Die Geduld der Mingong

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Die Geduld der Mingong

Wanderarbeiter sind die ersten Opfer der chinesischen Krise

von Loup Loup Espargilière und Théau Monnet

Tagelöhner in Guangzhou PAUL LANGROCK/zenit
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Der 27-jährige Zhang hat eine anstrengende Woche in der Schuhfabrik hinter sich. Mit leerem Blick erzählt er: „Ich bin seit einem Jahr in Baiyun. Meine Frau und mein Sohn sind noch in Guangxi. Ich war Bauer und bin hergekommen, um Geld zu verdienen.“ Wie fast 280 Millionen Chinesen hat Zhang sein Dorf verlassen, um ein mingong zu werden, was wörtlich „Arbeiterbauer“ bedeutet. Gemeint sind die Wanderarbeiter aus dem ländlichen China, die auf der Suche nach einem besseren Leben in die Megacitys ziehen. Ein Exodus, der 1979 begann, als sich China unter Deng Xiaoping der globalisierten Wirtschaft öffnete. Maurer, Arbeiter, Straßenkehrer – seit über 40 Jahren sind sie die Rädchen im Getriebe des chinesischen Wirtschaftswachstums.

Baiyun ist ein Arbeitervierteil im Norden der Megacity Guangzhou. Kleine Textilfabriken, Wohnsilos und bunte Verkaufsbuden reihen sich aneinander. Hier leben seit Generationen Mingong. Auf der Terrasse eines Imbisslokals, im Schatten von Gebäuden, die ihre besten Zeiten hinter sich haben, rechnet Zhang vor, wie viel er arbeitet: 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche, in einer Textilwerkstatt, in der die Hitze an langen Sommertagen unerträglich ist. Obwohl er also 72 Stunden pro Woche arbeitet, 28 Stunden mehr als die gesetzliche Wochenarbeitszeit – die allerdings von 85 Prozent der Wanderarbeiter überschritten wird –, hält er seine Genera­tion für vergleichsweise faul. „Die Leute haben früher viel härter gearbeitet, sie haben in derselben Zeit viel mehr produziert als wir.“ Die jungen Mingong, oft Einzelkinder und bei ihren Großeltern aufgewachsen, gelten als kapri­ziös und weniger fleißig als ihre Eltern, die die schlimmsten Zeiten des chinesischen Kommunismus erlebt haben.

Neben einer kleinen Freifläche, auf der die Kinder nach der Schule spielen, steht die 30-jährige Dai. Die junge Mutter mit dem ausgemergelten Gesicht, die in einer Schuhfabrik beschäftigt ist, würde gern mehr arbeiten: „Als ich 2006 hierherkam, waren meine Arbeitstage zwölf Stunden lang. Inzwischen hat sich die Auftragslage verschlechtert, und ich kann nur acht Stunden pro Tag arbeiten.“

2015 lag das Wachstum der chinesischen Wirtschaft bei 6,9 Prozent, der schlechteste Wert seit 25 Jahren. Die Fabriken in der Provinz Guangdong, auch als „Werkbank der Welt“ bezeichnet, haben darunter am stärksten zu leiden, weshalb die Mingong in Bai­yun zu den ersten Opfern der Rezes­sion zählen. Auch der Anstieg der Löhne (um durchschnittlich 10,7 Prozent pro Jahr zwischen 2008 und 2014) kann diesen Rückgang nicht ausgleichen.

„Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass man eigentlich gleich sterben könnte!“, sagt Li halb scherzend. Er ist 30 Jahre alt, zehn davon hat er in den Textilfabriken Guangzhous zugebracht. Dass die Arbeiter nach Leistung bezahlt werden, führe beim gegenwärtigen Auftragsrückgang zu einem Dominoeffekt. Und viele kleine Fabriken machen dicht, ohne die ausstehenden Löhne zu bezahlen.

Auch in der Fabrik neben der von Zhang blieb der Chef eines Tages die Löhne schuldig, da er seinerseits von seinen Kunden kein Geld bekommen hatte. „Er hat dann die Produkte verkauft und ist mit der Kasse abgehauen“, erzählt Zhang. Immerhin habe die örtliche Verwaltung das Gebäude sofort beschlagnahmt und verkauft, um die Schulden des Unternehmens zu begleichen und die Angestellten zu bezahlen.

Seit einigen Jahren nehmen die Spannungen in den Fabriken in Guangdong zu. Die Arbeiter verlangen vor allem, dass die Gesetze eingehalten werden. Beispielsweise weigern sich viele Arbeitgeber, ihren Anteil an der Sozialversicherung zu bezahlen.

