Die Presse macht mit

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Kasten: Die Presse macht mit

Die Presse macht mit

von P. D.

Seine Majestät, der König, leitet die Zeremonie für den neuen Investitionsplan.“ „Seine Majestät, der König, eröffnet den Autobahnring um Rabat.“ „Seine Majestät, der König, baut ein Zentrum für im Stich gelassene Kinder.“ Lobeshymnen auf „Seine Majestät, den König“ (Jalalatou al-malik), seinen Einsatz für die Entwicklung des Landes und seine Großzügigkeit gegenüber den Armen prangen auf den Titelseiten aller großen marokkanischen Tageszeitungen (Le Matin, L’Opinion und L’Économiste auf Französisch, Al-Massae, Akhbar Al-Yom und Assabah auf Arabisch). Wer nicht lesen kann (immerhin ein Drittel der Bevölkerung), erfährt dieselben Nachrichten zum Ruhme des Monarchen und seiner segensreichen Taten aus dem Fernsehen.

Keine kritische Stimme, kein Bericht, der seine Macht ernsthaft stören könnte. In Marokko ist die Presse noch unterwürfiger als in den anderen nordafrikanischen Staaten. Nachdem 2010 das Journal wegen Überschuldung eingestellt und die Wochenzeitung Tel Quel gleichgeschaltet wurde, ist die Medienlandschaft wieder absolut li­nien­treu.

Zuvor hatte Marokko nach dem Tod Hassan II. im Jahr 1999 für gut zehn Jahre eine interessante Presselandschaft. Omar Brouksy, der frühere Chefredakteur des Journal, erinnert sich: „Wir konnten politische Recherchen veröffentlichen, während sich Tel Quel eher um die gesellschaftlichen Fragen kümmerte. Dann verloren beide Zeitungen mehrere Prozesse und die Anzeigenkunden blieben weg.“

Als Brouksy nach einigen Jahren bei Agence France Presse immer noch von der Regierung verfolgt wurde, warf er wie andere Kollegen das Handtuch. „Unabhängiger, investigativer Journalismus ist in Marokko unmöglich geworden.“ Kein Wunder, wenn der König als alleiniger Machthaber jedes Interview und jede Recherche über seine Person verweigert. Seine Untergebenen zittern vor Angst, dass sie mit ihren veröffentlichten Äußerungen sein Missfallen erregen könnten. „Selbst den Intellek­tuel­len fehlt leider jeglicher Mut“, stellt Mohammed Madani fest. Der Politikwissenschaftler an der Universität Rabat ist einer der wenigen, die noch öffentlich Stellung beziehen.

Die paar ernsthaften Journalisten, die noch übrig geblieben sind, verlegen sich auf die Onlinemedien, gründen Websites wie Lakome2.com, Alaoual.com, Ledesk.ma oder Badil.info. Aber sie haben Mühe, Anzeigenkunden zu gewinnen, um die Leute in ihren kleinen Redaktionen zu bezahlen. Zudem lässt die Justiz sie nicht in Ruhe. 2013 saß Ali Anouzla, der Gründer von Lakome.com, fünf Wochen im Gefängnis, weil er auf seiner Seite die spanische Tageszeitung El País verlinkt hatte, von der wiederum als Hintergrundinformation ein Link zu einem Terroristenvideo führte. Einen Monat zuvor hatte Anouzla den König dadurch verärgert, dass er die Freilassung eines spanischen Pädophilen durch einen „königlichen Gnadenakt“ aufdeckte, was im Land viel Unmut auslöste. „Nach dem Verbot von Lakome.com habe ich lakome2.com gegründet“, erzählt der Journalist. „Aber ich nehme mir nicht mehr dieselben Freiheiten, ich zensiere mich selbst. Sonst könnte die Website nicht überleben.“ Sein Prozess steht noch aus.

Sieben weitere Journalisten warten ebenfalls auf ihren Prozess. Unter ihnen Maâti Monjib, der oft an ausländische Universitäten eingeladen wird und Arabisch, Französisch und Englisch spricht. Allen Journalisten wird die gleiche Straftat vorgeworfen: „Gefährdung der inneren Sicherheit des Staats“. Dabei haben sie lediglich die Hilfe von ausländischen Nichtregierungsorganisationen angenommen, um Workshops über Bürgerjournalismus zu organisieren. Dafür drohen ihnen nun bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Um sie in den Augen der marokkanischen Öffentlichkeit in den Schmutz zu ziehen, sind alle Mittel erlaubt. Hi­cham Mansouri, ein enger Mitarbeiter von Maâti Monjib, wurde beschuldigt, „seine Wohnung für Zuhälterei genutzt zu haben“. An einem Morgen im März 2015 hatten mehrere Polizisten seine Wohnung gestürmt und ihn in Gesellschaft einer Frau angetroffen. Das Gericht verurteilte ihn sofort zu zehn Monaten Gefängnis. Bereits sechs Monate zuvor war Mansouri auf offener Straße zusammengeschlagen worden. ⇥P. D.

Le Monde diplomatique vom 13.10.2016, von P. D.

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