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Brief aus Tbilissi

Brief aus Tbilissi

von Anna Kordsaia-Samadaschwili

Bei uns in Tiflis, – oder Tbilissi, wie ihr wollt – heißt ein Lied, mit dem man die Morgendämmerung, die Sonne begrüßt, Saari. Man spielt es auf der Duduki, und es klingt wie ein Traum. Man sagt, einst hörte man Saari nach jeder Hochzeit, wenn die Feiernden im Morgengrauen das Fest verließen: ein Sonnengebet. Ich hab es live nur einmal gehört, ohne Duduki, es wurde gesungen, und wie!

Damals saßen wir hoch über der Stadt, auf der Narikala-Festung. An diesem Morgen habe ich Tbilissi zum ersten Mal in der sommerlichen Dämmerung von oben gesehen. Ein schöner Blick. Zu der Zeit war die Festung noch nicht renoviert, noch nicht, wie mein Liebster sagen würde, vergewaltigt. Wir saßen auf dem Turm, die Sonne stieg, und er begann zu summen, erst leise, dann immer lauter und lauter, er sang so gut, und ich dachte: So ein Glück, dass ich gerade in dieser Stadt geboren bin! Und dann hat er gesagt: Schön, dass wir Tbilisser sind, oder? Und ich antwortete: Ja, ja, mein Sonnenschein, es ist schön!

Jetzt ist die Liebe vorbei, und ich bin unten. Da ist das Herz der Stadt, zwischen den Ruinen der alten Mauer. Besucher betrachten die Häuser, in denen wir wohnen, mit ernsten Gesichtern und fotografieren sie sogar. Man sagt ihnen, diese Häuser seien uralt, historische Denkmäler, und den Besuchern kommt es vor, als fühlten sie den Atem der Geschichte. Aber es ist gelogen.

Die Stadt verfällt einfach, die Balkone verfaulen, die lackierten Korridore knarren, alles ist baufällig geworden: Als man die Stadt baute, war es nicht für die Ewigkeit. Und es sieht schön aus, wie der Laden des Dicken, der sich Antiquitätenhändler nennt: Jedes Mal, wenn ich von der anderen Straßenseite und in seine offene Kellertür schaute, glaubte ich ein Paradies zu sehen, aber wenn ich hinunterging, überfiel mich das Grauen inmitten all der mottenzerfressenen Teppiche, zerbrochenen Teekannen und der Puppen, die längst verstorbenen Kinder gehört hatten.

Jetzt bin ich wieder hier, im Keller des Dicken neben der alten deutschen Feuerwehr. Der Dicke hat meinen Liebsten sehr gemocht, ich aber ging ihm immer auf die Nerven. Die da vom linken Ufer, die in der Gemeinschaftswohnung aufgewachsen ist, kann nicht einmal Meißner Porzellan von Rosenthal unterscheiden, wovon rede ich da überhaupt!

„Wer, ich?“

„Ja, du!“

Als mein Liebster noch dabei war, schämte ich mich ein bisschen und schimpfte nicht, aber jetzt schon. Ich bin ja die vom linken Ufer, aufgewachsen in der Kommunalka, ich kann gut streiten. Und von all dem Geschirr verstehe ich inzwischen mehr als irgend so ein Dicker.

Der Dicke ist eigentlich nicht mehr so dick, er hat abgenommen und ist darauf sehr stolz, deswegen ist er auch gut gelaunt. Hat mir sogar Tee angeboten. Danke, Dicker.

„Sei nicht traurig“, sagt er.

„Bin ich nicht.“

„Doch, bist du. Aber du brauchst wirklich nicht traurig zu sein. Es gibt noch viele gute Männer, einen wirst du schon treffen.“

Im Sommer, wenn alle versuchen, aus der Stadt zu fliehen, sitze ich in Tbilissi und bin beinahe glücklich. Ich liebe den staubigen Wind, die heißen Nächte, ich mag es, früh mit schweißnassem Haar aufzuwachen. Wahnsinn, so eine Hitze! Ja. im Sommer bin ich glücklich. Je heißer der Sommer, desto glücklicher bin ich. Der Dicke ist fest überzeugt, dass ich nur aufgrund dieser etwas verrückten Vorliebe nicht vollends verrückt geworden bin.

„Wenn man einen normalen Menschen nach Tbilissi versetzen würde, mitten im Sommer, in dieser Hitze, würde der das aushalten?“

„Bei mir zählt das nicht als Aushalten, ich genieße es.“

„Das ist der wahre Wahnsinn,“ vermutet der Dicke.

Es ist ein schöner, heißer Abend, der Tee ist nicht schlecht, und sogar der Dicke ist sympathisch, ich will nicht streiten.

„Ich kann es kaum glauben“, sagt der Dicke, „hast du keine Lust auf Liebe und Reisen?“

„Nein“, antworte ich, „mir gefällt’s ohne Mann und in Tbilissi. Aber Sommer muss es sein.“

Und da sitze ich, vor dem verdammten Trödelkeller, ohne Mann und in Tbilissi, im heißen Sommer. Und auf einmal, kein Mensch weiß, warum, vielleicht aus unangebrachtem Mitleid, erzählt mir der Dicke eine lange, verschachtelte Geschichte: „Jetzt weiß ich nicht mehr, hab ich das gelesen oder hat es mir jemand erzählt, oder weiß es nur ich und kein anderer, dass gegenüber der Zionkirche, am anderen Ufer der Kura, Schuschanik wohnt. Dort ist ein Gewölbe, die Kloake der Stadt . . .“ Der Dicke lügt. Das linke Ufer kenne ich auswendig, dort gibt es so was nicht.

