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Polen zahlt für seine Zechen

Polen zahlt für seine Zechen

Die Energieversorgung des Landes beruht noch immer zum größten Teil auf Kohle. Doch im Oberschlesischen Revier herrscht Endzeitstimmung: Die ausländische Konkurrenz ist billiger und die EU drängt auf die Entwicklung der Erneuerbaren.

von Hubert Beyerle und Marcus Welsch Hubert Beyerle und Marcus Welsch

Wenn in Polen die Bergarbeiter demonstrieren, brennt vor den Konzernzentralen die Straße. Bei den gefürchteten Märschen der Bergbaukumpel kommt es schnell zur Eskalation, wie bei der jüngsten Protestwelle im Januar gegen die Reformpläne der Regierungschefin in Warschau: Die seit Herbst 2014 amtierende Ewa Kopacz kündigte an, vier unrentable Minen des staatlichen Kohlekonzerns Kompania Węglowa1 zu schließen. Tags darauf begannen die Proteste in der Kohleregion Oberschlesien und zeigten schnell Wirkung. Kopacz knickte ein.

In der Kohleregion Oberschlesiens tickt eine Zeitbombe. Kohle ist in Polen nicht einfach ein Energieträger unter vielen, sondern die Energiequelle schlechthin, mit einem Anteil am Strommix von über 80 Prozent. (In Deutschland sind es 45 und in Frankreich nur 4 Prozent). Während in Westeuropa inzwischen sogar Banken vor Kohleinvestments warnen, gilt sie in Polen als das „schwarze Gold“. 46 Prozent  der Polen heizen mit Kohle. Zudem hat die Energiesicherheit einen hohen Stellenwert, und Kohle gilt als sichere nationale Quelle. Gas und Öl kommen aus Russland, und hinter Windkraft und Sonne wittern viele Polen Interessen deutscher Technologiefirmen.

In den kommenden Jahren muss Polen in großem Umfang alte konventionelle Kohlekraftwerke ersetzen. Warum setzt die Regierung nun nicht auf  Sonne und Wind, die, wie der Kolumnist Michał Olszewski treffend bemerkte, doch genauso polnisch sind wie Kohle?

Polen könne sich keine teuren Experimente leisten, sagt Herbert Gabryś, Vorsitzender des Energie- und Klimaausschusses der polnischen Handelskammer. „Wir folgen generell der Entwicklung in Westeuropa. Aber wir versuchen dabei, weniger Fehler zu machen.“ Der beste Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren, seien effizientere Kraftwerke: „Neue Kohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 49 gegenüber 35 Prozent der alten Generation“, so Gabryś – das sei eine Reduktion des Verbrauchs  und damit des CO2-Ausstoßes von fast 30 Prozent.

Die große Bedeutung der Kohle in Polen hat geologische und historische Gründe: Das Land hat die mit Abstand größten förderbaren Steinkohlereserven der EU: 19,1 Milliarden Tonnen, weit vor Deutschland mit 2,5 Milliarden Tonnen. Auch wenn viele Minen sich erschöpft haben, gibt es allein im Oberschlesischen Revier, dem Herzen des polnischen Kohlebergbaus, immer noch rund 400 Kohleflöze.

Die Hochphase des Kohlebergbaus kam in den 1970er Jahren: Polen war zeitweise der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt. Doch schon vor 1989 begann der Niedergang. Die Zahl der Berg‑arbeiter, einst die Elite der polnischen Arbeiterschaft, ist auf ein Viertel geschrumpft. Aber anders als in Deutschland, wo mit dem Abbau der Steinkohle ab 2018 Schluss sein wird, sind in Polen noch etwa zwei Dutzend Zechen in Betrieb, in denen über 100 000 Kumpel rund 77 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr fördern. Eine Zeit lang schien der Kohleabbau auch wieder lukrativ. Doch mit dem schwächeren Wirtschaftswachstum in China und dem Fracking-Boom in den USA ist der Kohlepreis von über 100 Dollar pro Tonne 2008 unter 50 Dollar gefallen.

