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Die halben Familien von Bobivtsi

Die halben Familien von Bobivtsi

In vielen westukrainischen Dörfern wachsen Kinder ohne ihre Eltern auf, denn die arbeiten im Ausland

von Michael Riedmüller

Der Klingelton des Computers zaubert ein Lächeln auf Stasiks Gesicht. Aufgeregt rennt der siebenjährige Blondschopf zum Schreibtisch und klickt auf das grüne Symbol mit der Kamera. „Privyit, tatu“, ruft Stasik laut in das Mikrofon, hallo Papa. Auf dem Bildschirm öffnet sich ein Fenster, in dem Vassili zu sehen ist, Stasiks Vater. Er lebt seit einem halben Jahr mit seiner Frau in Valencia, wo beide Arbeit gefunden haben. Stasik ist zu Hause bei seinen Großeltern in Bobivtsi geblieben, einem kleinen Dorf im Westen der Ukraine. Jeden Tag spricht er über Skype mit seinen Eltern. Stasik ist ein aufgeweckter Junge mit einem verschmitztem Lächeln, doch wenn das Gespräch auf seine Eltern kommt, wirkt er still und in sich gekehrt. Er leidet darunter, dass Vater und Mutter nicht hier sind, aber er versteht, warum sie gegangen sind. „Damit es uns einmal besser geht“, sagt er leise.

Stasik ist kein Sonderfall, sondern einer unter Millionen. Um ganze 8 Millionen Menschen ist die Bevölkerungszahl der Ukraine seit der Unabhängigkeit 1991 zurückgegangen: ein Exodus, der viele Gründe hat. Angesichts der Perspektivlosigkeit und des wirtschaftlichen Elends suchte schon früher eine ganze Generation Ukrainer ihr Glück im Ausland, in den USA und in Russland, in den Niederlanden, in Italien oder in Portugal. Auch heute drängt die anhaltende Wirtschaftskrise ohne Aussicht auf Besserung immer mehr Ukrainer dazu, ihre Familien zu verlassen, mit der Hoffnung, eines Tages mit bescheidenem Wohlstand zurückkehren zu können.

Vor allem kleine Dörfer im Westen des Landes sind geprägt vom Rhythmus der Abschiede, der Geldtransfers aus dem Ausland, von der Rückkehr von Emigranten – und von Kindern, die ohne ihre Eltern aufwachsen. Den meisten Arbeitsmigranten ist es nicht möglich, ihre Kinder mitzunehmen, leben sie doch selbst unter sehr prekären Umständen in den Zielländern – oft illegal, denn an eine Arbeitserlaubnis in einem EU-Land zu kommen ist für Ukrainer, vor allem bei unqualifizierter Arbeit, schwer bis unmöglich. Die Folgen der jahrelangen Trennung für die Familien sind vielfältig, oft halten sie dieser Belastung nicht stand.

Die Schule am Hauptplatz von Bobivtsi, Typ sowjetischer Zweckbau aus den 1970er Jahren, ist gut erhalten, wenngleich sie ihre besten Zeiten schon länger hinter sich hat. Auf dem Schulhof läuft der kleine Stasik vorbei – „keine Zeit zu reden, bin schon zu spät für die nächste Stunde“, ruft er uns keuchend hinterher: einer der Momente, in denen Stasik wie ein ganz normaler Junge wirkt. In seiner Klasse sitzt er in der ersten Reihe ganz rechts. Mathematikunterricht. Auf die Fragen der Lehrerin murmelt er die korrekten Antworten oft leise vor sich hin, die Hand aber hebt er nie.

Treffen mit der Schulpsychologin Nastja Luchyschyna. Seit acht Jahren arbeitet sie schon hier, ihr besonderes Augenmerk gilt den Kindern von Arbeitsmigranten. Von den 224 Kindern zwischen 6 und 18 Jahren, die hier zur Schule gehen, haben derzeit 44 zumindest ein Elternteil, das im Ausland lebt. Das sind die Zahlen, von denen die Schule weiß, offizielle Statistiken aber gibt es keine, und die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich noch höher. Nastja erzählt über ihre Erfahrungen, wägt vorsichtig ab, was sie sagen soll: „Diese Kinder haben oft mehr Chancen, später eine bessere Ausbildung zu bekommen. Das Geld der Eltern hilft in vielerlei Hinsicht. Aber manche Dinge kann Geld eben nicht kompensieren. Natürlich fehlen den Kindern die Eltern, das äußert sich bei jedem anders.“

Oft lastet auf den Kindern großer Druck, etwas aus ihrem Leben zu machen, schließlich opfern ihre Eltern sich für sie auf. Extrem hedonistisches Verhalten ist eine häufige Auswirkung, Antrieblosigkeit eine andere. „Arbeitsmigration zerstört häufig Familien, die Kinder fühlen sich deshalb oft schuldig. Sie wissen, warum ihre Eltern gehen, aber hier ist das normal, sie reflektieren das kaum. Oft haben sie sogar das Gefühl, dass ihre Eltern ihnen das schuldig sind. Diese Gefühle, zwischen Schuld und Einfordern, das ist ein Widerspruch, den ich bei vielen Kindern sehe.“

