Alltag in Pikine

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Alltag in Pikine

Alltag in Pikine

Senegals Hauptstadt Dakar ist modern und protzig geworden – aber der Sufismus und seine Traditionen bleiben lebendig

von Sebastian Prothmann

Gigantisch, stalinistisch, un­islamisch, übermütig, größenwahnsinnig, sexistisch – das weithin sichtbare Monument der afrikanischen Renaissance steht auf einem Hügel in Ouakam, einem Vorort von Dakar. Ein Mann, eine Frau, ein Kind. Er, breite Schultern, muskulös, dominant. Im Arm hält er wie eine Trophäe das kleine Kind, das mit der Hand Richtung Meer zeigt. Dahinter die Frau, die ihre weiblichen Reize in Szene setzt.

Eine heroisierte Darstellung einer senegalesischen Kleinfamilie? Der Koloss aus einer drei Zentimeter dicken Bronzeschicht ist drei Meter höher als die Freiheitsstatue. Über die Kosten gibt es nur Gerüchte. Den Auftrag erhielt das nordkoreanische Unternehmen Mansudae Overseas Projects unter Federführung des senegalesischen Architekten Pierre Goudiaby.

Wer Dakar kennt, weiß, dass das Geld anderswo viel dringender benötigt wird. Für Expräsident Abdoulaye Wade, der 2012 mit 86 Jahren sein Amt niederlegen musste, sollte das Anfang April 2010 eingeweihte Monument eine neue Ära afrikanischer Renaissance einläuten. Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass sich hier mal wieder ein afrikanischer Präsident verewigen wollte.

Feucht-heiß ist die Luft, durchsetzt mit rötlichem Staub und einem stinkenden Abgasgemisch, das die frische Meeresbrise überdeckt. Verbeulte blau-gelb lackierte Kastenbusse, ehemals Renault Saviem SG 2 aus den 1960ern, mit religiösen Symbolen und Sprüchen, mit abgefahrenen Reifen und ohne Fensterscheiben, hier „car ra­pides“ genannt, bahnen sich hupend ihren Weg durch das Gewühl von Menschen, fliegenden Händlern, Bussen, Pkws und Taxen.

Ein Angestellter eines kleinen Fast-Food-Restaurants verkauft am Straßenrand Schawarma und Hamburger. Vor ihm ein zusammengebasteltes Holzregal voller Schuhe, ein Geschäft, das er mit einem Freund teilt. Angestellt und selbstständig zugleich. Seine Ware bezieht er unter anderem über den Sandaga-Markt, dem Dreh- und Angelpunkt transnationaler Händlernetzwerke. Ich solle aufpassen, wird mir gesagt, die Autopiste sei gefährlich. Ein Konglomerat von Aggressivität und Delinquenz, das subversive Andere, der Unort.

Willkommen in Pikine. Blökende Schafe, krähende Hähne, Jungen, die einem Ball hinterherjagen, und der Geruch von Staub in heißer Sahelluft. Nur wenige fertiggestellte Gebäude sind zu sehen. Aber wer definiert schon, wann ein Gebäude fertig ist? Die Häuser sind so angelegt, dass immer noch ein Stockwerk draufgesetzt werden kann, sobald genug Geld da ist. Und draufsetzen wollen hier alle. Darum ist auch kein Haus wirklich fertig. Trotz des chaotischen Stadtbilds gibt es in Pikine doch eine Gemeinsamkeit. Die meisten Leute sind Hausbesitzer. Viele, die hier aufgewachsen sind, haben ihr Stadtviertel nie verlassen.

Manche Gebäude sind architektonische Meisterleistungen, teils noch mit Farbe wirkungsvoll in Szene gesetzt. Nicht weit entfernt stehen heruntergekommene und verwahrloste Häuser beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben ist, nachdem sie in den sumpfigen Boden eingesunken sind, manche verlassen, andere ein Zufluchtsort für kriminelle Banden oder schlicht Wohnraum für Menschen, die sich es nicht leisten können, etwas Neues zu bauen.

