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Brief aus Berlin

Brief aus Berlin

von Katharina Döbler

Viel hat sich in den letzten Jahren hier geändert, aber ein wesentlicher Eindruck ist geblieben: Unsere merkwürdige Hauptstadt ist unfertig. Viel war in den letzten 25 Jahren die Rede davon, wie Berlin einmal werden sollte, werden könnte, zu werden hatte. Infrastruktur! Industrie! Wohlstand, endlich!

Vor fünf Jahren stand die Eröffnung des Flughafens kurz bevor. In dieser Stadt vermutet man ja die Zukunft immer gleich hinter der nächsten Ecke – und dann ist alles wieder vorbei, ohne dass es jemand mitbekommt. So wie der zukünftige Flughafen, aus dem wir schon herausgewachsen sind, bevor er überhaupt nur einmal funktioniert hat.

Vielleicht ist Berlin überhaupt zu schnell für seine provinziellen Zukunftsprojekte, so dass die Gegenwart hier nie so richtig zum Zuge kommt. Andauernd wird sie von einer rasant im Werden begriffenen Vergangenheit überholt. So ist es ja auch beim Humboldtforum, dem zweiten markanten Zukunftsprojekt, seit Jahrzehnten geplant und ebenso lange umstritten.

Man erinnere sich: Kaum war die DDR Vergangenheit, kämpfte eine Clique rühriger Bürger für die Wiederauferstehung einer noch viel vergangeneren Vergangenheit. Das Hohenzollernschloss, das die DDR-Oberen für ihre eigene Zukunftsvision hatte verschwinden lassen, sollte wieder her. Ideen, wie die durch die Beseitigung alter Utopien leer gewordene Stadtmitte sonst zu füllen sei, waren fast ausschließlich provisorischer Art und lieferten nichts, was als künftiges Monument der Gegenwart, als dereinst prächtige Ruine getaugt hätte.

In Wahrheit interessiert sich hier keiner für die Gegenwart. An einem Ort, wo Zukunft und Vergangenheit einander stets in innigem Streit umklammern wie ein verbissenes altes Paar, haben Hier und Jetzt keine Chance. Sie können nur hilflos mit ansehen, wie die beiden ein Monster nach dem anderen erzeugen – entrechtete Voyeure, die fürs Zuschauen auch noch bezahlen müssen.

Das Objekt, das nun entsteht, hat von der Vergangenheit die Größe und die hübsche Fassade, jedenfalls nach dem Westen hin; zur Zukunft gehört der hohle Kern und die Fassade, die nach Osten geht. Sie sieht aus wie ein nackter Hintern, auferstanden aus Ruinen, der sich dem Alexanderplatz entgegenstreckt, diesem gegenwärtigsten aller Berliner Plätze, der ewig unfertig bleiben wird, weil keine Baumaßnahme ihn jemals schöner werden lässt. Dieses windige Geviert, dessen markantestes Stück Architektur eine schinkenfarbene Mischung aus Hochbunker und Onkel Dagoberts Geldspeicher ist, war zu allen Zeiten ein Baustelle. Und ist heute eine kuriose Ansammlung Stein gewordener kommunistischer wie kapitalistischer Wunschvorstellungen, die zum Glück nie so richtig vollendet wurden.

Das Unfertige ist das Wesen dieser Stadt. Und man kann nur wünschen, dass das so bleibt, denn in mancherlei Hinsicht ist es nicht das Schlechteste, was uns hier passieren kann.

Wir, die sogenannten Berliner, sind eine Agglomeration von Minderheiten. Seit Jahrzehnten – und auch schon in den 1920er Jahren – sind Menschen auf der Suche nach ästhetisch, sexuell, politisch oder auch nur toxikologisch Gleichgesinnten hierhergekommen aus Schwaben, Schlesien, Amerika. Und sind auch fast immer fündig geworden, denn es gibt für fast jede Vorliebe und Neigung, für so ziemlich jede gewählte Identität und für jedes Stadium der Prekarität, für alle Arten von Vergnügen und Versagen, Künsten und Obsessionen eine Nische. Das gehört zum Gründungsmythos Berlins, der ungefähr alle sieben Jahre neu erfunden wird. Und an dem alle, die gerade eben hergekommen sind, teilhaben. Gründungsmythen sind aber nichts anderes als Vergangenheiten, entworfen für die jeweils angestrebte Zukunft.

Zu den derzeit einströmenden Minderheiten gehört vor allem eine, die diese Stadt zuvor stets gemieden hat. In den Vierteln, wo sich gutbürgerliche Touristen aus Oberbayern oder Niedersachsen noch vor fünf Jahren über die allgegenwärtigen Graffiti und Ranzigkeiten aufzuregen pflegten, haben ebendiese Herrschaften mittlerweile Wohnungen gekauft. Die Graffiti werden, so sie als Kunstwerke nobilitierbar sind, konserviert und ebenfalls als Geldanlage betrachtet.

