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Brief aus Como

Brief aus Como

von Meret Michel

Ein ganz normaler Morgen am Bahnhof Como: Die Wolldecken zusammenlegen und auf der Fensterbank stapeln, auf der öffentlichen Toilette ein Stockwerk tiefer Zähne putzen und sich waschen, beim Kaffeeautomaten für 70 Cent einen Espresso Lungo mit viel Zucker trinken. Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt es dank lokaler Hilfsorganisationen umsonst. Von denen stammen auch die Laken und Decken, aus denen die Menschen sich abends ihr Bett machen. Zwischen den Pendlerinnen und Touristen, die im Bahnhofscafé einen Espresso trinken oder am Bahnsteig auf den Zug warten, verbringen die Geflüchteten ihre Tage mit Warten.

Nach Syrern habe ich in der italienischen Stadt an der Schweizer Grenze vergeblich Ausschau gehalten. Ein paar Nordafrikaner schlafen am oberen Ende des Bahnsteigs, außerdem ein Ägypter, der nach Mitternacht Lieder der Ikone Umm Kulthum hört, und ein Palästinenser, der nicht beim Biertrinken erwischt werden will. Ansonsten stammen fast alle Geflüchteten aus Eritrea oder Äthiopien, dem Sudan oder Westafrika. Sie haben die Reise durch die Wüste geschafft (einige erzählten mir, wie sie auf dem Weg entführt wurden), sie sind den Milizen Libyens entkommen und haben die Bootsfahrt über das Mittelmeer überlebt. Trotzdem scheint die Situation im Park von Como nicht minder schwer erträglich. Hier sind sie obdachlos. Die meisten haben so wenig Geld, dass es nicht einmal für Zigaretten reicht. Das Schlimmste aber ist, dass sie nicht wissen, wie lange sie in dieser Situa­tion ausharren müssen – ein seltsamer Schwebezustand, bei dem alles unsicher ist und sich gleichzeitig mit jedem Tag mehr Routine einschleicht.

Viele wollen nach Deutschland. Nachdem Frankreich die Grenze zu Italien schon vor gut einem Jahr dicht gemacht hat und Österreich im Frühling begann, am Brenner wieder jedes Auto zu kontrollieren, blieb die Schweiz das letzte Nadelöhr aus Italien Richtung Norden. Doch in den Dublin-Verträgen sind Transitländer nicht vorgesehen. Es war eine Frage der Zeit, bis Deutschland feststellte, dass die illegalen Grenzübertritte aus der Schweiz zunehmen. Das für die Grenzüberwachung zuständige Eidgenössische Finanzministerium reagierte prompt: Aus dem ganzen Land wurden Grenzbeamte abgezogen und an die Südgrenze im Tessin geschickt. Denn sonst, so die Befürchtung der helvetischen Politiker, würden die Flüchtlinge demnächst nicht in Italien, sondern auf der Schweizer Rheinseite hängen bleiben.

Jetzt stecken die Geflüchteten also am Südfuß der Alpen fest. Vielleicht 500 Menschen schlafen auf dem Bahnsteig und vor dem Bahnhofsgebäude in Como am Boden oder auf der Wiese im Park. Sie alle stehen vor demselben Problem: Wenn sie versuchen, nach Chias­so in die Schweiz zu reisen oder das Land Richtung Norden zu durchqueren, fangen die Grenzer sie am Bahnhof ab und bringen sie nach ein paar Stunden auf der Grenzstation wieder zurück nach Italien. Allerdings werden nicht nur diejenigen, die weiter nach Deutschland wollen, zurück­geschickt, sondern auch viele, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen wollen.

Der Sudanese Hassan Mubarak* etwa – er hat in seiner Heimat Psychologie studiert – hat schon viermal versucht, in der Schweiz Asyl zu beantragen. „Es lief immer gleich ab. Ich fuhr mit dem Zug nach Chiasso, wo die Polizei bereits am Bahnsteig wartete.“ Die Polizisten brachten ihn aufs Revier, wo er sich erst ausziehen musste und die Beamten seine Kleider nach Drogen durchsuchten. Sie nahmen Fingerabdrücke, wollten Namen, Alter und Herkunftsland wissen. Dann brachten sie ihn zurück zur Grenze und übergaben ihn der italienischen Polizei, die ihn wieder zum Bahnhof Como fuhr. „Es war so erniedrigend“, sagt Mubarak. „So etwas hätte ich von Europa nie gedacht, bevor ich hierhergekommen bin.“

Es dauerte eine Weile, bis die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde, wie eifrig die Angehörigen des Schweizer Grenzwachtkorps Geflüchtete nach Italien zurückzuschicken. Mitte August rügte Amnesty Interna­tio­nal die Schweiz, weil sie Flüchtlingen an der Grenze das Recht verwehrt, um Asyl zu bitten. Zwar wäre laut Dublin-Verträgen Italien für die Asylverfahren von Geflüchteten zuständig, die über das Mittelmeer gekommen sind. Dennoch haben die Menschen das Recht, in der Schweiz einen Asylantrag zu stellen, sobald sie einen Fuß in das Land gesetzt haben. Korrekterweise müsste die Grenzwache Menschen, die Asyl beantragen wollen, dem Staatssekretariat für Migration übergeben, das ihr Gesuch in einem Verfahren zu prüfen hätte. Selbst zurückschicken dürfen die Grenzer nur jene, die weiter nach Deutschland ­wollen.