Die Jugendlichen nennen ihre Nachbarschaft in Pikine „Ghetto“ oder „hood“. Ghetto steht für eine Überlebensphilosophie. Das Wolof, das hier gesprochen wird, hat die Globalisierung längst in sich aufgesogen. Die Sprache ist zwar mit französischen Floskeln der ehemaligen Kolonialmacht durchsetzt, doch in der Jugendsprache des „Wolof mbëdd mi“ (Wolof der Straße) sind US-amerikanische Elemente unübersehbar.

Jugendliche, die Kontakte in europäische und US-amerikanische Großstädte haben, verbinden seit der Wirtschaftskrise mit „Kaw“ – wörtlich: „oben“ – nicht mehr Europa, sondern die USA. Das ist ihre Art, Urbanität und Modernisierung auszuhandeln, während sie zugleich versuchen, sich ihren Ort in einer gerontokratischen Gesellschaft zu erkämpfen. In Ghettos wie Bagdad, Arafat, Bene barak (eine Baracke), Quartier „sans fil“ (Viertel ohne Stromleitung) oder Pinki Corner posieren sie betont cool, mit Ray-Ban-Sonnenbrille, während sie auf die nächste Runde Àttaaya warten, wie der senegalesische Tee heißt, der in kleinen henkellosen Gläsern serviert wird und diesen typischen Schaum namens „Fuu­rit“ hat.

Die Jugendlichen hätten sich gern am Jahrtausendprojekt der Modernisierung ihres Landes beteiligt, zu dem Abdoulaye Wade sie in seinem Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2000 aufgerufen hatte. Nach 40 Jahren ineffizienter Wirtschaftsentwicklung seiner sozialistischen Partei (SP) stimmte er die Jugend auf einen „Wandel“ ein, den „Sopi“, wie es auf Wolof heißt. Doch seitdem hat sich nichts geändert.

Teetrinken und Träumen

Die jungen Männer in ihren lässigen Posen lassen sich ihre Verzweiflung nicht anmerken. Die meisten sind arbeitslos und ohne Perspektive. Aber jeder hat so seine eigenen, mehr oder weniger gerissenen Tricks, um ein paar CFA-Francs zusammenzubekommen. Die Nachbarschaft ist für die Jugendlichen die Bühne, um sich in Szene zu setzen und ihre Männlichkeit zu demonstrieren – aber nicht um dahinzuvegetieren. Die Teezeremonie, die lokale Form des „Chillens“, prägt auch die Fantasien über die Welt da draußen, weit weg von Senegal. Teetrinken ist wie ein sozialer Kitt. Für die meisten bleibt es bei den Träumereien und der Sehnsucht nach einem besseren Leben irgendwo im Westen. Sie werden ihr Ghetto wohl nie verlassen.

Die sandigen Seitenstraßen in Pikine sind auch der Laufsteg für unverheiratete junge Frauen, die hier abends Hand in Hand und stark geschminkt flanieren und die Blicke der jungen Männer genießen. Man nennt sie „nice guddi“, das englische Wort „nice“, kombiniert mit dem wolofonen Wort für Nacht – weil sie tagsüber in schäbigen Klamotten alle möglichen Haushaltsarbeiten verrichten und sich abends in Schönheitsköniginnen verwandeln.

Abdoulaye Wade sorgte in seiner zwölfjährigen Amtszeit als Präsident für einen regelrechten Bauboom in der Hauptstadt. Er wollte Dakar zu einer modernen Metropole machen. Bereits Senegals erster Präsident Leopold Senghor träumte in den 1960er Jahren davon, dass Dakar im Jahr 2000 wie Paris aussehen solle. Abdoulaye Wade konzentrierte sich ganz auf private Investitionen, ließ Bürotürme errichten und Straßen und Tunnel bauen. Aber er vernachlässigte die Bereiche Bildung, Gesundheit und Soziales. Gekrönt hat er seine Visionen mit der Maut-Autobahn zwischen Dakar und Diamniadio, dem modernen Flughafen Blaise Diagne International Airport in Diass, östlich von Dakar, und der Erneuerung der Corniche Ouest. Auch Luxushotels wie das Terrou-Bi und das Radisson Blu und der Vergnügungspark Magic Land sind in dieser Zeit entstanden.