Dank Internet, das auch in entlegenen Dörfern wie Bobivtsi zugänglich ist, und neuerer Technologien wie ­Skype spielt sich das Leben vieler Familien im virtuellen Raum ab. Eine große Hilfe, um Familienbande zu erhalten, aber nicht ausreichend, um die Abwesenheit der Eltern auszugleichen. Die Beziehung zu den Eltern leide immer, schwierig sei es vor allem, wenn sie wieder zurückkommen, erzählt die Pädagogin Olesa Korol, die Sozialarbeiterin der Schule: „Mit Internet ist es leichter, aber die Verbindung zwischen den Eltern und den Kindern geht über die Jahre immer noch oft verloren. Die Eltern versuchen häufig, ihre Abwesenheit mit materiellen Geschenken zu kompensieren, im Ausland konzentrieren sie sich auch meist darauf, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Wenn sie dann nach Jahren zurückkommen, haben sie und ihre Kinder sich plötzlich nichts mehr zu sagen.“ Während Olesa spricht, laufen ihr Tränen die Wangen herunter. Ihr Mann ist seit einigen Monaten im Ausland. „Unsere Tochter ist jetzt drei Jahre alt, wir wollen ihr eine gute Zukunft ermöglichen, deshalb ist er gegangen.“

Auf dem Schulhof werden wir von Diane angesprochen, zuerst auf Ukrainisch, dann in fließendem Italienisch. Diane, 16 Jahre alt, langes schwarzes Haar, aufgeweckte Gesichtszüge, möchte ihre Geschichte erzählen. Seit zwei Jahren lebt sie wieder hier in Bobivtsi. Davor wohnte sie einige Jahre in Caserta, Italien, ganz in der Nähe von Neapel. Ihre Eltern leben dort, seit sie ein Jahr alt war. Als sie elf wurde, konnten ihre Eltern sie endlich nachholen. Drei Jahre blieb sie, bis das Heimweh und die Schwierigkeiten der Integration in ihre neue Heimat zu groß wurden, die kaum existente Bindung an ihre Eltern zu belastend. Auf eigene Faust zog Dia­ne mit 14 Jahren wieder zurück nach Bobivtsi, wo sie bei ihrer Großmutter wohnt. Sie spricht mit ernstem Unterton, wie jemand, der zu schnell erwachsen werden musste.

Egal mit wem man in Bobivtsi spricht, nahezu jede Familie kann ihre eigene Migrationsgeschichte erzählen. In diesem kleinen Dorf bündeln sich die Gründe, die Probleme wie auch die positiven Seiten des Massenphänomens Arbeitsmigration wie unter einem Brennglas. Die 2000-Seelen-Gemeinde liegt unweit der rumänischen Grenze im Südwesten der Ukraine am Fuße der Karpaten, eine Autostunde entfernt von der Provinzhauptstadt Cher­nivtsi. Weit verstreut stehen die Häuser auf den Hügeln rund um den Ortskern; der besteht aus einer kleinen Kreuzung und einem kleinen Laden, der gleichzeitig als Café dient, einem kleinem Rathaus, einem Kindergarten und einer Schule – mehr gibt es nicht an örtlicher Infrastruktur. Ringsherum erstreckt sich eine malerische Landschaft, unberührte Natur, Wälder, Bäche – ähnlich dem österreichischen Alpenvorland.

Buchweizengrütze und selbstgebrannter Wodka

Dort, wo die Straße asphaltiert ist, ist sie voller Schlaglöcher, die aussehen, als ob sie schon seit Jahren Autoreifen zum Platzen bringen. Durchs Dorf führen zumeist Feld- oder Schotterwege. Es ist eine dieser Gegenden in Europa, in denen man noch ebenso vielen Pferdegespannen wie Autos begegnet, Reminiszenzen an eine Zeit, als Bobivtsi noch Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik war oder, noch früher, zur Bukowina des Habsburgerreichs gehörte. Neben alten, verfallenden Häusern stehen Neubauten, die auch in einer gutbürgerlichen Siedlung in Österreich stehen könnten. Baumaterial ist billig, Arbeitskraft ebenso, das meiste Geld, das Dorfbewohner im Ausland verdienen, wird in große Häuser gesteckt, die fast protzig aussehen, sichtbare Zeugen der Migration.

