Artikel

Artikel drucken zurück

Brief aus Graz

Brief aus Graz

von Norbert Mappes-Niediek

Graz ist eine wunderschöne, interessante, mit seinen vielen Studenten auch sehr junge Stadt und obendrein die zweitgrößte des Landes. Trotzdem schafft sie es selten in die Nachrichten, nicht einmal in die österreichischen. Das mag daran liegen, dass der Titel des Zweitgrößten in einem Land, das abseits von Wien eher dörflich bis kleinstädtisch geprägt ist, nicht viel hermacht. Läge Wien in Deutschland, würde es noch vor Hamburg auf Platz 2 rangieren, Graz dagegen auf Platz 23, zwischen Mannheim und Augsburg.

Als Graz neulich weltweit durch die Nachrichten ging, hätte man gern darauf verzichtet. Ein Wahnsinniger raste mit einem Geländewagen durch die Fußgängerzone, zermalmte Gasthausgärten, nahm Passanten aufs Korn, von denen drei getötet und dutzende verletzt wurden, zudem Hunderte Augenzeugen traumatisiert zurückblieben. Der 26-jhrige Mann kam aus einer abgeschottet lebenden Familie in einer der langweiligen Einfamilienhaussiedlungen im Umland. Wie so viele in der Region war er in Bosnien geboren und als Kleinkind im Krieg ins nahe Graz gekommen. So ein Lebenslauf hat hier nichts Exotisches. In vielen Geschäften wird Bosnisch, Kroatisch, Serbisch gesprochen, und auch auf der Straße ist sie oft zu hören, diese Sprache, die seit der Auflösung Jugoslawiens drei Namen hat. Zagreb liegt näher als Wien.

Dass die Ungnade der bosnischen Geburt bei diesem Kind des Grazer Grüngürtels alsbald zum Thema werden würde, war fast unvermeidlich. Nur Stunden nach der Amokfahrt postete „HC“ Strache, der Vorsitzende der rechten „Freiheitlichen“, auf Facebook freihändig und ohne den geringsten Anhaltspunkt: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen!“ Hassposter trugen sich ins Kondolenzbuch der Stadt ein, Leute, die auch sonst hinter jedem Wohnungseinbruch den Propheten Mohammed vermuten. Traurig, aber leider schon normal: Auch hier im schönen Graz wählt jeder Fünfte die Partei, die sich ausschließlich vom Ressentiment gegen „Ausländer“ nährt.

Bis hierhin wäre der Film in Deutschland nicht viel anders abgelaufen. Dann wurde es balkanisch.

Die Honoratioren des Stadtrats veranstalteten einen Trauermarsch mit Kundgebung. Der Reihe nach traten sie aufs Podium und beschworen das „friedliche Zusammenleben“. Neben dem Bischof und dem evangelischen Superintendenten wurde sogar ein echter Imam präsentiert – eine Premiere. Graz spielte Charlie Hebdo. Aus dem Irren von Kalsdorf wurde, ohne dass es einer aussprach, irgendwie ganz flugs ein islamistischer Provokateur, auf den die Menschen guten Willens nun aber bitte nicht hereinfallen sollten.

Graz ist tatsächlich nicht besonders fremdenfeindlich. Es brennen keine Flüchtlingsheime. No-go-Areas gibt es nicht, nicht einmal Skinheads. Zwar berichten Frauen mit Kopftuch glaubhaft, sie würden immer wieder angepöbelt. Ich selbst habe das, als häufiger Straßenbahnfahrer, aber noch nie beobachtet. Ab und zu mal kriegt man mit, dass ältere Leute leise vor sich hin schimpfen, wenn eine Familie vom Balkan oder aus Afrika einsteigt. Und alle Grazer, die wir persönlich kennen, sind entschieden antifremdenfeindlich.

Das Thema polarisiert – einerseits. Die einen wollen, dass die Ausländer sich nicht so breitmachen und stattdessen lieber hinten anstellen sollen, und die anderen meinen, wir sollten alle netter zu ihnen sein und sie besser behandeln. Und alle wissen genau, dass die die sind und wir wir.