Heute ist in Neubaugebieten wie Cices-Foire, Golf Cité Aliou Sow, ­Cité Tobago, Cité Djily Mbaye oder Cité Isra von den traditionellen Bauweisen nichts mehr übrig geblieben. Im Gegenteil: Je weiter hergeholt die Architektur, das Material, die Silhouetten, umso beliebter sind die Viertel. Es ist das Neue, das Nichthistorische, was hier als Urbanität auftrumpft. Doch die Rolle des Machers, in der sich Abdoulaye Wade gefällt, kommt im Vorort von Pikine nicht gut an. Der Präsident hätte doch nur Staatsgelder aufgegessen, heißt es hier, und einige Minister, die vorher nichts hatten, besäßen heute Immobilien und immense Vermögen.

Das Dakar des Jahres 2015 gehört zu den zehn teuersten Städten Afrikas; besonders begehrt sind Wohnlagen, die in Frankfurt am Main wegen des Fluglärms eher unattraktiv wären. Aber auch Yoff, Ouakam, Ngor und andere Stadtviertel haben in den letzten Jahren einen massiven Preisanstieg erlebt. Die instabile Lage in der Elfenbeinküste und der Zuzug von Mitarbeitern internationaler Organisationen, die ihren Sitz von Abidjan nach Dakar verlegt haben, haben die Immobilienspekulation angeheizt.

Mit ihren gut 2,5 Millionen Einwohnern ist die Stadt zu einem sozia­len und kulturellen Schmelztiegel geworden. Ihre Universitäten locken Studenten aus vielen frankofonen afrikanischen Ländern an. 70 000 Studenten gibt es, verteilt auf die staatliche Université Cheikh Anta Diop und viele private Hochschulen. Das Schwarzafrika-Forschungsinstitut (Institut fondamental de l’Afrique noire, Ifan) und die Westafrikanische Zentralbank (Uemoa) haben ihren Sitz in Dakar, und – nicht zu vergessen – das als Multifunktionsarena genutzte Stadion Léopold Sédar Senghor.

Dakar ist außerdem eine Theater-, Kunst- und Modemetropole. Davon zeugen das Théâtre National Daniel Sorano, die Kunstbiennale DAK-Art und die jährliche Dakar Fashion Week, wo die 30 bekanntesten Designer Afrikas ihre neuesten Kreationen präsentieren. Namen wie Oumou Sy, Colle Ardo Sow und Diouma Dieng Diakhaté sind Insidern vielleicht ein Begriff, denn sie haben es immerhin von Dakar nach Paris geschafft.

Die andere Seite von Dakar sind Megastaus und Menschenmassen. Als Senegal 1960 die Unabhängigkeit erlangte, lebten in Dakar 300 000 Menschen, heute sind es im Großraum Dakar zehnmal so viele. Ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Landes lebt hier. Leider hat die Stadt in dieser Zeit viel von ihrer Atmosphäre verloren. Die Intellektualität, urbane Eleganz und Melancholie, die man vielleicht aus Filmen von Ousmane Sembène oder Djibril Diop Mambéty in Erinnerung hat, sind im Dakar nach der Jahrtausendwende kaum noch auffindbar. Von der Vorbildfunktion, die Intellektuelle und Beamte einst erfüllten, ist nichts mehr übrig geblieben, seit sich in den 1990er Jahren der Individualismus und die Philosophie des Selfmademans mit der sogenannten Bul-faale-Bewegung durchgesetzt hat.

Dakars Landnase, die Kap-Verde-Halbinsel, ist der westlichste Zipfel Afrikas. Der Westen, das ist in Senegal das Synonym für Hoffnung, zumindest für die jüngeren Leute, obwohl sich auch bei ihnen herumgesprochen hat, dass dieser Westen seit der Wirtschaftskrise nicht mehr das Paradies auf Erden ist. Aber Europas Wirtschaftskrise hat für afrikanische Ohren etwas seltsam Abstraktes, und so bleibt der Westen, dem sich der Senegal seit jeher geistig und kulturell entgegengestreckt hat, der Ort der Hoffnung.

