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Aktivist Geschichte eines Kampfbegriffs

Aktivist

Geschichte eines Kampfbegriffs

von Astra Taylor

Vor etlichen Jahren fand in New Jersey eine Konferenz zum Thema „1968“ statt. In seiner Eröffnungsrede setzte sich der einst linksradikale Mark Rudd kritisch mit der Berühmtheit auseinander, die er als junger Mann durch die Besetzung der Columbia University und seine damalige Rolle bei den „Weathermen“ erlangt hatte. Die militante Untergrundorganisation verbreitete Ende der 1960er bis in die 1970er Jahren die „Propaganda der Tat“ und legte unter anderem am Pentagon und dem Kapitol Bomben, die niemanden verletzten. Bei der vorzeitigen Explo­sion einer selbstgebastelten Bombe starben im März 1970 drei Weathermen in New York.

Die politisch engagierten Studierenden waren fasziniert von dem alten Revolutionär, der jahrelang auf der Flucht gewesen war. Aber Rudd durchkreuzte die Romantisierung. Zwar blieb er anders als viele seiner Mitstreiter seinen politischen Idealen treu, aber den harten Konfrontationskurs – mit dem Machogebaren und dem Ruf „Greift zu den Waffen!“ – fand er im Nachhinein falsch. Sie hätten sich in der Rolle der revolutionären Akteure gefallen, seien sich wie eine „weiße Kampftruppe zur Unterstützung der Völker der Welt“ vorgekommen, aber am Ende hätten sie die Basis einer Bewegung geschwächt, die mühselig über Jahre hinweg aufgebaut worden war. Völlig verkannt habe er damals den Unterschied zwischen Aktivismus und Organisation, zwischen Selbstausdruck und einer sozialen Bewegung.

„Vor fünfzig Jahren habe ich die Bezeichnung ‚Aktivist‘ nur als Beleidigung gehört, mit der unsere Gegner die protestierenden Studenten verunglimpften“, sagt Rudd. Anders als das Wort „Funktionär“, das in die Tra­di­tion der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung gehört, sind die Ursprünge des Begriffs „Aktivist“ im Dunkeln. Zunächst mit dem idealistischen deutschen Philosophen Rudolph Eucken (1846–1926) assoziiert, wurde er in den USA auf die Unterstützer der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg angewandt. Nach und nach diente er zur Bezeichnung von politischem Handeln im weiteren Sinn. In den 1960er Jahren bezeichnete die New York Times sowohl den britischen Philosophen Bertrand Russell als auch den einflussreichen US-Soziologen C. Wright Mills als „Aktivisten“.

„Wir selbst nannten uns je nachdem Revolutionäre, Radikale, Militante, Sozialisten, Kommunisten, Funktio­näre“, erklärt Roxanne Dunbar-Ortiz, Historikerin mit 50 Jahren Erfahrung in sozialen Bewegungen. Die Karriere des Wortes „Aktivist“ hat für sie mit einer Tendenz zur „umfassenderen Diskreditierung der Linken“ zu tun. Viele von Rudds und Dunbar-Ortiz’ politisch aktiven Zeitgenossinnen stammten aus kommunistisch oder gewerkschaftlich orientierten Familien. Sie hatten Verbindungen zur Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten und wussten, was es heißt, in mühsamer Kleinarbeit und trotz nur vager Hoffnungen auf Erfolg eine soziale Bewegung in Gemeinden aufzubauen.

Ende der 1960er Jahre kam es mit den neuen sozialen Bewegungen – Feminismus, Schwulenbewegung, Umweltschutz – zu einer Vielfalt von Aktivismen. Sie haben in kurzer Zeit enorm viel erreicht, oft indem sie bewährte Organisationsstrategien übernahmen, aber auch indem sie neue offene, demokratische und nichthierarchische Vorgehensweisen entwickelten. Doch in dem Bemühen, die Altlasten der Linken loszuwerden, wurden auch nützliche Strukturen, Traditionen und Verfahren über Bord geworfen.

Es folgte eine Phase, in der die Protestler sich von überkommenen Ideologien und charismatischen Führungsfiguren lösten. Da die Gewerkschaften häufig von korrupten Bürokraten geführt wurden, griff unter den Idealisten ein gewisser Zynismus im Hinblick auf Funktionäre und Berufsrevolutionäre um sich.

Während die Linke ihre Wurzeln hinter sich ließ, schufen die Konservativen neue Strukturen, gründeten Thinktanks und Verbände mit Geld von internationalen Konzernen, rüsteten den christlichen Mainstream argumentativ auf und bereiteten die permanente Steuerverweigerung der Superreichen vor.

Rebellen, organisiert euch

Auch die Linke müsste, um ihrem Aktivismus Dauer und Wirkung zu verleihen und ihren Anliegen über aktuelle Besetzungen oder Straßenproteste hinaus Aufmerksamkeit zu verschaffen, politische Organisationen schaffen, langfristige Strategien entwickeln und verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten aufbauen. So begrüßenswert der Aktivismus der letzten Jahrzehnte ist, so problematisch ist, dass organisatorische Strukturen, wie sie früheren Bewegungen zum Erfolg verholfen haben, fehlen.

Die Aktivisten heute in den USA kommen aus einem anderen Milieu, ihre Eltern sind keine Mitglieder der Kommunistischen Partei. Die Gewerkschaften befinden sich im stetigen Niedergang, und die Bürgerrechtsbewegung ist auf ihre historische Ikonografie reduziert. Der Ausdruck „Aktivist“ ist verdächtig inhaltsleer. Er steht weniger für eine konkrete politische Überzeugung als für ein gewisses Temperament. Viele Aktivisten genießen ihre Marginalität und die Wirkungslosigkeit ihrer Aktionen; ihre geringe Gefolgschaft deuten sie als Zeichen moralischer Überlegenheit.

