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Herren des Saatguts

Der deutsche Konzern Bayer kauft den Branchenriesen Monsanto. Damit entsteht der weltgrößte Produzent für Gentechpflanzen und Pestizide

von Heike Moldenhauer und Saskia Hirtz

Wenn die Kartellbehörden von EU und USA grünes Licht geben, wird ein Schlüsselmarkt der globalen Landwirtschaft maßgeblich verändert. Noch dominieren sieben Unternehmen die weltweite Produktion von Pestiziden und Saatgut. Doch dieses Oligopol formiert sich gerade neu – mit weniger Akteuren.

Die beiden US-Konzerne DuPont und Dow Chemical wollen fusionieren, ChemChina will das Schweizer Unternehmen Syngenta kaufen und der deutsche Bayer-Konzern bereitet die Übernahme von Monsanto vor (angebotener Kaufpreis 66 Milliarden US-Dollar). Am Ende würden drei Konzerne jeweils mehr als 60 Prozent der Märkte für kommerzielles Saatgut und Agrochemikalien beherrschen. Auch die meisten Anmeldungen für das Eigentum an Pflanzen beim Europäischen Patentamt entfielen auf diese drei Konglomerate.

Der neue Gigant unter den Großen wäre Bayer-Monsanto, der dann ein Drittel des globalen Markts für kommerzielles Saatgut und ein Viertel des Markts für Pestizide beherrscht.

Der Staatskonzern ChemChina zahlt für Syngenta 43 Milliarden US-Dollar. Chinas größtes Chemieunternehmen ist bereits Produzent nicht patentgeschützter Pestizide. Mit Syngenta erwirbt er neben der Pestizid- und Saatgutsparte auch enormes Wissen im Bereich Agro-Gentechnik. Allerdings gibt es auch in China Vorbehalte gegen Genfood. Nicht einmal den Fachmedien ist eindeutig zu entnehmen, ob die Staatsführung mit dem Erwerb von Syngenta den Weg für Gentechpflanzen in China ebnen will.

Bayer-Monsanto und DuPont-Dow werden Aktiengesellschaften bleiben und als solche ihren Aktionären weiterhin rechenschaftspflichtig sein. Unklar ist, ob die chinesischen Eigentümer Teile von Syngenta an die Börse bringen. Bei DuPont-Dow planen Manager, den neuen Konzern wiederum in drei jeweils börsennotierte Gesellschaften aufzuspalten, eine davon für eine dann unabhängig operierende Agrarchemie.

Bayer will die Übernahme von Monsanto mit Krediten von 57 Milliarden US-Dollar finanzieren. Kaufpreis und Schulden hält der Vorstand bei dem enormen Potenzial für gerechtfertigt: Laut Bayer wird der weltweite Umsatz für Saatgut und Pestizide von 85 Milliarden Euro (2015) auf 120 Milliarden Euro im Jahr 2025 steigen. Zum Vergleich: In diesem Bereich setzten Bayer und Monsanto zusammen 2015 rund 25,5 Milliarden US-Dollar um und erzielten Gewinne von 5 Milliarden US-Dollar.

Die Bayer AG ist derzeit der zehntgrößte Chemieproduzent der Welt. Seine Agrarsparte CropScience ist erst kurz nach der Jahrtausendwende ein eigener Unternehmensbereich geworden. Durch Zukäufe stieg er in die Liga der Saatgutmultis auf. Damit ist Bayer dem Vorbild anderer Chemiefirmen gefolgt: Unter den sieben weltgrößten Herstellern sind jetzt fünf ursprüngliche Chemiekonzerne: Monsanto, DuPont, Syngenta, Dow und Bayer.

Niemand hat sich so konsequent Saatgutfirmen einverleibt wie Monsanto. Das Unternehmen hat seit den 1990er Jahren rund um den Globus eingekauft und beherrscht nun ein Viertel des weltweiten kommerziellen Saatgutmarkts. Es besitzt das Gros aller Gentechpflanzen, verkauft aber auch viele konventionelle Saaten und hier insbesondere Gemüsesaatgut. Die Eigentümerschaft des Konzerns ist nur schlecht erkennbar, weil die aufgekauften Firmen oft ihren eingeführten Markennamen behalten. Ein Monsanto-Logo erscheint eher selten auf einer Saatgutverpackung.

Indem das Oligopol aus sechs bis sieben Konzernen auf drei Konglomerate schrumpft, kommen Bayer-Monsanto, DuPont-Dow und ChemChina-Syngenta ihrem Ziel näher: jeweils die marktbeherrschende Stellung bei Saatgut und Pestiziden zu erreichen, also Produkte, Preise und Qualitäten zu diktieren. Alle drei Gruppen verfolgen die Strategie, andere Anbieter zu verdrängen und den Wettbewerb so weit wie möglich auszuschalten, zur Not durch den Aufkauf der Konkurrenz.

Hinzu kommt der Einfluss auf die Gesetzgebung: je größer ein Unternehmen ist, desto mächtiger seine Lobby. Mit Bayer könnte Ende 2017 ein Konzern mit Sitz in Deutschland zur globalen Nummer eins für Saatgut, Pestizide und Agro-Gentechnik aufsteigen. Der Konzern steht aufgrund seiner hohen Schulden zwar stark unter Druck, weiß dafür aber den mächtigsten EU-Staat hinter sich. Die Interessen von Bayer-Monsanto werden in Zukunft mehr denn je die des Wirtschaftsstandorts Deutschland sein.

Für Europa ist zu befürchten, dass dieser neue deutsche Global Player und die ihm gewogenen Politikerinnen und Politiker die grundlegenden Errungenschaften der EU-Gesetzgebung ins Visier nehmen. Dazu gehört, dass Pestizide keine EU-Zulassung erhalten, bevor nicht ihre Unbedenklichkeit nachgewiesen ist, wenn sie also weder krebserregend sind noch die Fertilität beeinträchtigen, Embryonen oder das Hormonsystem schädigen. Vermutlich wird Bayer auch die Zulassungs- und Kennzeichnungspflicht von Gentechpflanzen als Wachstums- und Handelshemmnis stärker angreifen.

„Wer die Saat hat, hat das Sagen“, lautet ein altes bäuerliches Sprichwort, und das bedeutet heute: Wer sich genetisches Material über Patente sichert, erhält perspektivisch die Kontrolle über das Saatgut und damit über die Landwirtschaft sowie über die nachgelagerte Lebensmittelerzeugung – und am Ende über die Welternährung.

Heike Moldenhauer leitet das Referat Gentechnik beim BUND; Saskia Hirtz ist Mitarbeiterin im Projekt Gentechnikfreie Regionen. Der Beitrag stammt aus dem „Konzern­atlas 2017“ (Hg. Heinrich-Böll-Stiftung, Oxfam, Rosa-Luxemburg-Stiftung, BUND, LMd und German­watch). Lizenz CC-BY-SA_4.0

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.12.2016, Heike Moldenhauer