenen Räumen definiert. Im Originalton: „Ich weiß aus Erfahrung, dass es ganz wichtig ist, diese Dinge [also Kritik] in geschlossenen Räumen zu artikulieren – und nicht so nach draußen. Weil das ist Populismus.“ Da er das selbst auch „so nach draußen“ artikuliert hat, wurde ihm prompt Populismus vorgeworfen.

Nicht nur Bildungspädagogen, Wissenschaftlicher und Sportfunktionäre tun sich schwer mit der Vokabel, auch Vertreter der sogenannten vierten Gewalt, die auszuüben Journalisten in populistischer Amtsanmaßung manchmal für sich in Anspruch nehmen, verheben sich am Wort und bei den Sachverhalten, die mit ihm begriffen werden sollen. Beispielsweise beklagte ein Kolumnist der Kulturzeitschrift Cicero in Zusammenhang mit der Kritik an unausgewiesenen Nebeneinkünften von Abgeordneten den „billigen Nebenverdienstpopulismus“. Als gäbe es auch einen teuren Hauptverdienstpopulismus. Vielleicht sollte man in der Art des Smileys ein Keulchen-Symbol erfinden, das immer dann eingesetzt werden kann, wenn man etwas irgendwie „populistisch“ findet. Dann blieben der Leserschaft wenigstens solche Sprachverwundungen erspart.

Helmut Thoma, der ehemalige Geschäftsführer des populistischen Fernsehsenders RTL, pflegte die Kritik intellektueller Besserwisser an seinem Programm für die „breite Masse“ mit der Bemerkung zurückzuweisen: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ In ihrer unübertroffenen Klarheit eignet sich Thomas Aussage zur Definition: Populismus ist, wenn’s dem Fisch schmeckt.

Zu den Fischen gehört die Elritze. Sie schwimmt im Schwarm (wie der Mensch im Schwarm denkt), und wenn sie einen Leckerbissen ausmacht, setzt sie ihre Flossen in Bewegung. Gewöhnlich achtet sie dabei aber darauf (wie der Mensch), den Schwarmkontakt zum Mitgeschöpf nicht zu verlieren. Das ändert sich radikal, wenn man dem Fisch das Vorderhirn herausoperiert. Das Resultat einer solchen Operation beschrieb der Verhaltensforscher Konrad Lorenz 1963 in seinem – populärwissenschaftlichen – Buch „Das sogenannte Böse“: „Die vorderhirnlose Elritze sieht, frisst und schwimmt wie eine normale; das einzige Verhaltensmerkmal, durch das sie sich von einer solchen unterscheidet, besteht darin, dass es ihr egal ist, wenn sie aus dem Schwarm herausgerät und ihr keiner der Artgenossen nachschwimmt. Ihr fehlt daher die zögernde Rücksichtnahme des normalen Fisches, der, auch wenn er noch so intensiv in bestimmter Richtung schwimmen möchte, sich doch schon bei den ersten Bewegungen nach den Artgenossen umsieht und sich davon beeinflussen lässt, ob ihm welche folgen und wie viele. All dies war dem vorderhirnlosen Kameraden völlig egal; wenn er Futter sah oder aus sonstwelchen Gründen irgendwohin wollte, schwamm er entschlossen los, und siehe da – der ganze Schwarm folgte ihm. Das operierte Tier war eben durch seinen Defekt eindeutig zum Führer geworden.“

So gesehen verhindert der populistische Bezug auf Schwarm und Volk die rücksichtslose Herrschaft der wenigen über die vielen. Das Umsehen nach dem Volk und das Sich-beeinflussen-Lassen durch das Volk haben jedenfalls trotz der Gefahr des Opportunismus mehr mit Demokratie zu tun als die elitäre Forschheit beim Durchregieren. Daran müssen die kleinen Fische die großen Tiere immer wieder erinnern.

Der Sachzwangfetischismus der Expertokratie und die Leistungsideologie der Funktionselite sind zwar raffinierter als das populistische Agitieren mit Ressentiments und Stammtischparolen, doch kann diese Art von Selbstpropagierung wegen ihres Blendwerks und ihrer Kulissenschieberei auch nicht gerade als demokratisch transparent bezeichnet werden. Die politischen Verkaufsberater der Elite ziehen sich mit Vokabeln wie „Öffentlichkeitsarbeit“ oder „politisches Marketing“ begriffliche Samthandschuhe über, während Piep und Pup des Populisten empörungstrainiert gleich in die Nähe Goebbel’scher Hetze gerückt wird. Doch gibt es Demagogie als Methode der Überrumpelung bei Populisten wie bei der Elite, auch wenn dort die Demagogik von weitem wie Pädagogik aussieht.

Populismus ist mehr als das Ausnutzen von Unmündigkeit und etwas anderes als das Verdummen von Leuten, die von der Elite für sowieso schon dumm genug gehalten werden. Im Populismus wird noch einmal jene Unmittelbarkeit zwischen Volk und Vertreter inszeniert, die im normalen demokratischen Geschäftsbetrieb der medialen Massengesellschaft längst verschwunden und auch durch Pseudopartizipation im Modus von Click and Go im Internet nicht wiederherzustellen ist – entgegen den Versprechen der digitalpopulistischen Piratenpartei.

Die Methoden bei der Simulation von Unmittelbarkeit ähneln mehr der Reklame als der totalitären Propaganda. Es handelt sich um das Repertoire des Spektakels, übertragen vom Marktplatz auf Film, Funk und Fernsehen, nicht um die festgelegte Choreografie der Masse unter den Tribünen der Macht wie im totalitären Staat. So sachlich fragwürdig und unappetitlich im Stil populistisches Auftreten sein mag, so windig die Absicht und verlogen die Haltung des auftretenden Populisten – es muss immer an Gefühle appelliert, an Träume erinnert und um Zustimmung geworben werden. Und wer werben muss, kann nicht befehlen.

Bruno Preisendörfer ist Schriftsteller und Herausgeber von www.fackelkopf.de. Vor Kurzem erschienen: „Der waghalsige Reisende. Johann Gottfried Seume und das ungeschützte Leben“, Berlin (Galiani Verlag) 2012. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.11.2012,