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Die Nacht vor Europa

Eine Gruppe Syrer auf ihrer letzten Wegstrecke nach Ungarn

von Franziska Tschinderle

Um 21.48 Uhr stolpert George unerwartet. In der Dunkelheit tastet er nach dem Hindernis, das ihn zu Fall gebracht hat. Es ist ein Markierungsstein mit der Aufschrift E502. Entlang der serbischen Grenze gibt es viele davon, aber für George ist er heute so viel wert wie ein in den Boden gelassener Barren Gold. Fünf Länder und die Ägäis hat er für diesen Betonklotz durchquert. Er hat vor überfüllten Auffanglagern geschlafen und stundenlang in Maisfeldern ausgeharrt. Jetzt, wo er fast angekommen ist, könnte man meinen, dass er in Jubel ausbricht. Aber George hält den Atem an und starrt ausdruckslos auf eine dunkle Wiese vor sich, die Europa sein soll. Wenn das Ziel zum Greifen nah ist, hat man die größte Angst, es könnte einem noch entgleiten.

Noch wenige Stunden zuvor war seine gute Laune ansteckend gewesen. Dass George Optimist ist, merkt man schon daran, wie er sich bewegt. Die Hände in die Rucksackriemen gedrückt, die Brust aufrecht und der Blick sehnsüchtig nach vorn gerichtet. Er hat sich einer Gruppe von syrischen Männern und Frauen angeschlossen, die heute Nacht den letzten großen Schritt wagen werden: „Hungary!“, rufen sie und deuten nach Norden.

Da ist Mohmad, der Anführer der Gruppe, der sich vor einem Monat von den drei Kindern und der Frau in Syrien verabschiedet hat. Da sind die drei Brüder Ahmad, Abdo und Maher aus Masaken Hanano, am Stadtrand von Aleppo. Da ist Munir, die mit dem vierjährigen Sohn Jazan und ihrem Mann Menan irgendwo auf den griechischen Inseln in einem Motorboot angekommen sind. Da ist Halid, der seit einem Bombenanschlag in Damaskus drei Löcher im Bein hat. Und da ist George, dessen Familie von Anhängern des Islamischen Staats getötet wurde. Immer wieder spielt der Zwanzigjährige diese Szene durch, reibt dabei seine Zeigefinger aneinander, was so viel wie Freundschaft bedeutet und sagt: „USA und Assad“. Dann lässt er mit seinen Fäusten Bomben regnen. Seine Hände streichen einen unsichtbaren Bart, imitieren dann ruckartig einen Schnitt durch die Kehle und zeichnen die Zahl Sieben in den staubigen Boden: die Eltern und fünf Geschwister. Es gibt nichts mehr, das George in Syrien hält. Deshalb will er seit einem Monat nur noch eines: weiter, immer weiter.

Quirlig marschiert er über eine dicht befahrene Landstraße am nördlichsten Ende Serbiens. Die Sonne brennt, Lkws brettern vorbei, und George singt ein arabisches Lied, dessen Text er frei erfunden hat: „Inschallah Namsa – mit Gottes Willen nach Österreich“. Gelegentlich fischt er eine Winston aus der zur Neige gehenden Packung und wiederholt die Namen der Länder, die er in den letzten Wochen hinter sich gelassen hat: Syrien, Türkei, Griechenland, Kosovo, Mazedonien. Syrien, Türkei, Griechenland, Kosovo, Mazedonien. Und in wenigen Stunden endlich Serbien. Sein Singsang klingt wie ein Gebet.

Die Bewohner der Verwaltungsbezirke Severni Benat und Severna Bačka haben sich an die Menschentrauben am Straßenrand gewöhnt. Erkennen sich manche von ihnen gar darin wieder? Im Spätsommer 1995 suchten Hunderttausende im kroatischen und bosnischen Bürgerkrieg vertriebene Serben nach einer neuen Heimat. Sie haben sich über das ganze Land verteilt und sich auch in der Vojvodina, der nördlichsten Provinz Serbiens an der ungarischen Grenze, niedergelassen. Namen wie Kanjiža, Novi Kneževac, Kelebija oder Horgos stehen auf zweisprachigen Ortstafeln. Nirgendwo sonst in der Republik wächst so viel Mais, Weizen und Sonnenblumen. Nirgendwo sonst in Europa haben die Flüchtlingsströme derart rasant zugenommen wie hier im Niemandsland zwischen Gräsern und Feldern.

George ist einer von 1633 Menschen, die heute Nacht über die ungarisch-serbische Grenze flüchten werden, darunter 372 Kinder. Am 27. August registriert die ungarische Grenzpolizei erstmals mehr als 3000 Flüchtlinge am Tag. Das bedeutet, dass an einem Tag im August 2015 mehr Menschen nach Ungarn flüchten als im gesamten Jahr 2010. Laut Amnesty International hat sich die Zahl der Grenzübertritte innerhalb von fünf Jahren von 2370 auf 60 602 erhöht.