Als die Place de l’Indépendance mit ihren Arkaden entstand, war Senegal Frankreich noch sehr nah. Die Gebäude erinnern an Südfrankreich in den 1960er Jahren. Nirgendwo sonst in Afrika hat die französische Kolonialmacht so tiefe Spuren hinterlassen wie in Dakar. Im Plateau und auf der Insel Gorée erinnern weiße Kolonialbauten, die großzügigen Alleen und sternförmige Plätze an die koloniale Vergangenheit. 1902 wurde Dakar die Hauptstadt von Französisch-Westafrika (Afrique occidentale française, A.O.F.): Damals gehörten Gorée, Rufisque, Saint-Louis und Dakar zu den sogenannten vier Gemeinden, deren Bewohner einen Sonderstatus genossen: Sie waren französische Staatsbürger.

Sand wirbelt auf. Ein dunkler Geländewagen fährt vorbei. Ich erkenne noch, dass es ein BMW ist, vermutlich der X5, relativ neu. Es dauert ein wenig, bis sich der Sand gelegt hat und die Sicht wieder klarer wird. Am Rand der Sandpiste stehen luxuriöse Villen. Auf einmal höre ich Stimmen. Die Leute unterhalten sich aber weder auf Französisch, immer noch Senegals Amtssprache, noch auf Wolof, die populärste Verkehrssprache des Landes. Sie sprechen Pulaar; vermutlich sind es Migranten. Neben den mondänen Häusern liegt ein kleines Areal mit provisorischen Holzhütten, ohne Strom, Wasser und sanitäre Anlagen. Mitten im Wohlstand von Neureichen und internationalen Beratern haben sich hier Zuwanderer aus Guinea niedergelassen.

Ich verlasse die sandige Seitenstraße, die wirkt, als hätte der Staat vergessen, in jedwede Infrastruktur zu investieren, als würde er nur zuschauen, wie die schönsten Villen in einem Viertel ohne Asphalt und Straßenbeleuchtung entstehen. Auch die Menschen sind offenbar mehr an ihren Häusern interessiert als am Zustand der Wege zu ihren Häusern – aber schließlich können sie mit ihren Geländewagen auch die übelste Piste befahren.

Als ich auf der Hauptstraße ankomme, erblicke ich zu meiner Linken das beliebte Fast-Food-Restaurant La Gondole. Ich bin in Almadies, dem Beverly Hills von Dakar. In unmittelbarer Nähe liegen die angesagtesten und hippsten Locations von Dakar. Der Nirvana Nightclub, das Patio, der VIP Club, zahlreiche Restaurants und das Casino bringen hier die Nächte zum Kochen.

Feiern, flanieren und shoppen

„Dakar ne dort pas!“ (Dakar schläft nicht) heißt eine unter Jugendlichen beliebte Fernsehsendung auf dem Sender TFM mit Boubacar Diallo alias DJ Boubs, und Almadies schläft nie. Hier feiern die Schönen und Reichen, die Medienprominenz, ein internationales Publikum – und Geschäftsleute, bei denen niemand so recht weiß, woher ihr Geld kommt. Aber auch Jugendliche sind hier, die ihr ganzes Geld zusammengekratzt haben, um einmal einen draufzumachen. Man sieht zahlreiche binationale Paare: blutjunge Mädchen, die viel Haut zeigen, händchenhaltend mit Männern jenseits der 45.

Das Sea Plaza, eine Mall mit Geschäften, Gastronomie, Hotel und Kasino, schafft mit inszenierten Arrangements eine Atmosphäre von urbaner Exklusivität. Ist das das neue Statement senegalesischer Modernität? Oder bedeutet sie Segregation der Stadt in Konsumenten, Möchtegernkonsumenten und Exkludierte? Mit Senegals Modernität, mit dem Wunsch, das nationale Aushängeschild in Sachen Fortschritt und Wachstum zu sein, hat in Dakar flüchtiger Glanz die Oberhand gewonnen und damit ausgestellter Reichtum und Vulgarität.

Das einst intellektuelle Dakar, das Zentrum der Schriftsteller der Negritude, des afrikanischen Kinos, der afrikanischen Intellektuellen, ist dem protzigen Dakar gewichen. Die Verlockungen einer konsumtiven städtischen Moderne kollidieren mit der Prekarität seiner Bewohner.

