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Die Chinesen kommen

Die Chinesen kommen

Der pazifische Inselstaat Palau und seine viel zu vielen Touristen

von Christian Jakob

Das neueste Hotel im Pazifikstaat Palau liegt an der Brücke zwischen der Hauptinsel Babeldaob und der Nachbarinsel Malakal, auf beiden Seiten umflossen von türkisfarbenem Wasser. Der Yachthafen ist wenige Schritte entfernt, der vierstöckige Beton noch unverputzt, die ersten Gäste aber sind schon da. Wer sich hier einmieten will, muss warten. „In sechs Monaten“, antwortet der Herr an der Rezeption auf die Frage, wann es ein freies Zimmer gebe.

Palau, eine Flugstunde östlich der Phillipinen. 350 Inseln, zusammen so groß wie Bremen, aufgeteilt in 16 Bundesstaaten. 11 000 Palauer und 9000 Ausländer leben hier. Seit 21 Jahren ist Palau unabhängig, vorher stand die Inselgruppe nacheinander unter der Kontrolle Spaniens, Deutschlands und Japans. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie als UN-Treuhandgebiet den USA übertragen.

Zwischen den Felsen mitten im Pazifik mit ihren grünen Büschen und vorgelagerten Riffen liegen einige der besten Tauchplätze der Welt. Und das wird jetzt zum Problem. Die Tourismusdestination Palau wird von ihrem Erfolg erdrückt. 140 000 Touristen haben im letzten Jahr die Inseln besucht, ein Drittel mehr als 2013. Der Zuwachs geht ausschließlich auf die wachsende chinesische Nachfrage zurück. Allein im Februar kamen über 10 000 Chinesen nach Palau, fast die Hälfte der Einwohnerzahl. Sie machten zwei Drittel aller Gäste aus, ein Jahr zuvor stammte nur ein Siebtel aus China.

Der Präsident von Palau residiert heute in einem prächtigen, cremefarbenen Gebäude, dass dem Kapitol in Washington nachempfunden ist. Als wolle es jeden Zweifel an der Souveränität des kleinen Landes zerstreuen, das der alten Protektoratsmacht USA noch immer eng verbunden ist, thront es auf einem grünen Hügel dreißig Kilometer nördlich der Hauptstadt Koror. Der Stab des Präsidenten allerdings musste im alten Regierungssitz in Koror zurückbleiben, einem Ensemble eingeschossiger Betonbauten aus den 70er Jahren.

An diesem Tag im Februar bleibt die Wolkendecke dicht, es ist schwül. Vor der Tür zum Vorzimmer der Regierungszentrale hängt ein Fliegengitter, drinnen stehen schwere braune Ledersessel auf beigem Teppich. Sobald das Wort China fällt, verzieht der Sprecher das Gesicht. „Wir sind komplett am Limit“, sagt er. „Es sind einfach zu viele.“ In Ibiza oder Kreta mag die Infrastruktur das auffangen, in Palau nicht. „Die Supermärkte sind leer, die Abwasserleitungen verstopft, Frischwasser und selbst Strom werden knapp“, sagt der Regierungssprecher.

Obwohl der Fremdenverkehr fast vier Fünftel des Nationaleinkommens erwirtschaftet, war Massentourismus auf Palau bislang ein unbekanntes Phänomen. Zu weit abgelegen die Insel, zu teuer die Flüge, zu wenige Strände. Beach­partys sucht man vergebens, wer feiern will, muss woanders hin. Den Chinesen gefällt es offenbar trotzdem. „In den letzten Wochen hatten wir deswegen drei Treffen mit den Hoteliers.“ Herausgekommen sei dabei wenig. Wie auch? „Wir können ihnen ja schlecht sagen, dass sie Kunden ablehnen sollen.“

Ein Schiff pro Woche mit Waren aus Amerika

Die Versorgung Palaus läuft über die USA, praktisch alle Güter werden von dort importiert. Die exklusiven Handelsbeziehungen sind Teil des Assoziierungsvertrags. Einmal pro Woche kommt ein Schiff, auf die gestiegene Nachfrage aber haben sich die Großhändler noch nicht eingestellt: In den beiden Supermärkten an der Hauptstraße des 10 000-Einwohner-Städtchens Koror sind viele Regale leer, das Angebot überschaubar, die Preise hoch. Gemüse und Obst gibt es kaum. Auf dem felsigen Boden Palaus wird außer der Taro-Wurzel kaum etwas angebaut.

