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Die Muskatnüsse meiner Großmutter

von Katharina Döbler

Als ich geboren wurde, war der Zweite Weltkrieg noch nicht sehr lange zu Ende. Die Erwachsenen sprachen ab und zu davon, aber nur in Andeutungen; und sie benutzten Wörter, die für mich keine Bedeutung hatten. Bomben, Tiefflieger, Luftschutzkeller, Torpedo, U-Boot. Mit der mir bekannten Wirklichkeit hatte das nicht das Geringste zu tun: nichts mit den schweren Vorhängen im Wohnzimmer, den Binsen in der Bodenvase, den Deckchen, dem Kreuz an der Wand. Nichts mit unserer Familie, mit ihren Regeln für alles, von den Mahlzeiten bis zum Schlafengehen.

Alles war in Ordnung und versuchte, immerzu und noch mehr in Ordnung zu sein. Es wurde ständig gesäubert und gebügelt, geflickt, geklebt, repariert.

Dass es zwischen dem dringenden Wunsch nach Haltbarkeit und Regelmäßigkeit und den Torpedos und Luftschutzkellern einen Zusammenhang gab, begriff ich erst Jahrzehnte später.

Für das Kind war „der Krieg“ eine märchenhaft böse Welt, in der sehr viel kaputtging. Krieg war offenbar unlogisch. Zum Beispiel „fielen“ im Krieg die Männer und blieben als efeuumrankte Bilder tot an der Wand zurück, für ewig in Uniform, für ewig jung, Großonkel mit Kindergesichtern. Das war einfach verrückt. In der Realität bekam man, wenn man fiel – vom Fahrrad zu Beispiel –, ein Pflaster aufgeklebt, schlimmstenfalls einen Gips, und dann war alles wieder in Ordnung.

Der Krieg war ein verkehrter Zustand, weit weg, lange her, hinter den sieben Bergen, in Geschichten, in Albträumen, im Fernsehen, in Vietnam.

Der Wunsch nach einer Idylle, der meine Kindheit bestimmt hat, trieb mich wie so viele andere meiner Generation in die Flucht. Die Anstrengung, durch ständige Reparaturmaßnahmen eine heile Welt aufrechtzuerhalten, ermüdete uns alle viel zu sehr, um sie dauerhaft zu ertragen. Außerdem war das familiäre Territorium nicht idyllisch.

Es war ein umfriedetes Gelände, wie man so schön sagt, mit Mauern aus stark fragmentierten Geschichten und sehr viel Schweigen.

Es gab nämlich die Gepflogenheit, Geschichten, die mit „dem Krieg“ zu tun hatten, unvollendet zu lassen. Das klang dann so: „Sie war verlobt, und dann kam der Krieg.“ Oder: „Er wollte Künstler werden. Sie haben ihn noch 45 eingezogen.“ Oder: „Der Opa war auf dem Schiff. Dann sind die Bomber gekommen. Es war ja Krieg.“

So ging das. Wir Kinder wussten, dass der Opa tot war. Und wir verstanden sofort, dass es keine Hochzeit gegeben hatte und keinen Künstler. Gesagt wurde es nicht.

Es gab noch andere Teile der Familiengeschichte, die auf solche Weise magisch und irreal waren. Die Bruchstücke, die man mir erzählte, klangen wie aus Abenteuerbüchern. In meiner Imagination wurden sie zu unklaren schwarz-weißen Bildern, ähnlich den gelblichen Fotografien, die ganz hinten im Schrank in einer Schachtel lagen. Darauf waren meine Verwandten in weißen Kleidern vor Bambushütten zu sehen, zusammen mit halbnackten Schwarzen.

„Der Opa zog mit seinem Pferd durch den Urwald und besuchte die Eingeborenen.“ „Eingeborene“, das war auch so ein Wort für etwas, das es nicht gab, aber viel bedeutete.

„Dann kamen die Soldaten und brachten uns weg. Der Krieg“, sagte meine Großmutter und machte die an solchen Stellen übliche Pause. Einen tiefen Atemzug lang sagte sie dann nichts und hörte auf zu flicken oder zu bügeln.

„Die Offiziere im Lager waren ganz scharf auf Muskatnüsse“, sagte sie dann plötzlich, „die konnten nicht genug davon kriegen. Wir haben ihnen immer welche gesammelt. Ich stellte mir meine zierliche Oma vor, mit ihrem Haarknoten und ihrer ewigen Schürze, wie sie sich unter Nussbäumen bückte, umringt von Männern mit Reitstiefeln und Peitschen, alles in Schwarz-Weiß. Dieses Bild ist in meinem Gedächtnis so lebendig, als hätte ich ein Foto davon gesehen.

Es gibt kein solches Foto.

Welche Wirklichkeit verbirgt sich aber hinter diesen Sätzen? Was für Offiziere waren das? Für wen und gegen wen haben sie gekämpft? Was für ein Lager war das? Wer war außer ihr noch dort? Und wo wachsen überhaupt Muskatnüsse?

