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Techno-Reue in der Hyperrealität

von Geert Lovink

Die Ernüchterung über das Internet ist eine Tatsache: Aufklärung bringt uns nicht Befreiung, sondern Depression. Die einst märchenhafte Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und so­zia­len Medien umgab, hat sich aufgelöst. Swipen, Teilen und Liken fühlt sich an wie seelenlose Routine. Wir haben zwar schon angefangen, uns zu entfreunden und zu entfolgen (unfollow), aber wir können uns nicht leisten, unseren Face­book-Account zu löschen, das wäre sozialer Selbstmord. Wenn Wahrheit das ist, was die meisten Klicks produziert, wie Evgeny Morozow behauptet, scheint ein genereller Klick-Streik die einzig mögliche Option zu sein. Da der nicht stattfindet, fühlen wir uns gefangen.

Die Frage ist, wie sich diese Unzufriedenheit in der gesamten Architektur des Internets niederschlagen wird. Werden wir eine Renaissance lokaler und regionaler Netzwerke erleben, da die Globalisierung als Organisationsprinzip unter Beschuss steht? Was ist Techno-Reue?

Alles beschleunigt sich, das muss das katastrophische 21. Jahrhundert sein, auf das uns so viele Filme vorbereitet haben. Aber es ist nicht das Leben, das kinematografisch geworden ist; es sind Filmszenarien und -effekte, die die großen Entwürfe unserer technologischen Gesellschaften formen. Wir befinden uns heute in der Science Fiction früherer Jahre. Minority Report ist jetzt ein techno-bürokratisches Software-Feature, angeheizt durch die fortschreitende Integration einst getrennter Datenströme. Die Reality-TV-Shows, in denen Trump früher auftrat, haben sich als Probelauf erwiesen. Durch die Oculus-Rift-Brille fühlt sich die virtuelle Realität heute an wie The Matrix.

In den Post-Brexit und Trump-Ereignissen gibt es keine Chronologie, keine Entwicklung, keinen Anfang oder eine Mitte, geschweige denn ein Ende. Nur die Intensität des sich ewig wiederholenden Jetzt. Was passiert, wenn die Aufregung der Informationssättigung in ein tiefes Gefühl der Leere umschlägt? Wenn wir über diesen Punkt hinaus sind, wird das Digitale weder verschwinden noch wird es sich materialisieren. Die niemals endenden Ströme kulminieren nicht mehr in einem altrömischen Spektakel. Stattdessen erfahren wir das Simulakrum als vorrangige Realität.

Keine Chronologie, nur das ewige Jetzt

Die tausend Plateaus (nach Deleuze und Guattari) der Tweets, Blogs, Instagram- und Facebook-Postings schaffen eine Kultur der tiefen Verwirrung. Fragmentierung und Vielfalt hätten uns bereichern sollen. So wie es ist, war es nicht geplant. Ist das die „Differenz“, die wir einmal angestrebt haben?

Unsere Social-Media-Wut ist nicht nur ein pathologischer Zustand von wenigen; sie gehört zur conditio humana. Es herrscht geistige Erschöpfung (#sleepnomore). Mit leeren Händen diskutieren wir über eine machtlose Database-Kritik nach der anderen. Um es in räumliche Begriffe zu bringen, der Cyberspace hat sich als ein Raum entpuppt, der ein Haus enthält, das eine Stadt enthält, und ist in eine flache Landschaft kollabiert, in der sich die geschaffene Transparenz in Paranoia verwandelt. Wir sind nicht in einem Labyrinth verloren, sondern ins Offene geworfen, beobachtet und manipuliert, ohne irgendeine Kommandozentrale in Sicht.

Eine entscheidende Rolle im Zerfallsprozess spielen die Mainstream-Medien. Während ihre Deutungshoheit schwindet, wird ihr Einfluss immer noch als signifikant betrachtet. Ihre Rolle als Clearingstelle für Tatsachen und Meinungen wurde von wachsenden Zentripetalkräften in der Gesellschaft untergraben, die Gefühlslagen (und Interessen) der Babyboomer nicht mehr als legitimierten Konsens hinnehmen.

Die Unfähigkeit der „Mainstream-Medien“, mit den Veränderungen in der Gesellschaft umzugehen, hat eine Kultur der Gleichgültigkeit hervorgebracht. Die blinden Flecken in den Theorien der postmodernen Generationen sind zu zahlreich, um sie aufzulisten. Der große Elefant im Raum ist Jürgen Habermas. Viele von uns hängen immer noch seiner Vorstellung von der bürgerlichen öffentlichen Sphäre an, als einer Arena, in der verschiedene Meinungen im rationalen Dialog miteinander konkurrieren. Doch im Internetzeitalter ist es nicht mehr möglich, eine sichere, geschützte Habermas’sche Sphäre herzustellen, die auf einem nationalen Konsens beruht. Was in diesem neuen Kontext ist denn „Gegenöffentlichkeit“? Der nutzergenerierte Content von 4chan, Reddit und YouTube?

Der rationale, zurückhaltende Ansatz scheitert an den ironischen Strategien dieser Kultur der Meme. Meme, ikonische Bilder und Slogans, die durch das Internet reisen, fassen Argumente zusammen und ermöglichen einfache Beurteilungen komplexer Probleme, mit dem allgemeinen Ziel, zu beschleunigen und die öffentliche Debatte überflüssig zu machen.

