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Chinas Verwüstung

Chinas Verwüstung

von Felix Lee

Liu Ping war 13 Jahre alt, als sie ihren ersten Baum gepflanzt hat – auf einem Klassenausflug zum Guanting-Stausee, rund 70 Kilometer von Peking entfernt. Nach einer bereits vor Jahren erlassenen Verordnung ist jeder Hauptstädter verpflichtet, mindestens einmal pro Jahr einen Baum zu pflanzen. Nur halte sich leider kaum jemand daran, sagt Liu, die in den letzten acht Jahren bestimmt einige hundert Setzlinge gepflanzt hat, wie sie nicht ohne Stolz erzählt.

Eigentlich müsste die Pflanzaktion jedem Pekinger ein Anliegen sein – spätestens wenn im Frühling die 20-Millionen-Einwohner-Metropole vom „Gelben Drachen“ heimgesucht wird, den heftigen Sandstürmen, die das öffentliche Leben lahmlegen und das Atmen schwermachen. Die Plage kommt aus der knochentrockenen Gegend rund um den Guanting-Stausee, und sie hat eine Ursache: Desertifikation – die Ausdehnung der Wüste.

Nicht nur Peking ist betroffen. Im gesamten Norden und Westen Chinas fressen sich die Sand- und Geröllwüsten immer tiefer in das einst fruchtbare Kernland. Mehr als ein Viertel des chinesischen Territoriums, gigantische 2,6 Millionen Quadratkilometer, sind bereits verwüstet oder kurz davor, zur Wüste zu werden. Brunnen und Wasseranlagen versanden, Binnenseen trocknen aus, jahrtausendealte Oasen verschwinden. „Kein Land hat so heftig mit der Wüstenbildung zu kämpfen wie China“, beschrieb der Aufforstungsexperte Guido Kuchelmeister schon vor einigen Jahren das Problem. Kuchelmeister ist Berater für Ressourcenschutz in Entwicklungsländern und befasst sich seit vielen Jahren auch mit China. Für die KfW-Entwicklungsbank betreute er mehrere Projekte zur Wüstenbekämpfung. „Mehr als 400 Millionen Menschen sind mittel- oder unmittelbar gefährdet“, schätzt er.

Inzwischen machen die Chinesen den Klimawandel auch für ganz normale Wetterkapriolen verantwortlich. Tatsächlich ist das Land in vielfacher Hinsicht von den Folgen der Erderwärmung betroffen, wobei die Ausbreitung der Wüste im Norden und Westen nur eines von mehreren großen Probleme ist. Zentralchina leidet unter Dürre, im Süden kommt es inzwischen regelmäßig zu schweren Wirbelstürmen und Überschwemmungen. In vielen Landesteilen, am stärksten im Osten, ist der Grundwasserspiegel stark gesunken. Der legendäre Gelbe Fluss, der zweitgrößte des Riesenlandes, versiegt seit 1985 jedes Jahr für einen immer längeren Zeitraum. Große Entnahmen für die Trinkwasserversorgung, die landwirtschaftliche Bewässerung und die Industrie haben dazu geführt, dass der Unterlauf und das Mündungsgebiet für etwa sechs Monate im Jahr komplett trockenfallen.

So hat China in doppelter Hinsicht die Rolle des Klima-Spitzenreiters übernommen. Mit seinem gigantischen Kohleverbrauch und seiner Schwerindustrie ist der Motor der Weltwirtschaft Klimasünder Nummer eins. Kein anderes Land der Erde bläst mehr Treib­haus­gase in die Atmosphäre.

Aber der Täter ist zugleich Opfer. Auf dem Klima-Risiko-Index der Umweltorganisation Germanwatch belegt die Volksrepublik ebenfalls einen Platz ganz weit vorn. Die chinesische Führung versucht gar nicht mehr, die Probleme kleinzu­reden. Die staatliche Umweltbehörde Sepa hat berechnet, dass die jährlichen Umweltschäden bis zu 10 Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung auffressen – fast doppelt so viel, wie das gegenwärtige Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft ausmacht.