„Die Leute investieren das Geld in den Hausbau, in bessere Wohnverhältnisse, das ist eine der positiven Seite der Migration“, sagt Wasyl Dmytrowytsch, der Bürgermeister von Bobivtsi, während er durch sein Dorf führt. „Die Lebensqualität hier steigt durch das Geld, das unsere Leute aus dem Ausland schicken. Viele Menschen hier sind darauf angewiesen. Und auch die Gemeinde selbst. Wir bekommen so gut wie kein Budget von der Zentralregierung. Das Geld der Migranten wird zwar zum größten Teil nicht deklariert und damit auch nicht versteuert, aber viele Projekte der Gemeinde werden direkt von den Dorfbewohnern bezahlt.“

Die Menschen in Bobivtsi leben von dem, was ihre Felder und Tiere hergeben – und von dem Geld, das die Töchter und Söhne des Dorfs aus dem Ausland zurück in die Heimat schicken. Abgesehen von der Schule gibt es im Dorf so gut wie keine Arbeit. Wer Glück hat, findet Arbeit in Chernivtsi. Wirklich leben kann man von den Gehältern aber nicht, umgerechnet 150 Euro pro Monat gibt es für einen Vollzeitjob. Es gibt kaum jemanden, der noch nicht mit dem Gedanken gespielt hat, ins Ausland zu gehen, vor allem, sobald Kinder da sind.

Im kleinen Krämerladen neben dem Rathaus erklärt der Bürgermeister, dass er in naher Zukunft nicht mit einer Änderung der Situation rechnet. „Wir können den jungen Menschen hier nichts bieten, keine Jobs, keine Perspektive. Migration ist für uns keine Frage der Wahl, sondern der Notwendigkeit.“

„Wer zum Teufel sollte denn auch hier investieren?“ Die Besitzerin des Ladens, selbst Mitglied der lokalen Bezirksvertretung, hat das Gespräch mitverfolgt. Lange aufgestaute Wut bricht aus ihr heraus: „Überall Korruption, politische Instabilität, Bürokratie; ausländische Investoren schrecken doch schon zurück, wenn sie nur den Namen Ukraine hören. Da können die Löhne hier noch so niedrig sein.“

Die grassierende Korruption, die Regierungskrise in Kiew, der Krieg im Donbass: In Bobivtsi scheinen all diese Probleme weit weg, aber sie halten das kleine Dorf fest im Griff. Denn auch hier, viele Hunderte Kilometer von der Frontlinie entfernt, wirft der Krieg seinen Schatten. Einige Männer im wehrfähigen Alter verlassen das Dorf nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch, um einer möglichen Einberufung zu entgehen – erzählt wird das aber nur hinter vorgehaltener Hand.

Vom Dorfzentrum führt ein Schotterweg auf einen Hügel am Rande der Siedlung zum Haus von Stasiks Großeltern. In der Küche liegen in vier großen Kübeln Teile eines frisch geschlachteten Schweins. „Unser eigenes“, sagt Anna Tokariuk, Stasiks Großmutter, mit einem Lächeln, das ihre Goldzähne hervorschimmern lässt. Mittagszeit: Schweineragout, Buchweizengrütze und selbst gemachter Wodka stehen auf dem Küchentisch. Großvater Ilja schenkt ein paar Gläser ein, um einen Toast auszubringen. „Auf die Familie!“, ruft er in die Runde. Seine Frau und er hätten sich sofort bereit erklärt, für Stasik zu sorgen, erzählt er. Der 61-Jährige war selbst lange Jahre im Ausland, so wie heute seine Tochter und sein Schwiegersohn.

Das Haus, in dem sie leben, konnte er nur dank des Geldes bauen, das er dort verdiente. Für seinen Enkel, sagt er, war es anfangs schwierig: „Er hat oft nach seiner Mutter gefragt, aber nach ein paar Wochen hat er die Si­tua­tion akzeptiert. Er versteht, dass er über Skype mit seinen Eltern sprechen kann, und auch die Geschenke, Süßigkeiten, Spielzeug, die sie ihm schicken, helfen.“ 100 Euro, manchmal 200 Euro senden seine Eltern jeden Monat nach Hause. Das ist nicht viel Geld, aber in Bobivtsi eine Summe, die einen gewaltigen Unterschied ausmachen kann, falls der kleine Stasik gesundheitliche Probleme bekommt oder später auf die Universität gehen will.

Während unseres Gesprächs kommt Stasik von der Schule nach Hause, zusammen mit seinem gleichaltrigen Cousin Maksim und seinem Onkel Vitali. So wie die meisten anderen hier hat Vitali keinen Job, aber einen kleinen Transporter. Manchmal verdient er sich ein paar Hrywnja als Fahrer. Vor ein paar Jahren war er einen Monat in Italien, wo er auf dem Bau gearbeitet hat, aber der Kulturschock war damals zu groß für ihn, erzählt er. Seit seine Schwester in Spanien lebt, überlegt er aber, es noch einmal zu probieren. „Wenn sie dort Arbeit für mich findet, bin ich sofort weg“, sagt er, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. Obwohl er seine Familie zurücklassen müsste? „Hast du schon einmal unsere Straßen hier gesehen?“, antwortet er. „Unser Leben hier sieht genauso aus wie unsere Straßen.“

Michael Riedmüller ist Journalist. Die Recherche für diesen Artikel wurde unterstützt durch journalismfund.eu.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.09.2016, Michael Riedmüller