Artikel drucken zurück

Brief aus Khartum

Brief aus Khartum

von Fatin Abbas

Auf den ersten Blick ist Khartum nicht besonders attraktiv. Eine braune, staubige Großstadt mit niedrigen Gebäuden und spärlichen Grünflächen unter einer sengenden Äquatorsonne, die alle Farben aufzusaugen scheint, anstatt sie zum Leuchten zu bringen.

Für die Hitze, den Staub, die Monotonie, die wüstenhafte Umgebung entschädigt allerdings der Nil. Oder besser die Nile, denn hier gibt es deren gleich zwei: Der Weiße Nil beginnt im Victoriasee in Uganda und durchquert die Sumpflandschaft des Südsudans, um hier auf seinen Cousin zu treffen, den im Hochland von Äthiopien entspringenden Blauen Nil. Beide fließen in Khartum an einer Stelle zusammen, die al-Mughran genannt wird: Ein Dreieck mitten in der Stadt, zur Rechten schaut man auf den Blauen Nil, zur Linken auf den Weißen Nil.

Hier vereinigen sie sich zu dem legendären Strom, der zwei der ältesten welthistorischen Kulturen zum Leben erweckt hat – die Reiche von Ägypten und von Nubien. Seit vielen Jahrtausenden treffen und mischen sich die zwei Nile hier. Der Großraum Khartum wird von seinen Bewohnern die „Dreieckstadt“ genannt, weil er aus drei durch die Flüsse getrennten „Städten“ besteht: Khartum, Bahri und Omdurman.

Omdurman ist die alte Hochburg der Nationalisten und war Ausgangspunkt einer der ersten islamischen Revolutionen des modernen Zeitalters. Der von dem sudanesischen Sufi Muhammad Ahmad, bekannter unter dem Namen al-Mahdi (der Erlöser), angeführte Aufstand beendete 1885 die türkisch-ägyptische Kolonialherrschaft über den Sudan. Der Mahdi war damals in ganz Europa verrufen, weil er den britischen Generalmajor Charles Gordon ermorden ließ. Der ehemalige Gouverneur des Sudans – in ägyptischen Diensten – musste nach zehnmonatiger Belagerung vor den Truppen des Mahdi kapitulieren und wurde anschließend enthauptet. Bis heute kann man in Omdurman die Festungsanlagen besichtigen, die die Mahdi-Truppen nach der Eroberung der Stadt zu ihrer Verteidigung errichteten.

1898 wurde Khartum erneut erobert, diesmal von den Briten. Damit begann die zweite Phase der Kolonialherrschaft im Sudan: das anglo-ägyptische Kondominium, das bis 1956 dauerte. Khartum war Sitz der Kolonialregierung. An diese Periode erinnert die Nile Street, eine breite, von Bäumen gesäumte Avenue entlang des Blauen Nils, mit stattlichen Gebäuden im Kolonialstil, säulenverzierten Veranden und Torbögen. Diese eindrucksvoll solide und selbstgewisse Architektur repräsentiert den Höhepunkt der britischen Kolonialmacht im Sudan, die 1956 mit der Unabhängigkeit des Sudans ihr Ende fand.

Khartum lag schon immer am Schnittpunkt zwischen dem arabischen Nahen Osten und Afrika, zwischen Islam, indigenen Religionen und Christentum (das alte Königreich Nubien im nördlichen Sudan war bis zur Ausbreitung des Islam im 7. Jahrhundert christlich). In der Stadt fließen also nicht nur der Weiße und der Blaue Nil zusammen, sondern auch Kulturen, Sprachen und Religionen. Dennoch hält sich in Khartum seit 28 Jahren eine islamisch-fundamentalistische Diktatur, die bestrebt ist, diese kulturelle Vielfalt, die den Sudan eigentlich ausmacht, zu unterdrücken oder sogar auszulöschen.

Kaum war Umar al-Baschir 1989 durch einen Putsch an die Macht gekommen, wurden Gesetze verabschiedet, die alle Facetten des Alltagslebens regeln: von der Kleidung der Frauen über sexuelle Beziehungen bis hin zum Konsum von Alkohol, der im Sudan für viele indigene Kulturen selbstverständlich war, heute aber illegal ist. Mithilfe dieser Gesetze versucht das Regime, Muslimen wie Nichtmuslimen eine strenge, einengende Version des Islam und der sudanesischen Identität aufzuzwingen.

Doch die einfachen Leute in Khartum finden Mittel und Wege, diese Restriktionen zu unterlaufen. Ein Beispiel ist die Prostitution, die zwar illegal, aber keineswegs verschwunden ist; sie hat im Gegenteil noch zugenommen. Denn für viele Frauen, die aus den kriegsgeplagten Regionen in die Stadt gekommen sind, ist die Prostitution die einzige Möglichkeit, sich selbst und ihre Kinder zu ernähren.