Viele gegenwärtige Formen des Aktivismus tappen deshalb in die Falle des Individualismus. Die politische Organisation hingegen beruht auf Kooperation: Sie versucht andere zu integrieren und gemeinsam Macht aufzubauen und auszuüben. Organisation bedeutet, wie der junge US-Soziologe Jonathan Smuckers formuliert, „eine soziale Gruppe in eine politische Macht“ zu verwandeln.

Heute kann jede und jeder Aktivist sein, auch die, die unermüdlich und für sich allein daran arbeiten, das öffentliche Interesse für ein wichtiges Thema zu wecken. Aber Bewusstseinsbildung ist nicht dasselbe wie politische Organisation: Diese erst bringt Menschen mit einem gemeinsamen Interesse zusammen, damit sie es mit vereinten Kräften auch durchsetzen können. Der Aufbau einer politischen Organisation mit In­fra­strukturen und Institutionen ist eine langwierige und oft mühselige Angelegenheit; dazu gehört auch, Schwachpunkte des Gegners zu erkennen und vereinzelte Individuen davon zu überzeugen, dass sie im selben Boot sitzen und mitziehen sollten.

Seit 2011 gibt es weltweit eine Vielzahl sozialer Bewegungen, aber ihr Dilemma ist dasselbe, wie es Mark Rudd beschrieb: „Der Aktivismus als Ausdruck unserer tiefen Überzeugungen war immer nur ein Teil des Aufbaus einer Bewegung. Er ist bloße Taktik, die jedoch, weil es keine echte Strategie gab, zur Strategie erhoben wurde. Die meisten glauben, sich zu organisieren sei das Gleiche, wie eine Demonstration oder ein Benefizkonzert vorzubereiten.“ Oder von heute aus gesprochen, einen Hashtag zu finden, eine Onlinepetition hochzuladen oder eine Internetdebatte anzuleiern.

Leute, die an spontane Rebellion glauben, misstrauen allem, was nach Institutionalisierung, Führungsfunktionen und Machtübernahme aussieht – und somit auch der Arbeit des Organisierens. Das Problem an den Demonstrationen, Konzerten, Hashtags und Onlinedebatten ist – so erfreulich und nützlich sie auch sein mögen –, dass das politische Engagement oft nicht über das einzelne Event hinausgeht. Die Teilnahme an kleinen, konkreten Aktionen – wie der Unterzeichnung einer Petition – kann durchaus eine Ermutigung sein, sich danach größeren und allgemeineren Zielen zu verschreiben, etwa den Eliten die Stirn zu bieten.

Neben den Funktionären alter Schu­le, die etwa in den Gewerkschaften nach wie vor unschätzbare Arbeit leisten, experimentieren immer mehr Leute mit neuen kollektiven Formen wirtschaftlicher Macht und des Widerstands. Eine der großen Herausforderungen in unseren neoliberalen und postfordistischen Zeiten besteht in der Tat darin, das Gewerkschaftsmodell an die Bedingungen der Finanzialisierung anzupassen. Wir müssen Verbindungen zwischen den Millionen Gestrandeten knüpfen, die keine feste Arbeit mehr haben und schon gar keine Gewerkschaft, damit sie zu einer Kraft werden können, die zählt.

Die Bewegung für Klimagerechtigkeit hat originelle Methoden entwickelt, um die Ölfirmen zu treffen: Sie hat die US-Regierung dazu gebracht, auf öffentlichem Grund keine neuen Kohleabbaulizenzen mehr zu vergeben. Die Divestment-Kampagne hat seit 2012 dafür gesorgt, das Gesellschaften mit einem verwalteten Vermögen von über 3,4 Billionen US-Dollar nicht mehr in fossile Brennstoffe investieren. Noch wichtiger ist, dass es gelungen ist, das Vertrauen in das Geschäftsmodell der fossilen Brennstoffindustrie zu erschüttern. Inzwischen nehmen auch mächtige Finanzakteure wie die Bank von England, der norwegische Sovereign Wealth Fund und die kalifornischen Pensionskasse die schädlichen Klimagase ernst.

Eine weitere neue soziale Bewegung in den USA ist Black Lives Matter, die Rassendiskriminierung wieder zum Thema gemacht hat. Die Dream Defenders, die sich nach der Ermordung des 17-jährigen Trayvon Martin in Florida zusammengefunden haben, sind skeptisch gegenüber einem reinen Online-Aktivismus: „Um das Leben in unseren Gemeinden zu verändern, brauchen wir Macht, nicht bloß Follower.“

Derzeit versammeln sich Zehntausende überall in den USA und hören zu, wie der Sozialist Bernie Sanders gegen die „Klasse der Milliardäre“ wettert. Umfragen zufolge haben viele junge Menschen eine positive Einstellung zum Sozialismus. Es braucht gute und kluge Organisationsformen, um diesen erstaunlichen Aufschwung linker Ideen zu unterstützen und die Energie über den Präsidentschaftswahlkampf hinaus zu kanalisieren. Es ist den Eliten schon immer leicht gefallen, ihre Herausforderer als Unzufriedene und Verlierer abzukanzeln. Erfolgreiche Organisatoren hingegen sind schwerer abzuschütteln, weil sie über eine strategisch agierende Basis verfügen.

Aus dem Englischen von Robin Cackett

Astra Taylor ist Dokumentarfilmerin und Publizistin. Zuletzt erschienen: „The People’s Platform: Taking Back Power and Culture in the Digital Age“, New York (Henry Holt & Co) 2014.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2016, Astra Taylor