Das ist, unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ein Fortschritt. Ein Schritt hin zu Städten wie London, Paris, New York. Ein neu zugezogener Immobilienmakler für das sogenannte Luxussegment sprach kürzlich die zukunftsweisenden Worte: Wir orientieren uns am Niveau von New York. In Manhattan und Brooklyn sind 25 000 Dollar pro Quadratmeter keine Ausnahme mehr.

Die teuerste Wohnung Berlins, angeblich sogar Europas, soll 6,25 Millionen Euro kosten. Es ist ein Penthouse mit Platin und einem herrlichen Blick über die Spree, gleich bei der Weidendammer Brücke. Das ist die Brücke, wo Erich Kästner in den 1920er Jahren die Welten der Armen und der Reichen Berlins in Gestalt der abenteuerlustigen Fabrikerbin Pünktchen und des minderjährigen Schnürsenkelverkäufers Anton aufeinandertreffen ließ. Es ist auch die Brücke, die Westreisende als erste zu Gesicht bekamen, wenn sie nach den Prozeduren des Grenzübertritts und den damit verbundenen Unterwerfungsgesten in Brechts ehrwürdiges Theater am Schiffbauerdamm gingen, um sich die „Dreigroschenoper“ anzusehen. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm, sangen sie da auf der Bühne. Die Brücke war rußig und leer, der Wind pfiff über die umliegenden Brachgrundstücke. Man suchte nach einem Café, nach einem heimelig warmen, aber da war keins, und wenn da eins war, stand eine Schlange davor. Oder es hatte zu.

Auch der Westen war nicht sehr gemütlich. Vor allem todessüchtige Popmusiker der freien Welt frönten in Berlin ihrem Hang zum Morbiden. Die Generation No Future war verzweifelt auf der Suche nach lebendiger Gegenwart, die schon damals schwer zu finden war. Die Hausbesetzer, selbst ernannte Avantgarde einer glücklichen Zukunft aller Besitzlosen, schrieben warnende Flugblätter: Wohnen darf nicht Ware werden! Paradoxerweise waren sie es, die mit der Rettung der leerstehenden, dem Abriss entgegenfaulenden Häuser den Spekulanten von heute die besten Geldanlagen verschafft haben. Ohne sie wären die begehrten Altbauten vernichtet worden, und heute stünden dort Wohnblocks, an denen sich kein Spekulant aus Kopenhagen die Finger verbrennen würde.

Das alles ist nun aber wirklich Vergangenheit. Die Zukunft ist das Penthouse, auf Wunsch mit Platin an den Zimmerdecken – und das ist kein Witz, sondern ein ernst gemeinter Vorschlag der Innenarchitektin. Zwischen diesen beiden Epochen liegen nur 25 Jahre. Kein Wunder, dass die Gegenwart hier zu kurz kommt.

Unsere hässliche, ranzige Stadt, in der die Uhren bis vor Kurzem noch auf Nachkriegszeit gestellt waren, wird inzwischen tatsächlich von manchen Menschen schön gefunden. Warum nur? Schön, der Potsdamer Platz? Schön, der Deutsche Dom? Aber das ist es auch nicht, was sie meinen. Das Schönste, was wir haben, sind die Ruinen in bester Lage, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Anhalter Bahnhof, Checkpoint Charlie, die ganze finstere Vergangenheit eben.

Noch besser aber ist das, was kaum eine andere Großstadt in solcher Menge besitzt: die Leere. Im Gegensatz zu München, Paris, London und so weiter, den erfolgreichen Städten, in denen über Jahrzehnte jeder Quadratzentimeter vielfach verwertet und verkauft wurde, haben wir immer noch ein paar Brachen aus dem letzten Krieg übrig. Und die lassen sich auf vielerlei Weise nutzen: als Spielplätze, Kunstareale, Experimentierfelder, Partyzone. Das gefällt natürlich auch den Spekulanten, die in den Lücken aus der Vergangenheit ihre goldene Zukunft sehen.

Aber diese Leerstellen sind das Geheimnis von Berlins Attraktivität. Hier öffnen sich die Freiräume, in denen experimentiert werden kann, die Rückzugsorte purer Gegenwart: Provisorien, deren Nutzung und Preis – noch – nicht vorgeschrieben sind. Und deren Leere so gut zu den breiten Straßen passt, die die Preußen einst für ihre Paraden angelegt haben. Weil es zum Glück keine Paraden mehr gibt, verbreitet die Leere das angenehme Gefühl, dass es hier genug Luft für alle gibt. Das Gefühl des Unfertigen, während die Zukunft mit ihren Platindecken, Barockfassaden und Flughäfen von der nächsten Vergangenheit überholt wird.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.07.2015, Katharina Döbler