14.10.2005

Wie wir die Armen aus unserem Gewissen verbannen

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Wie wir die Armen aus unserem Gewissen verbannen

von John Kenneth Galbraith

Im Folgenden möchte ich eine sehr alte, sehr menschliche Verhaltensweise erörtern: die gedankliche Übung, mit deren Hilfe wir über Jahrzehnte, genauer über Jahrhunderte, die Armen aus unserem Gewissen verbannt haben. Arme und Reiche leben seit Menschengedenken miteinander, und zwar immer in ungemütlicher, manchmal auch in gefährlicher Nähe. Schon Plutarch war zu der Aussage genötigt: „Das älteste und unheilvollste Leiden der Republiken ist das vorhandene Ungleichgewicht zwischen Reich und Arm.“

Nicht erst heute, am Ende der 1980er-Jahre, sondern bereits seit Jahrhunderten beschäftigen die Probleme, die sich aus dem ständigen Nebeneinander von Reichtum und Armut ergeben, das Denken der Menschen. Das gilt vor allem für die Frage, wie sich der große Reichtum der einen angesichts des großen Elends der anderen Menschen rechtfertigen lässt.

Beginnen wir mit der Lösung, die in der Bibel vorgeschlagen wird: Die Armen, die in dieser Welt Not leiden, werden dafür in der nächsten Welt wunderbar belohnt werden. Armut ist ein vorübergehendes Unglück; wer arm ist und zudem sanftmütig, wird dereinst das Erdenreich besitzen. Dies ist in manchen Hinsichten eine vortreffliche Lösung. Sie erlaubt es den Reichen, ihren Wohlstand zu genießen – und dabei die Armen um ihren zukünftigen Reichtum zu beneiden.

Sehr viel später, etwa zwanzig, dreißig Jahre nach dem Erscheinen von Adam Smith’ Hauptwerk „The Wealth of Nations“ (1776) – als die Morgenröte der industriellen Revolution in Großbritannien bereits verblasste –, begann das Problem – ebenso wie die Lösung – seine moderne Gestalt anzunehmen. Jeremy Bentham, nicht viel jünger als Adam Smith, entwickelte die Formel, die für vielleicht 50 Jahre das britische – und bis zu einem gewissen Grad auch das US-amerikanische – Denken außerordentlich stark beeinflusst hat. Benthams Erfindung war der Utilitarismus. „Das Prinzip der Nützlichkeit“, schrieb Bentham 1789, „meint den Grundsatz, wonach jedwede Handlung gutgeheißen oder missbilligt wird, je nachdem ob sie das Glück der Gruppe, um deren Interessen es geht, zu mehren oder zu mindern trachtet.“

Tugend ist immer auf das Selbst bezogen, ja sie muss es sein. Wenn es Menschen gibt, die viel besitzen, und gleichzeitig weit mehr Menschen, die ganz wenig besitzen, dann ist das gesellschaftliche Problem so lange gelöst, solange (wiederum in Benthams Worten) „für die größte Anzahl Menschen der größte Nutzen“ erzielt wird. Die Gesellschaft tat, was sie konnte, für das Wohlergehen der größtmöglichen Anzahl von Menschen. Dass das Ergebnis für die vielen, für deren Wohlergehen nicht gesorgt wurde, zeitweise höchst unerfreulich war, wurde hingenommen.

Nach 1830 kam eine neue Formel auf, um die Armen aus dem allgemeinen Gewissen zu verbannen. Für diese bis zum heutigen Tag unerhört einflussreiche Formel stehen die Namen David Ricardo und Thomas Robert Malthus – der erste ein Aktienhändler, der zweite ein Geistlicher. Die Grundzüge ihrer Lehre sind bekannt: Die Armen seien an ihrer Armut selbst schuld, und zwar deshalb, weil die Armut eine Konsequenz ihrer übermäßigen Fruchtbarkeit sei: Infolge ihrer traurigerweise unbeherrschten Lust vermehrten sie sich so stark, dass ihnen eines Tages das Geld zum Leben nicht mehr reiche.

So weit die Malthus’sche Lehre. Wenn aber die Armut im Bett gezeugt wurde, folgte daraus, dass die Reichen weder für die Entstehung noch für die Linderung der Armut verantwortlich waren. Malthus selbst besaß durchaus Verantwortungsgefühl. Er drängte darauf, in die kirchliche Trauungszeremonie eine Warnung vor übermäßigem und unverantwortlichem Geschlechtsverkehr aufzunehmen – wobei fairerweise gesagt sei, dass diese Warnung sich bis heute nicht als brauchbare Methode der Geburtenkontrolle durchgesetzt hat. Unlängst äußerte Ronald Reagan, am besten wäre wohl der Markt in der Lage, das Bevölkerungswachstum einzudämmen, was ja nur heißen kann, dass Liebespaare lieber möglichst oft ins Kaufhaus statt ins Schlafzimmer gehen sollen. Die Ideen von Malthus waren, so viel ist sicher, mindestens so einflussreich wie die von Reagan.