Dai möchte gern zwölf Stunden arbeiten

Die wichtigsten Druckmittel der Arbeiter sind Streiks und Firmenbesetzungen. 2015 verzeichnete China Labour Bulletin (CLB), eine Nichtregierungsorganisation für Arbeiterrechte mit Sitz in Hongkong, 2774 Streiks, doppelt so viele wie 2014. Zwischen August 2015 und Januar 2016 wurden allein in Guang­dong 281 Streiks ausgerufen. Und in den betroffenen Fabriken sind überwiegend Wanderarbeiter beschäftigt.

Der Sprecher der CLB, Geoffrey Crothall, beklagt die ineffiziente Arbeit beim Dachverband der chinesischen Gewerkschaften, der fast 300 Mil­lio­nen Arbeitnehmer vertritt und der Regierung untersteht. Der Dachverband unterstütze die Arbeiter in keiner Weise, wenn zum Beispiel eine Fabrik schließt. Stattdessen versuche er, streikende Angestellte zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Li wird noch deutlicher: „Gegen die Regierung zu sein ist sehr schwierig“ – erst recht, wenn man in einer Firma mit 20 Mitarbeitern arbeitet.

2010 kam es zu einem Aufstand von jungen Fabrikarbeitern. Ausgehend von der Honda-Fabrik in Foshan, einer wenige Kilometer von Guangzhou entfernten Stadt, vereinte die Streikbewegung 60 000 Arbeiter und Praktikanten der Automobilindustrie unter dem Slogan: „Wir wollen 800 Yuan mehr!“ Eine nicht unerhebliche Erhöhung der durchschnittlich 1500 Yuan (200 Euro) im Monat, die die Streikenden am Ende durchsetzen konnten.

„Früher haben sich die Leute nicht beklagt“, erklärt Zhang. „Die heutige Generation ist besser ausgebildet und kann sich besser wehren. Sie ist auch mutiger. Wenn die jungen Leute wissen, dass sie im Recht sind, stellen sie sich ihrem Arbeitgeber auch entgegen.“ Geoffrey Crothall ist weniger optimistisch: „Vor vier oder fünf Jahren hatten wir tatsächlich eine kritische Masse erreicht. Heute wissen die Arbeitgeber, dass die wirtschaftliche Situation ganz anders aussieht als in den Zeiten mit zweistelligen Wachstumsraten.“

Mit dem Smartphone in der Hand erzählt Zhang, dass er abends in den sozialen Netzwerken unterwegs ist oder mit seiner Familie und Freunden chattet. Geschlafen und gegessen wird in der Fabrik. Von seinem Lohn gibt er fast nichts aus. „Bald kommen meine Frau und mein Sohn für ein paar Monate zu Besuch. Bis dahin muss ich genug Geld zur Seite legen, damit ich eine größere Wohnung mieten kann.“ Trotz aller Schwierigkeiten wollen viele junge Eltern ihre Kleinfamilie zu sich in die Stadt holen.

Während ihr zehnjähriger Sohn sich aus Versehen Sojamilch über die Füße schüttet, erinnert sich Dai daran, warum sie ihn nach Guangzhou geholt hat. „Meine Eltern haben ihm zwar zu essen gegeben und seine Wäsche gemacht, aber das ist nicht genug. Als ich letztes Jahr in unserem Dorf zu Besuch war, habe ich meinen Sohn mit einer Zigarette erwischt. Ich dachte, ich spinne. Ich wusste, dass es teuer werden würde, aber ich musste mich wieder selbst um ihn kümmern.“

Ähnlich erging es Dan Yuong, einem aus Guangxi stammenden Textilarbeiter: „Bevor er hierherkam, konnte mein achtjähriger Sohn weder lesen noch bis 100 zählen. Ich hatte ihn meinen Eltern anvertraut, aber sie waren zu alt, um sich richtig um ihn zu kümmern.“ Der Junge ist bereits vor drei Monaten angekommen. Tagsüber ist er im Kindergarten, abends nach der Arbeit bringt Dan Yuong ihm am Fernsehtisch seiner Einzimmerwohnung Lesen und Schreiben bei. Er hofft, ihn bald in der Schule anmelden zu können.

Die Einschulung ist für die Mingong-Kinder immer noch ein Hindernislauf. Und das Haupthindernis dabei ist der Hukou-Ausweis, den Mao 1958 eingeführt hat, um die Bevölkerungsbewegungen kontrollieren zu können. Dieser Binnenpass verwehrt den ehemaligen Bauern Rechte, die ihre in den Städten geborenen Landsleute besitzen. So können sie ihre Kinder nicht auf öffentliche Schulen schicken, haben keinen Zugang zur kommunalen Gesundheitsversorgung und dürfen keine Wohnung kaufen.