„Doch“, sagt der Dicke, „es gab so was, bevor man den Fluss mit der großen Mauer von der Stadt getrennt hat, mit der Betonmauer, wegen den Überschwemmungen.“

„Gut.“ Wie gesagt, an diesem Abend will ich nicht zanken.

„Ja, und dort wachsen die schönsten Pflanzen. Du weißt ja, in Müll und Dreck wachsen allerlei Wunder. Und dort wohnt Schuschanik.“

Der Dicke sagt, dass Schuschanik eine sehr schöne Frau ist und sehr lange Zöpfe trägt. Wenn die Nacht kommt, löst sie ihre Zöpfe und kämmt und kämmt ihr Haar, und ihr Haar bedeckt die ganze Stadt, läuft durch alle Straßen, alle Höfe und erreicht jeden, der schläft. Das Haar umhüllt den Schlafenden, und er träumt, dass er der Schönste ist, der Weiseste, der Reichste und der Glücklichste. Er träumt von der Liebe, und er umarmt das menschliche Wesen, das neben ihm schläft, drückt es fest ans Herz. Dem Armen, dem Verlassenen flüstert Schuschanik ins Ohr, was er am allermeisten hören möchte: Ich liebe dich.

„Was ist mit dir los, Dicker? Ich brauche keine Mitleid!“

„Warte mal . . .“

Und der Dicke erzählt weiter, dass Schuschanik auch Kinder hat. Sie bringt sie zur Welt und lässt sie durch die krummen Gassen der Stadt laufen, Gassen wie die unsere hier. Jeder hat sie getroffen, diese Kinder, jeder kann sie in Tbilissi treffen. Sie sind leicht zu erkennen.

„Die Kinder von Schuschanik verlässt man leicht“, sagte der Dicke, „aber man vergisst sie nie. Sie bringen weder Nutzen noch Verlust. Die Geburt oder den Tod von denen bemerkt keiner. Sie wissen nie, wie spät es ist oder was wie viel kostet, sie haben kein Ziel und wenn doch, dann ein extrem dummes. Man sagt von ihnen, ,von dem kann man nichts verlangen‘, und das stimmt, wozu auch, sie geben ja sowieso alles her. Die Kinder von Schuschanik sind eine Freude, eine sinnlose, aber eine Freude, und wenn man denkt, was freut mich da jetzt eigentlich, ist das sehr einfach: Ein Kind von Schuschanik ist vorbeigelaufen, bloß du hast es, natürlich, nicht bemerkt.“

Dann schweigen wir. Dann wird es dunkel. Dann spricht wieder der Dicke. „Weißt du, vielleicht hast du recht. Es ist auch so gut: heißer Sommer, ein nicht zu schlechter Tee auf der Straße, wenn was ist, hab ich sogar Kaffee. Eine zauberhafte Stadt. Wie Paris. Nur dass dort alle Französisch sprechen, und hier, bei uns, hört man ja tausend Sprachen.”

„Vielleicht auch in Paris, oder?“

„Weiß ich nicht“, der Dicke lächelt halbherzig, „ich war dort nie. Soll zauberhaft sein . . .“

In Tbilissi gibt es heiße Sommer, Kaffee wird hier auch getrunken, es ist auch eine zauberhafte Stadt, aber glaub bloß nicht den Leuten, die dir weismachen wollen, Tbilissi sei das kleine Paris! Tbilissi ist eine furchtbare Stadt, mein Dicker, heruntergekommen, heiß, dreckig. Um in Tbilissi so nah an den Fluss heranzukommen, dass du das Wasser berühren kannst, müsstest du von einer Brücke springen; nachts verfolgen und beißen dich die Straßenhunde, und wenn du dem Sensenmann gegenüberstehst und um Hilfe schreist – Hilfe, Hilfe, jemand will mich umbringen –, dann hilft dir keiner, und am nächsten Tag werden alle erzählen, dass letzte Nacht . . .

Es war eine lange, heiße Nacht, und in der Morgendämmerung klettern wir ganz hoch, über die Stadt, auf die Narikala-Festung. Jetzt ist die Festung renoviert, vergewaltigt, wie ich finde, aber doch gut. Wir setzen uns ganz oben auf den Turm, die Sonne steigt, und unten liegt unsere Stadt, mit ihren Bädern und Kirchen und den Hügeln und dem Heiligen Berg und allen, die wir lieben und noch schlafen, und wir beginnen zu summen, erst leise, dann immer lauter, lauter! Wir singen schlecht, der Dicke noch schlechter als ich, aber es ist doch das Saari, das Sonnengebet, und ich rufe:

„Und uns, den idiotischen Tbilissern, ist Tbilissi trotzdem lieber als jedes ­Paris!“

„Wir kennen Paris nicht, du Dumme vom linken Ufer!“

Dafür kennen wir Tbilissi. Und wie!

Anna Kordsaia-Samadaschwili ist Autorin, Übersetzerin und Journalistin in Tbilissi. Zuletzt von ihr auf Deutsch erschienen: „Ich, Margarita“, Berlin (Verlag Hans Schiler) 2013.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.06.2016, Anna Kordsaia-Samadaschwili