„Bei diesen Preisen können polnische Zechen nicht mithalten“ sagt Jarosław Zagórowski, der bis zu seinem erzwungenen Rücktritt im Februar Chef der zweitgrößten polnischen Kohlegesellschaft JSW war. Im Jahr 2014 machten die Kohlegruben Verluste in dreistelliger Millionenhöhe, und 2015 sieht es mindestens genauso so düster aus. Denn anders als in Australien oder Kolumbien muss die Kohle in Polen mit hohem Aufwand aus bis zu 1.000 Metern Tiefe gefördert werden.

Die Regierung hat daher beschlossen, die alte Kompania Węglowa aufzulösen und 14 Zechen in eine „Nowa Kompania Węglowa“ zu überführen. Die übrigen Zechen landen in einer Auffanggesellschaft. Die angekündigten Entlassungen sind damit vom Tisch. Bis zu den Parlamentswahlen im Herbst wird keine Zeche geschlossen.

Doch im Oberschlesischen Kohle­revier spürt man das Ende des Kohleabbaus nahen: Haushohe Halden unverkaufter Kohl liegen hier, ihre Qualität leidet unter Wind und Regen. Und sie ist teurer als die Importkohle, die ins Land drängt.2

Viele Bergwerke, die noch vor wenigen Jahren sehr profitabel waren, seien heute nicht mehr wirtschaftlich, hebt Marek Tatała vom Thinktank Civil Development Forum (FOR) hervor. Darauf müsse man reagieren: Ohne umfassende Rationalisierung stehe der Kohlebergbau in Polen insgesamt auf dem Spiel.  „Wir brauchen einen großen Reformplan für die polnische Kohleindustrie“, sagt Jarosław Zagórowski. Der den Verhandlungen mit der Gewerkschaft zum Opfer gefallene Topmanager macht beim Interview einen kämpferischen Eindruck. „Die Kohle hat in Polen eine Chance. Aber die Zechen müssen sehr viel produktiver werden.“ Was er nicht sagt: Das bedeutet Arbeitsplatzabbau.

Luftfilter für das Kinderzimmer

Zagórowski hielt sich acht Jahre an der Spitze der halb privaten JSW, die ihren Sitz in der Bergarbeiterstadt Jastrzęb­ska-Zdrój hat. Deren Einwohnerzahl vervierfachte sich in den 1970ern innerhalb von nur fünf Jahren. Heute leben hier 91 000 Menschen, die Arbeitslosenquote ist niedrig und die Gewerkschaften sind besonders stark. Jeder Zweite arbeitet bei der JSW. Die Belegschaft verdient mehr als doppelt so viel wie der Landesdurchschnitt.

Zagórowski fordert, die berüchtigten Privilegien der Bergarbeiter abzubauen: 13. und 14. Monatsgehalt, Rente nach 25 Arbeitsjahren. Lange waren diese Vergünstigungen gesellschaftlich akzeptiert. Die Arbeit unter Tage war gefährlich, hart und wichtig für das Land. Doch heute, bei offenen Handelsgrenzen, bedroht der Weltmarkt die polnischen Bergwerke in ihrer Existenz – viel mehr als die Klimapolitik der EU.

Für die Regierung haben billige Kohle für die Kraftwerke und damit niedrige Energiepreise für die Stromverbraucher noch immer oberste Priorität. „Das ist das Mantra jeder polnischen Regierung“, sagt Andrzej Bobiński, Analyst des Informationsdiensts Polityka Insight. Doch in den kommenden Jahren droht ein akuter Engpass bei der Stromversorgung. Weil alte Kraftwerke vom Netz gehen, rechnet man bereits ab dem nächsten Winter mit einer knappen Versorgungslage.

In den nächsten zehn Jahren wären Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe nötig. Da liegt die Frage nahe: Soll man weiter auf Kohle setzen oder gibt es eine Alternative? Polen muss den Kohleanteil an der Strom­er­zeugung mittelfristig senken. Aber es scheint so, als ob man diese Entscheidung vertagen möchte, bis es ökonomisch bessere Optionen gibt. Aber welche? Schiefergas ist nach einer anfänglichen Euphorie heute kein Thema mehr. Die Planung der beiden Atomkraftwerke an der Küste wird regelmäßig verschoben. Vor 2020 wird es keinen Baubeginn geben, erklärt Bobiński. Und was ist mit den Erneuerbaren?

