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Brief aus Havanna

Brief aus Havanna

von Michi Strausfeld

Alle reden über die Veränderungen in Kuba, seit die USA und Kuba vor einem Jahr beschlossen, diplomatische Be­ziehungen aufzunehmen. Touristen fluten Havanna, wollen schnell noch eine Zeitreise antreten ins sozialistische Kuba, sich in riesigen Oldtimern spazieren fahren lassen, durch die Straßen ohne Werbung bummeln. Das historische Zentrum – eine Art Freiluftmuseum – wird vorbildlich restauriert, die Plaza Vieja ist ein Schmuckstück geworden, wo erste europäische Modefirmen ihre Läden eröffnen.

Aber neben schön herausgeputzten Kolonialbauten stehen die vom Zerfall bedrohten Häuser, in der Altstadt wie im ehemals vornehmen Villenviertel El Vedado. Überall bieten Kubaner den Fremden kleine Dienste an, denn sie müssen unbedingt ein paar CUC verdienen. CUC, so heißt das neue Zauberwort, die konvertible Währung, die man eins zu eins in Euro wechseln kann. Mit CUC kann man alles kaufen, damit bezahlt man das langsame Internet (fünf Stunden zehn CUC), das Handy, die Tomaten (ein Pfund ein CUC), alle Nahrungsmittel, die nicht auf der Lebensmittelkarte stehen.

Da sind für einen Monat nämlich nur sechs Eier, ein Dreiviertelhuhn, drei Kilo Reis, schwarze Bohnen, je ein Päckchen Kaffee und Zucker, eine Flasche Öl, Brot und ein paar andere Dinge drauf, viel zu wenig, um satt zu werden. Schlange stehen, warten, das bestimmt den Alltag. Wer keine Geschäfte mit Touristen machen kann, keine Verwandten im Ausland hat, die Devisen überweisen, oder keinen Familienangehörigen auf einer „internationalistischen Mission“, um Devisen zu verdienen, führt ein hartes Leben.

„Ich mache mir große Sorgen um mein Land“, sagt der 73-jährige Vicente. „Mir geht es gut, ich arbeite für eine ausländische Firma, werde in Devisen bezahlt. Aber ich denke voll Wehmut an den schönsten Tag in meinem Leben, damals, als Fidel 1959 in Havanna einmarschierte. Wir hatten so viele Illusionen, es passierte so viel: die Alphabetisierungskampagne, der Bau von Schulen und Krankenhäusern, die Grundversorgung der Bevölkerung . . . und nun?“ Ja, wo ist „el cambio“, der Wandel?

Es gibt ihn, ohne Zweifel. Kubaner können eine Wohnung und ein Auto kaufen, ein privates Restaurant („paladar“) oder eine Pension eröffnen, privat Taxi fahren, selbst angebautes Gemüse verkaufen, ins Ausland reisen, ein Handy und an Hotspots Zugang zum Internet haben. Verwandte im Ausland dürfen mehr Devisen überweisen. Die allmähliche, doch an Hindernissen reiche Annäherung zwischen den USA und Kuba betrifft vor allem das Embargo, das 1962 verhängt wurde. Von einem Tag zum anderen wurde Kuba damals von seinem wichtigsten Handelspartner abgeschnitten, die gesamte Wirtschaft musste umgestellt werden. Damals half die UdSSR, und gern, waren die 1960er Jahre doch Höhepunkt im Kalten Krieg.

Doch erholt hat sich Kuba davon nie, seitdem kämpft die Insel ums ökonomische Überleben. Nach mehr als 50 Jahren soll nun der regelmäßige Flugverkehr zwischen den USA und Kuba wiederaufgenommen werden. Aber bis zur Normalisierung der Beziehungen ist ein weiter Weg, man freut sich über jeden Schritt.

Aber: Wie sieht der Wandel denn nun aus? Ins Auge springt die Menge der übergewichtigen Gringos, die sich durch die engen Straßen drängen, Passagiere von Kreuzfahrtschiffen, die ein wenig Kunsthandwerk kaufen, den omnipräsenten Musikern zuhören, die herausgeputzten Oldtimer bewundern. Die Hotels sind auf Monate ausgebucht, die Privatunterkünfte belegt, ständig kommen neue Touristen: Hier herrscht Aufbruch.

Aber was denkt die Generation der Kubaner, die nach der Revolution geboren wurde und noch mit vielen Idealen erzogen wurde? Sie erlebten Mitte der 1990er Jahre die härtesten Zeiten, denn nach dem Zusammenbruch der UdSSR verloren die Kubaner zum zweiten Mal ihren wichtigsten Handelspartner, wieder mussten sie sich neu orientieren. Venezuela half, vor allem mit Öl und Petrodollars, aber nicht ausreichend, und jetzt ist auch das vorbei. Die „Spezialperiode in Friedenszeiten“ war ein Albtraum, da wurden alle Gürtel ganz eng geschnallt: Erfahrungen, die die bereits angestaubten Ideale und Illu­sio­nen über den Fortgang der Revolution platzen ließen.