Fliegende Händler, die mitunter den ganzen Bürgersteig in Beschlag nehmen, verwandeln die Stadt in einen riesengroßen Flohmarkt. Konsumiert werden kann hier überall, auch wenn viele nichts im Portemonnaie haben. „Mangi lekk sama weccit rek“ (wörtlich: Ich esse nur noch mein Wechselgeld), heißt es unter jungen Leuten. Dennoch entstehen überall, selbst in den Vororten, neue exotische Gastronomien: My Ice Cream, Brioche Dorée, Gelato und viele kleinere Restaurants, die Schawarma und Hamburger servieren, bieten Alternativen zum gewohnten „Ceeb u Jeen“ (Reis und Fisch), das in den Familien gemeinsam aus einem großen Topf gegessen wird. In diesen neuen Lokalen wird das Essen nicht mehr wie sonst üblich geteilt, sondern ein jeder bekommt sein persönliches Gericht.

Die Werbetafeln, visuelle Ausrufungen des allerneuesten Handys, der neuesten Modelle europäischer und asiatischer Autohersteller, des Urlaubs in Marokko, täglicher Direktflüge nach Paris oder auch ganz neuer Reiseziele wie Guangzhou, Schanghai oder Kuala Lumpur beeinflussen die Alltagserfahrung der jungen Bevölkerung, die ihre Teilnahme an der Modernität vor allem über Konsum definiert.

Und die Namen der Geschäfte machen Dakar zum Teil des globalen Dorfs. „New York“ kommt am häufigsten vor, aber es gibt auch den Bazar Allemand, das Torino, das Café de ­Rome, das Café de France und das Café du Monde – neben dem Saveur d’Asie, Le Bristol oder La Provence – eine urbane Inszenierung von Westlichkeit und Exotik, fiktiv und konstruiert, ein Gemisch aus Fernsehbildern und Vorstellungen von fremden Ländern; aber auch von Bildern der lokalen High Society in den Nobelvierteln. Es ist wie ein Rausch, der bei den jungen Leuten Vorstellungen und Fantasien über eine Welt jenseits des eigenen Stadtviertels auslöst, weit weg vom eignen „kogné“, dem Platz in der Nachbarschaft, wo sich die Kumpels nachmittags zum Quatschen und Teetrinken treffen.

Und dennoch: Dakar zeigt sich überall außerordentlich religiös – schon auf den Bemalungen der Taxis und Kleinbusse, an den Wänden von Geschäften, kleinen Werkstätten und Wohnhäusern. Überall ist Amadou Bam­ba zu sehen, der muslimische Mystiker und Dichter, der von 1853 bis 1927 lebte, Gründer der einflussreichen Sufi-Bewegung der Muriden, geistiger Führer von 4 Millionen Gläubigen im Senegal und vielen Tausenden rund um den Globus. Die religiösen Lehrer des spirituellen Sufi-Islams sind auch unter den Jugendlichen präsent, nicht nur Amadou Bamba, sondern auch sein Schüler Ibrahima Fall (1855 bis 1930) und Ibrahim Baye Niass (1901 bis 1975), der einen neuen westafrikanischen Zweig der sufistischen Tidschānīya gründete.

Junge Leute haben ihre ganz eigenen Strategien entwickelt, um mit dem sie umgebenden äußerst komplexen städtischen Universum umzugehen. Denn Stadt ist auch der Ort des Möglichen, ein Raum für Schöpferisches und für Spontaneität, von Praktiken der Aneignung und Umwidmung. „Ma la daq dox“ (wörtlich: Ich kann besser gehen als du): So drückte es mein Gastbruder in Guédiawaye aus, wo ich im Frühjahr 2013 zwei Monate lebte. Gemeint sind damit die Kontakte, die unabdingbar sind, um mit der Prekarität in der Metropole klarzukommen. Er verbringt viel Zeit auf der Straße, hat früher als Händler für Mobiltelefone gearbeitet und war auf vielen verschiedenen Märkten unterwegs, um zu kaufen und zu verkaufen – „Jende ak Jay“, wie so viele Jugendliche ohne formale Beschäftigung. Und er zählt sich zu „Baay Faal“, der von Ibrahima Fall gegründeten muridischen Bruderschaft. Für ihn steht sie für Bescheidenheit, für die Fähigkeit, schwierige Lebenslagen zu überwinden – und für Gelassenheit.

Sebastian Prothmann ist Ethnologe.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.12.2015, von Sebastian Prothmann

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