Die Bilder wurden immer dramatischer: Feuergefechte und Tränengas an der Grenze zu Mazedonien, überfüllte Züge in Belgrad und Budapest, der Lkw mit 71 Toten auf der Ostautobahn vor Wien, Scharen von Menschen, die sich unter Zäunen durchschlängeln. Die Nationalstaaten rollen wieder Nato-Draht aus und verstoßen damit gegen die Gründungsidee der Europäischen Union.

Wer über die grüne Grenze nach Ungarn flüchten will, steht schon bald vor zwei Hindernissen. Das erste, drei Rollen Nato-Draht übereinander, macht seit Ende August die 175 Kilometer lange EU-Außengrenze zwischen Ungarn und Serbien dicht. Dahinter soll in den nächsten Monaten ein vier Meter hoher Zaun entstehen. Im Gegensatz zu normalen Stacheldraht ist der Draht, der an Nato-Grenzen verwendet wird, wesentlich schwerer zu überwinden. Seine Schneiden sind scharf wie Rasiermesser. Mitte August verzeichnet das technische System der ungarischen Grenzpolizei noch etwa fünf Kilometer grüne Grenze. Auf der Höhe des Markierungssteins E502 warten bereits drei gebündelte Drahtrollen darauf, befestigt zu werden.

George weiß nichts von dem Zaun, als wir ihn am 18. August um 15 Uhr das erste Mal vor den Toren eines serbischen Flüchtlingslagers treffen. Er trägt eine rote Adidas-Jacke, knielange Shorts, Sandalen und einen kleinen Rucksack mit ausgefransten Trägern. „Dein Name klingt so britisch, du heißt doch nicht wirklich so oder?“, fragen wir. George grinst. Die nächsten Stunden auf dem Weg bis zur Grenze werden wir einander damit aufziehen. „George!“, rufen wir, um zu testen, ob er reagiert. Und der Junge mit den dunklen Augen, der in diesen schweren Zeiten ein Mann sein muss, wird jedes Mal die Hand heben. Vielleicht heißt er auch Abdullah oder Yunis. Aber in den nächsten sechs Stunden, die seinem Leben eine neue Richtung geben sollen, will er ­George genannt werden. Fast so, als würde er mit dem Eintritt in die EU auch seine alte Identität zurücklassen.

Über Maisfelder und Petersilienäcker

Das Lager Kanjiža ist das einzige offizielle Camp an der Grenze. Es gibt Duschen, Zelte, Toiletten, Wifi und dreimal am Tag ein Sandwich mit Gemüse oder Huhn. George und seine Gruppe hatten Glück, dass sie hier und nicht vierzig Kilometer weiter westlich gelandet sind.

Dort steht eine aufgelassene Backsteinfabrik und versinkt im Müll. Dorthin lassen sich jeden Tag bis zu 300 Flüchtlinge vom Bahnhof der Stadt Subotica bringen. Sie gehören inzwischen zu den lukrativsten Kunden der Taxifahrer, die im Bahnhofscafé Pic sitzen und aufspringen, wenn dreimal am Tag der Zug aus Belgrad ankommt. Einer davon ist Dejan. 90 Prozent der Flüchtlinge, die in sein Taxi steigen, wollen nach Cigla, was auf Serbisch so viel wie Ziegelstein bedeutet. „Wir sind doch nur ein Durchgangsland“, sagt Dejan, während er einer fünfköpfigen Familie die Wagentür aufhält. Dann fährt er los, wieder Richtung Backsteinfabrik, zu einem der tristesten und düstersten Orte Nordserbiens.

George, Mohmad, Halid und die anderen saßen nie in einem solchen Taxi. Sie kamen mit dem Bus nach Kanjiža, eine 9000-Einwohner-Stadt 200 Kilometer nördlich von Belgrad. Cigla sagt ihnen nichts, und das ist wahrscheinlich gut so. Die Flüchtlinge schlafen dort, aus Angst, überfallen und ausgeraubt zu werden, weit hinter dem Gemäuer im Gebüsch. Wo die serbische Polizei im Winter Zelte niedergebrannt hat, sind nur noch verkohlte Plastikklumpen übrig. Wer hier lebt, ist darauf angewiesen, dass gutmütige Nachbarn Wasserflaschen und Campingzelte vorbeibringen. Keiner scheint sich für diesen Ort zuständig zu fühlen, und deswegen riecht es nach Anarchie, Angst und Ungewissheit.

Noch immer müssen die Bewohner von einer provisorischen Dusche eines Nachbarn auf der anderen Straßenseite Wasser holen. Was sagt das über Serbiens Asylpolitik aus? Dass sie machtlos ist. Und die Flüchtenden sind zu flüchtig. Zwischen 24 und 48 Stunden verweilen die Durchreisenden laut Angaben des Roten Kreuzes in der Region. Es ist wie bei einem Marathon: Vor den letzten Kilometern drückt jemand den Läufern noch hastig eine Wasserflasche in die Hand.

