Artikel drucken zurück

Kasten: Französische Mode unter deutscher Besatzung

Französische Mode unter deutscher Besatzung

Im Juni 1940 marschierten die deutschen Truppen in Paris ein. Michel de Brunhoff, der Chefredakteur der 1920 gegründeten französischen Vogue, stellte das Magazin sofort ein. Er konnte sich nicht vorstellen, unter deutscher Besatzung zu arbeiten, „ohne Kompromisse einzugehen oder zu kollaborieren“. Vier Jahre lang erschien keine französische Vogue.

Die Deutschen wollten die Pariser Haute Couture nach Berlin und Wien verlagern und ließen als Erstes die Modeateliers und das Archiv des Chambre Syndicale de la Haute Couture Parisienne plündern. Lucien Lelong, der Präsident des Arbeitgeberverbands der Pariser Couturiers, konnte die Besatzer jedoch überzeugen, die Mode- und Textilherstellung im Land zu lassen; sie gaben ihm sogar das Archiv zurück. Trotzdem wurden einige Modehäuser, wie Balenciaga, geschlossen, und zahlreiche Designer, wie Elsa Schiaparelli, gingen ins Exil. Es gelang nur wenigen Häusern, den Betrieb halbwegs am Laufen zu halten und ihre Belegschaft vor der Zwangsarbeit zu bewahren.

Die Besatzer ließen nur die Herstellung von Gebrauchsgütern verbieten, Luxusgüter waren erlaubt, sofern die Rohstoffe verfügbar waren. Französische Textilhersteller experimentierten mit Kunstfasern auf Zellulosebasis und produzierten daraus zum Teil wunderschöne Stoffe, die jedoch nicht lange hielten oder sich beim Waschen auflösten.

In der Branche ging die Angst um, dass die US-Konkurrenz während des Kriegs anfangen könnte, sich modisch unabhängig zu machen und massenweise hochwertige Kleidung aus US-Textilfasern, insbesondere Baumwolle, zu produzieren. Aus lauter Panik, die Vorherrschaft über die Modewelt zu verlieren, brachten es die Ateliers fertig, zwischen der Befreiung von Paris im August 1944 und dem Kriegsende am 8. Mai 1945 zwei Modeschauen auf die Beine zu stellen. Während sich die französische Textilindustrie langsam erholte, förderte sie die Gründung neuer Ateliers von vielversprechenden Modeschöpfern wie Pierre Balmain oder Christian Dior, die beide vorher für Lelongs Haus gearbeitet hatten.

Lee Miller, die im Oktober 1944 die Modeschauen für die US-amerikanische und britische Vogue vor und hinter den Kulissen fotografierte, fand es schwierig, den Pariserinnen die britische Kleiderrationierung und das praktische Utility-Design zu erklären. Unter der deutschen Besatzung hatten die Französinnen einen eigenen extravaganten Stil kreiert und die Restriktionen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln boykottiert. In ihrer Paris-Reportage erzählt Lee Miller, dass statt der im Schnittmuster vorgesehenen drei Meter Stoffbahnen fünfzehn Meter für ein einziges Kleid verbraucht wurden.

Chefredakteur Michel de Brunhoff hatte sich während des Kriegs mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen und heimlich kleine Modezeitschriften veröffentlicht. Nachdem sein Sohn Pascal im Juni 1944 von den Nazis erschossen worden war, beteiligte er sich aktiv am Kampf um Paris. Kurz nach der Befreiung veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit seiner Schwester Yvonne und seinen beiden Töchtern Marion und Ida eine Sondernummer, die Vogue Libération. Ab Februar 1945 erschien dann auch die richtige Vogue wieder – die Alliierten hatten de Brunhoff dafür ein Extrapapierkontingent zur Verfügung gestelltVeronica Horwell

Le Monde diplomatique vom 09.06.2016,