Doch nicht nur Lebensmittel und Wasser werden knapp, auch Hotelbetten. Uwe Dörmann betreibt in München das Reiseunternehmen Sun and Fun und bietet individuelle Sportreisen für Betuchte an. Ein Woche Tauchkreuzfahrt auf der „Ocean Hunter III“ über die Riffe des Archipels von Palau gibt es bei Dörmann ab 3500 Euro. Der typische Tourist aus Deutschland bleibe „zwei Wochen plus“ auf der Insel, sagt er, alle seine Kunden reisen zum Tauchen auf das Pazifikatoll. Tatsächlich sei das Geschäft in den letzten Jahren wegen der chinesischen Nachfrage schwieriger geworden. „Die Veranstalter blocken fast ein Jahr im Voraus.“ Selbst wenn er acht Monate im Voraus buchen wolle, gebe es bisweilen kaum Zimmer.

Mehr Hotels bauen und die Infrastruktur verstärken will die Regierung nicht. „Das würde den Charakter der Insel zerstören.“ Ohnehin könnte sie es sich wohl auch nicht leisten. Also muss die Zahl der Touristen begrenzt werden. „100 000 im Jahr wären ideal“, sagt der Regierungssprecher.

Doch die Zahlen der Branche weisen in die andere Richtung: nach oben. Homi Kharas vom Washingtoner Brookings Institut geht davon aus, dass die chinesische Mittelschicht bis 2021 auf 670 Million Menschen anwachsen könnte.1 Nach verbreiteter Definition zählt dazu jeder, der mindestens 10 Dollar am Tag ausgeben kann. Heute steckt rund ein Siebtel des weltweit verfügbaren Privateinkommens in chinesischen Portemonnaies. Die Wirtschaftsberatungsfirma Ernst & Young glaubt, dass es 2030 fast ein Drittel sein wird. Nirgendwo sonst wächst die Kaufkraft vergleichbar schnell. Die neue chinesische Mittelschicht kauft Autos, Wohnungen, Elektrogeräte – und sie macht Urlaub. Im letzten Jahr zählte die China National Tourist Administration (CNTA) 107 Millionen Chinesen, die ins Ausland reisten. Das war ein Anstieg von fast 20 Prozent gegenüber 2013.

Die Zahl der Auslandsreisen wächst rund dreimal so schnell wie die chinesische Wirtschaft. Nicht nur die Parteielite und die Bewohner der großen Wirtschaftsmetropolen an der Küste sind die Kunden der Reiseveranstalter, sondern zunehmend auch die urbane Mittelklasse in Mittel- und Westchina. Viel Zeit hat sie dafür nicht. Der gesetzliche Urlaubsanspruch von zehn Tagen zählt zu den kürzesten der Welt. So fahren die meisten nicht weit: Rund vier Fünftel der chinesischen Touristen bleiben in Asien – am liebsten in Hongkong, Macao oder den übrigen, schnell erreichbaren Zielen Ostasiens. Wie Palau: Zweieinhalb Flugstunden sind es von Hongkong, vier Stunden von Schanghai, und nur eine Stunde Zeitverschiebung.

Charterflüge zum Schnorcheltrip

Als die chinesische Tourismusbehörde CNTA den Reiserekord präsentierte, bemerkte sie stolz, dass die chinesischen Urlauber „einen großen Beitrag zur Entwicklung leisten“ und deshalb von immer mehr Zielländern umworben werden – etwa durch die Anstellung chinesischsprachiger Reiseleiter, bessere Flugverbindungen oder vereinfachte Einreisebestimmungen.

Tatsächlich sind es bislang gerade mal 14 Staaten weltweit, die chinesische Staatsangehörige ohne Visum einreisen lassen. Darunter ist keines, das als Top-Destination gelten kann, es sind Länder wie Swasiland oder Mikronesien. Eine Handvoll weiterer Staaten stellt die Einreiseerlaubnis relativ unkompliziert am Flughafen aus. Zu dieser Gruppe zählt auch Palau. Wer einen chinesischen Pass hat, zahlt bei der Einreise 50 Dollar Gebühren und muss nachweisen, dass er mindestens 200 Dollar Bargeld pro Woche des geplanten Aufenthalts dabeihat.

