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Brief aus Soweto

Brief aus Soweto

von Naniso Tswai

Letztes Wochenende gab es wieder eine Beerdigung – diesmal von einer entfernten Cousine. Meine Mutter sagt, das sei jetzt die vierte Bestattung allein in diesem Jahr, zu der sie gehe. Ich habe eine Weile außerhalb Südafrikas gelebt und hatte vergessen, in welchem Ausmaß diese Beerdigungen gesellschaftliche Ereignisse sind. Diese allzu häufigen Zusammenkünfte entfernter Verwandter und Freunde gehören inzwischen zu den regelmäßigen Wochenendereignissen. Erwachsene und Kinder werfen sich in ihre Sonntagskleider, und jeder zeigt sich von seiner besten Seite. Am Anfang hängt eine dunkle Wolke über dem Geschehen, aber dann hellt sich die Stimmung allmählich auf, und es wird gesungen und gegessen. Darin waren wir Südafrikaner immer besonders gut: selbst den tragischsten Umständen noch Schönheit und Leben abzugewinnen. Es war unsere Fähigkeit, Widerstand und Versöhnung in Kunst zu übersetzen, die unsere jüngste Geschichte für eine Weile so unwiderstehlich gemacht hat.

Niemand erwähnte ausdrücklich, woran oder wie meine Cousine gestorben war. Es hieß nur, sie sei krank gewesen und schließlich entschlafen. Mittlerweile weiß ich, immer wenn man sich in Südafrika über die Todesursache ausschweigt, ist der Betreffende an Aids gestorben. Es gehört zur traurigen Realität dieser Krankheit, dass sie so oft totgeschwiegen wird – Unwissenheit und Scham erweisen sich als nicht weniger ansteckend als das Virus selbst. Aber wenn man einen Präsidenten hat, der glaubt, man könne mit einer gründlichen Dusche nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr Aids abwehren, dann ist es kein Wunder, wenn die Bevölkerung in seine Fußstapfen tritt.

Da die Beerdigung im ländlichen Randgebiet von Rustenberg stattfinden sollte, brachen wir schon im Morgengrauen auf, erst mit dem Sammeltaxi und dann zu Fuß. So viele Dinge sich in den letzten 20 Jahren ­geändert haben mögen – ­Verkehrsmittel und -wege gehören bestimmt nicht dazu. Wer sich je gefragt hat, wie der Tod auf vier Rädern aussieht, braucht bloß in ein südafrikanisches Taxi zu steigen, ein Combi, wie wir es nennen. Diese Blechvehikel sind das Transportmittel der schwarzen Bevölkerung: zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten, nach Hause. Sie jagen kreuz und quer über das Land und sind für über ein Drittel der Verkehrstoten alljährlich verantwortlich.

Wir waren alle ganz in Schwarz gekleidet und sangen traurige Lieder, während wir von der Kirche zum Friedhof schritten. Am Grab lauschten wir unter der gleißenden Mittagssonne aufmerksam den finalen Bibelversen, die der Pfarrer verlas. Ein Erdhaufen und vier Männer mit Spitzhacken und Schaufeln warteten geduldig nur wenige Meter entfernt. Dieses Erdloch würde das erste von vielen Löcher sein, die sie an diesem Tag graben und zuschütten sollten. Der Tod hat sich in Südafrika als bedeutende Industrie erwiesen und ist für viele Menschen zu einer verlässlichen Erwerbsquelle geworden.

Später wurde ein Hut herumgereicht, um Spendenbeiträge für die Bestattungskosten zu sammeln. Am teuersten ist immer der Grabstein, der irgendwann die an diesem Tag benutzte provisorische Tafel ersetzen soll. Mit Beerdigungen lässt sich, wie gesagt, eine Menge Geld verdienen.

Kürzlich las ich, dass die Arbeitslosigkeit in Südafrika in diesem Jahr den Rekordstand von 26 Prozent erreicht hat. Der Armut ist genauso schwer beizukommen wie einst. Das ist der Pferdefuß aller Revolutionen, in der Praxis sind sie selten so glorreich und strahlend wie in der Theorie. Als unsere erste Euphorie über die Abschaffung der Apartheid verflogen war und es darum ging, eine Nation ­zusammenzuzimmern und die Gesellschaft zu reparieren, erwiesen sich die wirtschaftlichen und sozialen Hindernisse als mehr denn widerspenstig.

Natürlich war allen schon immer klar, dass die nationale Einigung ein hartes Stück Arbeit sein würde; aber angesichts des von Mandela inspirierten Optimismus unterschätzten viele von uns die Schwierigkeiten, die vor uns lagen. Mit dem politisch-gesellschaftlichen Wandel kamen die durch die Verfassung garantierten Freiheiten, und es entstand eine superreiche schwarze Bourgeoisie, ja sogar eine Mittelschicht – aber zu den Massen ist der Wohlstand nie durchgesickert. Die Armen sind so arm wie eh und je, manche sogar ärmer.

