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Brief aus Lesbos

von Thomas Schmid

Sie würden irgendwo heimlich an Land gehen und sich dann irgendwie durchschlagen. So hatte ich es mir vorgestellt. Doch die Ankunft der Flüchtlinge auf Lesbos hat nichts Klandestines. Man kann zuschauen, wie sie aus dem Wasser steigen. Und man kommt sich in den trockenen Klamotten wie ein Voyeur vor. Ich bin froh, dass ich gekommen bin, um zu schreiben, habe also eine Aufgabe, bin kein Voyeur.

Aus der Ferne betrachtet hatte die erste Szene, die ich an der Nordküste der Insel erlebte, etwas Spielerisches: Ein orange leuchtendes Gebilde tänzelt auf den Wellen, elegant wie ein Surfrider, im Takt einer unhörbaren Musik. Am Horizont die Berge der Türkei. Asien. Doch schon entwickelt sich ein Drama. Es ist ein Boot, das sich durch die Wellen herankämpft. Nach Europa.

Bald konnte man die Menschen erkennen, die zwischen den schwarzen Schläuchen zusammengepfercht waren. Sie hielten Kinder fest. Was orange geleuchtet hatte, waren die Schwimmwesten. Das Boot wurde von den Wellen in die Höhe gerissen und in die Tiefe gezerrt. Schließlich war das rettende Ufer nur noch zehn Meter entfernt. Doch keiner traute sich, das Gefährt zu verlassen. Zu hoch war der Wellengang. Dann stürzten sich zwei Männer eines privaten Seenotrettungsdienstes aus  Barcelona ins Wasser und schleppten das Boot an Land.

Zuerst sprangen die Jugendlichen heraus, dann Männer, einige hielten Kinder in den Armen. Eine alte Frau wurde von vier Engländern aus dem Boot getragen. Schließlich waren alle 47 Flüchtlinge auf dem Trockenen, auf der Schotterstraße. Einige küssten die Erde, andere beteten, die Kinder schluchzten haltlos, die alte Frau lag reglos am Boden und wurde schließlich von einer Norwegerin massiert. Holländerinnen packten die völlig durchnässten, schlotternden Gestalten in goldene und silberne Plastikfolien, die notdürftig vor Kälte schützen. Der Zug der Elenden schleppte sich den steilen Weg hinauf nach Skala Sykamia, ins Oberdorf.

Ich bot einer ersichtlich kranken Frau an, sie im Auto mitzunehmen. Sofort stürzte ihr Mann herbei. Er wollte auch mitkommen, und auch zwei weitere Frauen und noch fünf Kinder. Zehn Personen passten allerdings nicht in meinen kleinen Mietwagen. Doch die Familien wollten zusammen bleiben, hatten Angst, sich nach der gefährlichen Überfahrt aus den Augen zu verlieren.

Schließlich fand sich eine holländische Helferin. Wir fuhren die Familie in zwei Autos – quasi Stoßstange an Stoßstange – ins Oberdorf. Sie waren Flüchtlinge aus Afghanistan. Sie alle hatten das Meer zum ersten Mal gesehen. Später erst erfuhr ich, dass sie – wegen des hohen Wellengangs – den türkischen Schleppern statt 1000 Euro pro Person nur 500 bezahlen mussten. Auf den Rabatt für das Risiko lassen sich Syrer selten ein. Sie haben in der Regel mehr Geld als die Afghanen und vor allem kennen sie das Meer.

Über 80 Prozent der Mittelmeerflüchtlinge betreten inzwischen in Griechenland europäischen Boden. In den ersten elf Monaten dieses Jahres waren es mehr als 700 000. Über die Hälfte von ihnen geht auf Lesbos an Land, die allermeisten an einem 15 Kilometer langen Küstenabschnitt im äußersten Norden der Insel. Vom türkischen Festland her sind es nur 9 Kilometer, und der Meereskanal ist relativ windgeschützt.

An Tagen mit gutem Wetter kommen hier bis zu 60 Boote an. Und auch jetzt, bei stürmischer See, sind es noch ein Dutzend. Fast jeden Tag fahren die Fischer von Skala Sykamia mit ihren Kuttern hinaus, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten oder die Boote abzuschleppen, wenn der Diesel alle ist oder der Motor nicht gegen die Wellen ankommt. Und immer wieder haben in den letzten Monaten die Wirte der Tavernen die Gestrandeten verköstigt, Dörfler ihnen trockene Kleider besorgt.