Verseuchte Landluft

Trotzdem sei das Umweltbewusstsein in China noch immer schwach ausgeprägt, meint Huang Xiaoshan, dessen extravagante Frisur und Brille nur als Mittel zum Zweck dienen: „Wenn man in China als Aktivist etwas erreichen will, muss man ungewöhnlich aussehen“, behauptet er. Er besitzt rund ein Dutzend Brillen, von denen die meisten so ausgefallen sind wie das Modell, das er gerade trägt: ein dicker, schwarzer Rahmen und weiße Bügel. Das Gestell ist fast genau so breit wie sein Gesicht lang.

Gerade wenn es um Müll gehe, das Spezialthema des Umweltaktivisten, höre „das Publikum eher jemandem zu, der einen edlen Look pflegt“, meint Huang Xiaoshan. Seit Jahren tingelt der 54-Jährige durch die Talkshows. Sogar in einem Modemagazin wurde er schon abgebildet.

Seit Jahren klagen die Chinesen über den Smog und die verseuchten Böden. Doch wenn es um konkrete Veränderungen in ihrem Alltag geht, zeigen die meisten nur wenig Interesse. So nimmt etwa der Fleischkonsum ungebrochen zu. Der Anteil der Vegetarier im Land liegt heute bei unter 1 Prozent (in der Schweiz bezeichnen sich etwa 3 Prozent als Vegetarier, in Deutschland und Österreich sind es fast 10 Prozent). Für die meisten Chinesen ist Fleischkonsum immer noch ein Wohlstandsindikator. Verzehrte jeder Chinese 1982 im Durchschnitt noch 13 Kilogramm Fleisch im Jahr, sind es mittlerweile 63.

Huang will die Umwelt stärker zum Thema machen. Er sitzt in einem Café im Stadtzentrum von Peking, blickt aus dem Fenster und zeigt auf eine Mülltonne. Wie überall in China gibt es zwei Behälter: Auf einem steht „Recycable“, auf dem anderen „Other Waste“. Huang schimpft: „Ich muss nur einen Blick darauf werfen und weiß, die Leute haben ihren Müll einfach unsortiert hineingeworfen.“ Auch den Reinigungskräften sei die Trennung egal. Sie kippen alles in einen Sack. „In China gibt es praktisch keine Mülltrennung.“ Das sei eine Frage der Einstellung: „Wer seinen Müll nicht einfach so wegwirft, sondern um eine korrekte Entsorgung bemüht ist, der verhält sich auch rücksichtsvoller gegenüber Mensch und Natur.“

Dass er ausgerechnet Müllaktivist wurde, hat persönliche Gründe: Als Anwalt hatte Huang ein Vermögen gemacht. Er kaufte für sich und seine Familie eine Villa am Stadtrand von Peking. Ihr Wert vervielfachte sich in wenigen Jahren. Doch dann wollte die Stadt plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft eine Müllverbrennungsanlage errichten. Huang befürchtete nicht nur einen massiven Wertverlust seiner Immobilie. Er machte sich auch Sorgen, dass der dioxinhaltige Qualm aus der Anlage die Atemluft verseucht. Zunächst versuchte er juristisch gegen den Bau vorzugehen. Das klappte nicht, daraufhin organisierte er einen Nachbarschaftsprotest. Als er mit anderen Betroffenen vor das Bezirksamt zog, wurde er von der Polizei festgenommen. Unruhestiftung hat man ihm vorgeworfen. Der betuchte Anwalt fand sich plötzlich im Gefängnis wieder.

Er kam zwar nach wenigen Tagen wieder frei, doch seither widmet er sich intensiv dem Müllproblem. Erst da sei ihm bewusst geworden, erzählt er, wie viele Plastikflaschen, Getränkedosen und sonstiger Verpackungsmüll von jedem einzelnen Chinesen verschwendet werden. Noch gravierender: Er musste feststellen, dass die Entsorgungsunternehmen vor den Toren Pekings den Müll für Wochen in Gruben lagerten. Dabei treten Giftstoffe aus und verseuchen das Grundwasser. „Ich war entsetzt“, sagt Huang.