Irgendwann, sehr spät, lange nach dem Tod meiner Großeltern und meines Vaters, habe ich angefangen, hinter den Geschichten, die in der Familie erzählt oder auch nur angedeutet wurden, die Fakten zu suchen, hinter ihren halben Sätzen und Pausen.

Es ist ernüchternd und aufregend zugleich, die eigene Familienwirklichkeit, die Bodenvasen und Torpedos sozusagen, als Teil der Weltgeschichte zu begreifen: Als Teil des deutschen Kolonialismus; der Extremismen der 1920er Jahre; der Weltkriege; der großen individualisierten Völkerwanderungen, die man Migration nennt.

Mein Vater ist in einem sehr kleinen Dorf namens Heldsbach geboren. Heldsbach bei Finschhafen. Ich wusste lange Zeit nicht, dass Heldsbach in Neuguinea liegt und mein Vater eigentlich gebürtiger Australier war. Was könnte deutscher klingen als Heldsbach? Der Vater meines Vaters war eines von 15 Kindern eines Einödbauern. Die Mutter eine für den Maßstab ihres Dorfes allzu ehrgeizige Bauerntochter, deren Traum es war, Medizin zu studieren.

Der andere Großvater war Schustergeselle und wollte, nach einer hungrigen Kindheit als Halbwaise, mehr vom Leben als in einer Schuhfabrik für einen Hungerlohn schuften. Seine Frau, meine Großmutter und Erzählerin vieler rätselhafter Geschichten, ging als Hausmädchen „nach Amerika“, um die Familie zu unterstützen.

Sie alle waren Auswanderer: Leute, die zu Hause für sich keine Zukunft sahen, Wirtschaftsflüchtlinge nach heutigen Maßstäben. In den rund 25 Jahren vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs konnten Leute wie sie der bedrückenden ökonomischen Situation, der Enge und den miesen Aufstiegschancen zu Hause entkommen, indem sie nach Afrika, China oder in die Südsee auswichen – in die Kolonien. Das hatte den Vorteil, dass sie auswandern und trotzdem deutsche Staatsbürger bleiben konnten.

Bekanntlich gingen all diese Gebiete, von Deutsch-Südwest, das heute Namibia heißt, bis Kaiser-Wilhelms-Land in der deutschen Südsee, mit dem Ersten Weltkrieg verloren. Meine Großeltern aber fühlten sich im australischen Mandatsgebiet Papua-Neuguinea und in Niederländisch-Indien immer noch als Deutsche. Deshalb wurden meine beiden Eltern, als sie Schulkinder waren, in ein deutsches „Vaterland“ verpflanzt, das ihnen völlig fremd war.

Meine Mutter konnte nicht einmal die Sprache richtig, als sie den Hitlergruß lernte. Mein Vater kam nicht in ein australisches Internat, wie es geografisch naheliegend und vernünftig gewesen wäre, sondern wurde nach Ansbach geschickt, das sich dort befindet, wo man es dem Namen nach auch vermutet: mitten in Deutschland. Er wurde Hitlerjunge und später Marinesoldat auf den Meeren, die ihn von seinen Eltern trennten. Er sagte manchmal, er hätte besser Australier werden sollen. Seine Begeisterung für Sport, Kameradschaft und deutsches Auserwähltsein verschwand mit der Pogromnacht von 1938. So hat er es erzählt.

Zur selben Zeit beantragte seine Mutter in Heldsbach in der Südsee die Aufnahme in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Ihre Kinder haben nie davon erfahren. Ich weiß es aus den Akten des Bundesarchivs. Ihre in alten Briefen oft geäußerte Wut über den Verlust „unserer Kolonien“ hatte mich misstrauisch gemacht. Über den Krieg und die Nazis hat sie nie gesprochen. Wenn sie wütend war, fluchte sie in einer melanesischen Sprache. Wer weiß, was sie darin alles gesagt hat. Ihr Lieblingssohn „fiel“ mit 18. Es sei ein Trost, dass es für Deutschland gewesen sei, schrieb sie in einem ihrer Briefe.

Meine andere Großmutter, die Geschichtenerzählerin, verabscheute die Nazis, weil sie sich an den Juden vergriffen. Im Urwald von Neuguinea gab es zwar keine Juden, aber Nazis, nicht zu wenige. Ihr eigener moralischer Kompass funktionierte offenbar auch in einer kolonialen Umgebung, in der jeder das Bewusstsein, einer Herrenrasse anzugehören, für selbstverständlich hielt.

Die Offiziere, für die sie Muskatnüsse gesammelt hat, waren Angehörige der holländischen Kolonialarmee. Das Lager war ein Internierungscamp für deutsche Frauen und Kinder auf Sumatra. Sie alle sollten 1941 über die Sowjetunion nach Deutschland abgeschoben werden. Der Transport wurde durch den Überfall auf die Sowjetunion verhindert. Sie kam nur bis ins japanisch besetzte China. Ihr Mann kam auf See um.

Die Überlebenden der Familie kehrten irgendwann wieder zurück „nach Hause“. Und taten von da an so, als sei die Weltgeschichte etwas, das nur außerhalb der Familie stattfand.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.11.2015, Katharina Döbler