Meme verkörpern die Krise der „partizipativen Kultur“. Während für die Prä-Internet-Babyboomer-Generation Bildung synonym war mit der Fähigkeit, Quellen zu hinterfragen, Meinungen zu dekonstruieren und aus quasineutralen Botschaften Ideologien abzulesen, geht es nun um die Fähigkeit, eigene Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren.

Der Übergang vom kritischen Konsumenten zum kritischen Produzenten hat einen Preis: Informationsinflation. (Die gut gemeinte „Prosumer“-Synthese kam nie zustande.) Jeder kann Meme erzeugen, aber was bedeutet es, wenn deren Botschaft das Ende einer rationalen und ausgewogenen Diskussionskultur ist? Sollten wir die Meme ignorieren und wünschen, dass sie verschwinden – oder lieber Kulturtechniken kopieren, in der Hoffnung, dass wir das Unbehagen in eine andere Richtung steuern können?

Die aktuelle Situation erfordert ein Umdenken im Hinblick auf die üblichen Forderungen nach „Medienkompetenz“. Wie kann die Öffentlichkeit besser informiert werden? Wie können wir Filterblasen durchlöchern? Wie könnten wir die Wirkung des Face­book-Newsfeeds auf seine Nutzerbasis analysieren? Wenn wir den Algorithmen die Schuld geben, wie können wir ihre verborgene Komplexität für ein großes Publikum übersetzen?

Techniken wie Leaks, Fake News, Social Bots, Kompromat und Agitprop machen die Situation noch verwirrender. Es ist gar nicht mehr nötig, Wahlergebnisse direkt zu manipulieren. In dieser „postfaktischen Ära“ sind wir den Ad-hoc-Überzeugungen von Promikommentatoren ausgeliefert. Schauen Sie sich die Tweets von Donald Trump an, eine ultimative Form der Medienkompetenz und perverse Manifesta­tion der Selbstentfaltung. Private Tweets sind von Politik, staatlicher Propaganda und Infokrieg nicht mehr zu unterscheiden.

Winzige Nachrichten mit ungeheurem Fallout

Die Macht arbeitet nicht mehr durch die Verführung mittels pornografischer Überexposition von hochauflösenden Bildern. Das ist nicht Big Data, sondern eher Singular Data – winzige Nachrichten mit einem ungeheuren Fallout. Auf dieser Ebene verlassen wir den Herrschaftsbereich sowohl des Hollywood-Glamours als auch des Reality-TVs und betreten das Echtzeitreich der „Kommunikation mit Konsequenzen“, einem Hybrid der nächsten Stufe, in dem souveräne Exekutivmacht und Marketing untrennbar werden.

Wir sind immer noch von Medien­ereignissen überwältigt, die sich in Echtzeit entfalten, aber was passiert, wenn sie uns nicht mehr beeindrucken? Ist das Spektakel vielleicht die Vernebelung drastischerer, langfristigerer Maßnahmen?

Wir müssen die Überfülle der Produktion hinter uns lassen und das Problem der fehlenden Filter, Plattformen und Verbindungslinien angehen. Lasst uns einen Plan formulieren, um die Meme-Kultur abzulenken. Die politisch korrekten Strategien der „Zivilgesellschaft“ sind allesamt gut gemeint und mit wichtigen Themen verknüpft, scheinen sich aber in Richtung eines Paralleluniversums zu bewegen, ohne auf das zynische Muster der Meme, das in die Schlüsselpositionen der Macht vordringt, reagieren zu können.

Gibt es Möglichkeiten, nicht nur mit Zensur und moralischen Urteilen zurückzuschlagen, sondern einen Schritt voraus zu sein? Wie können wir von Daten zu Dada kommen und zur Avantgarde des 21. Jahrhunderts werden, die den technologischen Imperativ wirklich versteht und zeigt, dass wir das Soziale in den sozialen Medien sind?

Sobald wir den Widerstand als organisierte Einmischung verstehen, können wir mit dem Gegen-Mapping beginnen, dem Schweigen zuhören und den hysterischen Realismus ans Licht bringen, der so lange versteckt war. Wir verlangen, stabile Löcher in die selbstverständliche Infrastruktur des Alltags zu sprengen. Wie wir von den Silicon-Valley-Business-Gurus lernen können, reicht Störung aus, um anfällige und voneinander abhängige Infrastrukturen über ihre sinnlosen Routinen zu Fall zu bringen. Es ist viel einfacher, als wir denken. Das bringt auch die Möglichkeit einer Revolution näher – ein Ereignis, das, 100 Jahre nach 1917, selbst die dogmatischsten Kritiker des neoliberalen Regimes bis vor Kurzem für ausgeschlossen hielten.

Aus dem Englischen von Andreas Kallfelz

Geert Lovink ist Medientheoretiker und Netzaktivist. Im Juni erscheint auf Deutsch: „Im Bann der Plattformen. Die nächste Runde der Netzkritik“, Bielefeld (Transcript) 2017.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 06.04.2017, Geert Lovink