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Virtuell krank

Virtuell krank

Eine kurze Geschichte

der Internetsucht

von Virginie Bueno

Verbringen Sie mehr Zeit als nötig im Internet? Fällt es Ihnen schwer, mehrere Tage lang ohne Internetverbindung auszukommen? Würden Sie sagen, dass Ihr Vergnügen und Ihre Befriedigung im Leben großenteils vom Gebrauch des Internets herrührt? Diese und weitere Fragen finden sich im sogenannten Orman-Test, einem Stresstest fürs Internet, den man etwa in Life­style-Magazinen findet. Laut dieser Evaluation müsste die Hälf­te aller Internetnutzer abhängig sein. Bildlich gesprochen wäre es die größte Pandemie in der Geschichte der Menschheit.

China hat die „Krankheit“ bereits zu einer der dringlichsten gesundheitspolitischen Herausforderungen erklärt. Internationale Netzwerke arbeiten unermüdlich an standardisierten Diagnoseverfahren, klinischen Studien, Therapien und Präventionskampagnen.

Es ist eine Tatsache: Eine wachsende Zahl von Internetnutzern hält es nur schwer aus, offline zu sein. Ihre Aktivitäten im Netz nehmen einen immer größeren Stellenwert in ihrem Leben ein, zu Lasten sozialer Kontakte, Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit. Aber handelt es sich deshalb gleich um eine Krankheit? Die Pathologie des Phänomens ist unter Wissenschaftlern umstritten. Mangels überzeugender Argumente steht Internetsucht bislang noch nicht im Diagnoseleitfaden der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM).1 Aber die Debatte geht weiter, vor allem in der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die nächste WHO-Revision der „Internationalen Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen“ (ICD-11) erscheint 2017.

Die Geschichte der Computersucht geht bis in die 1970er Jahre zurück, als Joseph Weizenbaum, Informatiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT), unter seinen Kollegen „zwanghafte Programmierer“ ausmachte. Ihre Besessenheit zeige sich daran, dass sie sich nicht mehr vom Computer lösen könnten, erste Anzeichen von Verwahrlosung zeigten und sich zunehmend von ihrem sozialen Umfeld zurückzögen – nach Weizenbaum typische Merkmale einer psychischen Störung.2

In den 1990er Jahren stießen die Ängste und Hoffnungen, die die Entwicklung des Internets von Anfang an begleitet haben, Forschungen zur virtuellen Welt und deren potenziell süchtig machenden Eigenschaften an, wie Anonymität, Realitätsflucht, Erreichbarkeit und Interaktivität. Cyberabhängigkeit wurde damals drei Bereichen zugeordnet: Videospiele, Cybersex und soziale Portale. Doch als Krankheit wurde sie da noch nicht ernst genommen. So machte sich der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg 1996 darüber lustig, dass man „Internetsucht“ demnächst im DSM-Leitfaden finden werde, dem einschlägigen Handbuch seiner Zunft mit dem inflationären Krankheitsbegriff: Hatte es 1952 noch 106 Leiden aufgelistet, fand man 1994 bereits 400 verschiedene psychische Störungen.3

Im selben Jahr führte die Psychologin Kimberley Young aus Pittsburgh den Begriff in den medizinischen Wortschatz ein, indem sie die Diagnostik der bereits anerkannten Spielsucht auf das Internet anwandte und ihre Überlegungen in Diskussionsforen von Personen verbreitete, die sich selbst als internetabhängig bezeichneten. Später weitete Young ihr Experiment aus: Sie schaltete Onlinewerbung und erwarb sogar den ersten Rankingplatz auf Yahoo für das Schlagwort „Internet addiction“.4

Das Echo war enorm, und sie erhielt zahlreiche Anfragen von Leuten, die eine Therapie bei ihr machen wollten. Von nun an wurde der psychologische Mechanismus des „Zwangs“ – charakterisiert durch teilweise oder gänzliche Unkontrollierbarkeit eines impulsiven Verhaltens – als Ursache der psychologischen und sozialen Probleme gesehen, die durch das Internet auftreten können: die Unfähigkeit, dem Wunsch zu widerstehen, sich im Netz aufzuhalten, Entzugserscheinungen und die damit verbundenen negativen sozialen Folgen (Verlust von Beziehungen, berufliche, schulische und finanzielle Schwierigkeiten).

2013 strichen die Herausgeber des DSM-5 das „pathologische Spielen“ aus der Kategorie „Impulskontrollstörungen“5 und verorteten die Disposition, sich nicht von seinem Bildschirm lösen zu können, unter dem Stichwort „sub­stanzgebundene Suchterkrankungen“.6 Die Änderung löste sofort eine Kontroverse aus: Allen Frances, der an der vorherigen Auflage des DSM beteiligt war, sowie der Experte für Verhaltensabhängigkeiten Stanton Peele kritisierten die Biologisierung des Suchtbegriffs.7

„Abhängigkeit“ durch „Sucht“ zu ersetzen und ihr das Symptom „unwiderstehliches Verlangen“ beizufügen, impliziert in der Tat, dass Internet-, Spiel- oder Drogensucht eine gemeinsame biologische Ursache haben. Das  Symptom des „unwiderstehlichen Verlangens“, das theoretisch auch eine neurophysiologische Störung zur Ursache haben kann, wird mittels einer einfachen Frage an den Patienten diagnostiziert: „Hatten Sie schon einmal ein solches Verlangen nach der Droge, dass Sie an nichts anderes mehr denken konnten?“8

