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130 Minderheiten

Neben der birmanischen Bevölkerungsmehrheit (68 Prozent) gibt es in Birma 130 ethnische Minderheiten, die vor allem in den sieben Grenzstaaten Chin, Kachin, Karen, Karenni, Mon, Arakan und Shan leben. Die Shan stellen mit 9 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von Karen (7 Prozent), Arakan (4 Prozent), Kachin (4 Prozent) und Mon (3 Prozent). Hinzu kommen 1,5 Millionen Chinesen, von denen 150 000 allein in Kokang leben, sowie 800 000 Inder. Im Zuge der Zwangs-Birmanisierung hat das Regime den Minderheiten verboten, ihre Sprache zu unterrichten und ihre traditionelle Kultur zu pflegen.

Ein Auslöser des Bürgerkriegs, der in den Grenzregionen seit 1948, das heißt seit der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft tobt, war die Zerstörung historischer Gebäude wie beispielsweise des Palasts des Fürsten von Kengtung, eines Symbol der Shan-Herrschaft.

1989 zerfiel die Kommunistische Partei Birmas (KPB, engl. CPB). Danach bildeten sich neue Unabhängigkeitsbewegungen entlang der ethnischen Grenzen. Einige von ihnen haben sich, angesichts der Unterdrückung und der Korruption im Lande, inzwischen aufgelöst oder den Kampf aufgegeben. Die starke Unabhängigkeitsbewegung des Bergvolks der Kachin (Kachin Independence Organisation, KIO) wurde buchstäblich auseinandergetrieben; kleinere Gruppen wie die Palaung und einige der Pa-O haben sich ergeben.

Die Kachin haben vor kurzem angekündigt, an den Wahlen 2010 teilnehmen zu wollen. Den drei letzten noch kämpfenden Gruppen – die Karen, die Kayah und die Shan von der Shan State Army South (SSA-S) – eröffnete General Maung Aye nur noch einen Ausweg: die bedingungslose Kapitulation.

Ganz andere Probleme hat das birmesische Regime mit den Nachfolgeorganisationen der ehemaligen KPB, deren Territorien an der chinesischen Grenze liegen. Dort gibt es vor allem in den Städten größere chinesische Communitys. Die chinesischen Milizen in Kokang in der Sonderregion 1 und die Akha, Lahu und Shan in der Sonderregion 4, die unter dem Kommando eines ehemaligen Offiziers der chinesischen Volksarmee Lin Ming Shin (alias Sai Lin) stehen, sind zusammen 3 400 Mann stark. Die von Pao Yo Chang befehligte Armee der Wa in der Sonderregion 2 ist sogar noch stärker: In der United Wa State Army (UWSA) dienen fast 20 000 reguläre Soldaten und mehrere tausend bewaffnete Bauern, die als Milizionäre die Selbstverteidigung der Dörfer übernehmen. Die UWSA hat zudem im Süden des Shan-Staats nahe der Grenze zu Thailand einige Gebiete „kolonisiert“.

Die Widerstandsgruppen in diesen Grenzregionen zu China sind bislang nicht bereit, die Waffen niederzulegen. Die birmesischen Wahlen nehmen sie nicht ernst. Alle fordern, was ihnen die Zentralregierung verweigert: echte Autonomie.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2009,