Es ist offensichtlich, dass dieses Land mit sich selbst überhaupt nicht im Reinen ist. Es ist ein Land, in dem immer etwas in der Luft liegt, irgendetwas zwischen Hoffnungslosigkeit und nagender Unzufriedenheit, ein explosives Gemisch, das sich jeden Augenblick entzünden kann. Die leise Wut ob der uneingelösten Verheißungen Regenbogennation ist zur Fremdenfeindlichkeit gegoren und, wie man Anfang dieses Jahres sehen konnte, sind die armen schwarzen Einwanderer das naheliegende und verwundbare Ziel dieses Affekts.

Als der Sarg schließlich von Erde bedeckt war, machten wir uns feierlich auf den Weg zum Haus der Familie der Verstorbenen. Kaum waren wir dort angekommen, änderte sich die Stimmung. Die Frauen machten sich mit der Zubereitung traditioneller ­Speisen zu schaffen und kümmerten sich nebenbei um die Kinder, während die Männer sich in ihre Ecken zurückzogen und schon einmal anfingen zu trinken. Trotz all der erreichten Fortschritte und trotz seiner egalitären Verfassung bleibt Südafrika eine zutiefst patriarchale Gesellschaft. Auch in dieser Hinsicht ist die Menschlichkeit, die die Befreiungsbewegung wortreich predigte, nicht in den Familien und Gemeinschaften angekommen. Das ist die große Enttäuschung, der eigentliche innere Grund meiner Traurigkeit: dass sich trotz aller Verheißungen und trotz des enormen Potenzials unseres Landes so wenig wirklich geändert hat.

Nachdem wir ausgiebig gegessen und palavert hatten, traten wir den langen Heimweg nach Soweto an. Auf dem Rückweg fiel mir auf, dass ich trotz all des Geredes über Rassengleichheit den ganzen Tag über keinen einzigen weißen Menschen zu Gesicht bekommen hatte. Unser Weg aus dem Township in die Homelands berührte an keinem Punkt die Welt der reichen, überwiegend weißen Minderheit. Anstatt von einer postrassistischen Gesellschaft zu reden, sollte man den gegenwärtigen Zustand besser als Détente bezeichnen, denn die komplexen Dynamiken der Vergangenheit sind überhaupt nicht bearbeitet, schon gar nicht überwunden, und bestimmen noch immer die Gegenwart.

So ist die Frage der Hautfarbe angesichts der bitteren ökonomischen Realitäten zweitrangig. Am nächsten Morgen würde sich meine Mutter wieder auf den Weg in jene eingefriedeten Wohnsiedlungen machen, wo sie seit je als Haushälterin und Putzfrau den Bedürfnissen der Reichen dient; mit dem einzigen Unterschied, dass sie einst für eine reiche weiße Familie arbeitete und es nun für eine nicht weniger reiche schwarze tut. Zu Zeiten der Apartheid war die Hautfarbe das offensichtlichste Merkmal des Regimes, und auch damals gab es Tage, an denen ich keine Weißen zu Gesicht bekam.

Die Reichen verbarrikadieren sich in ihren geschützten Enklaven, und wenn sie sie verlassen, tun sie das in ihrem privaten Auto, um auf direktem Weg ins nächste Einkaufszentrum zu fahren. Diese mit Marmor gefliesten Supermalls sind Welten des reinen Luxus. Sie bieten alles, was man zum Leben braucht, und sehr viel mehr; derweil die Armen in den von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut gezeichneten Townships mit der blanken Not kämpfen.

Südafrika ist ein Gebilde, das sich in seiner ureigenen Geschwindigkeit bewegt, sich windet und wendet. Für die, die hier leben, ist Zeit eine flüch­tige Anomalie. 20 Jahre sind in einem Augenblick vergangen und doch unend­lich langsam verstrichen. Land und Leute existieren in einem zeit­lichen Niemandsland, in dem Hoffnungen, Befürchtungen und Wirklichkeit fortwährend miteinander kollidieren. Die Vergangenheit steckt voll verwirrender Nostalgie, die meisten Hoffnungen für die Zukunft haben sich als ­Illusionen erwiesen; die Menschen sind in der engen Gegenwart gefangen. Die gesammelten Befürchtungen zur Zeit der Revolution haben eine Gegenwart voller dorniger Widersprüche freigesetzt. Das Ergebnis ist ein Land, das zunehmend auseinanderdriftet, und ein Volk, das in der Nach-Mandela-Welt um Identität und Orientierung ringt. Auf unserem Weg nach Hause erzählt mir meine Mutter, dass kommendes Wochenende die nächste Beerdigung ansteht.

Aus dem Englischen von Robin Cackett

Naniso Tswai ist Politologe und Autor.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.10.2015, Naniso Tswai