In den letzten Jahren gab es Versuche, dieses System durchlässiger zu gestalten. Wer seit längerer Zeit in der Stadt ist, finanzielle Beiträge zum Bildungssystem zahlt, Freiwilligendienste leistet oder Blut spendet, kann so Punkte sammeln, die den Zugang zu öffentlichen Schulen erleichtern. Die meisten Mingong schaffen es aber nicht, diese Bedingungen zu erfüllen, ihnen bleiben nur die Privatschulen. Doch die sind mit der plötzlich steigenden Nachfrage überfordert. Von den 2600 Schülern an der privaten Huijiang-Schule in Guangzhou sind 98 Prozent Kinder von Wanderarbeitern. Privatschulen gelten als nicht so gut wie öffentliche Schulen, weil die Lehrer oft keinen richtigen Uniabschluss haben, sondern nur eine Art technische Hochschule besucht haben.

Seit 1985 ist die Schule während der neunjährigen Schulpflicht für alle chinesischen Kinder kostenlos, wenn sie im Gebiet ihres Hukou-Ausweises zur Schule gehen. Tatsächlich müssen Familien in den Städten für Schulbildung aber oft in die eigene Tasche greifen. An Privatschulen bewegen sich die Gebühren zwischen 3000 und 4000 Yuan (407 und 543 Euro) pro Halbjahr. Das entspricht dem durchschnittlichen Monatseinkommen eines Wanderarbeiters (3072 Yuan, also 420 Euro).

Wu Erwei träumt von russischen Frauen

Ein Teil der Kosten kann vom Staat übernommen werden: Pro Halbjahr erhalten die Schüler zwischen 675 und 1200 Yuan staatliche Hilfe. Außerdem erhält die Schule selbst jährlich eine Million Yuan (137 000 Euro) für Unterrichtsmaterial. Der Direktor findet diese Maßnahmen jedoch unzureichend: „Das Punktesystem ist eine gute Sache, aber die Regierung sollte die Mingong noch stärker unterstützen. Sie tun enorm viel für China und können trotzdem kein anständiges Leben führen. Das ist eine große Ungerechtigkeit.“

Zhang will keinen Hukou-Ausweis für Guangdong. Er hat sich mit dem Leben in der Stadt abgefunden. Doch er zählt die Tage. Sein Ziel ist es, genug Geld für die Mitgift seines Sohns zu sparen. Irgendwann will er zurück nach Guangxi. Aber jetzt schlägt er erst mal die Zeit mit Kung-Fu-Romanen tot, die er auf dem kleinen Bildschirm seines Smartphones liest.

Wu Erwei lebt seit zehn Jahren in einer kleinen Einzimmerwohnung in Guangzhou. Wenn er die Hand aus dem Fenster streckt, kann er die Hauswand des Nachbargebäudes berühren. Er hatte schon verschiedenste Jobs in der Textilbranche. Sein Leben dreht sich um die Fabrik. Er lebt allein und fühlt sich nicht in der Stadt integriert. „Die Mentalität hier ist mir fremd.“

Sobald er nach Hause kommt, geht er online. Er hat herausgefunden, dass die russischen Frauen „sehr schön“ sind, „offener“ und „weniger materia­lis­tisch eingestellt“ als die Chinesinnen. Eine von ihnen würde er gern treffen. Irgendwann, wenn er das nötige Geld hat, wird er in seine Heimatprovinz Hunan zurückkehren, um dort eine eigene Fabrik aufzumachen. Auf die Partei zählt er bei der Verwirklichung seines Traums nicht: „Der Chinese Dream, das sind leere Worte. Vor allem für die einfachen Leute wie mich.“

Die 18-jährige Tang war in ihrem Leben schon Maniküre, Kassiererin und Friseurin. Im Moment bedient sie 13 bis 14 Stunden täglich in einem Grillrestaurant, 7 Tage die Woche, für 3000 Yuan (430 Euro) im Monat. „Ich arbeite nicht für das Geld, sondern für die Erfahrung“, versichert sie breit lächelnd. Ihre Eltern haben ihre Heimatprovinz Fujian verlassen, um in Guang­zhou einen kleinen Supermarkt zu eröffnen. Tang ist in der Stadt geboren, ihre Schulzeit hat sie zum Teil in ihrer Heimatprovinz verbracht. Vor zehn Jahren kam sie wieder nach Guang­zhou. Sie gehört somit zu jener jüngsten Generation, für die das Leben in der Stadt eine Selbstverständlichkeit ist. Mit ihrer weiten schwarzen Hose, dem weißen T-Shirt und den dazu passenden Accessoires ist sie die typische Einwohnerin Guangzhous. Wie Zhang, Dai und die anderen hat sie jede Menge Ideen im Kopf. Eines Tages möchte sie einen Eisteestand aufmachen.

Aus dem Französischen von Cordula Didion

Loup Espargilière und Théau Monnet studieren Journalismus. Mit dieser Reportage gewannen sie den von Les amis du Monde diplomatique ausgeschriebenen Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten.

Le Monde diplomatique vom 08.12.2016, von Loup Loup Espargilière und Théau Monnet