Wir sind die Plankenleger

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Wir sind die Plankenleger

Wir sind die Plankenleger

von Katharina Döbler

Vor einigen Jahren war ich unterwegs in den Anden. Es war Regenzeit, der Überlandbus quälte sich mit stinkendem Dieselmotor über aufgeweichte Straßen, bis er endlich, endlich am Ufer eines Sees anhielt. Hier sollte die Reise mit einer Fähre weitergehen. Alle Passagiere mussten aussteigen. Am Ufer wartete ein großes Floß, das im Wasser trieb, und an einem kleinen Steg ein winziges Motorboot. Auf dem Dorfplatz standen und saßen auf feuchten Planken ein paar Männer herum, die das Schauspiel der Busverschiffung beobachteten. Das ging so: Der Bus rollte über das schlammige Ufer auf das Floß zu – und blieb im Schlamm stecken. Niemanden schien das besonders aufzuregen. „Das passiert eben. Es ist Regenzeit“, sagte ein Alter lächelnd auf meine besorgte Frage hin.

Der einzige Mensch, der sich rührte, war ein kleiner Junge, der in Richtung Dorf rannte. Nach geraumer Weile kamen noch mehr Männer. Mit einer gewissen Routine legten sie die Planken, auf denen man eben noch gesessen hatte, hinter die Räder des Busses, und mit einem Tau, auf dem auch schon jemand gesessen hatte, zogen alle gemeinsam das Ungetüm aus dem Morast. Es dauerte lange. Es war mühsam. Als das geschafft war, freuten sich alle – Passagiere, Dorfbewohner, Fährpersonal. Nachdem wir uns eine Weile gefreut hatten, wurden die Planken neu gelegt, diesmal vom festen Boden bis hin zum Floß. Der Bus rollte hinüber. Wir hatten fast zwei Stunden verloren.

Es war Regenzeit. Der Bus fuhr zwei-, dreimal am Tag diese Strecke. Das Ufer war weich wie Brei. Später erzählten mir andere, dass sich die Überfahrt immer wieder so abspielte: Losfahren, steckenbleiben, rausziehen, Planken legen, fahren. Was für eine Verschwendung an Zeit und Muskelkraft. Die europäischen Reisenden waren genervt, durchnässt, fassungslos. Warum legen diese Leute nicht einfach immer in der Regenzeit die Planken aus, so dass der Bus gar nicht erst stecken bleiben kann? Begreifen sie nicht, dass das viel praktischer ist?

Wir, die Kinder des europäischen Rationalismus, halten das nicht aus: dass Dinge nicht reibungslos funktionieren. Nach unserer Vorstellung wird das Leben der Menschen verbessert, indem man Abläufe rationalisiert, Hilfsmittel benutzt, Zeit und Kraft effizient einsetzt. So denken und empfinden wir. Wir sind die Plankenleger, die Planer, die Weltverbesserer.

Vor mehr als 100 Jahren zogen meine Vorfahren hinaus in die deutsche Südsee, um den Völkern auf Neuguinea das Christentum und die Zivilisation zu bringen. Sie waren überzeugt, ein gutes Werk zu tun. Gottgefällig, aber auch zutiefst human. Denn die Leute dort lebten in Angst vor Geistern, führten endlose Stammeskriege, raubten einander Frauen und Kinder und starben an heilbaren Krankheiten. Dass diese Leute ein Leben praktisch ohne ökologischen Fußabdruck führten, stellte für diese deutschen Bauernkinder keinen erkennbaren Wert dar. Ein Traktor, eine elektrische Bandsäge, ein Mittel gegen den Wundbrand – das waren die Dinge, die sie erstrebenswert fanden.

Zur gleichen Zeit hielt sich der deutsche Prophet des natürlichen Lebens August Engelhardt in Neuguinea auf. Während mein Großvater mit einer motorbetriebenen Anlage zur Trocknung von Kokosfleisch experimentierte, überließ Engelhardt alles der Sonne: sein Hirn und die Kokosnüsse, von denen er sich ausschließlich ernährte.

Im Zeitalter des Kolonialismus galt eben nicht nur das Glaubensbekenntnis des Fortschritts, es wuchs auch die Kritik an der Zivilisation – instrumentiert mit den Schriften Rousseaus und der Vorstellung von edlen, unverdorbenen Wilden. Dieser Widerstreit zwischen technischem Fortschritt und der Hoffnung auf Erlösung aus einer als falsch empfundenen Lebensweise taucht in den Annalen des Kolonialismus an vielen Stellen auf. Die Südsee war der Traum der Aussteiger.

Heute halten wir Kolonialismus für prinzipiell verwerflich. Dennoch wird immer wieder mit subtiler Deutlichkeit angemerkt, dass die Hinterlassenschaften der Kolonialherren in vielen Ländern die einzige funktionierende moderne Infrastruktur darstellen.

Aber der Widerspruch ist geblieben – und mit der Erkenntnis, dass die irdischen Ressourcen endlich sind, hat sich die Zivilisationskritik neu konkretisiert: Unsere Lebensweise ist nicht nur naturfremd, sondern auch viel zu verschwenderisch. Postwachstum ist das Schlagwort, mit dem wir aus der Falle zu entkommen versuchen.