Aus der EU und vor allem aus Deutschland wird oft gemahnt, auf die Erneuerbaren umzustellen. Wie schnell das gehen kann, hängt aber auch von der Wirtschaftskraft ab. Polen verfügt trotz guter Wachstumsraten über weitaus geringere Wirtschaftskraft als etwa Deutschland. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt kaufkraftbereinigt 17 400 Euro.3 Hinzu kommt, dass Deutschland für den Ausstieg aus dem Steinkohleabbau 40 Jahre Zeit hatte, Polen hat nur 25.

Hinsichtlich der erneuerbaren Energien herrscht im Land eine Skepsis, die mit dem technischen Vorsprung des westlichen Nachbarn und den hohen Investitionskosten zu tun hat. Im Februar verabschiedete das Parlament nach fünf Jahren endlich ein Gesetz über erneuerbare Energien.4

Damit gibt es zum ersten Mal eine garantierte Einspeisungsvergütung für stromerzeugende Privathaushalte. Derzeit wird der mit der EU vereinbarte Anteil von 15 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2020 nur erreicht, indem Holz und Stroh zusammen mit der Kohle in alten Kraftwerken verfeuert wird. Bislang akzeptiert das die EU, obwohl es keine Umweltentlastung darstellt. Mit dem neuen Gesetz könnte sich das ändern.

Doch die Kohle ist noch immer die billigste Energiequelle in Polen und das wichtigtse Heizmaterial. In Krakau, der von Kriegszerstörungen verschonten Perle des Landes, ist die Luft bei schlechter Wetterlage im Winter kaum zu atmen. „Die Kohleöfen sind Polens schlimmste Umweltverschmutzer“, meint Andrzej Gula, Präsident der lokalen Bürgerinitiative Krakow Smog Alarm. Im Schlafzimmer seiner Kinder hat er einen Luftfilter installiert, der nach ein paar Wochen schwarz war vor Ruß. Die Feinstaubbelastung ist hier doppelt so hoch wie in Paris oder Berlin. Bei den giftigen Benzapyrenen ist die Konzentration im Schnitt sogar zehnmal höher als in westeuropäischen Städten. „Das entspricht 2500 Zigaretten pro Jahr“, sagt Gula. Viele Leute verheizen feuchte Kohle mit viel Schwefel – die billigste und schädlichste. Die Regierung in Warschau ignoriert diesen Notstand bislang.

Warschau hat das Problem auch nicht. Die Hauptstadt wurde im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstört, und die neuen Wohnsiedlungen wurden nach dem Krieg an ein großes Fernwärmesystem angeschlossen. Insgesamt erhalten 41 Prozent der polnischen Haushalte Fernwärme aus nahen Heizkraftwerken. Auch deshalb steht Polen im Pro-Kopf-Vergleich beim CO2-Ausstoß besser da als Deutschland.5 Damit das so bleibt, muss aber investiert werden, denn inzwischen besteht ein hoher Sanierungsbedarf.

Es bleibt am Ende eine Frage des Wohlstands. Große Investitionen in Erneuerbare oder in moderne Haustechnik kosten viele Milliarden. Die Erfahrungen Westeuropas zeigen, dass Umweltbewusstsein erst mit steigendem Wohlstand entsteht. Endgültige „Dekarbonisierung“ wird es für Polen auf absehbare Zeit nicht geben. Der Abschied vom „schwarzen Gold“ wird noch etwas auf sich warten lassen.

1 Mit fast der Hälfte der polnischen Förderkapazitäten und 47 000 Beschäftigten ist der Konzern das größte Kohleunternehmen Europas.

2 Der Importanteil russischer Kohle beträgt 65 Prozent. Zitiert aus: Michał Olszewski, „Polnische Energiepolitik und der Ukraine-Konflikt“, Polen-Analysen 145, Bundeszentrale für politische Bildung,  2014.

3 Gegenüber 32.500 in Deutschland und 28.400 Euro Frankreich.

4 Aktuell gibt es in Polen erst etwa 5 Megawatt  Fotovoltaikkapazität – gegenüber 49.000 Megawatt in Deutschland.

5 Polen emittiert jährlich 10,3 Tonnen CO2 pro Kopf, Deutschland hingegen 11,6 Tonnen. Zitiert aus European Environment Agency, 2014.

Hubert Beyerle ist Journalist; Marcus Welsch ist Filmregisseur und Journalist in Berlin. Ihre Recherche wurde finanziert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2015, Hubert Beyerle und Marcus Welsch