Dabei dürfen sie sich nicht von der „Moralpolizei“ erwischen lassen, wie der Volksmund die Spezialkräfte nennt, die der Bevölkerung die „islamische moralische Ordnung“ aufzwingen sollen. Deshalb tragen Prostituierte häufig den Nikab, jenen Gesichtsschleier, der vor allem in der Golfregion üblich ist. Dieser Schleier hat den Vorteil, dass er die Identität der Frauen verbirgt, weil das Gesicht nicht zu erkennen ist. Zudem bringt diese Kleidung die Polizisten in ein Dilemma: Sie können es nicht wagen, nachts auf der Straße eine Frau mit Nikab anzusprechen, denn die würde sich empört beschweren, dass ihre Ehre als gute Muslimin verletzt werde. Und wer könnte überhaupt beim Anblick einer frommen Frau an eine Prostituierte denken?

Das Regime selbst hat sich ein streng islamisches Gewand übergeworfen und ist gnadenlos darauf aus, die Bürger zu enteignen, zu unterdrücken und auszubeuten. Seit Baschirs Machtantritt vor genau 28 Jahren haben sich die Konflikte im Lande ständig vermehrt und verschärft: in Darfur im Westen, in den Nuba-Bergen im Süden und auch in den entlegenen Gebieten im Norden und Osten. 2011 stimmte die südsudanesische Bevölkerung, die lange genug von verschiedenen Re­gimes in Karthum ausgebeutet worden war, in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit für die Sezes­sion. Der 50-jährige Bürgerkrieg endete mit der Gründung der neuen Republik Südsudan. Seitdem gleicht die Karte der beiden Sudans einem, wie ein Freund von mir meinte, entzweigerissenen Leichnam: Die Eingeweide hängen über die Grenzlinie zwischen Nord- und Südsudan.

In mannigfacher Hinsicht verkörpert die neueste Architektur in Khartum die Widersprüche und Konflikte, die den Sudan buchstäblich in zwei Stücke gerissen haben. In neuen Wohnbezirken wie Riyadh entstanden die protzigen Villen, die wie kitschige Geburtstagstorten aussehen. Sie sind im Wirtschaftsboom der 1990er Jahre aus dem Boden geschossen, als die riesigen Ölvorkommen (großenteils im damals südlichen Teil des Sudans) den neuen Herren im Norden und ihren Gefolgsleuten zu Reichtum verhalfen. Den extremen Kontrast zu diesen Villenvierteln bilden die Siedlungen der Kriegsflüchtlinge in den Stadtrandzonen: hastig errichtete Lehmhäuser ohne Strom, Wasserversorgung und Kanalisation.

Hier leben hunderttausende Binnenflüchtlinge, die vor Gewalt und Zerstörung aus den ländlichen Gebieten des Landes nach Khartum geflohen sind. Aber selbst hier begegnet man einem rebellischen Humor, wie er sich etwa in einem Namen ausdrückt, den die Bewohner ihrem Flüchtlingslager gegeben haben: Jabarona. Der Name bedeutet im sudanesischen Arabisch wörtlich: „Sie haben uns gezwungen.“ Das Lager Jabarona liegt in der trostlosen Randzone von Omdurman, wo die Stadtlandschaft in Wüste übergeht. Freiwillig leben sie hier nicht, die Regierung zwingt sie dazu.

Dass nach der Sezession des Südsudans von 2011 drei Viertel der Ölreserven dem Süden verblieben sind, hat die Wirtschaft des Nordens schwer getroffen. Die Armen sind heute noch ärmer, aber selbst Leute, die seit Langem von den Ressourcen profitieren, bekommen die Krise zu spüren. Die Subventionen für Benzin und Nahrungsmittel wurden abgeschafft, was den Großteil der Bevölkerung trifft. Ein vor Kurzem durchgeführter Streik hat die Macht des Regimes kaum erschüttert.

Klar ist jedenfalls, dass die Sezession des Südens die Probleme des Sudans nicht gelöst hat – weder im Norden noch im Süden. Seit 2013 versinkt der Südsudan in einem Bürgerkrieg, der traurigerweise viele der ethnischen, politischen und ökonomischen Gegensätze reaktiviert, die schon den Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden bestimmt hatten. Im Norden flauen die Konflikte nicht ab: Die Bürger wehren sich immer mehr gegen ein diktatorisches Regime, das sich nunmehr fast drei Jahrzehnte lang auf Kosten des Volks bereichert.

Die bewaffneten Kämpfe und der Zerfall werden also weitergehen. Aber selbst in diesen finsteren Zeiten gibt es noch immer einen Ort der Inspiration: den der friedlichen Vereinigung der beiden Nile am al-Mughran von Khartum.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Fatin Abbas ist Journalistin und Autorin aus dem Sudan.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.02.2017, Fatin Abbas