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Kämpfen für Karsai

von Serge Halimi

Da Barack Obama die Kämpfe in Afghanistan als „notwendigen Krieg“ bezeichnet hat, darf er sich nicht wundern, wenn ihm die eigene Armeeführung eine Truppenaufstockung um 40 000 Soldaten abzupressen versucht. Genau das ist die Strategie von General Stanley McChrystal, den Obama selbst zum Oberbefehlshaber in diesem seit nunmehr acht Jahren währenden Krieg gemacht hat.

In Indochina stützten die USA vor vierzig Jahren erfolglos korrupte Regierungen, die von der Bevölkerung als Marionetten abgelehnt wurden. In Afghanistan konnten sich weder britische noch sowjetische Armeen behaupten. Heute stellt sich die Frage, welche Siegeschancen westliche Truppen haben, die in den afghanischen Bergen umherirren oder zwischen die Fronten des Drogenhandels geraten und sich auch noch dem Vorwurf ausgesetzt sehen, einen Krieg gegen den Islam zu führen.

Der französische Außenminister Bernard Kouchner glaubt, man könne „die Herzen mit einer kugelsicheren Weste erobern“. Und General McChrystal beteuert, es gehe nicht darum, „möglichst viele Taliban zu töten, sondern die Bevölkerung zu schützen“. Solchen Äußerungen liegt eine gemeinsame Überzeugung zugrunde, die nicht einmal zynisch gemeint ist. Beide glauben, durch Krieg könne man die gesellschaftliche Entwicklung voranbringen – und das in einem Land, in dem Aufständische und Zivilbevölkerung kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Schon längst haben die USA die Hoffnung aufgegeben, die nationalistisch und religiös motivierten Kämpfer besiegen zu können. Deren Entschlossenheit konnten sie bereits unter anderen Vorzeichen kennenlernen, als die Taliban mit Unterstützung Washingtons die sowjetischen Truppen in Afghanistan stoppten. Heute können die USA nur noch hoffen, dass es irgendwann zum Bruch zwischen Taliban und Al-Qaida-Kämpfern kommt.

Auch wenn der Friedensnobelpreisträger Barack Obama die von den Neokonservativen geforderte militärische Eskalation ablehnt, so ist er der Öffentlichkeit bislang eine eindeutige Aussage schuldig geblieben. Die Klarstellung nämlich, dass das Glück der Menschen nur in Ausnahmefällen durch Bomben und Besatzung zu erzwingen ist; dass Ussama Bin Laden in den Bergen Afghanistans nur noch eine Handvoll Anhänger hat; dass ein möglicher Kompromiss mit einer weniger verblendeten Fraktion der Taliban die nationale Sicherheit der USA nicht gefährden würde. Russland, China, Indien und Pakistan, die kein Interesse an einem permanenten Krisenherd in ihrer Region haben, könnten bei Verhandlungen in dieser Richtung hilfreich sein.

Wenn Menschen ihr Leben für die Demokratie auf fremdem Boden riskieren, zeigen sie eine einzigartige Opferbereitschaft; aber muss man unbedingt für Hamid Karsai sterben? Wo selbst ein General McChrystal einräumen musste, dass Karsai, der durch Wahlbetrug an der Macht gehalten und als „Bürgermeister von Kabul“ verspottete wird, und sein Regime dafür gesorgt haben, dass sich ein Teil des afghanischen Volkes „nach der Sicherheit und Gerechtigkeit des Taliban-Regimes zurücksehnt“.

Obwohl nahezu 31 000 britische, deutsche, französische, italienische Soldaten an der Seite der US-Armee kämpfen, scheinen all diese Fragen die europäischen Politiker nicht zu interessieren. Was die Nato macht, wird mehr denn je in Washington entschieden. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat am 16. Oktober in einem Interview verkündet, er werde „keinen einzigen Soldaten mehr“ in den Kampf gegen die Taliban schicken. Doch dann setzte er hinzu: „Sollen die Truppen in Afghanistan bleiben? Ich sage ja. Und das Ziel muss heißen, diesen Krieg zu gewinnen.“ Versteckt in einem zweiseitigen Interview, blieben diese Sätze Sarkozys von den Medien unkommentiert. Kommentar überflüssig.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2009,