Noch aus vielen anderen Gründen ist das Wasser in China stark verschmutzt, das wird auch von offizieller Seite nicht bestritten. Verschiedene Studien ordnen zwischen 60 und 80 Prozent des Grundwassers als schwer verschmutzt und nicht trinkbar ein.

Umweltverschmutzung hat auch die Eltern von Zhang Daquan aus ihrer Heimat vertrieben. Der 44-jährige Zhang ist Techniker bei Beijing Automotive (Baic), Chinas fünftgrößtem Autokonzern. Er lebt mit seinen Eltern, seiner Frau und der neunjährigen Tochter in Shunyi, einem Vorort im Norden von Peking, in einem zwanzigstöckigen Wohnsilo, wie es sie vor den Toren der chinesischen Hauptstadt zu Tausenden gibt.

Zhang kann sich noch gut an seine Kindheit in der südchinesischen Provinz Hunan erinnern. Es gab Hühner und Schweine und in unmittelbarer ­Nähe sogar einen See. An heißen Sommermonaten schwang er sich auf das Rad seines Vaters und fuhr zum Schwimmen. Das Wasser sei frisch und klar gewesen, erinnert sich Zhang, auch Fische seien darin geschwommen. Das Ufer war mit Schilf bewachsen. „Und der Himmel war blau.“

Nun fährt er nur noch sehr selten in seine Heimat, die er vor 25 Jahren verlassen hat, um in Peking zu studieren. Das Dorf ist vor einigen Jahren der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Wo früher Wasserbüffel in sumpfigen Reisfeldern grasten, stehen nun rechts und links einer sechsspurigen Hauptstraße eintönige Hochhäuser. Und da, wo der See war, bläst ein Kohlekraftwerk seine Dampfwolken in den grauen Himmel. Vor einigen Jahren hat Zhang seine Eltern zu sich nach Peking geholt. „Sie haben es nicht mehr ausgehalten“, sagt er. Wegen des dichten Smogs hätten sie jahrelang die Sonne nicht mehr richtig gesehen.

Weltweit wird zwar regelmäßig über die Luftverschmutzung in Peking berichtet. Doch auf dem Land sieht es in vielen Gebieten Chinas noch schlimmer aus. Um die Städte vom ständigen Smog zu entlasten, hat die chinesische Führung viel Schwerindustrie aufs Land verlagert. Während die Feinstaubwerte in Peking an extremen Tagen bis zu 800 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft erreichen, liegen sie in manchen ländlichen Regionen bei über 1000. Zum Vergleich: Nur Werte unter 30 hält die Weltgesundheitsorganisa­tion für unbedenklich.

Doch auch der Pekinger Smog bereitet Zhang Sorgen. Auf sein Auto will er dennoch nicht verzichten. Dabei steht er an manchem Morgen bis zu zwei Stunden im Stau, wenn er die rund 20 Kilometer stadteinwärts zur Arbeit fährt. Und dann noch die ewige Parkplatzsuche. 2 Millionen Autos zählte die chinesische Hauptstadt schon im Olympiajahr 2008. Und damals klagten bereits alle über den dichten Verkehr. Seither hat sich die Zahl auf rund 6 Millionen verdreifacht. Doch für Zhang gibt es keine Alternative. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln würde er deutlich länger brauchen. Für sich und seine Familie sieht er nur einen Ausweg: Er will viel verdienen und das Geld zurücklegen, damit er mit seiner Familie in die USA auswandern kann. „Mein Kind soll in einer sauberen Umgebung aufwachsen“, sagt er.

Felix Lee ist Journalist, Korrespondent der taz in Peking.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.09.2016, Felix Lee