In der Zeitung wird nie gehetzt. Aber es passiert kein Fahrradunfall und kein Ladendiebstahl, ohne dass die Zeitung die Nationalität des Delinquenten verzeichnen würde. Neulich erschien eine hübsche Reportage über die „letzten Fleischer“ in Graz. Alle acht wurden ausführlich und im Bild vorgestellt. Im Text erfuhr man dann, dass es außer den acht auch noch zwei türkische gibt – theoretisch zwar ebenfalls Fleischer, im Hauptberuf aber eben Türken. Niemandem fällt da etwas auf. Als die Gewerbeaufsicht sich einmal Lebensmittelgeschäfte vornahm, die ihre Läden sonntags gesetzwidrig offen hielten, protestierten die Grünen. Das seien schließlich Türken, die aus der Türkei keine Sonntagsruhe kennten und als Minderheit ohnehin schon viel Unbill zu erleiden hätten. Im Hinterkopf haben alle eine große Rechnung mit Aktiva und Passiva für jede „Volksgruppe“. Wobei die Grünen auch noch falsch kalkulieren, weil auch in der Türkei - seit Atatürk - am Sonntag die Geschäfte ruhen.

Wer Graz besucht (was erstaunlich wenige Deutsche tun), denkt gleich an Italien. In der traumhaften Altstadt mit dem Berg beeindrucken prachtvolle Renaissance-Gebäude, Paläste von steirischen Adelsfamilien, oft mit barockisierten Fassaden und das Werk italienischer Baumeister. Im 15. Jahrhundert residierte in diesem entlegenen Teil des Reiches Kaiser Friedrich III., der reichlich Zeit hatte, architektonische Spuren zu hinterlassen. Sogar eine päpstliche Nuntiatur gab es hier.

Die Form des Zusammenlebens aber lässt mehr an den Balkan denken als an Italien. Ich weiß, das klingt wie eine Invektive, ist aber keine. Der Balkan ist besser als sein Ruf. Hier sind Städte keine melting pots, sondern ethnische Mosaike. Fest umrissene Gemeinschaften leben nebeneinander her. Man achtet einander, vergisst aber nie, wer wo dazugehört und wer nicht. In Graz sind, was das Zusammenleben betrifft, die Alteingesessenen meistens balkanischer als die Zuwanderer aus dem Südosten. Nirgends sonst hält sich die vielvölkerstaatliche Tradition, eine Gesellschaft zu organisieren, so hartnäckig wie ausgerechnet im dereinst betont „deutsch-nationalen“ Graz. Wien ist zu groß, zu international, und auf dem Dorf gibt es nicht genug „Ausländer“. So werden die, die hier leben, rückstandslos integriert, viel gründlicher als irgendwo in Deutschland. Jodelnde Japaner oder Afrikanerinnen im Dirndl findet niemand komisch.

In der Politik geht es nie um Projekte, Vorhaben, Ideen, sondern nur um Identität. Die Parteien verkehren miteinander wie Stämme. Die Sozialdemokraten, das sind die Betriebsräte und ihre Familien, also ziemlich wenige, die Grünen sind die von der Uni. Die rechte FPÖ ist der Stamm der kleinen Leute mit urösterreichischer Identität. Man kann FPÖ wählen und den roten Kreisky toll finden; kein Problem. Der war ja Österreicher. Noch nie haben „die Freiheitlichen“ angedeutet, dass sie irgendetwas erreichen, tun, verändern wollen. Sie sagen immer nur: Schaut’s, mir san aa noch do! So ist es kein Wunder, dass die vielen intelligenten, agilen Leute, die Graz nicht nur seiner Hochschulen wegen anziehend finden, sich für Politik in Stadt und Land einen Dreck interessieren.

Politisch ist Graz mausetot. Alles, was sich hier bewegt, ist die Mur, ein reißender Gebirgsfluss, der mitten durch die Stadt tost und die Postkartenkulisse in Bewegung bringt. Was an Energie und Originalität anzutreffen ist, geht samt und sonders in Kunst und Kultur. Mit Opern- und Schauspielhaus, einer vielfältigen Musik- und freien Theaterszene kann Graz es mit mancher Millionenstadt aufnehmen. Toll ist das. Ich lebe gern hier. Zumal es beruhigend ist zu wissen, dass die große Musik woanders spielt.

Norbert Mappes-Niediek ist Korrespondent für Südosteuropa.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.08.2015, Norbert Mappes-Niediek