Der Blick richtet sich nun wieder auf die, die es von jeher anders gemacht haben: auf die Völker in einst kolonisierten Ländern wie Bhutan, das ein Bruttonationalglück jenseits der üblichen Fortschrittsindikatoren zu definieren versucht; wie Ecuador und Bolivien, wo die traditionellen Vorstellungen der Ureinwohner vom richtigen, guten Leben in die Verfassung aufgenommen wurden. Sumak Kawsay (in der Kolonialsprache: Buen Vivir) ist ein Konzept, das Gemeinschaftlichkeit und eine Lebensweise im Einklang mit der Natur in den Mittelpunkt stellt. Niemand soll auf Kosten anderer leben, auch nicht auf Kosten der Umwelt. Streng genommen heißt das: So­zia­le und ökologische Werte stehen über wirtschaftlicher Entwicklung und materiellem Wohlstand.

Für uns, die gebildeten Bürger der westlichen Industrienationen, die wir Zivilisationskritik ebenso naheliegend finden wie Heizung und Warmwasser selbstverständlich, klingt dieses Konzept überaus verführerisch. Der indianische Existenzialismus verheißt Erlösung aus der Verwertungs- und Wachstumslogik des Kapitalismus. Unser eigenes Konzept eines historischen Fortschritts, mit dem es immer weiter aufwärts und der Menschheit immer besser gehe, ist an seine Grenzen gestoßen – Grenzen nicht nur der Ressourcen, sondern auch des Erträglichen.

Ein Schlagwort unserer Kultur, das schon in der griechischen Philosophie ein zentraler Begriff war, ist: das gelingende Leben. Jede und jeder wünscht es sich, für sich selbst, für seine Kinder. Ein Leben, das nicht gelingt, ist ein Versagen. Gelingendes Leben schließt eine ganze Menge ein: einen Beruf, der befriedigend ist, mit dem man nicht nur Geld verdient, sondern auch noch Erfolg hat; Liebesbeziehung(en) und Freundschaften; Gesundheit oder zumindest gut gemeisterte Krankheit. Familie. Besitz. Ansehen. Ein gelingendes Leben ist, nach heutigen Maßstäben, ein gut funktionierendes Leben. Ein Leben ohne Ausfälle, Laster und Leerlauf. Ohne Übertreibungen. Gute Work-Life-Balance. Quality Time. Alkohol in Maßen, Sex und Arbeit auch.

Für so ein Leben braucht es eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur. Zielgerichtet handeln, langfristig denken und um des Gelingens willen auf manches verzichten können – das gehört dazu. Eine Charakteristik, die klingt wie eine Stellenausschreibung.

Diese Idealpersönlichkeit bildet sich auf erschreckend simple Weise in dem berühmten Marshmallow-Test des US-Neuropsychologen Walter Mischel ab. Die Versuchsanordnung geht so: In einem leeren Raum stehen ein Stuhl und ein Tisch. Auf dem Tisch steht ein Teller, auf dem Teller liegt ein Marshmallow. Ein Kind wird hereingeführt. Es muss sich auf den Stuhl setzen und es bekommt gesagt: Wenn du wartest, bis ich wiederkomme, ohne diesen Marshmallow zu essen, bekommst du zwei. Bleib auf dem Stuhl sitzen.

Manche schaffen es tatsächlich unter inneren Kämpfen (man kann auf YouTube zusehen), ihren Appetit zu unterdrücken, bis die erwachsene Person zurückkommt und die versprochene Belohnung bringt. Diese Kinder, so das Ergebnis des Langzeitexperiments, sind die Kandidaten für ein gelingendes Leben. Beruflicher Erfolg und private Lebenszufriedenheit sind bei ihnen Jahrzehnte später signifikant ausgeprägter als bei denen, die das Marshmallow gegessen haben, bevor das Über-Ich mit der doppelten Portion kam.

Abgesehen davon, dass ein solcher Menschenversuch etwas Zynisches hat: Er sagt auch viel über die Werte der Gesellschaft aus, in der er stattfindet. Wer sich zusammenreißt, kriegt das Doppelte. Und jeder ist damit allein. Nichts könnte weiter entfernt sein vom Konzept des Sumak Kawsay.

Kürzlich sah ich einen Film über Menschen, die sich wie die Steinzeitmenschen ernähren, weil sie das für gesünder halten. Einer dieser Fleischesser erklärte, dass unsere Vorfahren die Körper der erlegten Mammuts endlos weit durch die Gegend schleiften, deshalb seien sie so stark und gesund gewesen. Er selbst, ein erfolgreicher Unternehmer, trat täglich vor sein Haus in Texas, holte ein Seil aus der Garage und band es an die Stoßstange seines an der Auffahrt geparkten SUV. Damit zog er, allein mit Muskelkraft, das Ungetüm zwei Meter bergauf. Einfach so. Um stärker zu werden, um das Richtige für sich selbst zu tun, im Sinne eines gelingenden Lebens.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 06.04.2017, von Katharina Döbler

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