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Lob für den Hampelmann

Wenn ein erratischer Staatschef die mächtigste Armee der Welt befehligt und keine Lust hat, sich über Dinge beraten zu lassen, von denen er keine Ahnung hat, sind zusätzliche Sicherheitshürden angebracht. Doch als Donald Trump seinen Generälen befahl, Syrien zu bombardieren und Marine­manöver in Asien durchzuführen, erntete er Applaus von republi­kanischen wie demokratischen Abgeordneten und wurde in nahezu allen Medien, auch europäischen, gefeiert. In der Tageszeitung Libération hieß es sogar, „die Luftschläge auf Syrien“ hätten „etwas Befreiendes“ gehabt.

59 Raketen auf einen Luftwaffenstützpunkt im Nahen Osten haben aus einem Präsidenten, der mit Dilettantismus, Unbeliebtheit und Vetternwirtschaft gleichgesetzt wurde, einen Mann gemacht, der, entschieden und sensibel, seine Menschlichkeit beim Anblick „süßer Babys, die bei einem barbarischen Angriff grausam ermordet wurden“, nicht zurückhalten kann. Solche Lobes­hymnen sind bei der angespannten Weltlage beunruhigend, zumal Trump sich so gern loben lässt.

Im Januar 1961 warnte der republikanische Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede vor dem „militärisch-industriellen Komplex“, dessen „wirtschaftlicher, politischer, sogar spiritueller Einfluss in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jeder Verwaltung zu spüren ist“. Den Kehrtwendungen des jetzigen US-Präsidenten nach zu schließen, war dieser Komplex in den letzten Wochen nicht untätig. Am 15. Januar erklärte Trump, „die Nato ist überflüssig“ – am 13. April sagte er, „die Nato ist nicht mehr überflüssig“. Vor ein paar Monaten wollte er Russland zu einem Bündnispartner machen – am 12. April fand er, die Beziehungen zwischen Washington und Moskau seien „auf einem historischen Tiefpunkt“.

Der russische Ministerpräsident Medwedjew meinte dazu, das Washingtoner „Machtsystem“ habe , kaum habe „sich der Staub des Wahlkampfs gelegt“, Trump „das Rückgrat gebrochen“. Der „tiefe Staat“ habe das Ruder übernommen, der sich von einem Wechsel im Weißen Haus nicht von seinen strategischen Prioritäten abbringen lässt. Die Republikaner und Demokraten, die das amerikanische Empire wollen, können jetzt frohlocken: Auch wenn Trump immer noch einem Hampelmann ähnelt, ist er jedenfalls keine Marionette des Kremls. An diesem Punkt hat der tiefe Staat gesiegt.

Würde Eisenhower aus dem Grabe auferstehen, dann würde er seinem militärisch-indus­triel­len Komplex sicherlich noch die Komponente Medien hinzufügen. Nachrichtenkanäle leben von anhaltenden Spannungen, sie lieben Krieg; und prominente Kommentatoren lassen sich besser für dröhnende Pro­kla­ma­tio­nen gewinnen, seit nicht länger Wehrpflichtige wie die eigenen Söhne in bewaffneten Konflikten ums Leben kommen, sondern „Freiwillige“, die meist aus einfachen Verhältnissen stammen. In den bedeutendsten US-amerikanischen Zeitungen sind 47 Leitartikel zu den Luftschlägen in Syrien erschienen. Nur ein einziger – auf fair.org vom 11. April – sprach sich dagegen aus.⇥Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 11.05.2017,