Das zu ändern ist nicht so einfach. Denn das Verhältnis zu China ist heikel. Peking hat seinen Herrschaftsanspruch im Westpazifik in den letzten Monaten immer deutlicher klargemacht. Palaus Bande mit Washington sind eng, weswegen auch Taiwan Palau als Verbündeten betrachtet. Entsprechend großzügig zeigt sich Taipeh bei der Entwicklungshilfe für den Inselstaat. An fast allen Infrastrukturprojekten im Land prangt die rot-blau-weiße Fahne der Republik China. Die hat sich damit auch politische Loyalität erkauft: Palau unterhält wegen der strittigen Taiwan-Frage keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China. Ganz wohl ist den Palauern bei dem frostigen Verhältnis zur Supermacht allerdings nicht. Und eine Visumspflicht würde in Peking zweifellos als schwerer Affront gewertet.

Auch wenn sie es abstreiten: Bei den Palauern sind Chinesen etwa so beliebt wie Schwaben bei Berlinern. Sie könnten nicht schwimmen und hätten dabei so viel Angst vor dem Wasser, dass sie am liebsten schon am Flughafen die Schwimmweste umschnallen würden, heißt es. Sie wüssten nichts mit ihrer Zeit anzufangen, und weil sie ohnehin kein Geld hätten, hockten sie die meiste Zeit auf ihren Hotelzimmern. Wenn sie dann doch mal rauskämen, dann nur, um bei dem im Preis inbegriffenen Schnorchelausflug auf den Korallen herumzutrampeln und Müll ins Meer zu werfen. Oder um einen Ausflug zur Tankstelle zu machen, um dort Eis zu kaufen. Was Leute eben so unter Freizeitvergnügen verstehen, die nie Freizeit haben. Der Subtext ist stets derselbe: Die Chinesen seien keine geeigneten Gäste für Palau.

Solche Sprüche sind von Nanae Singeo nicht zu hören. „Alle denken das immer, aber wir haben natürlich nichts gegen Chinesen“, sagt die Chefin der Tourismusbehörde von Palau. „Aber wir haben etwas gegen unverantwortlichen Tourismus. Wir sagen nicht: ‚Jeder ist willkommen.‘ Wir wollen keine Massen.“ Früher sei Palau in erster Linie das Mekka der Taucher gewesen. Ein teurer Sport, „die Leute haben hier viel Geld gelassen“. Heute sei das anders. Chinesische Reiseveranstalter kämen „mit Koffern voller Bargeld und buchen die Hotels monatelang im Voraus“. Zwei Drittel aller Gäste seien heute Pauschalreisende, alles aus einer Hand, vom Reisebüro über das Charterflugzeug bis zum Schnorcheltrip. Teils errichten die Reiseveranstalter sogar neue Hotels, meist aber buchen sie bestehende. „Der gesamte Gewinn wird dann in China gemacht“, sagt Singeo, „davon haben wir nichts.“

Und deshalb hat sie sich eine neue Marketingkampagne für Palau ausgedacht: „Pristine Paradise“ ist der Slo­gan, „unberührtes Paradies“, die Broschüren hat sie sogar ins Deutsche übersetzen lassen. Sie ist auch nach Düsseldorf geflogen, zur „Boot“-Messe, auf der auch viele Firmen aus der Tauchbranche vertreten sind. Deutschland, Europa, das ist der Markt, den die Tourismuschefin von Palau im Blick hat. „High Value Customer“, sagt sie: Gäste, die lange bleiben, deshalb weniger Flugbewegung verursachen, aber möglichst viel Geld dalassen. „Die sind immer weniger geworden, denn die Zimmer sind immer ausgebucht.“ Das soll sich ändern.

Auch Singeo peilt ein Szenario an, in dem nicht mehr als 100 000 Touristen pro Jahr nach Palau kommen, möglichst Europäer. Denn die hätten nicht nur mehr Urlaub und mehr Geld, sondern auch einen Sinn für die Natur. „Verantwortlicher Tourismus ist die Lösung für Palau, und die Europäer wollen Teil der Lösung sein“, sagt Singeo. Ist es ökologisch verantwortlich, für einen Tauchtrip 24 Stunden um die halbe Welt zu fliegen? Singeo winkt ab: „Eine Reise nach Palau ist ein Erlebnis, das man sich nur einmal im Leben leistet.“

1 Cheng Li, „China’s Emerging Middle Class: Beyond Economic Transformation“, Brookings Institution Press (Washington, D. C.) 2010.

Christian Jakob ist Journalist.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2015, Christian Jakob