Die neue Kategorisierung könnte dazu führen, dass Therapeutinnen ihre Patienten, bei denen – zu Recht oder zu Unrecht – Cyberabhängigkeit diagnostiziert wurde, zukünftig medikamentös behandeln. Doch ist das Pro­blem, seinen Computer eine Woche lang nicht verlassen zu können, tatsächlich Symptom eines physiologischen Bedürfnisses oder nicht vielmehr das einer Gesellschaft, in der die so­zia­len, schulischen oder beruflichen Aktivitäten allesamt über das World Wide Web laufen?

Zweifellos verführt das Internet zum Exzess. Dabei bietet es genauso nützliche wie fantasievolle Hilfestellungen: Informationsforen, in denen sich Nutzer und Ärzte austauschen können, oder psychologische Beratung; es gibt sogar Programme wie die Internet-Blocking-Software Freedom, die das Internet für Stunden abschaltet und damit die User vom Computer fernhalten soll, während der eher nur zum Spaß entwickelte Minicomputer „Pavlov Poke“ an eine Tastatur angeschlossen wird, die leichte Stromstöße verteilt, wenn man etwa zu lange auf Facebook war.

Die medizinische Kontroverse um Internetsucht scheint sich gerade zu politisieren: Interessanterweise empfehlen die Herausgeber des DSM-5 nämlich für die künftige Erforschung der Internetsucht die Diagnostik des chinesischen Psychiaters Tao Ran, nach der als süchtig gilt, wer über einen Zeitraum von drei Monaten mindestens sechs Stunden seiner täglichen Freizeit im Netz verbringt. Doch im Namen welcher Normen und Werte wird eine wissenschaftliche Diagnostik entwickelt, die soziale Praktiken in Hinblick auf ihre wirtschaftliche Produktivität hierarchisiert? Denn genau dies tut Tao Ran, wenn er bei der Diagnose der Internetsucht die Zeit der Netznutzung während der Arbeit oder in der Schule abzieht. In einer Welt, die durch die Notwendigkeit gekennzeichnet ist, sich beruflich und in der Ausbildung ständig im Netz aufzuhalten, wird quasi eine moralische Grenze zwischen gesunder und pathologischer Internetnutzung gezogen, wobei einzig der ökonomische Nutzen als Maßstab dient. Im Büro acht Stunden täglich auf den Monitor zu starren, ist normal; aber sechs Stunden Video spielen bedarf einer medizinischen Behandlung.

Internetsucht erscheint im DSM-5 als bloße Krankheit, ohne den ökonomischen Zusammenhang zu berücksichtigen, in dem ganze Branchen – wie die Videospiel- und Software-Industrie, oder die sozialen Netzwerke – von dieser sogenannten Sucht profitieren.

Die einseitig neurowissenschaftliche Sichtweise beschränkt das Forschungsfeld und die möglichen Lösungsansätze. Bis heute ist der Umgang mit exzessiver Internetnutzung sehr unterschiedlich. So hängen die USA und China zwar der Standardhypothese an, bei Internetsucht handele es sich um eine neurologische Erkrankung, doch bei der Behandlung gibt es deutliche Unterschiede. Während in den USA privat bezahlte Therapeuten ein neues Geschäftsfeld erschlossen haben, werden die „Patienten“ in China in Camps behandelt, in denen ihnen die Internetsucht mit militärischem Drill aberzogen werden soll. Frankreich und Québec ziehen einen verständnisvolleren psychosozialen Ansatz vor, bei dem die Behandlung individuell ausgerichtet wird. Japan hat nach der Übersetzung des diagnostischen Fragebogens von Kimberley Young 2006 das Ausmaß des „sozialen Problems“ erkannt und finanziert seitdem Therapiezentren.

1 Vgl. Olivier Appaix, „Schädliche kleine Helfer. In den USA gibt es immer mehr Medikamente gegen immer mehr Zustände“, Le Monde diplomatique, März 2012.

2 Joseph Weizenbaum, „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1978.

3 Siehe David Wallis, „Just Click No“, The New Yorker, 17. Januar 1997.

4 Kimberley S. Young, „Internet addiction: The emergence of a new clinical disorder“, CyberPsychology & Behavior, Band 1, Nr. 3, 1996.

5 Ting-Kai Li, Charles P. O‘Brien und Nora Volkow, „What‘s in a word? Addiction versus dependence in DSM-5“, American Journal of Psychiatry, Band 163, Nr. 5, Arlington (Virginia) 2006.

6 Nancy M. Petry und Charles P. O‘Brien, „Internet gaming disorder and the DSM-5“, Addiction, Band 108, Nr. 7, Hoboken (New Jersey) 2013.

7 Allen Frances, „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“, Köln (Dumont) 2013; Stanton Peele, „Politics in the diagnosis of addiction“, Huffington Post, 15. Mai 2012.

8 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Ausgabe, American Psychiatric Association, Washington, D. C., 2013.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Virginie Bueno ist Soziologin an der Universität von Montréal, Québec.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2015, Virginie Bueno