In dieser Zeit kam die doppelte Währung auf, die heute das Leben bestimmt und die Gesellschaft spaltet: in jene, die über CUC verfügen, und die anderen. Ein Lehrer, Ingenieur oder Arzt verdient zwischen ungerechnet etwa 25 und 40 CUC. Das erklärt den Wunsch von nahezu 90 Prozent der Universitätsabsolventen, das Land zu verlassen, am besten Richtung USA, um eine Arbeit zu finden, Geld nach Hause zu überweisen und frei zu leben. In den letzten Wochen steckten tausende Emigranten auf dem Weg nach Norden in Panama, Costa Rica und Nicaragua fest. Zurück bleiben die Eltern und warten auf den Besuch der Kinder, um mit ihrer Hilfe die Reparaturen in der Wohnung zu machen, Handwerker zu finden, Zement und Gerüst zu organisieren. Denn ganz Havanna ist vom Einsturz bedroht, was Hobbyfotografen zwar herrliche Motive liefert, aber für die Menschen, die hier wohnen, einfach nur deprimierend ist.

Neben diesem alltäglichen Verfall gibt es Vorzeigeprojekte, wie die „Fa­brik der kubanischen Kunst (FAC)“, eine vom Kulturministerium umgebaute Ölfabrik. Von Donnerstag bis Sonntag ist eine Fülle von Kunst, Fotografie, Tanz, Theater, Konzerten bis hin zu Hip­Hop zu erleben.

Das Angebot, vielfältig und äußerst kreativ, ist durchaus kritisch, so dass sich der Besucher voller Bewunderung die Augen reibt: Die Kultur nutzt die neue Freiheit, und das ist faszinierend. Mehrere privat betriebene Bars auf dem Gelände bieten Getränke und kleine Speisen an, und die FAC verantwortet das wechselnde Programm in Eigenregie.

Ich frage einige Autoren, wie es um den „Wandel“ steht. Die Antwort fällt überraschend klar aus: Ja, natürlich gibt es ihn, aber für wen? Für den einfachen Kubaner? Wer kann zum Beispiel die zwei CUC Eintritt für die FAC bezahlen, dort vielleicht auch noch einen Drink nehmen? Und wie sieht das Leben der Künstler aus? Der Filmemacher? Wie steht es um den Druck der Bücher? Mal gibt es nicht genug Papier, mal gefallen die Texte nicht, und ein Nachdruck ist kaum möglich. „Der Freiraum für Kritik ist größer geworden“, höre ich, „aber wir bleiben an der Leine, die vom Regime jederzeit angezogen werden kann, vor allem wenn man sich in kritischen Blogs äußert.“ Dafür gibt es Beispiele, wie Ángel Santiesteban, der zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß, bevor er mit anderen politischen Gefangenen vor dem Besuch des deutschen Außenministers Steinmeier auf Bewährung freikam.

Man muss Kuba im Kontext von Lateinamerika betrachten. Auf der Insel gibt es keine eklatante Gewalt, keine brutalen Drogenmafias, und unverändert existieren kostenlose Gesundheitsfürsorge und Erziehung. Aber wann kommen endlich Meinungs- und Pressefreiheit? Und warum importiert Kuba fast 80 Prozent seiner Lebensmittel, wie konnte man in einem Agrarland so falsch planen? Wer profitiert vom staatlichen Tourismus?

Fragen und noch mehr Fragen, stets stößt man auf Widersprüche. Kein Kubaner sehnt sich nach einer Übernahme durch die Exilanten in Miami, auch wenn der American Way of Life fasziniert. Man ist stolz, dass die Insel durch das Embargo nicht gebrochen wurde, dass die kolumbianischen Friedensgespräche hier stattfinden, dass der Papst zu Besuch kam und hier das erste Gespräch seit 1000 Jahren mit dem russischen Patriarchen führte, dass so viele Staatsgäste und Wirtschaftsdelegationen anreisen, dass Oba­ma kommt.

Havanna ist ein permanentes Wech­selbad von Impressionen, aber der stärkste Eindruck kommt von den Menschen, die das schwierige Überleben gelernt haben, ohne darüber Witz und Kreativität zu verlieren. Wie sie das täglich neu schaffen, bleibt ein Rätsel. Und man versteht sowohl die Sorge des 73-jährigen Vicente um die Zukunft Kubas wie auch den Glauben an weitere Fortschritte im „Wandel“. Nur sollten sie schnell erfolgen – das fordern alle, insbesondere die jungen Menschen.

Michi Strausfeld ist Hispanistin, Lektorin und Vermittlerin spanischsprachiger Literatur sowie Herausgeberin zahlreicher Anthologien, unter anderem von: „Cubanísimo! Junge Erzähler aus Cuba“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2000.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.03.2016, Michi Strausfeld