Der New Deal sucht neue Wege

Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte eine neue Variante der Leugnung von Armut große Bedeutung, vor allem in den Vereinigten Staaten: Die neue Doktrin – der Sozialdarwinismus – wurde assoziiert mit dem Namen Herbert Spencer. Sie erklärte „das Überleben des am besten Angepassten“ zum dominierenden Prinzip – sowohl des Wirtschaftslebens als auch der biologischen Evolution. Der zentrale Begriff survival of the fittest stammte tatsächlich nicht von Charles Darwin, sondern von Spencer und gab dessen Sicht des Wirtschaftslebens wieder. Demnach hatte sich die Natur ihren eigenen Weg zur Verbesserung der menschlichen Gattung gesucht: die Eliminierung der Armen. Indem die Schwachen oder Unglückseligen ausgestoßen werden, wird die Menschheit eine höhere Qualitätsstufe erlangen.

Einer der bemerkenswertesten Verfechter des Sozialdarwinismus in den USA, John D. Rockefeller – der Begründer der Rockefeller-Dynastie –, meinte einmal in einer berühmten Rede: „Die Rosensorte American Beauty kann ihre ganze Pracht und ihren ganzen betörenden Duft nur entfalten, wenn man die frühen Knospen opfert, die rund um die spätere Blüte wachsen. Genau so ist es im Wirtschaftsleben. Fast könnte man von der Herausbildung eines Naturgesetzes oder eines göttlichen Gesetzes reden.“

Im Laufe des 20. Jahrhunderts galt der Sozialdarwinismus irgendwann als etwas zu grausam. Er büßte an Popularität ein, und man sprach über ihn, wenn überhaupt, in eher missbilligendem Ton. Stattdessen verbreitete sich eine amorphe Verleugnung der Armut, die man mit den US-Präsidenten Calvin Coolidge und Herbert Hoover assoziiert. Beide waren der Überzeugung, jede staatliche Unterstützung für die Armen sei dem effizienten Funktionieren des Wirtschaftssystems abträglich. Diese Auffassung ist bis heute eine der entscheidenden Denkoperationen, mit denen wir die Armen aus unserem Gewissen verbannen. (Die Vertreter dieser Auffassung schließen daraus freilich keineswegs, dass staatliche Hilfe für die Reichen moralisch verwerflich sei.)

Mit der Roosevelt’schen Revolution des New Deal übernahm der Staat (wie zuvor schon unter der Regierung von Lloyd George in Großbritannien) eine besondere Verantwortung für die am wenigsten Begünstigten im Lande. Roosevelt und seine Nachfolger bürdeten dem Staat einen Großteil der Verantwortung für die Schwachen auf: Für die Alten schuf man die allgemeine Sozialversicherung, für die Arbeitslosen die Arbeitslosenversicherung, für die Arbeitsunfähigen und Behinderten die direkten Beihilfen und für die Kranken die Medicare- und Medicaid-Programme. Das war tatsächlich eine wichtige Veränderung. Und eine Zeit lang wurde die uralte Neigung, sich über die Armen keine Gedanken zu machen, durch das Gefühl abgelöst, dass wir uns deshalb keine Gedanken über sie machen müssten, weil wir wirklich etwas für sie tun.

In jüngster Zeit wird jedoch immer klarer, dass wir die Suche nach einer Methode, wie man die Armen aus unserem Gewissen verbannen kann, keineswegs aufgegeben, sondern lediglich aufgeschoben hatten. Und so haben wir diese Suche heute mit großem Elan wieder aufgenommen. In philosophischen, literarischen und journalistischen Debatten ist die Fragestellung erneut ein wichtiges Thema, das auch für die Wirtschaft durchaus von Nutzen war.

Dabei lassen sich gegenwärtig vier oder fünf Denkmuster unterscheiden, mit denen wir die Armen aus unserem Gewissen verbannen. Der erste Ansatz argumentiert, es sei eine unausweichliche Tatsache, dass das meiste, was zugunsten der Armen unternommen werden könne, auf die ein oder andere Weise vom Staat unternommen werden müsse. Der aber, so das Argument weiter, sei für derartige Aufgaben nicht kompetent. Deshalb dürfe man die Betreuung der Armen auf keinen Fall dieser inkompetenten und ineffizienten Organisation übertragen, denn die würde ein Chaos anrichten oder alles nur noch schlimmer machen.