Den Vorwurf, den Menschen würde ihr Recht verwehrt, Asyl zu beantragen, weisen die zuständigen Behörden bis hin zum zuständigen rechtskonservativen Finanzminister Ueli Maurer kategorisch zurück. Das Grenzwachtkorps arbeite schließlich nach geltendem Recht und Gesetz. Es sei einfach so, dass die meisten Geflüchteten die Schweiz nur Richtung Deutschland durchqueren wollten und folglich entsprechend den Dublinregeln nach Italien zurückgeschickt würden.

Um mir ein eigenes Bild zu machen, begleite ich die beiden 17-jährigen Eritreer Mohammed Ali* und Osman Hussein* an die Grenze. Beide haben Verwandte in der Schweiz. Mohammed kann das sogar mit einer ausgedruckten WhatsApp-Nachricht seines Bruders in Sion belegen. Als wir in Chiasso aus dem Zug steigen und über den Bahnsteig zu den Grenzbeamten am anderen Ende gehen, schärfe ich Osman noch einmal ein, was er auf Englisch sagen soll: „Asylum“. Es soll keine Missverständnisse geben zwischen den Jungs, die kein Englisch sprechen, und den Grenzbeamten, die keinen Arabischübersetzer dabeihaben. Bei den Grenzern angekommen, streckt Mohammed ihnen seine ausgedruckten Zettel hin. Der Grenzbeamte nimmt sie entgegen und bedeutet den beiden, zu warten. Ob heute viele Leute gekommen seien, frage ich den Beamten. „Heute war es ruhig, vielleicht 50“, sagt er. „An manchen Tagen sind es aber bis zu 200. Das zerreißt einem manchmal schon das Herz.“

Bei der Befragung darf ich trotzdem nicht dabei sein. Am nächsten Tag treffe ich in Como zufällig Osman wieder. Man hat ihn zurückgeschickt. Was aus Mohammed geworden ist, weiß er nicht. Sein Telefon ist aus – was bedeuten könnte, dass er nun tatsächlich im Empfangszentrum von Chiasso ist.

Als ich auf dem Rückweg nach Como unkontrolliert durch den Zoll gehe, wird mir wieder mal bewusst, wie sich die Bedeutung von Grenzen ändert, je nachdem, in welchem Land man geboren wurde. Für mich ist die Grenze zwischen dem Tessin und Italien nicht mehr als ein Strich auf der Landkarte. Ich könnte bei einem kurzen Abstecher nach Chiasso eine Tafel Schweizer Schokolade kaufen und sie den Leuten in Como mitbringen. Für die Geflüchteten in Como hängt ihre Zukunft davon ab, ob die Schweiz mal eben schärfere Grenzkontrollen beschließt.

Im Park ist es mittlerweile Abend geworden. Eine Gruppe junger Männer spielt Fußball, andere drängen sich mit ihren Ladekabeln und Handys um einen Holztisch mit Steckleisten. Im Hintergrund brummt der Dieselgenerator laut wie ein Rasenmäher. Auch wenn diese Momentaufnahme beinahe friedlich wirkt: Como ist nach Calais, ­Idomeni und Ventimiglia der nächste Ort, an dem das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik unübersehbar wird.

Bisher ist die Schweiz darum herumgekommen, sich zur sogenannten europäischen Flüchtlingskrise in einer Weise zu verhalten, dass es außerhalb des Landes negativ aufgefallen wäre. Die Menschen, die über den Balkan Richtung Nordeuropa reisten, zogen an der Schweiz vorbei nach Deutschland oder weiter nach Schweden.

In Como kann man nun eine Grenzschließung nach Schweizer Art be­ob­achten: unauffällig, aber äußerst effektiv. Einen Zaun nach ungarischem oder mazedonischem Vorbild zu bauen, wie rechte Politiker bereits fordern, wäre wohl zu unfreundlich – und wahrscheinlich auch kaum realisierbar. Schließlich fahren jeden Morgen Zehntausende Pendler aus dem Großraum Milano via Como in den Schweizer Südkanton zur Arbeit und abends wieder zurück, während die Schweizer samstags gern mit dem Auto zum Einkaufen nach Italien fahren.

* Name geändert.

Meret Michel ist Journalistin bei der Wochenzeitung (WOZ) in Zürich.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.09.2016, Meret Michel