Irgendwann machen sich auch George und die anderen auf den Weg. Wir schließen uns ihnen an und folgen im Gänsemarsch einer Schnellstraße. Kein einziges Auto bleibt stehen, nicht einmal, als sich der Himmel bedrohlich zu verdunkeln beginnt. Von Weitem sehen wir die erste Polizeistreife. Mohmad zögert kurz. Aber die beiden Beamten winken sie von der Straße, deuten auf einen Umweg durch die Felder und nicken aufmunternd, als ob sie sagen würden: „Gute illegale Reise“. Mohmad trägt ein gelbes Shirt und geht immer als Erster, die Augen unentwegt auf sein Smartphone mit GPS gerichtet. Seit der Streife wählt er bewusst Umwege durch die Felder. Um 16.36 Uhr folgen wir dem Fluss Tisza. Nach einer Stunde haben wir das Dorf Martonos hinter uns gelassen und biegen nach der Ortschaft Horgos in einen Nationalpark ein.

Als es dunkel wird, beginnt Georges Laune zu kippen. Mohmad sitzt neben ihm und versucht es mit aufmunternden Worten: „Früher in Aleppo war ich Boxer. Ich habe sogar bei Turnieren mitgemacht.“ George sieht nicht überzeugt aus. Mohmad ist kleiner als er, hat schütteres Haar und freundliche Augen. Wir machen an einem Feldweg Rast und warten auf die Dunkelheit, die uns in einer Stunde völlig verschlucken wird. Die Kleinsten sind auf den Schultern der Eltern eingeschlafen. Die letzten Vorräte werden herumgereicht: Milch, Wasser und Chips vom Supermarkt in Kanjiža, mehlige Maiskolben von den Feldern, die wir durchquert haben. Als Georges letzte Winston verglüht, stellen sich alle in einer Reihe auf. Das erste Mal wird durchgezählt. Fünfundzwanzig Silhouetten stehen da und wünschen sich, die nächsten zwei Stunden unsichtbar zu sein. „How many meters?“, flüstert George in die Dunkelheit hinein. Er wird von einem heranrollenden Motor unterbrochen. Panik bricht aus. Offenbar war die Abkürzung über die Landstraße eine schlechte Idee. Wir flüchten in das Maisfeld zu unserer Linken. George hält den Mund leicht geöffnet, um möglichst leise zu atmen. Erst als das Auto vorbeirollt und verschwindet, lässt er den Handybildschirm wieder aufleuchten: „Oh my God, 900 meters“, bricht es erleichtert aus ihm heraus.

Das Auto war ein Glücksfall. Wir sind in einem Maisfeld gelandet, das sich fast bis zur Grenze erstreckt. Alle paar Meter bleiben wir stehen, um das Geraschel abklingen zu lassen: 13 Schritte, stopp. 7 Schritte, stopp. 26 Schritte, stopp. Über eine Stunde geht das so. Mitten im Feld ist es so stockdunkel, dass sich alle an den Händen fassen müssen. Als der Fünfundzwanzigste ins Freie stolpert, zeigt das GPS von Mohmad nur noch zweihundert Meter an. Auf das Maisfeld folgt ein Petersilienacker, dann ein Kürbisfeld. Wir kauern uns zusammen. Es ist die letzte helle und somit riskante Fläche vor der Grenze. Vor uns leuchten bereits die Lichter von Röszke auf, der ersten größeren Ortschaft in Ungarn. Wir marschieren los – und plötzlich stolpert George. Es ist 21.48 Uhr, wir sind fast am Ziel. Eine der zwei Frauen, Munir, beginnt leise zu beten. Ihr Sohn ist eingeschlafen. Trotz der Anspannung drückt man sich gegenseitig die Hände, wirft sich aufmunternde Blicke zu oder nickt stumm.

Einer nach dem anderen steht auf und rutscht eine erdige Böschung hinunter, bis die Schuhe im Matsch eines Flussbetts versinken. Es trennt Ungarn von Serbien. An den Hängen ist das Schilf von den vielen Füßen der letzten Tage plattgedrückt. George erreicht Europa mit nassen Sandalen und zerkratzten Beinen. Das Erste, was man von ihm will, sind 300 Euro. In der Nähe einer Tankstelle verhandeln die Schlepper mit ihren in Scharen eintreffenden Kunden über die Fahrt nach Budapest. Mohmad, Ahmad, Abdo und Maher steigen ein. George hat das Geld nicht und verschwindet wieder im Feld. Er wird mit dem Rest der Gruppe kurz darauf von der ungarischen Grenzpolizei aufgehalten werden.

Zwei Tage später hält ein Militärlaster auf Höhe des Markierungssteins E502. Soldaten in Tarnuniform packen die Drahtrollen aus. Am 20. August wird gearbeitet, obwohl ungarischer Nationalfeiertag ist. Am nächsten Tag steht hier ein Zaun.

Franziska Tschinderle ist Journalistin.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.09.2015, Franziska Tschinderle