Die Behauptung, der Staat als solcher sei inkompetent, geht heutzutage mit der allgemeinen Verdammung des Bürokraten einher (wiederum mit Ausnahme der Pentagon-Bürokraten). Die einzige Form der Diskriminierung, die in den USA noch gestattet ist – mithin von offizieller Seite gefördert wird –, ist die Diskriminierung von Leuten, die für die Bundesbehörden arbeiten, und vor allem von jenen Leuten, die sozialstaatliche Aufgaben wahrnehmen. Dabei haben wir in den Vereinigten Staaten einen vorzüglichen öffentlichen Dienst mit vielen begabten und engagierten Leuten. Die meisten von ihnen sind ehrlich und rechtschaffen und neigen kaum dazu, öffentliche Gelder aus dem Fenster zu werfen (was zuweilen vorkommt, aber seltsamerweise fast immer im Pentagon). Wir haben mittlerweile die Altersarmut fast ganz beseitigt, wir haben die Gesundheitsversorgung fast vollständig demokratisiert, wir haben den Minderheiten ihre Bürgerrechte gesichert und sehr viel für die Chancengleichheit im Bildungswesen getan. Eine erstaunliche Leistung für Leute, die angeblich durchweg inkompetent oder sonst wie ineffizient sind! Damit ist klar, dass dieses ganze Geschimpfe auf den Staat und die staatlichen Behörden in Wahrheit zur immer gleichen Denkstrategie gehört, die bloß keine Verantwortung für die Armut übernehmen will.

Die zweite Strategie innerhalb dieser jahrhundertealten Denktradition lebt von dem Argument, dass jede Form öffentlicher Unterstützung für die Armen nur den Armen selber schade: Sie zerstöre deren Arbeitsmoral, sie locke die Menschen weg von der Erwerbsbeschäftigung, und sie zerstöre Ehen, weil sie den Frauen die Möglichkeit biete, für sich und die Kinder Sozialhilfe zu beantragen, wenn sie keinen Ehemann mehr haben.

Für diese behaupteten Wirkungen gibt es keine Belege. Und sie verblassen, sobald man die negativen Folgen bedenkt, die aus dem Verlust der öffentlichen Unterstützung resultieren würden. Und dennoch wird das Argument, Hilfe für die Benachteiligten sei ungeheuer schädlich, immer wieder vorgebracht und auch geglaubt. Womöglich ist dies die in unserer Gesellschaft wirkmächtigste Denkfigur.

Die dritte intellektuelle Strategie, die uns von der Verantwortung für die Armen entlasten soll, ist mit der zweiten eng verwandt. Sie behauptet, dass staatliche Unterstützung die Leistungsanreize generell schwäche. Wo man nämlich Einkommen von den Tüchtigen auf die Faulen und Schwächlinge transferiere, würden die Tüchtigen in ihren Bemühungen nachlassen und die Faulen in ihrer Faulheit bestärkt. Die moderne Fassung dieser Denkfigur nennt sich supply-side economics. Die „Angebotsökonomen“ meinen, dass die Reichen in den USA nicht arbeiten, weil sie zu wenig verdienen. Wenn man folglich den Armen Geld wegnähme und es den Reichen gäbe, würden die sich mehr anstrengen, was die Wirtschaft ankurbeln würde. Aber sollen wir tatsächlich glauben, dass viele Arme lieber Sozialhilfe beziehen, als einen guten Job zu haben? Oder dass Manager ihre Zeit vertrödeln, weil sie kein ordentliches Gehalt bekommen? Das ist ein unerhörter Vorwurf gegen den amerikanischen Manager, der bekanntlich ein harter Arbeiter ist. Eine intellektuelle Überzeugung kann im Dienst der Wahrheit stehen – doch oft dient sie hauptsächlich der Bequemlichkeit.

Die vierte Strategie, unser Gewissen von den Armen zu entlasten, behauptet, die Freiheit, sich selbst um die Armen zu kümmern, dürfe nicht eingeschränkt werden. Hier gilt Freiheit als das Recht, einen möglichst hohen Anteil des eigenen Geldes nach den persönlichen Prioritäten auszugeben, also dafür zu sorgen, dass nur eine Mindestsumme vom Staat abgeschöpft und ausgegeben wird (auch hier wieder sind die Verteidigungsausgaben ausgenommen).