Aber jetzt, wo jeden Tag zwischen 500 und 3.000 Flüchtlinge – zu 60 Prozent Syrer, zu 30 Prozent Afghanen - ankommen, helfen vor allem hunderte Aktivisten aus ganz Europa, zumeist Angehörige unbekannter kleiner NGOs. Die Hilfsorganisation Lighthouse (Leuchtturm) wurde sogar erst hier in einer Taverne gegründet – von einem Engländer, einer Schottin, einem Spanier, einer Norwegerin und einem Dänen. Sie sind auf eigene Initiative kurz entschlossen in ihrem Urlaub nach Lesbos geflogen, um zu helfen, und haben sich erst in Skala Sykamia kennengelernt. Bei einem Bauern haben sie ein Stück Land gemietet, um Zelte für eine Erstversorgung für Kranke, Gebrechliche und Kinder aufzustellen.

Die kunterbunte Truppe internationaler Aktivisten ist bei den Einheimischen wohlgelitten. Einige nächtigen in einem der beiden kleinen Hotels, andere sind privat untergekommen. Wieder andere pendeln zwischen dem Dorf und Mytilini, der Hauptstadt der Insel.

Es ist wirklich erstaunlich, was hier ziviles Engagement leistet, ohne große Organisation im Hintergrund. Mit Feldstechern halten die Aktivisten an der Nordküste von Lesbos nach Booten Ausschau. Sie zeigen den Flüchtlingen, wo sie am besten anlanden können, helfen ihnen aus dem Wasser, versorgen sie mit Plastikfolien, Tee, Suppe und Sandwiches, trösten Kinder und bringen diejenigen unter ihnen, die nach all den Strapazen den Fußmarsch nicht mehr schaffen, im Auto nach Skala Sykamia und ins Transitlager eine halbe Wegstunde oberhalb des Dorfes.

Was für ein Empfang für alle jene, die hier stranden – ob sie nun dem Terror in Syrien entflohen sind, sich jahrelang unter schwierigen Bedingungen in der Türkei durchgeschlagen haben, vor den Taliban aus Afghanistan geflohen sind oder auch nur ein angst- und sorgenfreies Leben suchen. Auch Letzteres ist ein guter Grund zur Flucht. Weshalb soll „the pursuit of happiness“ (das Streben nach Glück), das in der us-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als gottgegebenes, unabänderliches Recht verbrieft ist, nicht für alle Menschen gelten?

Mit dem griechischen Staat kommen die Flüchtlinge, die in Lesbos landen, erst nach einer mehrstündigen Busfahrt in Kontakt, im Süden der Insel, wo sie sich registrieren lassen müssen. Nur wer behördlich erfasst ist, darf die Fähre nach Piräus betreten, wo die Balkanroute beginnt. Doch an der Nordküste von Lesbos ist der Staat völlig abwesend. Es gibt keine staatliche Hilfe und keine Seenotrettung. In den drei Tagen, die ich an der Nordküste verbracht habe, kamen einige tausend Flüchtlinge an und einige, wenige, ertranken. Doch ich habe nicht ein einziges Patrouillenboot der griechischen Küstenwache gesehen.

Gern hätte ich eine Erklärung dafür gehabt. In der Zentrale der Küstenwache von Lesbos, die sich in einem unscheinbaren Gebäude am Quai von Mytilini befindet, sagte man mir bloß, für ein Gespräch müsse ich eine Genehmigung in Athen einholen. Doch Athen ist weit weg. Immerhin verriet mir ein Mann der Hafenbehörde, streng vertraulich, in Lesbos seien nur drei der etwa 200 Patrouillenboote der nationalen Küstenwache stationiert. Mit drei Booten könne man doch nicht über 300 Kilometer Inselküste der Insel bewachen.

Na ja, denke ich, es würde ja reichen, wenn wenigstens eines der drei Boote permanent die 15 Kilometer Wasserstraße im Norden der Insel abfährt. Aber zu welchem Zweck? Die Küstenwache dürfte ja die Flüchtlinge nicht in die Türkei zurückbringen. Das wäre eine völkerrechtlich untersagte „Push-back“-Aktion. Zudem gibt es in der schmalen Straße zwischen Kleinasien und Lesbos kein internationales Gewässer, in das man die Flüchtlinge abdrängen könnte. Die Küstenwache müsste sie also zur griechischen Küste bringen, wohin sie ohnehin kommen. Dann gäbe es wenigstens weniger Tote.

Einfacher wäre es allerdings, eine reguläre Fähre für Flüchtlinge einzurichten, wie es der Bürgermeister von Lesbos vorgeschlagen hat. Statt 1000  Euro an die türkischen Schlepper würden sie dann – wie ich, als ich im türkischen Ayvalik die Fähre nach Mytilini bestieg – nur 15 Euro bezahlen.

Thomas Schmid ist Journalist.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.12.2015, Thomas Schmid