Von der eingeschränkten Freiheit der Armen

Dies ist vielleicht der durchsichtigste aller vorgestellten Denkansätze, denn in der Regel wird die Beziehung zwischen Einkommen und Freiheit der Armen nicht thematisiert. Dabei sind sich gewiss alle einig, dass keine Form der Unterdrückung so massiv ist wie diejenige, die von völliger Mittellosigkeit herrührt. Zwar ist immer wieder viel die Rede davon, dass die Freiheit der Reichen durch die Steuern eingeschränkt werde, aber niemand spricht davon, wie fantastisch die Freiheit der Armen erweitert wird, wenn sie endlich etwas mehr Geld ausgeben können. Dabei ist der Verlust an Freiheit, den die Reichen durch Besteuerung erleiden, völlig unerheblich im Vergleich mit dem Gewinn an Freiheit, den die verarmten Massen erfahren, wenn sie über ein höheres Einkommen verfügen. Wir schätzen die Freiheit, und zwar zu Recht. Aber weil wir sie schätzen, sollten wir sie nicht als Vorwand missbrauchen, um bedürftigen Menschen ihre Freiheit vorzuenthalten.

Wenn alle anderen Denkstrategien versagen, bleibt uns als letzte Zuflucht immer noch die schlichte psychologische Verdrängung. Es handelt sich dabei um eine Neigung, die uns allen vertraut ist. Sie hält uns davon ab, über den Tod nachzudenken. Sie hält viele Menschen davon ab, über den Rüstungswettlauf nachzudenken und darüber, dass wir uns auf diese Weise früher oder später selbst vernichten. Derselbe Verdrängungsprozess erspart es uns, über die Armen nachzudenken. Ob sie in Äthiopien oder in der New Yorker Bronx oder am Rande eines Paradieses wie Los Angeles leben, wir sind entschlossen, sie aus unseren Köpfen zu verbannen. Denkt doch, so lautet der übliche Rat, an etwa Angenehmes.

Dies sind die modernen Denkmuster, mit denen wir uns die Sorge um die Armen vom Leibe halten. All diese Muster, das letzte vielleicht ausgenommen, knüpfen vornehmlich an die Vorstellungen von Bentham, Malthus und Spencer an, die sie mit einiger Fantasie weiterentwickeln. Ronald Reagan und die Seinen stehen dabei eindeutig in einer denkwürdigen Tradition – mithin am Endpunkt einer langen Geschichte des Bemühens, sich der Verantwortung für die Mitmenschen zu entziehen. Das gilt auch für die Philosophen, die heute in Washington gefeiert werden: wie George Gilder, der unter großem Beifall erklärt, dass die Armen das eigene Leid schmerzhaft spüren müssen, damit sie sich ins Zeug legen. Oder wie Charles Murray, der unter noch größerem Beifall vorschlägt, „alle bundesstaatlichen Sozialprogramme und Einkommensbeihilfen für die arbeitende Bevölkerung und die Alten abzuschaffen“. Damit meint er die allgemeine Kranken- wie auch die Arbeitslosenversicherung, Abfindungen bei Entlassungen wie Subventionen für den Wohnungsbau, die Berufsunfähigkeitsversicherung und „den ganzen Rest“. Seine Parole lautet wörtlich: „Lasst uns den Knoten durchschlagen, da wir ihn nicht lösen können.“ Wer es sich verdient hat, soll zu den Auserwählten zählen, die überleben, und wenn alle andern untergehen, dann ist das eben der Preis, den wir zahlen müssen. So weit Murray – die Stimme Spencers in unserer Zeit.

Mitgefühl, verbunden mit einer entsprechenden staatlichen Sozialpolitik, gilt heute als ein anstößiges und unstatthaftes Konzept. Und doch ist es nach wie vor das einzige, das mit einem umfassend zivilisierten Leben vereinbar ist. Und es ist auch, letzten Endes, der im eigentlichen Sinn der „konservative“ Ansatz. Und das ist durchaus keine paradoxe Aussage. Wo die Menschen zufrieden sind, wird es kein ziviles Aufbegehren geben.

Die offensichtliche Lehre lautet, dass wir nur in dem Maße, in dem wir für die Zufriedenheit möglichst aller Bürger sorgen, jene befriedeten politischen und sozialen Verhältnisse bewahren und ausweiten können. Sollte das nicht das erstrebenswerteste Ziel gerade für Konservative sein?

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Der weltberühmte linke Ökonom John Kenneth Galbraith, geboren 1908 in Kanada, lehrte in Princeton und Harvard, war Mitglied im Kriegskabinett Franklin D. Roosevelts und später u. a. Berater der US-Präsidenten Kennedy und Johnson. Von 1961 bis 1963 war er Botschafter in Indien. Er hat mehr als 30 Bücher geschrieben und zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Der hier abgedruckte Text erschien erstmals 1985 unter dem Titel „How to Get the Poor Off Our Conscience“ in Harper’s Magazine, November 1985, S. 17–20.

Le Monde diplomatique vom 14.10.2005, von John Kenneth Galbraith